Schifferfriedhof in den Dünen von Ahrenshoop (auch Schifferfriedhof in den OstseedünenDas Gemälde wurde 1893 in der Großen Berliner Kunstausstellung als Schifferfriedhof in den Ostseedünen ausgestellt. Siehe Königliche Akademie der Künste und Verein Berliner Künstler: Große Berliner Kunstausstellung, S. 61, Nr. 1089. oder Alter SchifferfriedhofFrank Schlößer: Annäherung an Ahrenshoop, S. 15.) ist ein 1893 entstandenes Gemälde des deutschen Künstlers Paul Müller-Kaempff. Es ist in Öl auf Leinwand gemalt und hat eine Höhe von 211 cm und eine Breite von 350 cm.Johann Schlick: Kunsthalle zu Kiel, Katalog der Gemälde, S. 142. Das Bild mit einer Szenerie an der deutschen Ostseeküste in Ahrenshoop gilt als ein Hauptwerk des Künstlers. Katrin Arrieta: Von der Künstlerkolonie bis heute: Das Kunsthistorische Panorama um Ahrenshoop. In: Katrin Arrieta, Gerburg Förster: „Um uns ist ein Schöpfungstag“, von der Künstlerkolonie bis heute, S. 22. Eingebettet in eine Landschaftsdarstellung zeigt der Maler eine junge Frau auf dem Weg zum Friedhof Ahrenshoop. Das Motiv steht in einer langen Tradition von Darstellungen der Vergänglichkeit und entspricht zugleich einer zeitgenössischen Vorliebe für Sujets am Rand der Zivilisation. Müller-Kaempff schuf in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche weitere Ansichten der Landschaft bei Ahrenshoop, jedoch nicht mehr in diesem Großformat und ohne diese deutliche Symbolik. Das Gemälde war ein Geschenk des Malers an den Schleswig-Holsteinischen Kunstverein und gelangte mit dessen Sammlung in den Besitz der Kunsthalle zu Kiel. Seit 2013 befindet es sich als Dauerleihgabe im Kunstmuseum Ahrenshoop.
Beschreibung mini|Detailansicht mit Gräsern, Blüten und Schmetterlingen mini|Detailansicht Frau mit Kranz mini|Detailansicht Signatur Das großformatige Bild Schifferfriedhof in den Dünen von Ahrenshoop zeigt eine hügelige Landschaft an der Ostsee. Das blaue Meer ist links am Bildhorizont zu erkennen. Im Vordergrund sprießen aus dem hellen sandigen Boden grüne Gräser und das leuchtend gelbe Doldige Habichtskraut hervor. Müller-Kaempff hat den Pflanzenbewuchs aus vielzähligen Halmen und Blüten detailreich wiedergeben. Zwischen der Bodenvegetation sind darüber hinaus eine Reihe von Kohlweißlingen auszumachen. Auf der rechten Seite ragt diagonal der Ahrenshooper Friedhof ins Bild, der – anders als heute – noch als eine sandige Anhöhe ohne Baumbewuchs erscheint. Lediglich trockenes graues Buschwerk ist am rechten Rand erkennbar. Auf dem von einem einfachen Koppelzaun begrenzten Friedhof wuchert die gleiche Vegetation wie in der Umgebung. Sebastian Kleinschmidt: Hohe Himmel, weite Wasser. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. XII/2, Sommer 2018, S. 90. Verschiedene emporragende weiße und dunkle Holzkreuze markieren die Grabstellen. In einiger Entfernung finden sich zudem durch Lattenzäune begrenzte Gräber. Eine mit weißen Leisten eingefasste Grabstelle könnte auf ein frisches Grab hinweisen. Auf der linken Seite führt ein aus Richtung des Meeres kommender Weg den Hügel hinauf. Von dort nähert sich eine in dunkles Blau und Schwarz gekleidete Frau dem Friedhof. Eine graublaue Haube auf dem Kopf schützt sie vor der rauen Witterung am Meer. Das beschattete Gesicht der jungen Frau ist mit nur wenigen Pinselstrichen angedeutet. Sie trägt einen geflochtenen Kranz vor sich, mit dem sie die Gräber der „Lieben zu schmücken kommt“. S. Schott: Die Kunstausstellung im Augusteum in General-Anzeiger Nr. 271, 21. November 1894. Wiedergegeben in Konrad Mahlfeld: Else Müller-Kaempff, Paul Müller-Kaempff, Werkkatalog, BD. 1, S. 226. Über der Landschaftsdarstellung erscheint ein in Grau- und Blautönen getupfter Himmel. Das Bild ist unten links datiert und bezeichnet mit „P. Müller-Kaempff. Berlin 1893“.
In seiner Beschreibung des Bildes stellte der Autor Frank Schlößer fest, Müller-Kaempff habe zwar das Bild „mit vielen kleinen und sehr genauen Pinselstrichen“ gemalt, aber sich zugleich „nicht in Details“ verloren. Dem Maler sei die „Stimmung des Lichtes an diesem Sommertag“ wichtig, „nicht die genaue Zeichnung der Wolkenformation“. Frank Schlößer: Annäherung an Ahrenshoop, S. 16. Katrin Arrieta wies auf die „nur dürftige, vom Grau getragene Farbigkeit“ im Bild hin. Dem Maler gelinge es, in Ahrenshoop „seine Empfindungen, die ihn angesichts des öden Panoramas und der großen Stille in der Natur ganz offensichtlich überwältigten“, „feinfühlig“ auf der Leinwand festzuhalten. Der Autor Sebastian Kleinschmidt spricht von „einem zarten weißgrauen Schleier“, der wie ein „Licht des Verblassens“ das Gemälde überziehe.Sebastian Kleinschmidt: Hohe Himmel, weite Wasser. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. XII/2, Sommer 2018, S. 85. Andere Autoren beschäftigten sich eher mit der Frauengestalt. So sah Wilhelm Schölermann in einer frühen Besprechung im Gemälde „eine nachdenklich vor sich hin träumende Mädchengestalt wirkungsvoll herausgehoben“.Wilhelm Schölermann: Sammlungen und Ausstellungen. In Kunstchronik, Heft 6 vom 22. November 1894, S. 91–92. Der Autor S. Schott erkannte „ein Sich-Versenken in traurige Erinnerungen“.S. Schott: Die Kunstausstellung im Augusteum in General-Anzeiger Nr. 271, 21. November 1894. Wiedergegeben in Konrad Mahlfeld: Else Müller-Kaempff, Paul Müller-Kaempff, Werkkatalog, BD. 1, S. 226.
