Die Versorgungspsychologie ist eine wissenschaftlich fundierte Disziplin, die sich mit der Verbindung von Forschung und Praxis im Bereich der psychosozialen, psychologischen und psychotherapeutischen Versorgung im Gesundheitswesen beschäftigt. Ihr Ziel ist es, die in Einrichtungen des Gesundheitswesens erbrachte Versorgung durch evidenzbasierte Ansätze der Beratung, Begleitung und Behandlung chronisch und lebensbedrohlich erkrankter Patienten zu unterstützen, um die Qualität, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu verbessern.

Sie kann als ein Teilgebiet der Angewandten Psychologie betrachtet werden, die untersucht, wie Erkenntnisse der psychologischen Grundlagen- und Anwendungsforschung für die Praxis handlungsanleitend gemacht werden können. In Erweiterung des Ansatzes befasst sich die Versorgungspsychologie mit der Übertragung dieser Erkenntnisse in die Praxis sowie der Forschung in der Praxis.

Im Rahmen der translationalen Forschung ordnet sich die Versorgungspsychologie zwischen der Klinischen Forschung und der Klinischen Praxis ein und legt dabei ihr Gewicht auf die anwendungsbezogene Versorgungsforschung und Programmevaluation.

Die Versorgungspsychologie versucht die Kluft zwischen Forschung und Praxis („science-practice gap“, „mental health treatment gap“) zu überwinden. Sie fragt, wie einzelne evidenzbasierte Interventionsstrategien (evidenzbasierte Medizin, „empirically supported psychological intervention“) für den klinisch Tätigen handlungsanleitend gemacht werden können, und wie diese in der klinischen Praxis umgesetzt werden sollten, um eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Die Versorgungspsychologie greift dabei nicht allein auf die vorliegende Evidenz zu wirksamen Interventions- und Versorgungsformen zurück, sondern nutzt zudem die Vielzahl weiterer empirisch wie theoretisch begründbarer Erkenntnisse, um einen in fragestehenden Versorgungsaspekt, wie etwa den der Klinischen Psychoonkologie, umfassend zu beschreiben, zu erklären und für die konkrete Patientenversorgung in (lokalen) Versorgungseinrichtungen nutzbar zu machen.

Wesentlich für die Überwindung des „science-practice gap“ ist dabei weniger die vermeintliche Kluft zwischen Theorie und Praxis im psychotherapeutischen, psychologischen und psychosozialen Gesundheitsbereich als die Komplexität des psychischen Geschehens und psychologisch ausgerichteter Interventionen. Zudem weist das Leistungsgeschehen in der psychotherapeutischen, psychologischen und psychosozialen Arbeit selbst eine besondere Komplexität auf. Diese Komplexität wird in der anwendungsbezogenen Forschung bislang reduziert, um sie der experimentellen Untersuchung zugänglich machen zu können. Die Versorgungspraxis muss dagegen der Komplexität der individuellen Problem- und Bedürfnislage des Einzelfalls genügen, um für den individuellen Patienten nutzbringend zu sein.

In ihrem grundlegenden Wesen ist die psychotherapeutische, psychologische und psychosoziale Arbeit eine komplexe personenbezogene Dienstleistung. Sie ist als ein Produkt der Gesundheitsversorgung dadurch gekennzeichnet, dass sie:

immateriell ist und weder berührt, gerochen, gehört, gesehen oder sonst wie unmittelbar getestet, sondern nur im unmittelbaren Effekt erlebt werden kann, inseparabel ist, denn sie wird in dem Moment ihrer Produktion sogleich konsumiert, und nach der Produktion sind Korrekturen nicht mehr möglich, variabel ist, denn ein und dieselbe Versorgungsleistung kann in Abhängigkeit von Kompetenz, Erfahrung und den Umständen, unter denen sie erbracht wird, in sehr unterschiedlicher Zusammenstellung und Qualität produziert werden, vergänglich ist, denn sie ist nach ihrer Erbringung verbraucht, und kann für Situationen hoher Leistungserfordernis nicht angehäuft werden. [mod. nach, S. 150.]

