Ein Bericht für eine Akademie ist eine Erzählung von Franz Kafka. Nach der Erstveröffentlichung im Jahr 1917 in der Zeitschrift Der Jude erschien sie 1920 im Rahmen des Bandes Ein Landarzt. Der Affe namens Rotpeter wird von den Mitgliedern einer unbestimmten Akademie eingeladen, dieser einen Bericht über sein „äffisches Vorleben“ einzureichen. Im Zentrum des Berichts steht jedoch seine Schilderung des Anpassungsvorganges an die MenschenPeter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4. S. 522. und seiner Rolle als Menschenimitator.

Zusammenfassung Eingefangen von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck, monatelang gehalten in einem bedrückend engen Käfig auf einem Dampfer, sucht der Affe einen Ausweg und hat bald erkannt, dass ihm neben dem Leben in einem Käfig im Zoologischen Garten ein zweiter Weg offenstand: Der des Varietés, um nach mehreren Jahren dort ein „Mensch“ zu werden. Er ahmt die Menschen nach, weil er so „unbehelligt“ sein will, wie sie es offensichtlich sind. Scheinbar leicht lernt er sinnvolle Gesten und auch das Sprechen. Größte Probleme hat er damit, Schnaps zu trinken. Ein Schiffspassagier erteilt ihm „zu den verschiedensten Stunden“ theoretischen und praktischen Unterricht. So lernt er auch das unter größter Mühe. Mehrfach betont er, dass er nur deshalb Menschen nachahmt, weil er einen Ausweg sucht, nicht jedoch weil er die Freiheit erhofft.

Vor die Alternativen zoologischer Garten oder Varieté gestellt, strebt er eine Arbeit im Varieté an und hat dabei „kaum noch zu steigernde Erfolge“. Sein Leben verläuft erfolgreich zwischen Banketten, wissenschaftlichen Gesellschaften und geselligem Beisammensein. Er hat erreicht, was er erreichen wollte, und er bescheinigt sich selbst die Durchschnittsbildung eines Europäers.

Das Grenzgängertum zwischen Mensch und Tier beherrscht er offensichtlich virtuos. Nicht so zwei andere Wesen in seiner Umgebung. Sein erster Dresseur, mit dem er wie „rücksichtslos“ lernt, wird selbst fast äffisch und muss zeitweise in eine Heilanstalt. Die kleine halbdressierte Schimpansin, bei der er es sich nachts „nach Affenart wohlergehen lässt“, hat den „Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick“, den er tagsüber nicht ertragen kann.

Textzitate Der menschliche Affe Rotpeter in seinem Bericht einleitend …

… dazwischen …

… schließt er resümierend:

Form Der menschliche Affe ist der Ich-Erzähler dieser Geschichte, nur er übersieht die Facetten seiner unglaublichen Menschwerdung und kommentiert sie. Bezeichnenderweise sind diesem Ich jedoch die Erinnerungen an die Jugend nicht mehr zugänglich; sie sind verdrängt. Hierin spiegelt sich das Traumatische seiner gewaltsamen Entführung aus dem Urzustand wider. Insgesamt tritt in der Erzählung nicht das erlebende, sondern das erzählende und reflektierende Ich in den Vordergrund. Denn die Erzählung ist vorwiegend auf Bewertung und Urteil ausgerichtet, und zwar von einer durchaus höheren Warte aus, denn der Horizont Rotpeters umfasst Tier- und Menschsein, Naturinstinkt und geistige Disziplin, Freiheit und Gesellschaftsorganisation.Ralf Sudau S. 183 f.

Rotpeters Kommentare betreffen nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch das Bild, das sich die Menschen von sich selbst machen.

Eine besonders ausführliche Geschehnisdarstellung gilt der Alkoholepisode, ja sie scheint der Höhepunkt der dramatischen Darstellung mit großen Spannungsbögen zu sein. Diese lange Periode gleicht einer filmischen Wechselmontage zwischen Lehrer und äffischem Schüler.Alt Kafka und der Film

Textanalyse und Deutungsansätze Rotpeters Bericht kann als Gleichnis der Stammesgeschichte des Menschen und seiner je einzelnen Sozialisation gelesen werden, denn was der Affe erlebt, lässt sich auf die gesamte Spezies des Menschen übertragen. Kafka bilanziert das Menschenlos mit melancholischem Unterton als eine – wenn auch nicht gänzlich – traurige Errungenschaft und einen im Ganzen gesehen annehmbaren Kompromiss. Zugleich aber holt er zu satirischen Attacken aus, die den Menschen vom hohen Ross seiner Selbstherrlichkeit herunterholen.Ralf Sudau S. 178

Das Grundmotiv ist das geradezu manische Lernen (zeitweise mit fünf Lehrern gleichzeitig) als Ausweg aus einer aussichtslosen Situation unter Verleugnung der ureigenen Bedürfnisse. Voraussetzung dafür war das VergessenPeter-André Alt S. 521, 524 und die Umkehr der gewohnten Perspektive.Wendelin Schmidt-Dengler

Bemerkenswert ist aber, dass der Affe trotz aller Lernanstrengungen dennoch durch sein unverändertes körperliches Äußeres – den Pelz – auf den ersten Blick eben nach wie vor ein Affe ist. In Bezug auf sein Äußeres, das ihn ja am deutlichsten in die Kategorie Affe einordnet, hat er nie den Wunsch nach menschlichem Aussehen geäußert oder angestrebt und er leitet sich daraus auch das Recht ab, sich zu entblößen, was einem Menschen – wie er auch selbst findet – nicht gut anstünde.

So mögen ihn wohl die Menschen in seiner direkten Umgebung fast als ihresgleichen sehen, wie der Führer der Hagenbeckschen Jagdexpedition, mit dem Rotpeter schon manche Flasche Rotwein geleert hat. Für die Öffentlichkeit in Gestalt der Journalisten, die Rotpeter verächtlich Windhunde nennt, bleibt er aber ein dressierter Affe, der die Hose herunterlässt, um seinen Pelz und seine Narben zu zeigen. Also hat er sich zwar das intellektuelle Wissen der Menschen angeeignet, er entzieht sich aber den Regeln für den adäquaten zwischenmenschlichen Umgang und für die darin enthaltene große Wirkung von Äußerlichkeiten.

Der Bericht über des Affen Menschwerdung könnte auch als Geschichte einer erzwungenen Assimilation, als Travestie eines Assimilationsvorganges und als pädagogische Satire verstanden werden.Wendelin Schmidt-Dengler, Norbert Winkler: Die Vielfalt in Kafkas Leben und Werk. Vitalis, 2005, ISBN 3-89919-066-1, S. 90, 524. Vor allem deutet die Geschichte auf den Anpassungsdruck hin, unter dem das jüdische Volk Jahrhunderte stand, um überleben zu können. Max Brod hat diese Deutung besonders betont.Ralf Sudau S. 181 Er hat diese Geschichte als genialste Satire auf die jüdische Assimilation charakterisiert. Eine ähnliche Tendenz ist in Schakale und Araber enthalten. Beide Prosastücke wurden erstmals zusammen 1917 in Der Jude veröffentlicht und sind Bestandteil des Bandes Ein Landarzt von 1920.Kafka-Handbuch Jagow/Jahraus S. 299 Mark Gelber

Anregungen und Quellen Im September 1908 und im April 1909 gab es in einem Prager Varieté Vorführungen eines dressierten Schimpansen mit dem Namen „Konsul Peter“. Es liegt nahe, dass Kafka daraus Anregungen zur vorliegenden Erzählung entnommen hat.Peter-André Alt S. 522 Er hat sich im Übrigen intensiv mit Brehms Tierleben und Fragen der Verhaltensforschung und des Sozialdarwinismus beschäftigt.Wendelin Schmidt-Dengler S. 83, 87

Nach Binder beruht die Erzählidee für Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ auf seiner Kenntnis von Hoffmanns Erzählung „Nachricht von einem gebildeten jungen Mann“Hartmut Binder: „Kafka-Kommentar zu sämtlichen Erzählungen“ Winkler Verlag München, 1975, S. 226. Auch Steinecke sieht in Kafkas gebildetem Affen Rotpeter einen würdigen Nachfahren des Affen Milo.Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann: „Fantasiestücke in Callot's Manier.“ Werke 1814. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch. Bd. 14. Frankfurt am Main 2006, S. 816, 1. Z.v.o. (entspricht: Hartmut Steinecke (Hrsg.): „E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in sieben Bänden“, Frankfurt am Main 1993, Bd. 2/1.).

Bezüge zu anderen Kafka-Erzählungen Zu dem Bericht für eine Akademie existieren noch mehrere kleine Fragmente:Franz Kafka: Die Erzählungen. Originalfassung. Fischer Taschenbuch Verlag, 1997, ISBN 3-596-13270-3, S. 333 ff. Eine skurrile Begegnung eines Erzählers mit Rotpeters Impresario, ein Gespräch Rotpeters mit einem Besucher und der Beginn eines Schreibens des (zeitweise verrückt gewordenen) ersten Rotpeter-Lehrers.

