mini|Eine Astra MK-1 im Flug mini|Deutsche MiG-29 beim Abfeuern einer R-27R (NATO-Bezeichnung: AA-10 Alamo)

Eine Luft-Luft-Rakete ist ein (in der Regel) Lenkflugkörper, der im Luftkampf eingesetzt wird. Der Name besagt, dass sie in der Luft abgefeuert wird, um Ziele in der Luft zu treffen. mini|Im Vordergrund: MBDA Meteor, die erste Luft-Luft-Rakete, die durch Zusammenarbeit mehrerer EU-Staaten (Frankreich, Deutschland, Italien, Großbritannien und Spanien) entwickelt wurde International wird häufig die englische Bezeichnung Air-to-Air Missile (AAM), auch Air-launched (A) Intercept-aerial (I) Guided Missile (M) (AIM) oder auch SRAAM Short-Range (SR) Air-to-Air Missile (AAM) verwendet.

Entsprechende Gegenstücke sind Boden-Luft-Raketen und Luft-Boden-Raketen, wobei Boden auch Schiffe umfasst.

Geschichte Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs setzten die alliierten Luftwaffen zur Abwehr deutscher Luftschiffe kleine ungelenkte Le-Prieur-Raketen ein, die von Doppeldeckern getragen wurden. Die herkömmliche Flugzeugbewaffnung mit MGs kleinen Kalibers war gegenüber den Zeppelinen relativ wirkungslos. Le-Prieur-Raketen waren jedoch sehr ungenau und hatten eine geringe Reichweite. Als verbesserte Rohrwaffen und Munition verfügbar waren, wurden sie nicht mehr eingesetzt.

Um den gefährlich geringen Abstand beim Einsatz der Maschinengewehre für den Abschuss gegnerischer Flugzeuge von nur 20 bis 30 Metern zu vergrößern, stellte Rudolf Nebel 1917 an der Front in Frankreich selbst Luft-Luft-Raketen her. Im Sommer 1917 schoss Nebel aus etwa 100 Metern Entfernung (Rudolf Nebel: „Eine ungeheuere Entfernung für damalige Verhältnisse“) vier unter den Tragflächen aufgehängte von ihm selbstgebaute Luft-Luft-Raketen von seinem Jagdflugzeug in einen britischen Flugzeugverband. Er traf zwar nicht, aber der Pilot eines englischen Doppeldeckers geriet über das Ereignis in Panik, landete sofort und wurde deutscher Kriegsgefangener. Acht Tage später erzielte Nebel den ersten Abschuss eines gegnerischen Flugzeuges. Eine seiner Luft-Luft-Raketen zerschlug den Propeller der Maschine, die daraufhin am Boden zerschellte.

Eine Woche später, beim nächsten Einsatz, explodierten zwei der vier Raketen beim Abfeuern noch an seinem Flugzeug, einer Albatros D III. Nebel gelang noch eine Notlandung, bei der sich die Maschine überschlug und er Brandverletzungen erlitt. Nach seiner Rückkehr aus dem Lazarett wurde ihm für die beiden Luftsiege mit seinen Luft-Luft-Raketen das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen und bei der anschließenden Feier schlug Nebels Fliegerkamerad Hermann Göring vor, die neue Waffe Nebelwerfer zu nennen. Noch am selben Abend wurde Nebel der weitere Einsatz der Waffe als zu gefährlich für die eigenen Piloten verboten, außerdem seien neue Waffen eine Sache der Inspektion der Fliegertruppe in Berlin. Drei Wochen später wurde Nebel vom Inspekteur der Fliegertruppe, Oberst Siebert, nach Berlin gerufen, um seine Erfindung ihm und einem Pyrotechniker zu erklären. Ein weiteres Ergebnis von Nebels Luft-Luft-Raketen auf deutscher Seite im Ersten Weltkrieg ist nicht bekannt.Rudolf Nebel: Die Narren von Tegel. Droste Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-7700-0314-4, S. 36–39.

Zweiter Weltkrieg Während des japanisch-sowjetischen Grenzkonflikts kurz vor dem Zweiten Weltkrieg flogen einige sowjetische Polikarpow I-16-Piloten mit an vier Startschienen pro Flügelseite befestigten ungelenkten „RS“-Flugkörpern zusätzlich zur MG-Bewaffnung. Damit konnte erstmals am 20. August 1939 ein japanisches Flugzeug vom Typ Nakajima Ki-27 abgeschossen werden.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges vergab das Reichsluftfahrtministerium verschiedene Entwicklungsaufträge für gelenkte Luft-Luft-Raketen. Nach dem Einsatz eher primitiver Waffen begann 1943 die Arbeit an der Henschel Hs 117H, die auf einer Boden-Luft-Rakete basierte. Annähernd gleichzeitig wurde die Ruhrstahl X-4 entwickelt, die bessere Leistungen erbrachte. Beide Entwicklungen kamen zu spät, um noch im Kampf eingesetzt zu werden.

