Die Ermittlung ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2024. Grundlage für das Drehbuch und die Inszenierung war das Theaterstück Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen des Dramatikers Peter Weiss. Der Film hält sich weitgehend strukturell, inhaltlich und textlich an die Stückvorlage, die den ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 thematisiert. In dialogischer und erzählender Form beschreibt der Film in elf Etappen – von Peter Weiss „Gesänge“ genannt – den Weg der Opfer von der Rampe bei der Ankunft in Auschwitz bis zu den Feueröfen. Der Film feierte im Juli 2024 im Berliner Zoo Palast seine Premiere. Zuvor wurde er auf dem Münchner Filmfest uraufgeführt. Der offizielle Kinostart war der 25. Juli 2024.

Handlung Im Zentrum des Films stehen ein Richter, ein Verteidiger und ein Ankläger, die im Rahmen der Verhandlung auf 28 Zeuginnen und Zeugen treffen, die von ihren Erlebnissen und Beobachtungen in Auschwitz berichten. Weitere 11 Zeugen der ehemaligen Lagerverwaltung sagen vor Gericht aus. Hier unterscheidet sich der Film von der Stückvorlage, in der aus den Aussagen mehrerer Hundert Zeugen nur neun Zeugenfiguren entwickelt wurden. Sowohl im Stück als auch im Film sind diese Zeugen anonymisiert, dem realen Geschehen folgend, in dem die Namen der Opfer in Auschwitz einer in die Haut tätowierten Nummer weichen mussten. Die 18 Angeklagten hingegen lassen sich klar durch ihre Namen und Aussagen identifizieren. Die Zeugenfiguren 1, 2, 12, 13, 19, 20, 25, 29, 36, 37, 39 sind Zeugen der Lagerverwaltung, die restlichen sind Häftlingszeugen. Die ehemaligen Häftlinge benennen die von den Angeklagten begangenen Grausamkeiten sehr spezifisch. Dagegen versuchen die Angeklagten, die Anschuldigungen kategorisch von sich zu weisen und sich selbst nur als unbeteiligte Verwaltungskräfte darzustellen. Ein paar wenige der Angeklagten geben schließlich seltene Mithilfe in Ausnahmesituationen zu. Auch die Zeugen der Lagerverwaltung versuchen, sich selbst und die Angeklagten in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen.

In den elf sogenannten „Gesängen“ werden jeweils thematische Schwerpunkte des Lager- und Vernichtungsprozesses in Auschwitz gebündelt. Die Darstellung beginnt mit der Ankunft der Deportierten und der Selektion an der Rampe und führt über den Alltag im Lager, Zwangsarbeit, Folter, medizinische Experimente und willkürliche Tötungen bis hin zu den massenhaften Vergasungen und der Verbrennung der Leichen in den Krematorien. In jedem dieser Abschnitte werden Aussagen mehrerer Zeuginnen und Zeugen zusammengeführt, die ihre Beobachtungen und Erlebnisse schildern, während Angeklagte zu den jeweiligen Vorwürfen Stellung nehmen. Die Berichte der ehemaligen Häftlinge benennen konkrete Gewaltakte und Abläufe, während die Angeklagten ihre Verantwortung überwiegend relativieren oder leugnen und sich als Teil einer anonymen Verwaltungsstruktur darstellen. Die formale Gliederung dient dabei weniger einer dramatischen Zuspitzung als vielmehr einer sachlichen Rekonstruktion der Funktionsweise des Konzentrations- und Vernichtungslagers. Aussagen werden weitgehend emotionslos gegeben; die Dramatik ergibt sich aus dem Inhalt.

Besetzung mini|hochkant=0.7|Clemens Schick spielte den Ankläger

+RolleDarstellerRichterRainer BockAnklägerClemens SchickVerteidigerBernhard SchützZeuge 1 I Zeuge der LagerverwaltungChristian KaiserZeuge 2 I Zeuge der LagerverwaltungDirk OssigZeuge 3 I Häftlings-ZeugeArno FrischZeugin 4 I Häftlings-ZeuginElisabeth DudaZeugin 5 I Häftlings-ZeuginNicolette KrebitzZeuge 6 I Häftlings-ZeugeAttila Georg BorlanZeuge 7 I Häftlings-ZeugeRobert MikaZeuge 8 I Häftlings-ZeugeMarcel HensemaZeugin 9 I Häftlings-ZeuginChristiane PaulZeugin 10 I Häftlings-ZeuginBarbara PhilippZeuge 11 I Häftlings-ZeugeKlaudiusz KaufmannZeuge 12 I Zeuge der LagerverwaltungMarc FischerZeuge 13 I Zeuge der LagerverwaltungAndreas AnkeZeugin 14 I Häftlings-ZeuginDorka GryllusZeuge 15 I Häftlings-ZeugeMarek HarloffZeuge 16 I Häftlings-ZeugeAndré SzymanskiZeugin 17 I Häftlings-ZeuginSabine TimoteoZeugin 18 I Häftlings-ZeuginEva Maria JostZeuge 19 I Zeuge der LagerverwaltungPeter LohmeyerZeuge 20 I Zeuge der LagerverwaltungThomas MeinhardtZeuge 21 I Häftlings-ZeugeMarco HofschneiderZeuge 22 I Häftlings-ZeugeMatthias ZeraZeuge 23 I Häftlings-ZeugeRony HermanZeuge 24 I Häftlings-ZeugeAxel MoustacheZeuge 25 I Zeuge der LagerverwaltungAndré HennickeZeuge 26 I Häftlings-ZeugeKarl MarkovicsZeuge 27 I Häftlings-ZeugeFilipe AvdeevZeuge 28 I Häftlings-ZeugeMark ZakZeuge 29 I Zeuge der LagerverwaltungRalph SchichaZeuge 30 I Häftlings-ZeugeAndreas SchrödersZeuge 31 I Häftlings-ZeugeRené IfrahZeuge 32 I Häftlings-ZeugeAxel SichrovskyZeuge 33 I Häftlings-ZeugePeter SchneiderZeuge 34 I Häftlings-ZeugeJiří MádlZeuge 35 I Häftlings-ZeugeAndreas LechnerZeuge 36 I Zeuge der LagerverwaltungAxel PapeZeuge 37 I Zeuge der LagerverwaltungAndreas PietschmannZeuge 38 I Häftlings-ZeugeTom WlaschihaZeuge 39 I Zeuge der LagerverwaltungRobert Hunger-BühlerAngeklagter 1 | Robert MulkaWilfried HochholdingerAngeklagter 2 | Wilhelm BogerThomas DehlerAngeklagter 3 | Dr. Victor CapesiusMichael RotschopfAngeklagter 4 | Dr. Willy FrankNiels Bruno SchmidtAngeklagter 5 | Dr. Willi SchatzChristian HockenbrinkAngeklagter 6 | Dr. Franz LucasChristian PfeilAngeklagter 7 | Oswald KadukTristan SeithAngeklagter 8 | Franz HofmannTorsten RanftAngeklagter 9 | Josef KlehrRonald KukuliesAngeklagter 10 | Herbert ScherpeMichael SchenkAngeklagter 11 | Emil HantlFrank RöthAngeklagter 12 | Hans StarkNico EhrenteitAngeklagter 13 | Stefan BaretzkiAdam VenhausAngeklagter 14 | Bruno SchlageTill WonkaAngeklagter 15 | Heinrich BischoffArndt Schwering-SohnreyAngeklagter 16 | Pery BroadTimo JacobsAngeklagter 17 | Arthur BreitwieserLasse MyhrAngeklagter 18 | Emil BednarekMatthias Salamon

Produktion Der Regisseur RP Kahl kombiniert im Film Elemente des Kinos, Theaters und zeitgenössischer Broadcast-Techniken. Die Dialoge basieren auf persönlichen Aufzeichnungen, Zeitungsartikeln und Protokollen des Gerichtsprozesses. Der Film wurde von Alexander van Dülmen produziert. Für die Bildgestaltung zeichnete Guido Frenzel verantwortlich, das Bühnenbild wurde von Nina Peller gestaltet und die Kostüme wählte Tina Kloempken aus. Der Film wurde von Peter R. Adam, Anne Fabini und Christoph Strothjohann geschnitten. Für Peter R. Adam war es der letzte Film, an dem er vor seinem Tod arbeitete. Friede Springer ist Co-Produzentin des Films. Musikalisch sind lediglich vereinzelte skizzenhafte Sounds von Matti Gajek zu hören. Erst am Ende erklingt mit Lento e Largo – Tranquillissimo ein Gesangsstück aus Henryk Góreckis Symphony No. 3, interpretiert von der Portishead-Stimme Beth Gibbons in voller Länge.

Kahl zufolge ergibt sich die Tonalität des Films aus dem, was in den Gesichtern der Schauspielerinnen und Schauspieler sichtbar wird, wenn sie sprechen und dem Gegenüber zuhören. Daher habe man besonderen Wert darauf gelegt, Schauspieler und Schauspielerinnen zu finden, die eine Figur und eine Situation in erster Linie über die Sprache abbilden könnten. „Solche, die eine starke Persönlichkeit und Präsenz mitbringen und persönliches Interesse daran haben, den Inhalt des Stückes zu erzählen, also auch ein wenig ‚Persona‘ zu sein, ihr Ich den Figuren zu schenken.“Zitat RP Kahl aus dem Presseheft zum Film.

Laut Produzent Alexander van Dülmen bestand ein zentrales Anliegen der Produktion darin, das Wissen der Überlebenden in einer zeitgemäßen Form für die Nachwelt zu bewahren. Zudem verfolgte der Film das Ziel, die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt die Täter in den Vordergrund zu rücken.

Nach einer vierwöchigen Probenzeit mit 60 Schauspielern und Schauspielerinnen begannen im August 2023 die Dreharbeiten im Studio Berlin-Adlershof. Die einzelnen Gesänge wurden an fünf Drehtagen mit einem speziellen visuellen Konzept in jeweils nur einer Einstellung gedreht, gefilmt von insgesamt acht Kameras.

Die Ermittlung ist eine Produktion von Alexander van Dülmen, Film&Mischwaren in Co-Produktion mit Friede Springer, ARTE, Bayerischer Rundfunk und WDR sowie in Co-Operation mit A Company Film Licensing und wurde gefördert vom Medienboard-Berlin Brandenburg, der Film- und Medienstiftung NRW, dem BKM, der Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern sowie der FFA und dem DFFF. Das Budget betrug 2,7 Mio. €.

Rezeption Die deutsche Filmbewertungsstelle FBW verlieh dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“ und schrieb dazu: „Die Ermittlung ist weitaus mehr als ein abgefilmtes Theaterstück. Ganz bewusst hat sich der Regisseur für diese künstlich-strenge Inszenierung entschieden. Nichts lenkt ab von der Ungeheuerlichkeit des Grauens, manche Sätze erschüttern gerade durch ihre Schlichtheit.“Deutsche Filmbewertungsstelle FBW FBW Pressetext, abgerufen am 11. Juli 2024.

Jochen Werner schrieb auf filmstarts.de: „Ein vierstündiges, dialogintensives Theaterstück über die juristische Aufarbeitung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz, in einem minimalistischen Bühnensetting für die Kinoleinwand inszeniert – das klingt zunächst anstrengend und wahnsinnig unfilmisch, wird aber dank des umsichtigen und extrem wirkungsvollen Einsatzes sowohl theatraler wie auch dezidiert filmischer Stilmittel zur ungeheuer intensiven Kinoerfahrung. Man kann nur dringend anraten, sich auf diese essenzielle filmische Auseinandersetzung mit den leider auch heute hochaktuellen Themen Faschismus, Genozid und Zivilsationsbruch einzulassen.“Kritik der Filmstarts-Redaktion filmstarts.de, abgerufen am 11. Juli 2024.

Sascha Westphal schrieb auf epd-Film.de: „Und es ist diese Sprache, die RP Kahl ins Zentrum seiner Verfilmung stellt. Nichts in Die Ermittlung lenkt von den Fragen des Anklägers (Clemens Schick), den Einlassungen des Richters (Rainer Bock), den Kommentaren des Verteidigers (Bernhard Schütz), den Aussagen der 39 Zeugen und den Ausflüchten und Lügen der 18 Angeklagten ab. Kahl hat einen Weg gefunden, das visuelle Medium Film ganz vom Wort her zu denken. Jeder Schnitt, jede Einstellung, die mal Nina Pellers Bühnenbild, eine Annäherung an den Raum Gerichtssaal, mal einzelne Gesichter, mal die Anklagten als Gruppe in den Fokus rückt, unterstreicht die Worte, die zum eigentlichen Abbild der Vernichtungsmaschinerie Auschwitz werden.“Sascha Westphal: epd-film.de, epd-film.de, 5. Juli 2024, abgerufen am 11. Juli 2024.

Jürgen Kaube schrieb in der FAZ: „Die Ermittlung (…) ist eine vierstündige Zumutung, der man sich unbedingt unterziehen sollte.“ Sofia Glasl schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Erinnerungskultur ist hier kein trockener Schulstoff, sondern lebensnahe Konfrontation“ Hanns-Georg Rodek schrieb in der Welt: „Die Ausrede, nie ein KZ besucht, nie einen Zeitzeugen erlebt zu haben, gilt nicht mehr. Es gibt nun diesen Film.“

Auszeichnungen und Nominierungen Nominierung für den Grimme-Preis 2026

Weblinks

Die Ermittlung bei Leonine

Presseheft zu Die Ermittlung

Einzelnachweise

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