mini|Carte de la Barbarie de la Nigritie et de La Guinée: Karte der Barbareskenküste, des Sudan und Guinea – Karte von 1707 Als Barbareskenstaaten wurden vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert die Staaten in der als Barbarei bezeichneten Region, namentlich das Sultanat Marokko und die osmanischen Regentschaften Algier, Tunis und Tripolis, bezeichnet. Haupteinnahmequelle der Barbareskenstaaten war die Kaperei und damit einhergehend Menschenraub, Sklavenhandel und Lösegelderpressung, weshalb diese Staaten auch als Piraten- oder Seeräuberstaaten bezeichnet wurden. Modernen Schätzungen zufolge wurden in den Barbareskenstaaten zwischen 1530 und 1780 etwa 1,25 Millionen Menschen versklavt, die meisten davon durch Raubzüge an den Küsten Italiens, Spaniens und Portugals.Robert Davis: British Slaves on the Barbary Coast. bbc.co.uk, 17. Februar 2011; abgerufen am 18. Januar 2021. Die Zahl entspricht etwa einem Zehntel des transatlantischen Sklavenhandels. Die Klassifizierung als Piratenstaat war für die völkerrechtliche Frage entscheidend, ob die Regeln des zwischenstaatlichen Kriegsrechts auf diese Anwendung finden sollten oder nicht.Petra Minnerop: Paria-Staaten im Völkerrecht? Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 2004, ISBN 3-540-23448-9, S. 36.
Geschichte
Nachdem die Spanier 1492 mit dem Emirat von Granada das letzte muslimische Königreich in Westeuropa erobert hatten, siedelten sich aus Spanien geflohene Morisken im Maghreb an. Zusammen mit einheimischen Arabern und Mauren rüsteten sie große Flotten aus und begannen von ihrer Basis Nordafrika aus als Korsaren einen permanenten Krieg gegen die christlichen Mittelmeermächte, insbesondere gegen deren Schifffahrt und Küsten. Damit erlebte die bereits seit Jahrhunderten im Mittelmeerraum verbreitete Piraterie einen gewaltigen Aufschwung. Die Barbaresken stießen bald in das Machtvakuum vor, das aus der anhaltenden Schwächephase der regionalen muslimischen Herrscherdynastien (Meriniden, Wattasiden in Marokko, Abdalwadiden in Algerien, Hafsiden in Tunesien) resultierte. Diese waren, von internen Machtkämpfen und Konflikten mit unruhigen Beduinen- und Berberstämmen zerrissen, in einen Zustand des staatlichen Zerfalls abgeglitten.
Die Raubzüge der muslimischen Korsaren führten während der nächsten Jahrhunderte bis an die Küsten Irlands (1631)Thomas Davis (1814-45). The Sack of Baltimore. baltimore.ie; abgerufen am 18. Januar 2021. und sogar bis Dänisch-Islands (1627), wo sie aus küstennahen Dörfern und Städten Einwohner verschleppten und später als Sklaven verkauften. Häufigstes Ziel der als Razzien bezeichneten Züge waren jedoch die Küsten Italiens, Spaniens und Portugals. Sämtliche Barbareskenstaaten (und deren schlagkräftige Flotten) gerieten bald unter die Kontrolle des Osmanischen Reiches. Die osmanische Ausdehnung erfolgte teils durch Eroberung, teils durch freiwillige Unterwerfung. So unterstellte sich 1518 der bekannteste Korsarenführer, Khair ad-Din Barbarossa, kaum dass er sich gewaltsam zum Herrscher Algiers aufgeschwungen hatte, dem Schutz des Sultans. Dieser wurde um die Mitte des 16. Jahrhunderts zum Oberherrn von Nordafrika (mit Ausnahme Marokkos). Algier, Tunis und Tripolis waren formal osmanische Provinzen, wurden jedoch Anfang des 18. Jahrhunderts faktisch wieder unabhängig.
Bereits zu dieser Zeit war der fortwährende Kriegszustand mit den christlich-abendländischen Staaten nur noch mit Mühe religiös begründbar (Dschihad). Vielmehr diente dieser Dauerzustand als formale Legitimation der im Krieg völkerrechtlich erlaubten Kaperei; bildete doch die Piraterie bis zum Untergang der Barbareskenstaaten im 19. Jahrhundert deren wichtigste Einnahmequelle. Darum kam es wiederholt zu europäischen und später auch zu US-amerikanischen Interventionen.