Die einzige von deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg eingesetzte Luft-Luft-Rakete war die ungelenkte R4/M „Orkan“. Von ihr wurden bis zum Kriegsende 12.000 Stück produziert.

Die Amerikaner setzten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die M8-Rakete ein.

Bei den frühen Luft-Luft-Raketen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelte es sich um ungelenkte Raketen, die in Salven abgefeuert wurden. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden die ungelenkten Raketen durch gelenkte Luft-Luft-Raketen mit neu entwickelten Infrarot- oder Radarsuchköpfen ergänzt und schließlich abgelöst.

Klassifizierung In der westlichen Welt sind Luft-Luft-Raketen fast ausschließlich unter ihren englischen Bezeichnungen bekannt. Die Gründe dafür liegen in der Vorreiterrolle der USA und der NATO-Mitgliedschaft der anderen westlichen Länder. Luft-Luft-Raketen werden nach ihrer Einsatzreichweite klassifiziert. thumb |220x220px|K-5M (AA-1 Alkali) Sowjetische Kurzstrecken-Luft-Luft-Rakete montiert auf einer MiG-19

Kurz- und Mittelstrecke (VRAAM) Sichtbereichs-Luft-zu-Luft-Rakete – dieser international gebräuchliche, englische Begriff bezeichnet Lenkflugkörper für Ziele zur Bekämpfung auf Sichtreichweite (meistens mit Infrarotlenkung). Hier wird unterschieden in: (SRAAM) Kurzstrecken-Luft-zu-Luft-Rakete – für kurze bis sehr kurze Distanzen, oder (WVRAAM) Sichtbereichs-Luft-zu-Luft-Rakete – bei mittleren Reichweiten üblich. (ASRAAM) Verbesserte Kurzstrecken-Luft-zu-Luft-Rakete – ist eine weiterentwickelte/verbesserte Luft-zu-Luft-Rakete für kurze Reichweiten. (AMRAAM) Verbesserte Mittelstrecken-Luft-zu-Luft-Rakete – ist eine weiterentwickelte/verbesserte Luft-zu-Luft-Rakete für mittlere Reichweiten.

Langstrecke (BVRAAM) Außersichtbereichs-Luft-zu-Luft-Rakete – ist eine Rakete mit Reichweite bis hinter den Sichthorizont. Sie ist in der Lage, auch außerhalb der Sichtweite des Piloten befindliche Ziele zu bekämpfen. Fast ausnahmslos mit Radarlenkung.

Aufbau Der prinzipielle Aufbau einer Luft-Luft-Rakete besteht aus einem Suchkopf mit Lenksystem, dem Gefechtskopf und dem Antriebsteil.

Suchkopf mini|Elektronik des Infrarotsuchkopfs einer R3-Rakete (AA-2 Atoll) mini|AIM-9 Sidewinder mini|hochkant|AIM-120 AMRAAMs werden auf der Constellation an einer F/A-18 Hornet montiert

Für den Piloten wichtig ist die Unterscheidung in Lenkkörper mit weiterer Zielführung nach dem Abfeuern und solchen, die keiner weiteren Aufmerksamkeit des Piloten oder des Waffenleitrechners des abfeuernden Flugzeuges bedürfen (sogenannte fire-and-forget-Lenkwaffen). Ein Suchkopf besteht aus einem oder mehreren Sensoren (Sucher), meist in der Spitze der Rakete, der Steuerung (entweder VPS oder SPS), welche die Sensorinformationen in Steuerbefehle umsetzt und den Steuerflächen, mit denen die Flugrichtung der Rakete beeinflusst wird.

Vier unterschiedliche Arten von Suchern werden verwendet, die jeweils andere Einsatzprofile haben:

Bildgebend Es handelt sich hierbei um ein passives Suchverfahren, bei dem ein bildgebender Sensor (Focal Plane Array meist CCD oder CMOS) optisch (sichtbares Licht) oder quasioptisch (UV/Infrarot) auf die elektromagnetischen Emissionen des Zieles reagiert. Neuere Suchköpfe sind multispektral ausgeführt, um die Störfestigkeit zu erhöhen. Bildgebende Sucher finden meist in Kurzstreckenraketen Verwendung, da ihre Empfindlichkeit und Ansprechschwelle und damit die Reichweite begrenzt sind.

