Zum Gefecht bei Döttingen (Kanton Aargau)Damals Dettingen (Kanton Baden). kam es am 17. August 1799 während der austro-russischen Invasion der Schweiz. Nachdem sich die zahlenmässig unterlegenen Franzosen unter Massena zunächst aus Zürich zurückgezogen hatten, wollte Erzherzog Karl von Österreich zusammen mit eben eingetroffenen Russen unter Korsakow bei Döttingen die Aare überqueren, um die beiden Flügel der Armée du DanubeDie Armée d’Helvétie war am 29. April mit der Armée du Danube vereinigt worden. zu trennen. Ney gelang es aber, den potentiell kriegsentscheidendenCarl von Clausewitz: Die Feldzüge von 1799 in Italien und der Schweiz. 2. Theil. Ferdinand Dümmler, Berlin 1834, S. 56 (). Plan zu vereiteln, wobei ihn die zusammengeschmolzene Miliz der Helvetischen Republik entscheidend unterstützte.Nicht an den Kampfhandlungen beteiligt waren bei Döttingen – im Gegensatz zu anderen Schauplätzen des Zweiten Koalitionskrieges – die professionelle Légion helvétique und die von Frankreich besoldeten Demi-brigades helvétiques.

Stoss in Massenas Rücken

Während der Ägyptischen Expedition Bonapartes weitete Grossbritannien seinen Kampf gegen die Französische Republik durch Bündnisse mit Österreich, Russland und anderen Monarchien zum Zweiten Koalitionskrieg aus. In dessen Verlauf drangen 1799 österreichische Truppen in die Helvetische Republik ein, die im Vorjahr mit dem Segen des Direktoriums in Paris an die Stelle der Alten Eidgenossenschaft getreten war (seit ihrer Niederlage bei Marignano im Jahr 1515 ein Klientelstaat Frankreichs).

hochkant|mini|Johann Baptist Seele: Erzherzog Karl, 1800

Am 23. Mai überschritt der Reichsfeldmarschall und k. k. Feldzeugmeister (General der Artillerie) Erzherzog Karl, ein 27-jähriger Bruder von Kaiser Franz II., bei Büsingen den Rhein. Zusammen mit dem aus Richterswil gebürtigen Feldmarschallleutnant (Divisionär) Hotze zwang er die zahlenmässig unterlegenen französischen und helvetischen Truppen unter Général en chef MassenaSpäter Maréchal d’Empire. bis am 6. Juni zum Rückzug hinter die Limmat (Erste Schlacht bei Zürich).

Am 14. August traf der russische Generalleutnant (Korpskommandant) Korsakow in Schaffhausen ein, um den Erzherzog abzulösen, der nach dem Willen des Wiener Kabinetts auf den deutschen Kriegsschauplatz zurückkehren sollte.

Gerade damals aber bemächtigten sich die Franzosen unter Général de division Lecourbe der ganzen Alpenlinie vom Simplon bis an den Zürichsee. Dass Massena um dieses Erfolges willen seine linke Flanke geschwächt hatte, brachte den Erzherzog auf die «großartige Idee» (Meyer-Ott(Wilhelm Meyer-Ott:) Johann Konrad Hotz, später Friedrich Freiherr von Hotze, K. K. Feldmarschalllieutenant […]. Friedrich Schultheß, Zürich 1853, S. 355 ().) vor seinem Abzug aus der Schweiz bei Döttingen zwei Schwimmbrücken zu errichten und mit 39'000 Österreichern und RussenMoriz von Angeli: Erzherzog Carl von Österreich als Feldherr und Heeresorganisator. 2. Band, Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1896, S. 279 (). die Aare zu überschreiten. Was er nicht wusste, aber die Erfolgsaussichten seines Planes erhöhte: Massena hatte sein Hauptquartier verlassen, um Lecourbe zu unterstützen, und den Oberbefehl seinem verwundeten Generalstabschef Oudinot überlassen.(Guillaume-Henri Dufour:) Campagne de 1799, d’après l’archiduc Charles, les généraux Massena, Jomini, etc. In: Revue Militaire Suisse. 1/1856, zahlreiche Fortsetzungen; 2/1857, dito, hier S. 191 ().

Es gelang dem Erzherzog, die erwähnte Truppenmasse im Surbtal zusammenzuziehen, bevor die Franzosen davon erfuhren. Mit der Verteidigung Zürichs betraute er Hotze mit 7500 Mann, mit jener des Limmatabschnitts bis Baden Feldmarschallleutnant Baillet de LatourSpäter Feldzeugmeister. mit 6000 Mann. Bei Zürich, aber auch bei Stühlingen, Basel, Schliengen und Breisach liess er Ablenkungsmanöver durchführen und an den Mündungen von Limmat und Aare sowie bei Waldshut Artillerie auffahren.Moriz von Angeli: Erzherzog Carl von Österreich als Feldherr und Heeresorganisator. 2. Band, Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1896, S. 279 f. ().

Über den Ausgang des Unternehmens berichtete der Generalstabschef ad interim der helvetischen Armee, Chef de brigade Clavel, seinem Vorgesetzten Kriegsminister Lanther:

Österreichische Berichte

1819 veröffentlichte der Erzherzog anonym eine Geschichte des Feldzugs von 1799. Danach glaubte er, die Franzosen hätten zwischen Baden und BernauEhemals Vorderösterreich. über kaum 2000 Mann verfügt, wovon 2 Kompanien in Kleindöttingen (Gemeinde Böttstein), und in der näheren Umgebung einzig über 1500 Mann bei LaufenburgEhemals Vorderösterreich. und 600 Mann in Lenzburg.Erzherzog Karl (1819), S. 119 ().

Über den Schlachtplan gibt es unterschiedliche Angaben: Laut Angeli sollten über die untere Brücke Feldmarschallleutnant Nauendorf mit 11 Bataillonen und 13 Schwadronen (gut 13'000 Mann) sowie das Corps de réserve unter Feldmarschallleutnant Kospoth mit 9 Bataillonen und 24 Schwadronen (9000 Mann) Richtung Laufenburg vorstossen, über die obere Brücke die ersten in der Schweiz eingetroffenen Russen, nämlich 10 Bataillone und ein Kosakenregiment (6700 Mann), sowie Feldmarschallleutnant Fürst Reuss mit 11 Bataillonen und 7 Schwadronen (gut 10'000 Mann) Richtung Brugg.Moriz von Angeli: Erzherzog Carl von Österreich als Feldherr und Heeresorganisator. 2. Band, Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1896, S. 279 f. ().

Gemäss General Dufour sollte es die obere Brücke einer Vorhut von 5 Bataillonen und 6 Schwadronen ermöglichen, dem Gegner die Strasse von Brugg nach RheinfeldenEhemals Vorderösterreich. abzuschneiden und so den Marsch von 6 weiteren österreichischen Bataillonen sowie der Russen zu decken, die sich der Aarebrücken von Brugg und Aarau sowie der Reussbrücke von Gebenstorf zu bemächtigen hatten. Die untere Brücke sei für den Vorstoss von 12 Bataillonen und 12 Schwadronen rheinabwärts bestimmt gewesen. Schliesslich hätten 9 Bataillone und 24 Schwadronen den Übergang sichern und dann – ein Bataillon als Brückenwache zurücklassend – als Reserve nach Brugg folgen sollen.(Guillaume-Henri Dufour:) Campagne de 1799, d’après l’archiduc Charles, les généraux Massena, Jomini, etc. In: Revue Militaire Suisse. 1/1856, zahlreiche Fortsetzungen; 2/1857, dito, hier S. 192 ().

Ausschlaggebend für das Scheitern des Aareübergangs war nach Darstellung des Erzherzogs, dass seine Pontonieroffiziere sich nicht ausreichend über die Beschaffenheit des Flusses informiert hatten. Auch seien zu wenige Pontons vorhanden gewesen, um vor dem Brückenbau Truppen nach Kleindöttingen überzusetzen. Als die Anker im felsigen Flussbett nicht gegriffen hätten, habe es an Seilen gefehlt, um die Pontons am Ufer zu befestigen. Mehrere seien leck geschlagen, andere hätten sich losgerissen – «kurz es zeigte sich eine schändliche Nachlässigkeit und Verkehrtheit in diesem Fache des Kriegswesens.»Erzherzog Karl (1819), S. 126, 128 (). Über seine eigenen Fehler schrieb Karl (in dritter Person):

Darin aber sahen der Verfasser des Klassikers Vom Kriege, Clausewitz,Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk. 3 Theile, Ferdinand Dümmler, Berlin 1832–1834 (1: ; 2: ; 3: ). und der Erforscher des österreichischen Pionierwesens, Brinner, den Hauptgrund des Misserfolgs. Ihrer Ansicht nach hätte der Erzherzog die Pontons einer der beiden mitgeführten Schiffbrücken benützen sollen, um eine Vorhut nach Kleindöttingen überzusetzen. Ohnehin hätten die 56 aus Zurzach und Kaiserstuhl herbeigeschafftenIvo Pfyffer: Aus dem Kriegsjahr 1799. Der Versuch eines Aarüberganges bei Döttingen durch Erzherzog Karl. A. Doppler, Baden 1899, S. 24 (). Pontons laut Brinner kaum für den Bau zweier Brücken gereicht.Carl von Clausewitz: Die Feldzüge von 1799 in Italien und der Schweiz. 2. Theil. Ferdinand Dümmler, Berlin 1834, S. 59 (); Wilhelm Brinner: Geschichte des k. k. Pionnier-Regimentes in Verbindung mit einer Geschichte des Kriegs-Brückenwesens in Oesterreich […]. Verlag des Regiments, Wien 1878, S. 534–536 ()

mini|(Anonym:) Standorte der Brücken und der österreichischen Batterien

Bei Einbruch der Nacht vom 16. auf den 17. August erreichten die Truppen ihre Marschziele zwischen Endingen, wohin der Erzherzog sein Hauptquartier verlegt hatte, Tegerfelden und Döttingen. Um Mitternacht kam der Brückentrain am Aareufer an. Um zu sehen, was vorging, sollen die Verteidiger von Kleindöttingen darauf eine Scheune in Brand gesteckt haben. Karl war beim Standort der oberen Brücke zugegen, als die Pontoniere um zwei Uhr früh ans Werk gingen.Moriz von Angeli: Erzherzog Carl von Österreich als Feldherr und Heeresorganisator. 2. Band, Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1896, S. 279–281 (). Nun eröffneten die Republikaner das Feuer, welches von einem Bataillon Slawonischer Grenzinfanterie2. Bataillon des Peterwardeiner Regiments Nr. 9. erwidert wurde. Die österreichische Artillerie verwandelte Kleindöttingen, das damals nur 96 Einwohner zählte, durch Beschuss mit glühenden KugelnFranz Xaver Bronner: Der Canton Aargau. 2. Hälfte, Huber und Compagnie, St. Gallen/Bern 1844, S. 304 (). in einen Schutthaufen. Doch in einem Gehölz versteckte Plänkler trotzten dem Bombardement.Wilhelm Brinner: Geschichte des k. k. Pionnier-Regimentes in Verbindung mit einer Geschichte des Kriegs-Brückenwesens in Oesterreich […]. Verlag des Regiments, Wien 1878, S. 532 f., 536–538 ().

Gemäss einem Bericht aus Bern erlitten die Österreicher sehr bedeutende Verluste, «vor allem an Ertrunkenen».Gazette nationale ou le Moniteur universel. Paris, 1. Sept. 1799, S. 1 (). Auch der Erzherzog schrieb, das gegnerische Feuer sei so heftig gewesen, «dass alle, welche an den Brücken arbeiteten, nach und nach getödtet oder verwundet wurden».Erzherzog Karl (1819), S. 128 (). Laut Brinner hingegen hatten die 95 Pontoniere und die sie unterstützenden 3 Pionierkompanien nur einen einzigen Gefallenen und 19 Verwundete zu verzeichnen, die Grenzer aus Sremska Mitrovica, die ihnen Feuerschutz gaben, 6 Gefallene und 78 Verwundete. Brinner zufolge wurden die Arbeiten eingestellt, als an der oberen Brücke erst 13, an der unteren 10 Pontons eingebaut waren.Wilhelm Brinner: Geschichte des k. k. Pionnier-Regimentes in Verbindung mit einer Geschichte des Kriegs-Brückenwesens in Oesterreich […]. Verlag des Regiments, Wien 1878, S. 533, 535 ().

Lieber als an den Republikanern wollten die Kaiserlichen an der Natur gescheitert sein. Nach ihren Angaben meldete die Presse: «Nicht sowohl der Widerstand der Franzosen, der ziemlich unbedeutend gewesen seyn soll, sondern die felsige Beschaffenheit des FlußBettes und die Schnelle des Stroms, welche die Anker nicht haften liessen, machten das Projekt aufgeben […].»Ludwig Ferdinand Huber (Red.): Allgemeine Zeitung. Stuttgart 1799, 25. Aug., S. 1048 f., 5. Sept., S. 1083 (). Der Brückenschlag sei «auf eine mehr lächerliche als nachtheilige Weise» gescheitert. Alternativ wurde er als blosse «Demonstration», als Scheinangriff dargestellt, der den Feind von weiterem Vordringen in der Linthebene abgehalten habe.Johann Konrad Escher, Paul Usteri (Hrsg.): Neues helvetisches Tagblatt. Bern, 10. Sept. 1799, S. 387 ().

Französische Berichte

Gemäss seinem Biografen Bonnal hatte Général de division Ney erst am 16. August den Befehl erhalten, statt des Kommandos der 6. Division (FrickEhemals Vorderösterreich.) jenes der 5. Division (Brugg) zu übernehmen. Am folgenden Tag wollte er sich in sein neues Hauptquartier begeben. Um zwei Uhr früh aber meldete ihm Général de brigade Goullus aus Laufenburg, Geschützlärm veranlasse ihn, nach Bernau zu reiten, wo ein Bataillon der 2. Demi-brigade helvétique stationiert war, und die in Laufenburg befindlichen Truppen in Marsch zu setzen.Henri Bonnal: La vie militaire du Maréchal Ney […]. 1. Band, R. Chapelot et Cie, Paris 1910, S. 176, 179 f. (). (Um die Franzosen abzulenken, hatten die Österreicher auch bei Waldshut eine Kanonade eröffnet.Erzherzog Karl (1819), S. 124 ().)