Ein Randereignis dieser Auseinandersetzungen war der Friedensvertrag zwischen den jungen Vereinigten Staaten und dem islamischen Tripolis im Jahr 1797.„ARTICLE 11. As the government of the United States of America is not in any sense founded on the Christian Religion,-as it has in itself no character of enmity against the laws, religion or tranquility of Musselmen,-and as the said States never have entered into any war or act of hostility against any Mehomitan nation, it is declared by the parties that no pretext arising from religious opinions shall ever produce an interruption of the harmony existing between the two countries.“ - The Barbary Treaties 1786-1816 Treaty of Peace and Friendship, Signed at Tripoli November 4, 1796. Lillian Goldman Law Library, 2008; abgerufen am 18. Januar 2021. Dessen geschichtliche Bedeutung liegt darin, dass die USA im Vertragstext (Artikel 11) erklärten, dass die Regierung der Vereinigten Staaten „nicht in irgendeiner Weise auf der christlichen Religion beruht“, was damals im europäischen Kulturraum eine unerhörte Neuerung darstellte. Dieser vom US-Senat ratifizierte Vertragstext wird noch heute von säkular gesinnten Amerikanern ins Feld geführt, wenn christliche Gruppen versuchen, die Trennung von Kirche und Staat aufzuweichen.
Kriege und Militäroperationen gegen die Barbareskenstaaten mini|hochkant|Erst mit der französischen Eroberung Algeriens fanden die Barbareskenkriege 1830 ein Ende, da Frankreich auch seine neuen Nachbarn Tunis und Tripolis zur Aufgabe der Piraterie zwang
Konflikte des 17., 18. und 19. Jahrhunderts zwischen europäischen Seemächten und den Barbaresken-Korsaren gipfelten meist im Beschuss von Algier, Tunis und Tripolis durch europäische Kriegsflotten, der Zerstörung der in diesen Häfen liegenden Piratenflotten sowie der erzwungenen Freilassung europäischer Sklaven und Geiseln. So bombardierten englische, französische und niederländische Schiffe zwischen 1655 und 1727 zehnmal Tripolis, ehe die Franzosen beim Bombardement von 1728 die Stadt und fast die gesamte tripolitanische Flotte vernichteten. Tunis war zwischen 1661 und 1792 sechsmal das Ziel französischer, venezianischer und spanischer Angriffe. Algier wurde zwischen 1622 und 1688 sechsmal von der englischen bzw. französischen Flotte angegriffen sowie zwischen 1662 und 1729 sechsmal von den Niederländern. Zwischen 1770 und 1773 erschienen dreimal die Dänen, von 1775 bis 1784 dreimal die Spanier vor Algier. 1801 schickten die USA (die bis dahin Tributzahlungen geleistet hatten) im Amerikanisch-Tripolitanischen Krieg, dem ersten Konflikt, den die junge Republik auszutragen hatte, ihre Marine. In der Folge kam es 1805 zum ersten Einsatz des US Marine Corps beim Sturm auf das tripolitanische Derna.Ihren ersten Krieg führten die USA gegen muslimische Piraten in: welt.de/geschichte vom 17. Februar 2019 1816 vernichtete ein britisch-niederländisches Geschwader bei seiner Bombardierung Algiers die im Hafen liegende algerische Flotte. Auch die USA, Portugal, Neapel-Sizilien, Sardinien und Malta unternahmen Strafexpeditionen.
Gelegentlich werden auch die Kriege gegen marokkanische Korsaren zu den Marineoperationen gerechnet. Die parallelen und etwa gleichzeitig endenden Kriege der Briten an der Piratenküste (1801, 1809, 1818 und schließlich 1819 Vernichtung der Piratenflotte im Hafen von Ra’s al-Chaima) und am Arabischen Meer (1839 Besetzung Adens) werden nicht dazugerechnet.
Die von den Barbareskenstaaten ausgehende Piraterie endete erst, nachdem 1827 Frankreich begann, den Hafen von Algier zu blockieren 1830 Frankreich Algerien eroberte 1835 das Osmanische Reich Tunis und Tripolis wieder stärkerer direkter Verwaltung unterstellte. 1844 Frankreich auch Marokko zur Einstellung der Piratenaktivitäten zwang
Übersicht der militärischen Auseinandersetzungen Im Interesse einer funktionierenden Sortierbarkeit der Tabelle wurden England und Großbritannien unter „England/Großbritannien“ zusammengefasst.