Rotpeters Ziel der Menschwerdung wird letztendlich nicht erreicht, obwohl sich der Protagonist dessen nicht bewusst zu sein scheint. Rotpeter ist damit als Figur vergleichbar mit den scheiternden Tiergestalten aus Forschungen eines Hundes oder Der Bau. Außerdem besteht ein Bezug zur Kafka-Erzählung Die Verwandlung, wo sich die Figur Gregor Samsa über Nacht in ein Tier, nämlich einen Käfer, verwandelt.Peter-André Alt S. 523 Die Tierwerdung des unauffällig-armseligen Samsa erfolgt jedoch mühelos im Schlaf. Die übergroßen Anstrengungen des Affen dagegen entstammen dem Wunsch nach Zugang in eine kultivierte Sphäre und in ein saturiertes Leben, unter Verleugnung der eigenen Wurzeln, als Ausweg – denn als Alternativen stehen nur Tod und Verderben oder das traurige Schicksal eines im Zoo ausgestellten Affen zur Auswahl.

Rezeption Sudau (S. 177f.) hebt einen besonderen Umstand hervor: Ries (S. 91) weist darauf hin, dass der Bericht vorausdeutet auf die 1930 entstandene Schrift Das Unbehagen in der Kultur von Sigmund Freud, die eine Bilanzierung der zivilisatorischen Fort- und Rückschritte darstellt. Kindlers Lexikon (S. 27) führt aus, dass der Bericht tief in der wissenschaftsgeschichtlichen Situation der Zeit verwurzelt ist: Beschreibung aus Brehms Tierleben, Darwins Evolutionstheorie, zeitgenössische Variete-Ereignisse. T. C. Boyles Roman Sprich mit mir (2021), in dem der der Gebärdensprache mächtige Schimpanse Sam passagenweise die Erzählerrolle übernimmt, ist u. a. von Kafkas Erzählung inspiriert.Online-Lesung des Autors vom 18. Februar 2021. In Michael Köhlmeiers Roman Matou lässt der Autor den Protagonisten und Ich-Erzähler Matou, einen sprechenden, literaten und gebildeten Kater, seine Freundschaft zu dem sprechenden Schimpansen Rotpeter erzählen, wobei Zitate aus Kafkas Erzählung verwendet werden.

Adaptionen Elsa Brod, die Frau von Max Brod, hat das Werk am 19. Dezember 1917 im Prager Klub jüdischer Frauen und Mädchen mit großem Erfolg vorgetragen.Peter-André Alt S. 521 Seitdem wurde die Erzählung häufig von Rezitatoren in ihr Programm aufgenommen.

Schauspiel: Große Bewunderung findet bis heute die Darstellung des Menschenaffen durch Klaus Kammer in der deutschen Erstaufführung des Textes durch den Regisseur Willi Schmidt in der Akademie der Künste im Rahmen der Berliner Festwochen 1963, die vom SFB aufgezeichnet wurde und jahrzehntelang immer wieder auch im Fernsehen wiederholt wurde.siehe z. B. Spiegel-Interview mit Bruno Ganz und Dokumentarfilm Er spielte seinen Schatten mit - Der Schauspieler Klaus Kammer von Andreas Lewin Bruno Ehm spielt Ein Bericht für eine Akademie von Franz Kafka (Video mit Ausschnitten aus dem Ein-Mann-Theater)Bruno Ehm spielt Ein Bericht für eine Akademie von Franz Kafka, auf youtube.com Hörbuch: u. a. mit Felix Mitterer,Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie. Hörspiel in der Regie von Martin Sailer. Adaption, Textvortrag und Gesang: Felix Mitterer; Musik: Siggi Haider und Juliana Haider; Schnitt und Ton: Jürgen Brunner. Produktion: ORF-Landesstudio Tirol, 2013. (Ein Bericht für eine Akademie. in der Ö1-Hörspieldatenbank. Darin: Inhaltsbeschreibung, Sendedaten und Trailer zum Anhören. Abgerufen am 3. Februar 2018.) Gerd Udo Feller,„Der Affe als Mensch, Tiergeschichten, Hofmann, Hauff, Kafka , Hagenbeck.“ naxos Klassiker der Literatur. Heinrich Schnitzler,SWR-Edition Klaus Kammer,Lübbe Audio Marek Harloff,argon Hörbuch Benjamin Vanyek,Bookstream Dirk WaandersLilyla als Sprecher.

Textausgaben Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Paul Raabe, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/Main 1970, ISBN 3-596-21078-X. Franz Kafka: Drucke zu Lebzeiten. Herausgegeben von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1996, S. 219–313. Franz Kafka: Die Erzählungen. Originalfassung. Herausgegeben von Roger Hermes, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1997, ISBN 3-596-13270-3.

Sekundärliteratur