Die Jüdische Anlernwerkstatt Frankfurt existierte unter wechselnden Bedingungen von 1933 bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1942. Vor dem Hintergrund der Verdrängung jüdischer Schüler aus dem beruflichen Ausbildungswesen und der generellen Verdrängung der Juden aus der Berufswelt war sie eine jüdische Selbsthilfeeinrichtung zur Berufsumschichtung und zur beruflichen Grundausbildung. Die Ausbildung der Lernwerkstatt war immer auch auf eine Emigration hin ausgerichtet, das heißt der Vorbereitung und Tauglichmachung auf ein Leben außerhalb Deutschlands, bevorzugt in Palästina. Vergleichbare Einrichtungen wie in Frankfurt gab es unter anderem in Hamburg, Berlin, Ludwigshafen, Stuttgart und München.Gedenkbuch München: Jüdische Anlernwerkstätten Biederstein 7, Reichenbachstraße 27 auf dem Stadtportal münchen.de Nach Rudolf Stahl gab es bis 1937 „in Deutschland sechzehn solcher Lehrwerkstätten, sechs davon in Berlin und die übrigen in anderen größeren Städten. In jeder Lehrwerkstatt befanden sich zwischen einhundert und zweihundert junge Menschen in Ausbildung.“„By 1937 there were sixteen such training workshops in Germany, six of them in Berlin and the rest in other larger cities. In each workshop there were between one hundred and two hundred young people in training.“ (Rudolf Stahl: Vocational Retraining of Jews in Nazi Germany, S. 182)

Obwohl bereits im ersten Ausbildungsjahr der Einrichtung 22 Mädchen in Hauswirtschaft ausgebildet wurden (siehe Rosy Epsteins Artikel Tatsachen zur Berufsumschichtung), war die Anlernwerkstatt vorrangig eine Ausbildungsstätte für die männliche Jugend. Die gärtnerische und landwirtschaftliche Ausbildung war die einzige, in der Jungen und Mädchen gemeinsam berufliche Kenntnisse erwerben konnten. Ansonsten galt eine strikte Trennung: für Jungen eine handwerkliche Ausbildung, für Mädchen eine hauswirtschaftliche oder eine als Schneiderin und Näherin und allenfalls die gärtnerische und landwirtschaftliche Ausbildung. Dafür sprachen keine praktischen Gründe, sondern nahezu ausschließlich Vorstellungen über die unterschiedlichen Rollen von Mann und Frau in Beruf und Familie. Diese manifestierten sich bereits in der 1897 gegründeten Jüdische Haushaltungsschule Frankfurt, die auch nach 1933 noch am Ideal einer für Frauen obligatorischen hauswirtschaftlichen Ausbildung festhielt.

Vorgeschichte Anlernwerkstätten waren als pädagogische und vor allem auch berufspädagogische Einrichtungen schon bekannt, bevor sie sich als Ausbildungsstätten in einem jüdischen Kontext etablierten.

Die Stellungnahme des Magistrats befasste sich überwiegend mit den Erfahrungen aus den Anlernwerkstätten für Jungen, da „die Zeit des Bestehens der Anlernwerkstätte für Mädchen [..] noch zu kurz [ist], um hier ein auf ausreichende Erfahrungen gestütztes Urteil abgeben zu können“. Heute werden derartige Einrichtungen als Berufsbildungswerke bezeichnet.