Jahr Seemacht BarbareskenstaatAnmerkung 1620–1621 England/Großbritannien Algier 1622 England/Großbritannien Algier 1655 England/Großbritannien Algier 1661 Frankreich Algier 1661–1667 Spanien Algier 1662 Niederlande Algier 1663 Frankreich Algier 1665 Frankreich Algier 1669 Niederlande Algier 1670 Niederlande Algier gemeinsame Intervention mit England 1670 England/Großbritannien Algier gemeinsame Intervention mit den Niederlanden 1670–1672 England/Großbritannien Algier 1672–1673 Spanien Algier 1679–1680 Niederlande Algier 1681–1682 England/Großbritannien Algier 1682 Frankreich Algier Bombardierung von Algier 1683–1684 Frankreich Algier Bombardierung von Algier vom 26. bis 27. Juli 1683, anschließend Blockade 1683 Spanien Tripolis 1685 Frankreich Tripolis 1687–1688 Frankreich Algier 1689–1694 Spanien Algier 1708–1709 Spanien Algier Algerier erobern den spanischen Stützpunkt Oran 1715–1729 Niederlande Algierteilweise unter dem Kommando von François van Aerssen van Sommelsdijk (1669–1740) 1732 Spanien Algier Spanier erobern Oran zurück 1770 Dänemark Algier 1772 Dänemark Algier 1773 Dänemark Algier 1774–1777 Venedig Tunis Beschießung von Sousse, Bizerta und La Goulette 1775 Spanien Algier 1783 Spanien Algier 1784 Spanien Algier gemeinsame Intervention mit Malta, Neapel-Sizilien und Portugal 1784 Portugal Algier gemeinsame Intervention mit Malta, Neapel-Sizilien und Spanien 1784 Malta Algier gemeinsame Intervention mit Portugal, Neapel-Sizilien und Spanien 1784 Neapel-Sizilien Algier gemeinsame Intervention mit Malta, Spanien und Portugal 1788 England/Großbritannien Marokko Blockade der Häfen Tetouan und Larache 1791–1792 Spanien Algier Algerier erobern Oran zurück 1801–1805 USA Tripolis Amerikanisch-Tripolitanischer Krieg 1805 Frankreich Algier Jérôme Bonaparte erzwingt die Freilassung französischer bzw. italienischer Geiseln, Vorlage für Die Italienerin in Algier 1815 USA Algier Amerikanisch-Algerischer Krieg 1816 Niederlande Algier gemeinsame Intervention mit Großbritannien, Bombardierung Algiers 1816 England/Großbritannien Algier gemeinsame Intervention mit den Niederlanden, Bombardierung Algiers 1824 England/Großbritannien Algier Britische Blockade von Algier 1827–1830 Frankreich Algier Blockade und Eroberung von Algier, Bone und Oran 1609 Spanien Tunis gemeinsame Intervention mit Frankreich 1609 Frankreich Tunis gemeinsame Intervention mit Spanien 1661–1667 Spanien Tunis 1666 Frankreich Tunis 1670–1672 Frankreich Tunis 1682–1692 Venedig Tunis 1741–1742 Frankreich Tunis 1768–1770 Frankreich Tunis 1784–1786 Venedig Tunis Beschießung von Sousse, Sfax und La Goulette 1789–1792 Venedig Tunis 1800 Dänemark Tunis 1818 Frankreich Tunis gemeinsame Intervention mit Großbritannien 1818 England/Großbritannien Tunis gemeinsame Intervention mit Frankreich 1655 England/Großbritannien Tripolis 1661 Frankreich Tripolis gemeinsame Intervention mit Venedig und Malta 1661 Venedig Tripolis gemeinsame Intervention mit Frankreich und Malta 1661 Malta Tripolis gemeinsame Intervention mit Venedig und Frankreich 1662 Niederlande Tripolis 1663 England/Großbritannien Tripolis 1670 Niederlande Tripolis 1675–1676 England/Großbritannien Tripolis Die Engländer führen die tripolitanische Flotte weg. 1680–1681 Frankreich Tripolis 1685 Frankreich Tripolis 1715 Niederlande Tripolis 1716 England/Großbritannien Tripolis 1728–1729 Frankreich Tripolis Bombardierung von Tripolis (1728) 1731 Frankreich Tripolis 1797 Dänemark Tripolis 1800–1805 USA Tripolis Amerikanisch-Tripolitanischer Krieg 1802 Schweden Tripolis Friedensschluss unter französischer Vermittlung 1803 Niederlande Tripolis 1825 Sardinien Tripolis 1828 Neapel-Sizilien Tripolis 1830 Frankreich Tripolis 1629 Frankreich Marokko Bombardierung von Salé 1765 Frankreich Marokko Bombardierung der Häfen Larache, Salé und Rabat 1828 England/Großbritannien Marokko Blockade Tangers 1829 Österreich Marokko Bombardierung der Städte Larache, Asilah und Tétouan 1844 Frankreich Marokko Bombardierung der Häfen Tanger und Mogador
Siehe auch Amerikanisch-Tripolitanischer Krieg Zweiter Barbareskenkrieg Geschichte der Piraterie Mediterraner Sklavenhandel Sklaverei im Islam Friedens- und Freundschaftsvertrag von Algier
Literatur