mini|Das Künstlerfest im Malkasten zu Düsseldorf zu Ehren des Kaiserpaars am 6. September 1877, kolorierter Holzstich zu einer Zeichnung von Carl Maria Seyppel, 1877 mini|Festspiel von Kaiser Wilhelm im Malkasten, Abbildung des Wandgemäldes von Fritz Neuhaus im Neuen Rathaus Düsseldorf, 1896 Das Kaiserfest des Künstlervereins Malkasten war ein Festspiel in Düsseldorf, das der Künstlerverein Malkasten am 6. September 1877 zu Ehren Kaiser Wilhelms I. und seiner Gemahlin Augusta veranstaltete. Hierzu wurden nach Ideen des Dramaturgen und Malers Karl Hoff von rund 400 Berufs- und Laiendarstellern in einer Begrüßung im Malkasten-Haus, in fünf Szenenbildern auf einer Freilichtbühne sowie in einem illuminierten Figuren-Arrangement im Malkastenpark mehrere Tableaux vivants aufgeführt. Den Abschluss bildete ein Defilee der Festspieldarsteller. Während Hoff die im Festspiel vorgetragenen Dichtungen schuf, komponierte Julius Tausch den musikalischen Rahmen. Die Entwicklung von Arrangements, Kulissen und Dekorationen war ein Gemeinschafts- und Gesamtkunstwerk von vereinsangehörigen Künstlern der Düsseldorfer Malerschule und ihren Helfern und wurde mit großem technischem Aufwand betrieben. Das Ereignis, das dem Patriotismus der Gründerzeit entsprach und gängige Geschichtsbilder des 19. Jahrhunderts reflektierte, wurde in der lokalen und überregionalen Presse ausführlich rezipiert. Es beförderte die Karriere einiger Protagonisten. Der Maler Fritz Neuhaus hielt 1896 eine Szene der Festaufführung in einem Wandgemälde für den Ratssaal im Neuen Rathaus Düsseldorf fest.

Geschichte Vorgeschichte Der Künstlerverein Malkasten ist eine heute noch bestehende Düsseldorfer Künstlervereinigung, deren Zweck seit der Gründung im Jahr 1848 auf Geselligkeit und kulturellen Austausch gerichtet ist. Als Düsseldorfer Malerschule trugen die dort eingebundenen Künstler im 19. Jahrhundert den Namen der Stadt in die Welt hinaus. 1867 wurde das Malkasten-Haus als Vereinssitz gebaut. Hinter dem Haus erstreckt sich der rund 30.000 m² große Malkastenpark als Privatgarten des exklusiven Vereins, dem im Jahr 1877 rund 650 Personen als Mitglieder angehörten, darunter etwa 300 tätige bildende Künstler. Ehrenmitglieder waren seinerzeit der deutsche Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck sowie der preußische Ministerpräsident a. D. Karl Anton Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen, der bis 1871 mit seiner Familie im benachbarten Schloss Jägerhof residiert hatte. Neben dem Verein Berliner Künstler galt der Malkasten als führender Künstlerverein im Deutschen Kaiserreich.

Nachdem im April 1877 bekannt geworden war, dass Wilhelm I. in der Zeit vom 3. bis 9. September am großen Herbstmanöver des VII. Korps der Preußischen Armee auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf persönlich teilnehmen werde, nahmen die Mitglieder des Malkastens am 5. Mai in einer Generalversammlung den Vorschlag des Vorstandes an, den Kaiser zu einem „Kaiserfest“ einzuladen. Ein Ehrenfest hatte der Künstlerverein erstmals im Sommer 1858 zur Verabschiedung des Malers Carl Friedrich Lessing veranstaltet.

Der Besuch des Kaisers, als dessen weitere Höhepunkte Paraden und Aufmärsche von Vereinen sowie ein Festsouper des Provinziallandtags der Rheinprovinz in der Tonhalle am 5. September 1877 geplant wurden, war die erste Visite des deutschen Staatsoberhaupts in der Stadt seit der Reichsgründung 1871. In dieser Zeit sollte der Kaiser auf Schloss Benrath residieren. Da es hieß, dass der Monarch zuvor keine private Veranstaltung besucht habe, mussten die Vorstandsdelegierten Wilhelm Camphausen, Karl Hoff und Emil Hünten mit einer Absage rechnen, als sie dem Kaiser und dem Kronprinzen Friedrich die Einladung Ende Mai 1877 in Berlin persönlich übergaben. Wohl dank der engen Vereinsverbundenheit des Fürsten Karl Anton kam jedoch ein positiver Bescheid, so dass der Malkasten Anfang Juni 1877 zur Vorbereitung ein „Kaiserfest-Comité“ konstituierte und zur Finanzierung des Vorhabens „Kaiserfest-Aktien“, die bei einem Nennwert von 30 Mark ihren Inhaber zum Erwerb einer Eintrittskarte berechtigten, an 650 Vereinsmitglieder und 1.800 weitere Personen emittierte.

