mini|David Grossman (2015) David GrossmanDie deutsche Schreibweise des Namens schwankt zwischen „Grosman“ (Deutsche Nationalbibliothek), „Grossman“ (dtv, Jüdische Zeitung) und „Grossmann“ (ebenfalls dtv). (; * 25. Januar 1954 in Jerusalem) ist ein israelischer Schriftsteller und Friedensaktivist.Martin Doerry, Christoph Schult: Nicht reif für den Frieden. In: Der Spiegel. 33/2009. Er ist Autor von Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Essays.
Leben David Grossmans Mutter Michaella wurde 1933 im britischen Mandatsgebiet Palästina geboren. Ihr Vater stammte aus Warschau, ihre Mutter aus Łódź. Grossmans Vater Yitzhak emigrierte 1936 im Alter von neun Jahren mit seinem Bruder und seiner zionistisch eingestellten Mutter, einer bereits in Polen verwitweten Frau, vom polnischen Dynów ins britische Mandatsgebiet.Rachel Cooke: David Grossman: „I cannot afford the luxury of despair“. In: The Observer. 29. August 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013 (englisch). Sein Vater war ein Busfahrer beim städtischen Verkehrsbetrieb Hamekasher, seine Mutter, eine Hausfrau, verdiente etwas Geld mit kleinen Arbeiten.
Die Familie unterstützte die Arbeitspartei Mapai; sie teilte sich ein Haus mit 18 anderen Familien. Grossman sagt von sich, er sei in einem Klima der Anspannung und Vernichtungsangst aufgewachsen, die sich unter dem Eindruck des Sechstagekrieges, den er 1967 in Jerusalem erlebte, gelöst und in ihr Gegenteil – ein neues Machtgefühl gegenüber den Besiegten – verkehrt habe. Nach dem Krieg orientierten sich seine Eltern zur politischen Rechten.
Grossman nahm in der Schule Arabischunterricht und las arabische Literatur. Er studierte Philosophie und Theater an der Hebräischen Universität in Jerusalem und leistete einen vierjährigen Militärdienst beim Nachrichtendienst. Im Rückblick sagt er von sich, er sei damals politisch nach rechts orientiert gewesen, woran auch die Haltung seiner Frau, die einer kommunistischen Familientradition verbunden war, nichts geändert hätte, jedoch hätte er seinen politischen Standpunkt einige Jahre vor dem Libanonkrieg revidiert. Er arbeitete als Korrespondent und Moderator für die israelische öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalt Kol Israel, für die er schon als zehnjähriges Kind an Sendungen teilgenommen hatte. Zwischen 1970 und 1984 war er für eine populäre Kindersendung verantwortlich. Sein Jugendbuch Ein spätes Duell wurde hier zuerst als Hörspiel gesendet.
Nach dem Erscheinen seines Buches Der gelbe Wind, eines kritischen Berichts über die israelische Besatzung des Westjordanlandes, wurde er im November 1988 vom Radiosender entlassen, weil er sich weigerte, in der von ihm moderierten Morgensendung zu verschweigen, dass die Palästinenserführung unter Jassir Arafat einen eigenen Staat ausgerufen und das Zwei-Staaten-Prinzip und damit den Staat Israel anerkannt hatte. Grossman brachte den Fall vor Gerichte, und seine Entlassung wurde in der Knesset behandelt, worauf ihn der Radiosender wieder einstellte. Während eines Sabbatjahres, das er zum Schreiben eines seiner Romane nutzte, entschied er sich, nicht zum Radio zurückzukehren. Grossman beklagte die geringe Solidarität anderer Radiomitarbeiter.
David Grossman lebt in Mewasseret Zion, einem Vorort Jerusalems. Er trat als Friedensaktivist hervor. 1989 wurde er für sein Engagement mit dem Mount Zion Award ausgezeichnet. In mehreren Büchern äußerte er sich kritisch zum Nahostkonflikt. Er gehört zu den Unterzeichnern der Genfer Friedensinitiative von 2003. Im August 2006 forderte er gemeinsam mit Abraham B. Jehoshua und Amos Oz von Israels Regierungschef Ehud Olmert ein sofortiges Ende der Kämpfe im Libanon. Wenige Tage später, am 12. August 2006, fiel Grossmans jüngster Sohn Uri als Mitglied einer Panzereinheit im Südlibanon. An der Beerdigung am 15. August in Jerusalem sagte er: „Ich werde jetzt nicht vom Krieg sprechen, in dem du getötet wurdest. Wir, unsere Familie, wir haben ihn schon verloren. Israel wird nun sein Gewissen befragen müssen. Und wir schliessen uns in unserem Schmerz ein.“
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hielt er die Gedenkrede für die von der Hamas Ermordeten, Gefolterten und Verschleppten bei der Trauerfeier der Kibbuzbewegung am 16. November 2023.David Grossman: Unser Mut zum neuen Anfang. Zum Gedenken an die Opfer des 7. Oktober. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. November 2023, S. 13. Ende Juli 2025 erklärte Grossman – „mit gebrochenem Herzen“ –, Israel begehe einen Völkermord an den Palästinensern im Gazastreifen.
Einzelne Werke Wohin du mich führst Im mehrfach ausgezeichneten Jugendbuch Wohin du mich führst verwebt Grossman zwei Handlungsstränge miteinander. Die erste Geschichte erzählt von einem 16-jährigen Jungen namens Assaf, der einen Ferienjob in der Jerusalemer Stadtverwaltung hat. Eine seiner Aufgaben ist es, den Besitzer eines Hundes zu finden. Dieser Hund führt ihn zu verschiedenen Freunden der Besitzerin, die ihm Geschichten über diese erzählen. Allmählich entsteht bei ihm ein Bild von der Besitzerin. Im Mittelpunkt der zweiten Handlung steht die ebenfalls 16-jährige Tamar, die Besitzerin des Hundes. Sie ist, wie sich herausstellt, plötzlich mit ihrer Hündin untergetaucht, um ihrem drogenabhängigen Bruder zu helfen, der ein talentierter Musiker ist und im Heim eines skrupellosen Mäzens gefangen gehalten wird. Am Ende des Buches treffen sich die Protagonisten der beiden Stränge. Rezensenten lobten die phantasievoll entwickelten Charaktere des Buches und seine „stimmige Dramaturgie“.Neue Zürcher Zeitung, 25. September 2002.
Löwenhonig Löwenhonig. Der Mythos von Samson erschien 2005. Das Buch ist eine aus dem Geist einer „Chavrutah“„Ich gehöre einer ‚Chavrutah‘ an. Eigentlich versteht man unter einer ‚Chavrutah‘ zwei Jeschiwa-Schüler, aber wir sind zu dritt: ich, ein weiterer Mann und eine Frau. Eine wunderbare Sache. Wir treffen uns jede Woche und sitzen vier Stunden zusammen und nehmen einen Bibeltext unter die Lupe. Wir machen eben genau das, was Juden während ihrer ganzen Geschichte getan haben.“ Vgl. Weblinks: «Es ist Zeit, dass wir unser wirkliches Leben leben». Eine Chavrutah ist als Textarbeit zu zweit Teil der Jeschiva (Talmudschule). (einer Art jüdischem Bibel-Lesekreis) entstandene Deutung des Samson-Mythos aus dem Buch der Richter.Die Geschichte Samsons wird erzählt in den Kapiteln 13 bis 16. Der Titel spielt auf die Lösung des Rätsels an, das Samson den Philistern aufgibt: „Was ist süßer als Honig? Was ist stärker als ein Löwe?“ ()
Grossmans Samson ist ein tragischer Held, ein jüdischer Sisyphos; Samsons göttliches Auserwähltsein wird als schicksalhaftes Stigma gedeutet. In einer einfühlenden, ebenso tiefenpsychologisch wie gegenwartskritisch argumentierenden Auseinandersetzung mit dem Helden Israelsvgl. D. Grossman. Löwenhonig, S. 17: „Samson, der Held, so lernt ihn jedes jüdische Kind von klein auf kennen.“ Grossman weist darauf hin, dass bsw. der Plan zur atomaren Aufrüstung Israels „Samsons Entscheidung“ genannt wurde. Vgl. ebd, S. 84. erwächst hier die These von Samson als dem mythischen Prototyp eines Selbstmordattentäters.„Heute […] wird man den Gedanken nicht los, dass Samson in gewisser Weise der erste Selbstmordattentäter war. Und obwohl die Umstände seiner Tat andere waren als die Attentate im heutigen Israel, ist es denkbar, dass sich jenes Prinzip – durch Selbstmord Rache und Mord an Unschuldigen zu verüben – im Bewußtsein der Menschen verankert hat, jenes Prinzip, das in den letzten Jahren so sehr perfektioniert wurde.“ ebd, S. 122 f. Die Deutung des Mythos gerät zugleich zu einer Kritik der Politik des Staates Israel, dem Grossman ein „problematisches Verhältnis“ zur eigenen Macht unterstellt. Die Demonstration von Stärke, das Beantworten von Gewalt mit übermächtiger Gegengewalt sei „eindeutig ein ‚samsonsches‘ Handlungsmuster“.vgl. ebd, S. 83; „Die Macht wird als ein Wert an sich angesehen, der immer wieder bestätigt werden muss; beinahe automatisch beschreitet man den Weg der Gewalt, statt andere Reaktionsmöglichkeiten auszuloten – und dies ist ein eindeutig ‚samsonsches‘ Handlungsmuster.“
Die Übertragung des Mythos auf die aktuelle Situation stieß teilweise auf Kritik. Die Analogie werde, so etwa die Jüdische Allgemeine, dem komplizierten Nahostkonflikt nicht gerecht.Ralf Balke: Zions gefallener Superheld. In: Jüdische Allgemeine. 2006. (Rezension zu Löwenhonig.) : „Solche Analogien muss man nicht gut finden, liefern sie doch genau jenen Kommentatoren Munition, die den komplizierten Nahostkonflikt auf die zum Verständnis wenig hilfreichen Phrasen von David gegen Goliath oder ähnlich dummes Zeug reduzieren wollen.“
Die Kraft zur Korrektur Der Essayband Die Kraft zur Korrektur enthält Beiträge Grossmans zur Politik und Literatur. So beschreibt er seine Faszination für die Texte von Scholem Alejchem, die ihm die untergegangene Kultur des osteuropäischen Schtetls nahegebracht hätten. Die Geschichten über Tewje, den Milchmann, und die anderen Bewohner einer galizischen Kleinstadt führten ihn in ein exotisches Land, in dem es nach „Sauerteig, Essig, Rauch“ roch. Schon als Kind habe sich seine Sicht auf diese literarischen Figuren jedoch geändert: „Als ich etwa neuneinhalb Jahre war, wurde mir mitten in der Trauerfeier am Gedenktag für die sechs Millionen Opfer der Shoah, mitten in einer jener unsensiblen, abgedroschenen hilflosen Zeremonien, mit einem Mal klar: Diese sechs Millionen, diese Ermordeten, diese Opfer, diese ‚Märtyrer der Shoah‘, wie man sie auch nannte – das waren meine Leute. Das waren Mottel, Tewje, Lili und Shimek.“
Zu den anderen Beiträgen des Buches zählen die Rede zur Eröffnung des Berliner Literaturfestivals 2007 und seine Ansprache anlässlich der Gedenkfeier für den Friedensnobelpreisträger und ehemaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin im November 2006. Hier forderte er Ehud Olmert auf, trotz der Terroraktion der Hamas auf die Palästinenser zuzugehen. In vielen Texten Grossmans schwingt deutlich Pessimismus mit: „Seht, was aus dem jungen, mutigen, enthusiastischen Staat geworden ist!“
Eine Frau flieht vor einer Nachricht Der in der deutschsprachigen Ausgabe über 700 Seiten umfassende Roman erzählt die Geschichte von Ora und ihren beiden Lebensgefährten Ilan und Avram, von denen sie jeweils einen Sohn hat. Die drei lernen sich 1967 während des Sechstagekrieges als jugendliche Patienten in einer Quarantänestation kennen. Der gemeinsame Lebensweg wird im Rückblick vor allem aus Oras Sicht erzählt.
Als sich ihr jüngster Sohn Ofer (dessen Vater Avram ist) freiwillig zu einem Militäreinsatz meldet, versucht sie, die Kriegslogik zu durchbrechen: Sie verweigert die Mutterrolle und entzieht sich der Überbringung der befürchteten Todesnachricht, indem sie mit Avram zu einer mehrtägigen Wanderung durch die Gebirge Israels aufbricht.
Die Wanderung führt in doppeltem Sinn durch Israel – einerseits räumlich, andererseits aber auch durch die Zeitgeschichte, die beginnend mit dem Sechstagekrieg über den Jom-Kippur-Krieg bis zum Zeitpunkt der Erzählung führt. So wie sich überall am Wegesrand der Wanderung Zeichen und Denkmäler für die von militärischen Ereignissen geprägte Staatsgeschichte Israels finden, so finden sich in den Lebensgeschichten Oras, Avrams und Ilans immer wieder „Wegmarken“, welche die große Politik, die Kriege und die alltägliche Bedrohung im Leben des Einzelnen hinterlassen. Beispiele: das Kennenlernen während des Sechstagekriegs; der Jom-Kippur-Krieg, den Avram nur schwer traumatisiert überlebt; der Taxitransport eines kranken palästinensischen Kindes in ein illegales Krankenhaus; Erlebnisse während des Militärdienstes; die Furcht von Busfahrern vor Sprengstoffattentaten etc.