Für immer hier (Originaltitel: Ainda estou aqui; internationaler Titel: I’m Still Here) ist ein Spielfilm von Walter Salles aus dem Jahr 2024. Das Drama stellt die brasilianische Politikergattin Eunice Paiva in den Mittelpunkt, die sich während der Militärdiktatur auf die Suche nach ihrem 1971 verschwundenen Ehemann Rubens begibt. Jahrzehnte später wird es Gewissheit, dass er zu den „Desaparecidos“ gehört, tausenden von unschuldigen Bürgern, die verhaftet oder entführt und anschließend gefoltert und ermordet wurden. In der Zwischenzeit erfindet sich die zuvor unpolitische Eunice neu, hält ihre Familie zusammen und bildet sich zur Menschenrechtsanwältin weiter.
Bei Für immer hier handelt es sich um die Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Buches von Marcelo Rubens Paiva, dem Sohn von Rubens und Eunice Paiva. In der brasilianisch-französischen Koproduktion übernahmen Fernanda Torres, Selton Mello und Fernanda Montenegro die Hauptrollen. Der Film wurde Anfang September 2024 beim Festival von Venedig uraufgeführt und mehrfach preisgekrönt. Internationale Kritiker rezensierten den Film beinahe ausnahmslos positiv, priesen die Schauspielleistung von Hauptdarstellerin Torres und würdigten Salles’ Regiearbeit als wichtiges Werk zur historischen Vergangenheitsbewältigung. Fernanda Torres gewann im Jahr 2025 den Golden Globe Award. Im selben Jahr folgte der Oscar in der Kategorie Bester internationaler Film sowie zwei weitere Nominierungen für den besten Film und die beste Hauptdarstellerin. Aus kommerzieller Sicht wurde Für immer hier zur erfolgreichsten brasilianischen Produktion seit der COVID-19-Pandemie.
Ein regulärer Kinostart in Deutschland fand ab 13. März 2025 statt.
Handlung Rio de Janeiro im Dezember 1970: Der Ingenieur Rubens Paiva führt mit seiner Familie ein idyllisches Leben in einer gemieteten kleinen Stadtvilla am Strand von Leblon. Er ist mit Eunice verheiratet und Vater von fünf Kindern im Alter zwischen 8 und 17 Jahren: den Töchtern Veroca („Vera“), Eliana, Nalu, Babiu und dem einzigen Sohn Marcelo. Rubens saß einst für die Arbeiterpartei PTB in der brasilianischen Abgeordnetenkammer und lebte zeitweise im Exil, nachdem sich das Militär im Jahr 1964 an die Macht geputscht hatte. Die Familie empfängt regelmäßig Freunde in ihrem Haus und es werden angeregte politische Diskussionen geführt. Rubens unterstützt heimlich Verfolgte des Regimes und deren Familien und leitet Briefe weiter, lehnt aber gewaltsamen Widerstand ab. Seine Aktivitäten hält er vor Eunice und den Kindern weitgehend geheim.
Als bewaffnete Mitglieder der linksrevolutionären Nationalen Befreiungsallianz (ALN) auf Rios Straßen den Schweizer Botschafter Giovanni Enrico Bucher entführen, wird die politische Lage zunehmend bedrohlicher. Es kommt in der Folge zu Kontrollen und Verhaftungen. Vera, die kurz vor dem Wechsel zur Universität steht, gerät auf dem Rückweg vom Kino gemeinsam mit ihren Freunden in eine gewaltsame Ausweiskontrolle durch Militärangehörige. Kurze Zeit später arrangieren Rubens und Eunice, dass ihre politisch interessierte älteste Tochter das befreundete Ehepaar Gasparian auf einen längeren Aufenthalt nach London begleitet.