Eine dieser Frankfurter Anlernwerkstätten befand sich in der Berufsschule VI für Hilfs- und Verkehrsgewerbe in der Oppenheimer Landstraße 15 im Stadtteil Frankfurt-Sachsenhausen (heute Sitz der Textorschule). An ihr unterrichtete seit Ostern 1926 Bernhard Beling (* 17. September 1894 in Frankfurt; † 8. Januar 1983), ein Gewerbelehrer mit abgeschlossener Schlosserausbildung und vorangegangenen Lehrtätigkeiten am Landesaufnahmeheim SteinmühleDas Landesaufnahmeheim Steinmühle in Ober-Erlenbach wurde 1907 als Arbeitslehr-Kolonie und Beobachtungsanstalt eröffnet und sollte nach 1922 nach einem Besitzerwechsel als Landesaufnahmeheim fortbestehen. (Online im Arcinsys Hessen: Signatur HHStAW, 430/1, 12729) In der ursprünglichen Funktion war die Steinmühle eine „Arbeitskolonie für Minderbefähigte“ (Mechthild Bereswill / Theresia Höynck / Karen Wagels: Heimerziehung 1953–1973 in Einrichtungen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Bericht zum Interdisziplinären Forschungs- und Ausstellungsprojekt, Januar 2013, S. 22) oder – wie es im Rückgriff auf lokalhistorische Forschungen in der Begründung zu einem Bebauungsplan der Stadt Bad Homburg 2016 heißt – „eine Ausbildungsstätte für junge Leute („schulentlassene, minderbefähigte und geistig abnorme Kinder“)“. (Stadt Bad Homburg: BEBAUUNGSPLAN NR. 136 „Steinmühle“) Diese Funktion hatte die Einrichtung auch noch zur Zeit, als Bernhard Beling dort arbeitete (23. August 1922 bis 1. April 1923), bevor sie 1926 „in ein Landesaufnahmeheim für „gefährdete Mädchen“ umgewandelt und ab 1933 [..] als Erholungsheim für die Hitlerjugend und als Müttergenesungsheim genutzt“ wurde. (Stadt Bad Homburg: BEBAUUNGSPLAN NR. 136) Teile der ursprünglichen Gebäude sind noch erhalten und beherbergen heute eine Außenstelle des Berufsbildungswerks Südhessen in Karben. Angeboten wird eine „berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB)[..], die umfangreiche Möglichkeiten der beruflichen Orientierung bietet“. (Staatliche Berufsschule im Berufsbildungswerk Südhessen: Standorte) und in der Odenwaldschule.Institut für Stadtgeschichte (Frankfurt am Main): Bestand A.11.02 Nr. 192996 – Personalakte Bernhard Beling Beling war in der Frankfurter Berufsschule VI bis zum 18. Dezember 1931 beschäftigt und bekam in einem Zeugnis vom 27. Dezember 1932 (!) bescheinigt, dass er „mit besonderer Vorliebe in den Klassen der arbeitsschwachen Jugendlichen, bei ehemaligen Hilfsschülern und in der Arbeitsanlernwerkstätte“ unterrichtet habe. Seine Entlassung sei aufgrund der vom Magistrat angeordneten Sparmaßnahmen notwendig geworden. Zum Zeitpunkt der Ausstellung des zuvor erwähnten Zeugnisses erhielt Beling einen Fortbildungszuschuss, der bis Frühjahr 1933 befristet war. Auf die Anfrage des Frankfurter Berufsschulamtes vom 18. März 1933, ob er weiterhin eine staatliche Beihilfe in Anspruch nehmen wolle, überlässt er diesem eine Abschrift seines Schreibens vom 1. April 1933 an das Regierungspräsidium. Darin heißt es unter Bezug auf einen zuvor gestellten Antrag auf „Beihilfe an beschäftigungslose Gewerbelehrer“: „Zu meinem obengenannte Schreiben berichte ich ergänzend, dass meine Beschäftigung beim Landesarbeitsamt am 30. April abläuft, dass ich also vom 1. Mai ab ohne Einnahmen aus lehramtlichen oder anderer Beschäftigung bin.“

Ob Belings Entlassung eine Folge städtischer Sparmaßnahmen war oder auch politische Gründe hatte, ist nicht eindeutig geklärt. Philipp Lenhard zitierte 2017 in einem Aufsatz die israelische Tageszeitung Ma‛ariv, in der behauptet worden sei, dass Beling „wegen seiner Ansichten 1933 von den Nazis aus dem Unterricht entfernt wurde“.Der Ma'ariv-Artikel wird zitiert in dem Aufsatz von Philipp Lenhard: Reconstruction und Reeducation. Max Horkheimer und die deutsch-israelische Freundschaft, 1948–1973, in: Naharaim, 2017, Nr. 11(1-2), S. 36. (beschränkter Online-Zugang) Naharaim ist eine Zeitschrift für deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte. In diese Richtung argumentiert auch das Stadtarchiv von Bad Homburg vor der Höhe. In einer Kurzbiografie im Zusammenhang mit dem Nachlass seiner Tochter Friedel Beling heißt es dort, Beling habe Kurse im Auftrag des Landesarbeitsamtes gegeben und sei später zuständig gewesen „für die Führerausbildung im freiwilligen Arbeitsdienst. 1933 wurde er aus dem Dienst entlassen, da er Versuche der NSDAP, dort Fuß zu fassen, stets erfolgreich verhindert hatte.“Stadtarchiv Bad Homburg vor der Höhe: Signatur StadtA HG, E 040 – Nachlass Friedel Beling

Die Gründung der Jüdischen Anlernwerkstatt Julius Bloch (1877–1956), „Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde in Frankfurt am Main, wo er auch Vorsitzender des jüdischen Wohlfahrtsausschusses und Leiter des Regionalbüros des Hilfsvereins der Juden in Deutschland war“Refugee Map: Documents from The Wiener Holocaust Library verfasste am 29. Januar 1956 ein Manuskript, in dem er beschrieb, wie es 1933 zur Gründung der Jüdischen Anlernwerkstatt kam. Deren Notwendigkeit stand für die Jüdische Gemeinde nach dem Judenboykott am 1. April 1933 außer Frage.

