mini|Neues Rathaus, 2024 mini|Südfassade Das Neue Rathaus ist ein denkmalgeschütztes Verwaltungsgebäude in Magdeburg in Sachsen-Anhalt.

Lage Das Haus befindet sich auf der Nordseite des Platzes Bei der Hauptwache nordöstlich des Alten Markts in der Magdeburger Altstadt, an der Adresse Bei der Hauptwache 4 bis 6. Südlich – auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes – steht das Alte Rathaus. Unmittelbar nordöstlich des Gebäudes wurde der Eisenbarthbrunnen aufgestellt.

Geschichte

Vorgängerbebauung Vor der Errichtung des heutigen Gebäudes befanden sich dort, von Ost nach West, die Häuser Bei der Hauptwache 4, 5 und 6.

Das Haus Nummer 4 war als Schenkhaus Zur scharfen Ecke bekannt. Es gab die Vermutung, der Name würde daher rühren, dass hier während der Zerstörung am 10. Mai 1631 ein scharfes Gefecht stattgefunden habe. Tatsächlich ist der Name jedoch älter und wurde schon zuvor verwendet. Vermutlich ergab er sich aus der markanten Ecklage zwischen südlichem Platz Bei der Hauptwache, der nach Osten abgehenden Großen Marktstraße, dem nach Norden führenden Neuen Weg und der nach Nordwesten führenden Apfelstraße. 1631 befanden sich auf der Fläche der Nummer 4 wohl zwei Häuser. Eines gehörte Gabriel zur scharfen Ecke, das andere Weinschenk Franz Kunze. Später gehörte die Schänkstätte Andreas Kramer (möglicherweise auch Asmus Kramer). Im Jahr 1670 erwarb sub hasta Johann Pohlmann die Fläche und veräußerte sie 1674 für 170 Taler an den Broihansschenk Christoph Gieseler. Gieseler nahm wieder den Betrieb als Schenkhaus auf. Seine Erben verkauften 1703 das Gebäude für 1300 Taler an den Schenk Christian Gieseler. Um 1900 gehörte das Gebäude der Rentnerin Luise Weber, geborene Harms. Im Haus war unter anderem eine Hefehandlung sowie ein Möbel- und ein Blumengeschäft.

1631 gehörte das Haus Nummer 5 dem Bürgermeister David Brauns. Er blieb bis zu seinem Tod 1657 Eigentümer. Auf ihn folgte seine Witwe, die auch noch 1670 Eigentümerin war. 1674 erbte es von ihr Gottfried Rosenstock, der es dem Rat verkaufte. Die Stadt richtete im Haus eine Kommandantur ein. Kommandant Oberst Duplessis wohnte 1680 im Haus. Die Nutzung als Kommandantur dauerte sehr lange an.Ernst Neubauer: Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720, Teil 1, Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Magdeburg 1931, Seite 169. Es folgte die königliche Intendantur und eine Zeitlang auch ein Polizeibüro. In gewissem Sinne führt das an gleicher Stelle nun untergebrachte Ordnungsamt diese Tradition fort. Das Gebäude war dreigeschossig und acht Achsen breit. Aufgrund einer Kabinettsorder wurde es 1836 an den Militärfiskus übertragen, gelangte später jedoch wieder in städtisches Eigentum. Es diente kommunalen Verwaltungszwecken. So war hier 1903 die Gartenbauverwaltung untergebracht. Außerdem bestand das Büro der Invaliditäts- und Altersversicherung, der Stadtausschuss des Stadtkreises sowie das Begräbnisbüro.

Die Nummer 6 gehörte im Jahr 1631 vermutlich der Witwe von Klaus Delitz. In der Zeit bis 1651 wurde die Stätte vom schwedischen Schuhflicker Nikolaus Martin neu bebaut, der auch noch 1663 Eigentümer war. Später gehörte das Haus dem Schuster Friedrich Kothsen, 1683 dann seiner Witwe. 1686 und auch noch 1699 gehörte es dem Schneider Georg Timme, 1720 dem Bortenwirker Georg Christoph Volborth (auch Vollbart).Ernst Neubauer: Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720, Teil 1, Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Magdeburg 1931, Seite 170. 1903 war die Witwe Dorothee Quasig Eigentümerin.

Heutiges Gebäude Auf Antrag des Magistrats beschloss die Stadtverordnetenversammlung am 26. Februar 1903 den Ankauf der zum städtischen Grundstück Nummer 5 benachbarten Grundstücke 4 und 6 sowie die Häuser Katzensprung 6 und 7. Ziel war die Errichtung eines auch für Verwaltungsaufgaben nutzbaren Gebäudes, das die sehr beengten Verhältnisse im Alten Rathaus und im 1889 bis 1891 errichteten Verwaltungsbau Spiegelbrücke 1/2 entlasten sollte. Kurz darauf wurden die Gebäude abgerissen, um so Platz für den Neubau zu schaffen.Maren Ballerstedt: Von der „scharfen Ecke“ zum Neuen Rathaus in Das Alte und das Neue Rathaus zu Magdeburg im Wandel der Zeit, Stadtarchiv Magdeburg 2006, ISBN 978-3-9808534-2-2, Seite 87. mini|Baugrube des Neuen Rathauses mit dem Rest der Stadtmauer, 1905 Das Gebäude entstand in den Jahren 1905/1906. Bei Aushebung der Baugrube wurde eine von West nach Ost durch die Grube verlaufende, etwa einen Meter starke Mauer aus Bruchsteinen gefunden, die als Teil der ältesten historischen Stadtmauer gedeutet wurde und danach aus der Zeit vor dem 9. Jahrhundert stammen müsste. Unter dem Haus 6 ging sie rechtwinklig nach Süden weiter. In dem 36 Meter langen Mauerstück befanden sich drei Überwölbungen mit Segmentbögen, die aus keilförmigen Steinen gebildet wurden. Die Bögen befanden sich sehr weit unten in der Mauer, nahe der Sohle des Fundaments. Ihr Zweck ist unklar. Die Mauer war in die Keller der Häuser 4 bis 6 vollständig ein- und überbaut. Die Kellergewölbe stützen sich gegen die Mauer. Die Mauer wurde dokumentiert, dann jedoch im Zuge des Baufortschritts abgerissen.Otto Peters, Die älteste Stadtmauer Magdeburgs. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 40. Jahrgang, 1905, Seite 33 Auf der Nordseite der Mauer fanden sich Reste eines Anbaus, der als unterer Teil eines Wartturms gedeutet wurde, der möglicherweise ein in der Nähe befindliches Tor schützte. Unmittelbar östlich des Anbaus wurden Reste eines kapellenartigen Raums mit apsidenartiger Erweiterung auf der Westseite gefunden. Es wurde vermutet, dass die verwendeten Grauwackesteine aus Steinbrüchen im Bereich der späteren Neustadt stammten.Otto Peters, Die älteste Stadtmauer Magdeburgs. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 40. Jahrgang, 1905, Seite 34 Die Mauer war an dieser Stelle ursprünglich als doppeltes Mauerwerk, mit den glatten Seiten jeweils nach außen, ausgeführt. Die beiden Mauern standen etwa 5,25 Meter voneinander entfernt. Der Zwischenraum war später durch die Tonnengewölbe der darüber errichteten Häuser ausgefüllt.Otto Peters, Die älteste Stadtmauer Magdeburgs. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 40. Jahrgang, 1905, Seite 38 Über dem Osteingang zum Gebäude wurde zur Erinnerung an die Mauer die Inschrift Errichtet auf dem Grunde der ersten Stadtmauer angebracht.

Mit Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 15. Mai 1907 wurde die Raumaufteilung festgesetzt. Das Erdgeschoss wurde danach von der Stadtsparkasse Magdeburg genutzt. Sie nutzte insgesamt etwa ein Drittel des Gebäudes. Der Zugang zum Sparkassenbereich führte durch den Haupteingang. Gegenüber des Eingangs erstreckte sich eine große Schalterhalle. Im ersten Obergeschoss waren hingegen Einrichtungen der Stadtverwaltung untergebracht, so auch das Standesamt Altstadt, das Begräbnisbüro und das Kaufmanns- und Gewerbegericht. Einrichtungen der Bildungsverwaltung wie Schulsekretariat, die Stadtschulräte, der Turninspektor und die Schulregistratur aber auch das Stadtarchiv und die Stadtbibliothek befanden sich im zweiten Obergeschoss. Das dritte Obergeschoss war dem Statistischen Amt und der Gartenverwaltung vorbehalten. Darüber hinaus befanden sich auch hier Räume von Archiv und Bibliothek. Im Gebäude waren für Archiv und Bibliothek für die Bauzeit moderne Regalsysteme eingebaut. Das oberste Geschoss wurde aus Gründen des Brandschutzes mit einer massiven Decke zum Dachraum hin abgegrenzt.Maren Ballerstedt: Von der „scharfen Ecke“ zum Neuen Rathaus in Das Alte und das Neue Rathaus zu Magdeburg im Wandel der Zeit, Stadtarchiv Magdeburg 2006, ISBN 978-3-9808534-2-2, Seite 89. Der Zugang zu Standesamt, Stadtbibliothek und Statistischem Amt erfolgte über den Eingang an der Ostseite des Hauses.

Die Gestaltung der Räume des Standesamtes erfolgte durch den Lehrer an der Kunstgewerbeschule Albin Müller, der sich gerade länger in Darmstadt aufhielt und trotzdem sich engagiert mit der Gestaltung des Trauzimmers befasste und zur Begutachtung anreiste. Im Zimmer befand sich ein freistehender Blumentischbrunnen mitsamt Wasserzu- und ablauf.

Ab November 1907 wurde das Haus dann nach und nach bezogen, zunächst von der Garten und Schulverwaltung sowie dem Statistischen Amt. Sparkasse und Stadtausschuss zogen im Dezember 1907 ein, Anfang Januar 1908 folgte das Standesamt, Mitte Januar/Anfang Februar die Stadtbibliothek, mit ihren damals etwa 37.700 Bänden. Für den Publikumsverkehr wurde die Bibliothek am 17. Februar 1908 eröffnet. Vom 5. bis 13. Februar bezog das Stadtarchiv seine neuen Räume, die sich dann vom ersten bis zum dritten Obergeschoss befanden. Das vierte Obergeschoss wurde als Reservemagazin vorgehalten.

Da im Haus auch diverse Ämter der Stadt Magdeburg untergebracht wurden, wurde das Haus früh, belegt schon ab dem Jahr 1909, in der Öffentlichkeit auch als Neues Rathaus, als Unterscheidung zum historischen Alten Rathaus, bezeichnet. Selbst in den Planungsunterlagen wurde es zum Teil schon als Neues Rathaus, aber auch Rathaus III oder drittes Rathaus bezeichnet. Die Bezeichnung Neues Rathaus wurde jedoch nicht einheitlich genutzt, sondern auch Umschreibungen wie neues Geschäftshaus oder neues Sparkassengebäude.Heike Kriewald: Das „Alte“ und das „Neue“ Rathaus. Von einer Namensfindung mit Hindernissen in Das Alte und das Neue Rathaus zu Magdeburg im Wandel der Zeit, Stadtarchiv Magdeburg 2006, ISBN 978-3-9808534-2-2, Seite 6.

Schon früh bestanden Überlegungen zu einer Erweiterung des Hauses. Der Kundenverkehr in der Sparkasse hatte so zugenommen, dass es zu Wartezeiten von drei bis vier Stunden kam. Auch der Raumbedarf von Bibliothek und Archiv wuchs beständig. In Abstimmung mit der Sparkasse entschied die Stadt daher die Grundstücke nördlich des Hauses, Apfelstraße 5 bis 10b, Neuer Weg 18, 20 und 21 sowie Katzensprung 10 zu erwerben. Tatsächlich wurde der Ankauf auch durchgeführt. Der Erwerb des Grundstücks Apfelstraße 9, bekannt als ehemaliger Standort des Hauses von Dr. Eisenbarth, war bereits seit 1915 vereinbart und wurde im Oktober 1919 umgesetzt. Die Erweiterungspläne konnten jedoch aus finanziellen Gründen zunächst nicht umgesetzt werden. Der 1920 eingestellte Gaststättenbetrieb in den Richardts Festsälen in der Apfelstraße 9, wurde daher 1924 unter dem Namen Altstädter Bürgersäle wieder aufgenommen. Das Gebäude gehörte jedoch weiterhin der Stadt. Zeitweise war hier die Krankenkasse der Stadt ansässig. Bemerkenswert war auch der inmitten der Häuser bestehende idyllische Garten des Hauses.Maren Ballerstedt: Von der „scharfen Ecke“ zum Neuen Rathaus in Das Alte und das Neue Rathaus zu Magdeburg im Wandel der Zeit, Stadtarchiv Magdeburg 2006, ISBN 978-3-9808534-2-2, Seite 94.

Anfang 1923 nahm die Girozentrale-Kommunalbank als Bankanstalt des Sparkassen- und Giroverbandes für die Provinz Sachsen, Thüringen und Anhalt ihren Sitz im Haus. Die Nutzung als Sparkasse wurde jedoch aufgegeben. Durch einen Gebäudetausch verzog die Sparkasse in die Große Münzstraße 6. Nach einer Fusion war das Haus dann Sitz der Mitteldeutschen Landesbank, Girozentrale für die Provinz Sachsen, Thüringen und Anhalt. Nach und nach zogen die städtischen Dienststellen wieder aus dem Gebäude aus. Am 30. Januar 1930 wurde das Standesamt in das Alte Rathaus verlegt. Auch das Büro des zweiten Bürgermeisters, in den 1920er Jahren im Neuen Rathaus ansässig, verzog ins Alte Rathaus. 1934 verlegten dann auch Stadtarchiv und Stadtbibliothek ihren Sitz in das Haus der Loge Ferdinand zur Glückseligkeit.