Im Januar 1971 ändert sich das Leben von Eunice und ihren Kindern schlagartig, als Rubens von bewaffneten Regierungsbeamten abgeholt wird. Er wird dazu aufgefordert, bei den Behörden eine Aussage zu hinterlegen. Drei der Beamte verbleiben im Haus der Paivas, ehe Eunice und ihre zweitjüngste Tochter Eliana ebenfalls für kurze Zeit inhaftiert und verhört werden. Eliana muss eine Nacht, Eunice zwölf Tage allein in einer Zelle verbringen. Eunice soll Freunde und Arbeitskollegen von Rubens belasten, die linker Aktivitäten beschuldigt werden. Sie bestreitet alles und kann letztendlich nur ihren Gatten Rubens und Martha, eine frühere Lehrerin ihrer Kinder, auf ihr vorgelegten Fotos wiedererkennen.
Als Eunice aus dem Gefängnis entlassen wird, will sie in Erfahrung bringen, was mit Rubens geschehen ist. Gefälschte Zeitungsberichte behaupten, dass er ins ausländische Exil geflohen sei. Auch wird das Haus der Paivas beschattet und der Familienhund überfahren. Eunice und ihre Freunde befürchten das Schlimmste. Sie strengt mit Hilfe des Anwalts Lino Machado ein Verfahren auf Haftprüfung an. Weitere Details erfährt sie über den gemeinsamen Freund Baby Bocayuva und Martha. Die Lehrerin war mit Rubens inhaftiert und fertigt trotz großer Angst einen detaillierten Bericht über ihre Erlebnisse an. Über den befreundeten Journalisten Felix erfährt Eunice, dass Rubens tot ist, aber sich die Behörden weigern, es offiziell zu machen. Ausländische Medien berichten ausführlich über den Fall. Aufgrund begrenzter finanzieller Mittel muss Eunice ihre Haushälterin Zezé entlassen und ein wertvolles Baugrundstück verkaufen, auf dem Rubens ein Eigenheim für die Familie geplant hatte. Die Paivas verlassen schließlich Rio de Janeiro und ziehen zur Großmutter und den Cousins nach São Paulo.
1996, 25 Jahre später, ist aus der früher unpolitischen Hausfrau Eunice eine studierte Juristin, Aktivistin und Menschenrechtsanwältin geworden. Sie erhält von der mittlerweile demokratisch gewählten brasilianischen Regierung die offizielle Bestätigung, dass ihr Ehemann gefoltert und ermordet wurde. Eunice mutet es vor der versammelten Presse seltsam an, dass sie mit Erhalt seines Totenscheins Erleichterung verspürt. Im Jahr 2014 leidet Eunice an einer fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung und sitzt im Rollstuhl. Während einer Familienfeier wird sie auf einen Fernsehbeitrag aufmerksam, der die Wahrheitskommission und Rubens Verschwinden zum Thema hat. Eunice stirbt 2018 im Alter von 89 Jahren, ohne dass ihrem toten Ehemann juristische Gerechtigkeit widerfahren ist.
Entstehungsgeschichte Drehbuch und Besetzung der Hauptrollen mini|hochkant|Marcelo Rubens Paiva, Autor der Buchvorlage, bei der Präsentation des Films in Venedig (2024) mini|hochkant|Walter Salles und Fernanda Torres beim London Film Festival 2024 Für immer hier ist der zehnte Kinospielfilm des brasilianischen Regisseurs Walter Salles und der erste seit On the Road – Unterwegs (2012). Das Drehbuch von Murilo Hauser und Heitor Lorega basiert auf dem 2015 erschienenen Buch Ainda estou aqui von Marcelo Rubens Paiva über das Schicksal seiner Eltern. Salles kannte die Familie persönlich, war mit den Paiva-Kindern befreundet und verbrachte oft Zeit in ihrem Zuhause.Ainda estou aqui (I’m still here). In: labiennale.org (abgerufen am 31. August 2024). Bei der Lektüre von Paivas Buch hätte er sich in Eunice Paiva „verliebt“. Marcelo Paiva hätte in seinem Buch entdeckt, „dass seine Mutter wirklich das Herz der Familie“ gewesen sei, so Salles."I’m still here": Walter Salles bewegendes Drama. In: ardmediathek.de, 9. September 2024 (2:35 Min ff.; abgerufen am 22. September 2024).