Bloch beruft sich ausschließlich auf den durch die politischen Verhältnisse bedingten Handlungsdruck, sagt aber nichts über konzeptionelle Überlegungen für die von ihm angestrebten Ausbildungs- und Fördermaßnahmen. Dagegen verweist Joseph Walk auf einen am 8. April 1933 von Edgar Rosemann, Heinz Guttfeld und Hans Weil vorgelegten Aufruf zur Gründung eines jüdischen Werk- und Erziehungsheimes, der „auf 113 Seiten einen detaillierten fachlichen und theoretischen Lehrplan [..] und die Grundlagen einer erfolgreichen Erzeiungsarbeit“ enthalten habe.Joseph Walk: Jüdische Schule und Erziehung im Dritten Reich Ob dieser Aufruf, für den Walk leider keine Quelle benannte, in den Diskussionen über die Einrichtung der Frankfurter Anlernwerkstatt eine Rolle spielte, ist nicht bekannt.

Die von Bloch erwähnte Eröffnung der Frankfurter Anlernwerkstatt innerhalb von vier Wochen nach dem 1. April 1933 bedeutete, dass die Einrichtung zunächst ohne behördliche Genehmigung ihre Arbeit aufnahm. Aus den Unterlagen der Stadt Frankfurt. geht nämlich hervor, dass der Antrag auf Einrichtung einer Anlernwerkstatt erst am 29. Juni 1933 von dem zur Jüdischen Wohlfahrtspflege gehörenden „Verein Berufsberatung & Arbeitsnachweis für Juden“ beim Berufsschulamt der Stadt gestellt wurde.Institut für Stadtgeschichte: Magistratsakten – Einrichtung von jüdischen Anlernwerkstätten (Bestand A.02.01 – Nr. 9175)Der Antrag vom 29. Juni 1933 ist in der Magsitratsakte nicht enthalten. Das Schulamt hatte in einem Vermerk für den Oberbürgermeister vom 3. August 1933 gegen diese Pläne nichts einzuwenden, da der Antrag bezwecke, „jüdische jugendliche Erwerbslose in den einfachen handwerklichen Arbeiten auszubilden, um sie zum Auswandern zu bringen. Die Zeit der Teilnahme in der Anlernwerkstatt wird auf eine Lehrzeit nicht angerechnet. Dadurch können Besucher der Anlernwerkstätten zur Gesellenprüfung nicht zugelassen werden, sodass sich m. E. Schwierigkeiten nicht ergeben können.“ Die Stadt aber holte zunächst die Meinung der Gauleitung der NSDAP ein, die am 28. August 1933 beschied:

Der Magistrat informierte darüber am 7. September 1933 das Regierungspräsidium Wiesbaden (RP) als formale Genehmigungsbehörde und zeitgleich auch die Jüdische Wohlfahrtspflege, und vom RP folgte dann am 15. September 1933 die offizielle Genehmigung.

Der Name Beling, der in Blochs Erinnerungen aus dem Jahr 1956 nicht vorkommt und in den übrigen Dokumenten über die Anlernwerkstatt auch nur sehr selten, taucht hier erstmals in einem Dokument auf und ist ein Beleg dafür, dass Bernhard Beling schon früh in die Planungen für die Einrichtung einbezogen war. Seit wann er, der kein Jude war, mit Bloch und den anderen Planern der Anlernwerkstatt in Verbindung stand, ist nicht bekannt, und auch nicht, ob auf ihn die Verwendung des Begriffs Anlernwerkstatt zurückgeht. Dass Belings Name in Blochs Erinnerungen nicht vorkommt – anders als in dem Nazi-Dokument –, ist erstaunlich, denn in einem namentlich nicht gekennzeichneten Artikel in dem Mitteilungsorgan der Association of Jewish Refugees in Great Britain (AJR) erschien im Oktober 1955 ein Bernhard Beling und seiner Tochter Eva (* 12. Januar 1931 in Frankfurt am Main; † 3. Februar 2007 in Bad Homburg)Eva Belings Buch über Die gesellschaftliche Eingliederung der deutschen Einwanderer in Israel basiert auf ihrer von Max Horkheimer betreuten Dissertation. gewidmeter Artikel, in dem es hieß: