Der Untergang ist ein autobiografischer Essay von Hans Erich Nossack. Der Text wurde 1943 unter dem unmittelbaren Eindruck der Zerstörung Hamburgs bei den als „Operation Gomorrha“ bekannten schweren Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg begonnen. Er erschien 1948 zunächst als Teil von Interview mit dem Tode im Krüger-Verlag, dann 1961 als eigenständige Veröffentlichung bei Suhrkamp.
Inhalt Im Zentrum des Berichts stehen die Bombenangriffe auf Hamburg im Juli/August 1943, bei denen die Stadt weitgehend zerstört wurde. Das Erleben erfolgt zunächst aus der Ferne, da Nossack und seine Frau sich für einen Erholungsurlaub ein Haus in der Lüneburger Heide bei Maschen, ca. 15 Kilometer vor Hamburg, gemietet hatten.Joseph Kraus: Hans Erich Nossack. 1981, S. 36.
Die Konfrontation mit dem Inferno und seinen Folgen vollzieht sich in mehreren Stufen: Da ist zunächst das Geräusch der sich mit ihrer Bombenlast nähernden Flugzeuge, von denen Nossack und seine Frau Gabriele – im Text als „Misi“ erscheinend – in der Nacht geweckt werden:
Für Nossack, der das Schauspiel beobachten will und sich nicht in den Keller des Hauses begeben hat, ist zunächst nicht viel zu sehen, nur die von Flugzeugen abgeworfenen Leuchtkörper, die sogenannten „Tannenbäume“, das Abwehrfeuer der Flak, darunter eine sich ausbreitende Rauchwolke, „die durch das Feuer der Stadt von unten her rot angestrahlt war.“Hans Erich Nossack: Der Untergang. Hamburg 1943. 1981, S. 16.
Die nächste Stufe ist die Begegnung mit den aus Hamburg flüchtenden Menschen:
Den Nossacks wird langsam klar, dass sie selbst in ihrem Ferienhaus zu Flüchtlingen geworden sein könnten. Ob ihr Haus in der Stadt erhalten oder auch zerstört ist, wissen sie zunächst nicht.
Es folgt die Fahrt in die Stadt und damit die Gewissheit, dass sie selbst von der Zerstörung betroffen sind. In ihrem Wohnhaus sind auch die Manuskripte und Tagebücher Nossacks verbrannt, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts veröffentlicht hatte. Im Kontor im Freihafen steht das Haus noch, die Räume sind aber durch Bombenwirkung und Löschwasser verwüstet. Die Nossacks sammeln einige Habseligkeiten ein, darunter eine Schreibmaschine, und es finden sich auch noch einige Manuskripte. In den folgenden Tagen wird alles geplündert werden, vor allem die Kaffeeproben und Verschiffungsmuster. „In den hundert Kontoren [des Freihafens] fand sich später buchstäblich keine Bohne mehr.“Hans Erich Nossack: Der Untergang. Hamburg 1943. 1981, S. 103.
Die nächste Stufe ist die Bewusstwerdung des Verlusts von vertrauter Welt und Vergangenheit, die sich in diesem Fall an der Kirche Sankt Katherinen festmacht:
In Zusammenhang mit dieser Kirche taucht bei Nossack eine Erinnerung auf:
Diese als Omen des Untergangs gedeuteten Vögel erscheinen auch in Nossacks Nekyia als zwei geheimnisvolle Vogelwesen, wobei sie dort den Turm des Rathauses umkreisen.Hans Erich Nossack: Nekyia – Bericht eines Überlebenden (= Bibliothek Suhrkamp Band 72). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1974, S. 43f.
Weitere tierische Boten des Untergangs erscheinen in Gestalt von Ungeziefer:
Wenn Nossack die Reaktion der Menschen auf die allgemeine Vernichtung beobachtet – auch die eigene –, so sieht er vor allem verschiedene Formen von anscheinender Gleichgültigkeit. Das Ausbleiben sonst eigentlich erwartbarer Reaktionen wie Wut und Rachedurst scheint ihm erstaunlich:
Die Gleichgültigkeit äußert sich auch gegenüber der Macht des Staates und seiner Organe:
Diese Beobachtungen werden immer wieder unterbrochen von teils ausgedehnten Reflexionen, weshalb der Text Merkmale von Essay, Autobiografie und Bericht in sich vereinigt. Die Reflexionen beziehen sich dabei unter anderem auf Ich, Wahrnehmung und insbesondere auf die Sprache und ihre Adäquatheit bei der Versprachlichung von Ausnahmesituationen. Ausgespart bleiben Fragen der Schuld der Deutschen am Krieg oder an den Verbrechen der Nationalsozialisten.Nationalsozialisten und Nationalsozialismus werden im Text an keiner Stelle genannt.