Sieben Jahre lang wurde an der Realisierung des Filmprojekts gearbeitet. Salles verpflichtete für die Hauptrolle von Eunice Paiva Fernanda Torres, während Fernanda Montenegro als gealterte Protagonistin am Ende des Films zu sehen ist. Die beiden brasilianischen Schauspielerinnen sind im wirklichen Leben Mutter und Tochter. Mit ihnen hatte Salles zuletzt jeweils einzeln an seinen preisgekrönten Spielfilmen Mitternacht und Central Station (beide 1998) zusammengearbeitet. Laut Hauptdarstellerin Torres war Eunice Paiva „eine Frau, die sich der Tragödie stellte, die das Melodram vermied. Sie wollte nicht mit ihrer Familie auf der Straße weinen. Sie wollte nicht, dass ihre Kinder Opfer der Diktatur werden. Und sie beschloss dies zu tun, indem sie schwieg und lächelte“."I’m still here": Walter Salles bewegendes Drama. In: ardmediathek.de, 9. September 2024 (3:40 min ff.; abgerufen am 22. September 2024). Für immer hier stellte laut Torres einen Wendepunkt in ihrer Karriere dar. Die letzten Jahre war sie überwiegend mit komödiantischen Rollen in brasilianischen Serien vertreten gewesen. Mit Salles kehrte sie zum „impressionistischen“ Kino zurück, wobei der Regisseur auf nüchterne Dialoge und eine zurückgenommene Darstellung Wert legte, um der echten Eunice nahe zu kommen. Für Torres war es eine Herausforderung, in ihrem Spiel den Grundsatz „weniger ist mehr“ zu folgen. Salles verzichtete darauf, brutale Folterszenen explizit zu zeigen. Auch alle Szenen, in denen Torres’ Figur weinte, gelangten nicht in die finale Schnittfassung des Films. Die Schauspielerin habe eigenen Angaben zufolge nie zuvor auf eine so zurückhaltende Art gespielt. „Wenn Sie Ihre Emotionen unter Kontrolle halten, explodieren sie auf ehrliche Weise. Dadurch kamen Feinheiten zum Vorschein, die ich in der Schauspielerei noch nie erlebt hatte. Dieser Grad an Realismus und Ehrlichkeit war größtenteils Walters [Salles‘] Handschrift und seiner Sensibilität zu verdanken“, so Torres.Maria Fortuna: Fernanda Torres conta que Walter Salles cortou todas as suas cenas de choro no filme 'Ainda estou aqui' . In oglobo-globo.com, 7. November 2024 (abgerufen am 7. März 2025). Für den Part des Rubens Paiva wurde Selton Mello besetzt, der erstmals unter der Regie von Salles agierte.
Weiterer Filmstab und Bezüge zur Gegenwart Als Kameramann bei den Dreharbeiten fungierte Adrian Teijido. Er nutze 35-mm-Film sowie für zusätzliche Sequenzen, bei denen die Figuren selbst mit einer Kamera agierten, 8-mm-Film. Der „körnige Look“ der Bilder sollte an die politisch turbulenten 1970er-Jahre erinnern.Bill Desowitz: 19 Movies Shot on Film in 2025: Safdie Brothers, Paul Thomas Anderson, and More. In: indiewire.com (abgerufen am 12. März 2025). Affonso Gonçalves und Warren Ellis zeichneten für den Schnitt beziehungsweise die Filmmusik verantwortlich. Während der Entstehung des Films kam es in Brasilien zur Präsidentschaft von Jair Bolsonaro (2019–2022), dessen Regierungszeit Salles an die dystopische Militärdiktatur in den 1970er-Jahren erinnerte, von der Für immer hier handelt.
Synchronisation Die deutschsprachige Synchronisation entstand nach dem Dialogbuch von Katharina Lange unter der Dialogregie von Iris Artajo für die EuroSync GmbH.
Rollen (Auswahl) Darsteller Synchronsprecher Eunice Paiva Fernanda Torres Aline Staskowiak Rubens Paiva Selton Mello Nico Mamone Marcelo (jung) Guilherme Silveira Malik Arendt Zezé Priscilla Helena da Silva Laura Sophia Landauer Dr. Schneider Luiz Bertazzo Peter Sura
Rezeption Veröffentlichung und Einspielergebnis