Halbaktives Radar Ein halbaktives Zielsuchverfahren, bei dem das Ziel durch eine von der Rakete unabhängige Radaranlage beleuchtet wird und der Suchkopf der Rakete der von der Oberfläche des Zieles reflektierten Radarstrahlung folgt. Da zur Zielbeleuchtung zumeist das Radar des abfeuernden Flugzeugs verwendet wird, was dessen Verbleib im Kampfgebiet erzwingt und seine Verwundbarkeit enorm erhöht, werden halbaktive Sucher in neueren Raketentypen mehr und mehr durch aktive ersetzt. Eine Sonderform ist das sogenannte Beam Riding, bei dem die Rakete direkt der Keule des Radars folgt. Der Empfänger liegt dabei im Heck der Rakete. Dieses Verfahren garantiert hohe Störresistenz, hat aber die gleichen Nachteile wie die normale halbaktive Steuerung

Aktives Radar Ein aktiver Sucher, bei dem der Radarsender und der Radarempfänger in der Rakete vorhanden sind.

Passives Radar Ein passiver Sucher, bei dem die Rakete die Emissionsquellen des Zielflugzeuges anpeilt.

Bei modernen Luft-Luft-Raketen werden oftmals mehrere Sucher in einem Suchkopf kombiniert, um die Störfestigkeit zu erhöhen und die Vorwarnzeit für den Gegner zu reduzieren. Auch verfügen Mittel- und Langstreckenraketen zusätzlich über Trägheitsnavigationssysteme oder Satellitennavigation, die es ermöglichen, große Teile der Flugstrecke zum Ziel ohne Emissionen und mit hoher Resistenz gegen elektronische Gegenmaßnahmen des Gegners zurückzulegen. Erst in unmittelbarer Nähe des Gegners wird der aktive Suchkopf aktiviert. Auf diese Art lassen sich auch passive bildgebende Suchköpfe in Langstreckenraketen einsetzen.

Nahezu alle Luft-Luft-Raketen verfügen über eine Form von Datenlink zum Startflugzeug, mindestens simplex als Notausschalter, manchmal aber auch duplex, um eine Zielzuweisung nach dem Start der Waffe durchzuführen (lock-on after launch, LOAL) oder zu verändern.

Gefechtskopf Der Gefechtskopf besteht aus einem oder mehreren Zündern und einer Sprengladung. Als Zünder kommen entweder Abstands- oder Aufschlagzünder zum Einsatz.

Raketen mit Aufschlagzünder enthalten meist kleinere Sprengstoffmengen und sind damit leichter. Dafür müssen sie über hochwertige Zielführungssysteme verfügen. Die Schädigung erfolgt dann durch Durchschlagen des Ziels und punktuelle Zerstörung.

Die meisten Luft-Luft-Raketen verwenden Abstandszünder und Spreng-Splitter- oder Continuous-Rod-Ladungen. Spreng-Splitter-Ladungen bestehen aus von fragmentierten Metallmänteln umschlossenem Sprengstoff, so dass nach der Explosion Splitterwolken entstehen. Die Continuous-Rod-Ladung besteht aus einem um eine Sprengladung gefalteten Metallring, der durch die Explosion des Sprengstoffs blitzartig entfaltet wird und Ziele innerhalb seines Durchmessers durchtrennt.

Heute finden ausschließlich konventionelle Sprengköpfe Verwendung. Während des Kalten Krieges verfügten die Vereinigten Staaten über die ungelenkte Luft-Luft-Rakete AIR-2 Genie mit einem nuklearen 1,5-kT-Gefechtskopf sowie die gelenkte Luft-Luft-Rakete AIM-26 Falcon mit einem nuklearen 0,25-kT-Gefechtskopf. Beide Waffen waren für die Vernichtung sowjetischer Bomberverbände vorgesehen.

Antrieb Die meisten Luft-Luft-Raketen werden von einem Raketentriebwerk angetrieben. Die erreichten Geschwindigkeiten liegen je nach Antriebsart, Gewicht und Einsatzzweck (Kurz-, Mittel- oder Langstreckenwaffe) zwischen Mach 2 und Mach 5. Eine Eigenschaft neuerer Antriebe ist die geringe Entwicklung von Rauch beim Verbrennen. Dies macht es dem Piloten und der Sensorik des anvisierten Flugzeuges schwerer, die Rakete rechtzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Es werden folgende Antriebsarten eingesetzt:

Feststoffraketentriebwerk