Demgegenüber steht die in Nekyia noch ausgeprägter erscheinende Tendenz zu Überhöhung und Mythisierung, wenn von „Sintflut“ oder dem „jüngsten Tag“„Dies alles muß einmal gesagt werden; denn es gereicht dem Menschen zum Ruhm, daß er am jüngsten Tage sein Schicksal so groß empfand.“ Hans Erich Nossack: Der Untergang. Hamburg 1943. 1981, S. 65. die Rede ist, der Krieg als eine Art Naturereignis erscheint, als „das Wüten der Welt gegen sich selbst“Hans Erich Nossack: Der Untergang. Hamburg 1943. 1981, S. 21. oder die Fahrt in die zerstörte Stadt als Eintritt in die Unterwelt inszeniert wird.
Rezeption Die Erstausgabe stieß in der Zeit des Wiederaufbaus Nachkriegsdeutschlands auf Desinteresse. Nachdem 1981 eine aufwändig bebilderte Neuauflage mit Fotografien von Erich Andres im Kabel Verlag unter intensiver medialer Begleitung erschienen war, wurde das Werk ein Verkaufsschlager. In der Zeit von NATO-Doppelbeschluss und Aufstellung der Pershing 2 passte es in den Zeitgeist. Es gilt heute als verlässlicher Longseller.Malte Thießen: Bomben im Gedächtnis der Stadt. Erinnern an „Operation Gomorrha“ von 1943 bis heute. In: Als Hamburg im Feuersturm versank. Ellert und Richter, Hamburg 2023, ISBN 978-3-8319-0841-7, S. 104 f.
Bereits 1949 erschien eine französische Übersetzung (L'effondrement) in der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift Les Temps Modernes. Weitere Übersetzungen folgten, darunter Englisch (The End), Italienisch (La fine) und Spanisch (El hundimiento). Der Untergang ist der mit Abstand meistverkaufte Text Nossacks.Torsten Hoffmann: Nossack, Hans Erich: Der Untergang. In: Kindlers Literatur-Lexikon. Stuttgart 2020.
Der Text etablierte Nossacks Ruf als „epischer Experte für Katastrophen“Siegfried Lenz: Archäologie des Gewissens. In: Die Zeit vom 18. November 1977. und durch ihn gilt er als der erste Autor der deutschen Literatur der Nachkriegszeit, der die Schrecken des Bombenkriegs in relativ nüchterner Form beschrieb. In der ab 1997 ausgetragene Debatte um W. G. Sebalds Thesen zu Luftkrieg und Literatur wird der Bericht Nossacks als herausragendes Zeugnis gewürdigt. Sebald schreibt:
Der US-amerikanische Verleger Edwin Frank zählte Der Untergang im Jahr 2026 zu den 30 bahnbrechenden Romanen des 20. Jahrhunderts.
Ausgaben Erstdruck: Der Untergang. In: Interview mit dem Tode. Krüger, Hamburg 1948. 2. Auflage unter dem Titel Dorothea : Berichte. Krüger, Hamburg 1950. Erstausgabe: Der Untergang (= suhrkamp texte 9). Nachwort von Walter Boehlich. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961. Weitere Ausgaben: Der Untergang (= Edition Suhrkamp Bd. 19). Nachwort von Walter Boehlich. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1963. Der Untergang (= Bibliothek Suhrkamp Bd. 523). Mit einem Nachwort von Siegfried Lenz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-518-01523-0. Der Untergang. Hamburg 1943. Mit Fotos von Erich Andres. Nachwort von Erich Lüth. Kabel Verlag, Hamburg 1981, ISBN 3-921909-70-8.
Literatur Hans Geulen: Nossacks ‚Untergang‘ und Arno Schmidts ‚Leviathan‘ : Probleme ihrer Gegenwärtigkeit nach 1945. In: Zettelkasten 8 (1990), S. 211–231. Günter Häntzschel: Untergang und Neuanfang. Zu Hans Erich Nossacks Bericht ‚Der Untergang‘. In: Marijan Bobinac (Hrsg.): Literatur im Wandel (= Zagreber Germanistische Beiträge – Beihefte 5). 1999, S. 365–376. Torsten Hoffmann: Nossack, Hans Erich: Der Untergang. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur-Lexikon. J.B. Metzler, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-476-05728-0. Joseph Kraus: Hans Erich Nossack. C. H. Beck, München 1981, ISBN 3-406-08419-2, S. 35–39. W. G. Sebald: Zwischen Geschichte und Naturgeschichte. Versuch über die literarische Beschreibung totaler Zerstörung mit Anmerkungen zu Kasack, Nossack und Kluge. In: Orbis litterarum 37, 1982, S. 345–366.
Einzelnachweise
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