Nach Erinnerungen der Malergattin und Sängerin Else Sohn-Rethel, die als Assistentin Hoffs eine führende Rolle bei der Organisation des Kaiserfests übernommen hatte, begann schon im Mai „ein intensives, fast wildes Arbeiten“.Else Sohn: Erinnerungen. Ausstellungskatalog, Bonn 1998, S. 218 Während Hoff die Grundidee des Festspielentwurfs verantwortete, entwickelten die Maler Albert Baur, Philipp Grotjohann, Wilhelm Simmler, Hünten, Benjamin Vautier und Ernst Bosch mit ihren jeweiligen Darstellern die einzelnen Bildszenen der Tableaux vivants des Festspiels.

Der Architekt Julius Knobel, der 1867 auch das Vereinshaus gebaut hatte, übernahm die Bauaufgabe, am Haupteingang einen zeltartigen Vorbau mit Garderobe sowie an der rückseitigen Parkterrasse eine rund 18 Meter breite, 7,5 Meter tiefe Festspielbühne einschließlich Nebenräumen für 100 Personen und Stallung für 30 Pferde zu errichten.

Der Maler Andreas Achenbach schuf wochenlang drei große Cycloramen, die bei einer Länge von bis zu 23 Metern und einer Höhe von fast sechs Metern auf Walzen einer Maschinerie von Otto Windscheid aufgebracht wurden, um durch langsame Abwicklung eines Panoramas im Hintergrund des Bühnenraums eine sich wandelnde Szene zu unterstützen. Drei weitere Bühnenprospekte dieser Art fertigten Hoff, Simmler und Heinrich Deiters. Geschaffen wurde auch ein „Wolkenvorhang“, der in Szenenpausen vor der Bühne hinuntergelassen werden konnte, um Bühnentechnikern die Gelegenheit zu geben, die Walzen mit den Bühnenbildern für den nächsten Auftritt auszutauschen.

Des Weiteren mussten im Malkastenpark Gerüste für sechs großformatige Transparentbilder von Hermann Wislicenus, Eduard Bendemann, Peter Janssen d. Ä., Julius Roeting und Carl Johann Lasch, eine Grotte für den Auftritt von Nixen über dem Venusteich sowie verschiedene Zuschauertribünen gebaut werden. Eine Brücke wurde über die den Park durchfließende Düssel geschlagen, um den geplanten Festzug aller kostümierten Darsteller zu ermöglichen. Zur Illumination des Parks wurden 500 Meter Gasrohre verlegt. Neben zahlreichen Hilfskräften für Kostüme und Requisiten wurden Techniker, Feuerwehrleute und andere Sicherheitskräfte in die Vorbereitungen eingebunden.

Die das Festspiel begleitende Musik besorgten das Vereinsmitglied Julius Tausch sowie Chor und Orchester des Städtischen Musikvereins zu Düsseldorf. Neben neuen Kompositionen, insbesondere einer Ouvertüre zur Begrüßung im Festsaal, arrangierte Tausch bekannte Musikstücke für Zwecke der Aufführung neu.