Aufgrund dieser Wesensmerkmale von Dienstleistungen erfasst die Versorgungsforschung einzelne Indikatoren eines komplexen Leistungsgeschehens, um die Einflüsse der Versorgung auf die Qualität, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit zu bestimmen. In die Qualität der Gesundheitsversorgung als solcher kann dagegen „nur“ vertraut werden(, S. 273). So dient auch das Qualitätsmanagement und die Zertifizierung nach DIN EN ISO 9001 dazu, Vertrauen in die Qualität der Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen und Organisationen zu schaffen. Es besteht dabei zugleich auch die Überzeugung, dass ein Vertrauen darauf erzeugt werden kann, dass Anforderungen an die Qualität der Gesundheitsversorgung erfüllt werden (DIN EN ISO 9000:2015, Nr. 3.3.). Die Versorgungspsychologie zielt daher darauf ab, ein begründetes Vertrauen in die Qualität und Wirksamkeit der psychosozialen, psychologischen und psychotherapeutischen Versorgung zu schaffen.

Mit dem Ziel, eine erwartete qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung über eine Forschung in Praxis zu erzielen, entwickelt die Versorgungspsychologie Versorgungsprogramme und bettet diese in eine Versorgungsform ein (s. Abb. 1). Sie implementiert diese Versorgungsform in Einrichtungen des Gesundheitswesens und unterzieht alle Versorgungskomponenten einer umfassenden Bewertung, um zu fundierten Aussagen zur Qualität, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit dieser Versorgungsform zu gelangen.

Die Versorgungspsychologie untersucht dabei nicht allein, wie eine Versorgungsform in die klinische Praxis implementiert wird, sondern ebenso, wie lokalen Versorgungseinrichtungen und ihre Leistungserbringer darin unterstützt werden können, sich ausgehend von ihrer klinischen Versorgungspraxis der neuen Versorgungsform sukzessive anzunähern und diese nachhaltig umzusetzen.

Fragestellungen und Vorgehensweisen der Versorgungspsychologie Die zentrale Frage der Versorgungspsychologie lautet: „Wird mit Hilfe eines Versorgungsprogramms die richtige Versorgung durch die richtigen Leistungserbringer für den richtigen Patienten, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit erbracht, und führt dies zu einer optimalen Versorgungsqualität im Hinblick auf die Versorgungsprozesse, -strukturen und -ergebnisse.“

Die versorgungspsychologisch ausgerichtete Forschung sucht Antworten auf folgende Fragen:

Wie sollten Versorgungsprogramme konzipiert sein, um in der Versorgungspraxis wirksam sein zu können (doing the right thing)? Wie sollten die Rahmenbedingungen der Versorgungspraxis sein, damit die wirksamen Versorgungsprogramme effizient und nutzbringend umgesetzt werden können (doing the right thing right)? Was können die Leistungserbringer aus der Erbringung ihrer Versorgungsleistungen lernen (doing things better)? Wie kann die Versorgungseinrichtung die Versorgungspraxis optimieren und weiterentwickeln (doing better things)?

Beantwortet werden die Fragestellungen mit den Methoden und Vorgehensweisen der anwendungsbezogenen Versorgungsforschung sowie der Programmevaluation und der qualitätsbezogenen Forschung.

Das methodische Vorgehen besteht aus aufeinanderfolgenden Phasen und Schritten mit steten Rückkopplungsschleifen zur kontinuierlichen Verbesserung der Versorgung:

Entwicklung einer Versorgungsform (Konzeptentwicklung und prospektiven Evaluation): Entwicklung der Versorgungsform und ihre Darlegung in einem Versorgungs-Handbuch, in welchem die als richtig befundene Form der Patientenversorgung zum Ausdruck kommt, einschließlich der (unabhängigen) Bewertung vor Implementierung der Versorgungsform. Implementierung der Versorgungsform (Versorgungsgestaltung und formative Evaluation): Einführung der Versorgungsform in Einrichtungen des Gesundheitswesens und Erbringung der Patientenversorgung auf Grundlage des Versorgungs-Handbuches, einschließlich der versorgungsbegleitenden internen und externen Evaluation. Bewertung der Versorgungsform (summative Evaluation): Evaluation der Angemessenheit der Patientenversorgung unter den Gesichtspunkten der Patientenorientierung, Qualität, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit. Kontinuierliche Versorgungsoptimierung: Nutzung der Evaluationsergebnisse zur unmittelbaren Verbesserung der geleisteten Patientenversorgung im Rahmen von Maßnahmen des einrichtungsinternen und einrichtungsübergreifenden Qualitätsmanagements.

In allen Phasen und Schritten der versorgungspsychologischen Forschung in Praxis werden die Patientenperspektive und patientenorientierte Ergebnisse berücksichtigt.

Die versorgungspsychologisch ausgerichtete Entwicklung, Implementierung und Evaluation einer Versorgungsform ist eine hochkomplexe Aufgabe, wenn sie sich auf alle Versorgungskomponenten einer neu konzipierten Versorgungsform bezieht (s. Abb. 1,) und wenn sie darauf abzielt, im Gesundheitswesen flächendeckend umgesetzt zu werden.

Sie kann aber auch als lokale Versorgungsforschung durch einen Versorgungsverbund oder eine einzelne lokale Versorgungseinrichtung betrieben werden, wenn sie einzelne Versorgungskomponenten der Versorgungsform oder einzelne Aspekte des Versorgungsgeschehens betrachtet (s. Handlungsempfehlungen versorgungspsychologischer Versorgungsformen).

Versorgungskomponenten einer versorgungspsychologischen Versorgungsform mini|440x440px|Abbildung 1: Versorgungskomponenten einer Versorgungsform (nach)Die Versorgungsform ist das Herzstück der Versorgungspsychologie. Ihre Entwicklung sowie die theoretische, klinische, formal-administrative und gesundheitspolitische Begründung ihrer Komponenten ist die Grundvoraussetzung ihrer erfolgreichen Implementierung und Evaluation. Die umfassende Darlegung einer Versorgungsform in ihren Versorgungskomponenten (s. Abb. 1) ist Voraussetzung, um Entscheidungen über die mögliche Dissemination einer (neuen) Versorgungsform im Gesundheitswesen treffen zu können.

Versorgungspsychologische Versorgungsformen bestehen aus sechs Versorgungskomponenten:

V1 Versorgungskonzept Das Versorgungskonzept einer versorgungspsychologischen Versorgungsform stellt detailliert dar, wie psychosoziale, psychische oder psychopathologische Probleme und Belastungen von Patienten entstehen und welche Folgen damit verbunden sind („causal theory“). Sie gibt zudem wieder, mit welchen Mitteln auf die Probleme und Belastungen eingewirkt werden kann („intervention-theory“) und welche kurz- und langfristigen Effekte mit und ohne einer Intervention zu erwarten sind („impact-theory“). Die Interventionstheorie ist das Kernstück des Versorgungskonzeptes. Hier kommen die klinischen Aspekte zum Ausdruck, mit welchen den Problemen und Belastungen von Patienten begegnet werden soll. In der Interventionstheorie werden die klinischen Behandlungsphasen und -zeitpunkte beschrieben, in welchen die evidenzgestützten Interventionen erbracht werden sollten, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen.

Das zugeordnete Konzept der Programmtheorie nach L. Michele Issel ist die „effect theory“. Weitere etablierte Versorgungskonzepte sind die „theory of change“ und das „logic model“.

V2 Versorgungsprozess Der Versorgungsprozess einer versorgungspsychologischen Versorgungsform geht unmittelbar aus dem Versorgungskonzept hervor. In die Prozesstheorie gehen Überlegungen zu den strukturellen und prozeduralen Erfordernissen ein, die gegeben sein müssen, um die in der Interventionstheorie aufgeführten Maßnahmen in der täglichen Versorgungpraxis patientenorientiert und mit hohem Patientennutzen umsetzen zu können. Der Versorgungsprozess wird durch die, in der Interventionstheorie des Versorgungskonzeptes klinisch begründeten Behandlungszeitpunkten und -phasen („points of care“ und „episodes of care“) festgelegt, mit denen ein Versorgungsnetzwerk (V3) den Problemen und Belastungen von Patienten begegnet (Versorgungsangebote). Für Einrichtungen im Gesundheitswesen kann das Interventionskonzept die Grundlage eines Versorgungsvertrages bilden, in dem die zu erbringenden qualitätsrelevanten Kernleistungen und Kernprozesse der Patientenversorgung festgelegt werden (s. Abb. 2).