Aufführung mini|hochkant|Wappen auf der Galeriebrüstung nach einer späteren Illustration von Heinrich Otto, 1890 Am 6. September 1877 drängten sich bereits in den späten Nachmittagsstunden Menschenmassen vor dem Haupteingang des Malkasten-Hauses, um die Ankunft des Kaiserpaares und der Ehrengäste zu sehen. Um 19 Uhr kamen die geladenen Herrschaften an und begaben sich in den unter Leitung von Hermann Krüger dekorierten Festsaal des Hauses, um den ersten Programmpunkt des dreistündigen Festspiels, das einen fortlaufenden Positionswechsel der Gäste erforderte, zu erleben. Für die Bühne des Festsaals hatte der Maler Adolf Schmitz das Wappen Preußens auf ein Transparent gemalt, so dass es bei der Ankunft der Majestäten illuminiert werden konnte. Das Wappen der Rheinprovinz, das Allianzwappen von Kaiser und Kaiserin und das Wappen des Kronprinzen, die die Galeriebrüstung schmückten, waren unter Leitung von Else Sohn-Rethel in Sackleinwand, Watte und Mehlkleister so ausgeführt und bemalt worden, dass sie wie edle Tapisserien wirkten. Die Schildhalter des Preußenwappens, die Wilden Männer, wurden von den Malkästlern Bengt Nordenberg und Wilhelm Camphausen lebend dargestellt. In seiner wilden Verkleidung begrüßte Letzterer das Kaiserpaar mit einem Gedicht und begleitete es nach rascher Umkleidung in Frack und Zylinder als gastgebende Bezugsperson und Repräsentant des Künstlervereins. Zum Abschluss der Begrüßungsszene erschien auf der Bühne anstelle des Preußenwappens das Wappen des Malkastens. mini|hochkant|Klio und die Musen auf dem Kaiserfest, 1877, Zweite von rechts: Else Sohn-Rethel, Fotografie von Gustav Overbeck (1823–nach 1880) Sodann wurden die Vorhänge des Saals geöffnet, um den Weg auf die von einem Baldachin überspannte „Kaisertribüne“ freizugeben, die im Freien auf der Terrasse vor der Festspielbühne neben weiteren, seitlich angeordneten Sitzplätzen errichtet worden war. Das Bühnenspiel eröffneten eine von Anna Haverland verkörperte Germania und neun weitere Figuren, die als Musen die Künste, die Sage, die Geschichte und die Poesie versinnbildlichen sollten. Sie kündigten eine „dem siegreichen Wiederhersteller des deutschen Reiches“ gewidmete Darstellung von fünf Ereignissen der deutschen Geschichte an, die alle am Rhein stattfanden. Im Kreis von Pagen, die in den Reichsfarben gekleidet waren, nahmen sie dann auf Treppen unterhalb der Bühne Platz, wobei Germania, ausgestattet mit Reichskrone und Reichsschwert, einen erhöhten Thronsessel bestieg. Klio, die von Magda Irschick gespielte Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, übernahm nun die Rolle, zu den im Folgenden dargestellten Geschichtsbildern ein- und überleitende Worte zu sprechen. mini|hochkant|Darsteller von Germanen und Römern auf dem Kaiserfest, 1877, Fotografie von Gustav Overbeck mini|hochkant|Kampfszene von Germanen, 1877, Fotografie von Gustav Overbeck Das von Albert Baur arrangierte erste Bild zeigte einen Siegeszug von Germanen nach der Varusschlacht vor einem bewegten Panorama von Andreas Achenbach und zu Musik von Julius Tausch.Hierbei kam jedoch noch nicht das erst im Rahmen des 55. Niederrheinischen Musikfestes am 11. Juni 1878 uraufgeführte Musikstück Germanenzug (op. 16) zur Aufführung. – Vgl. Nina Sträter: Der Bürger erhebt seine Stimme. Der Städtische Musikverein zu Düsseldorf und die bürgerliche Musikkultur im 19. und 20. Jahrhundert. V&R Unipress, 2018, ISBN 978-3-8470-0890-3, S. 176, Fußnote 119 (Google Books) Reiche Kriegsbeute und römische Gefangene führten die Krieger mit sich. Höhepunkt dieser Szene war der Auftritt von Arminius und Thusnelda zu Pferde. Das Paar wurde in einer Germanensiedlung von einem Waffentanz begrüßt, während Priester Opferungen unter einer heiligen Eiche vollzogen. Klio kommentierte das Bild im Sinne borussischer Geschichtsschreibung mit dem Hinweis, das Volk habe hier zum ersten Mal die „Wacht am Rhein“ bezogen. Germanen und Deutsche wurden dem Volksgeist-Konzept des 19. Jahrhunderts entsprechend gleichgesetzt. Wie auch im 1875 eingeweihten Hermannsdenkmal erschien Arminius als der „erste Deutsche“. mini|hochkant|Darsteller der Mittelalterszene mit Isabella von Burgund, der Gattin Rudolf von Habsburgs, in einer Sänfte, 1877, Foto von Gustav Overbeck Das zweite Bild, inszeniert von Philipp Grotjohann, war dem Mittelalter gewidmet: In einer Felsenlandschaft im Niederwald bei Rüdesheim am Rhein hausten Raubritter, die Kaufleuten auflauerten, ehe Rudolf von Habsburg eingriff, um vor dem von Achenbach gemalten Hintergrund brennender Raubritterburgen über Räuber und Plünderer unbarmherzig Recht zu sprechen. Das Bild nahm Bezug auf das Fresko Gerechtigkeit – Rudolf von Habsburg, Gericht haltend über Raubritter (1848), das Hermann Stilke im Auftrag Friedrich Wilhelms IV. für den kleinen Rittersaal von Schloss Stolzenfels geschaffen hatte. Mit der Niederwald-Szene zog das Bild eine Parallele zwischen dem Königtum Rudolfs I. und der Herrschaft Wilhelms I. und griff thematisch der geplanten Grundsteinlegung des Niederwalddenkmals in Rüdesheim am Rhein vor, an der der Kaiser am 16. September 1877 teilnehmen sollte.