Frank Schlößer wies auf die Symbolik der zum Kranz geflochtenen Strohblumen hin. Die auch Immortellen genannten Blumen stehen bildhaft für die Unsterblichkeit. Zu den weiteren Symbolen des Gemäldes gehören das Meer im Hintergrund und die Grabkreuze, die jeweils auf die Ewigkeit verweisen. Für Sebastian Kleinschmidt gleichen die „mal grad, mal schräg stehenden Kreuze“ „Figuren“, die „aus dem Totenreich herübergrüßen“. Er interpretierte weiter: „Als würden sie der in sich gekehrten, in der Bildmitte gleichsam verharrenden Gestalt zurufen: Wir sind schon hier. Eines Tages wirst auch du hier sein. Und all die anderen, die noch leben, auch. Nur das Meer, nur der Himmel, nur die Erde werden ewig sein.“
Müller-Kaempffs Entdeckung von Ahrenshoop Der Schriftsteller Edmund Hoefer beschrieb 1880 das Fischland zwischen Ostsee und Saaler Bodden als „ein von der Natur nicht gerade begünstigtes Ländchen, das zu einem guten Drittel aus Sand und Dünen besteht“. Edmund Hoefer: Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee, S. 228. Die Äcker und Wiesen, so Hoefer, erzielten „bei weitem nicht dem Bedürfniß entsprechend Erträge“. Diese bis dahin weitestgehend unbeachtete Küstenregion galt seinerzeit als „eine arme, scheinbar reizlose Gegend“. Gerburg Förster: Künstlerkolonie Ahrenshoop. Die Hauptpositionen. In Katrin Arrieta: Himmelslicht und weite Erde, S. 17.
Paul Müller-Kaempff beschrieb in seinen Erinnerungen, wie er 1889 bei einer Wanderung mit seinem Freund Oskar Frenzel von Wustrow kommend eher zufällig Ahrenshoop entdeckte. Paul Müller-Kaempff: Erinnerungen an Ahrenshoop. In: Mecklenburgische Monatshefte, Schwerin, Band 2, 1926, 7, S. 333. Die Hauptstraße des am Übergang vom Fischland zum Darß gelegenen Dorfes war zu dieser Zeit ein breiter sandiger Weg und es gab keine Deiche, die den Ort vor Flut hätten schützen können. Bereits bei dieser ersten Erkundung besuchte er den kleinen Friedhof mit seinen weißen und schwarzen Holzkreuzen, der „überwuchert von goldblühenden Habichtskraut“ war. Zu dieser Zeit fanden sich auf dem Friedhof ausschließlich die Gräber von einheimischen Schiffsleuten, Fischern, Handwerkern, Bauern und ihren Angehörigen, darunter zahlreiche früh verstorbene Kinder. Der Friedhof war erst 1872 an der Südseite des Schifferberges begründet worden. Bis dahin wurden die Bewohner des pommerschen Ahrenshoop im benachbarten mecklenburgischen Wustrow bestattet, wo sich auch die nächste Kirche befand.Sebastian Kleinschmidt: Hohe Himmel, weite Wasser. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. XII/2, Sommer 2018, S. 87. Der Friedhof besteht bis in die Gegenwart, hat jedoch sein Aussehen inzwischen erheblich verändert. Das Gelände ist heute mit Bäumen bewachsen und ein Blick auf das Meer nicht mehr möglich. mini|Paul Müller-Kaempff: Dünenlandschaft mit Boot, Kindern und Schafen, 1893, Privatbesitz mini|Paul Müller-Kaempff: Netzboot in den Dünen, 1895, Kunstmuseum Ahrenshoop Der aus Oldenburg stammende Müller-Kaempff hatte Malerei in Düsseldorf und Karlsruhe studiert und war insbesondere von seinem Lehrer Gustav Schönleber zur Freilichtmalerei angeregt worden. Dieser hatte beispielsweise 1875 Skizzen auf der Ostseeinsel Hiddensee gefertigt und seinem Schüler möglicherweise die Ostseeküste als Motiv nähergebracht. Später studierte Müller-Kaempff als Meisterschüler bei dem norwegischen Landschaftsmaler Hans Fredrik Gude an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Auch Müller-Kaempff widmete sich vor allem der Landschaftsmalerei und stellte beispielsweise 1888 in Magdeburg norddeutsche Landschaften aus.
Beeindruckt von der ersten Begegnung beschloss Müller-Kaempff, sich dauerhaft in Ahrenshoop niederzulassen. Er erwarb 1892 ein eigenes Haus im Dorf und gründete 1894 in Ahrenshoop die Sommerschule St. Lucas, an der er als Lehrer unterrichtete.Erich Venzmer: Ahrenshoop und die Halbinsel Darß an der Ostsee, S. 124. Müller-Kaempff und die weiteren Maler der wachsenden Künstlerkolonie in Ahrenshoop verbanden das karge Land an der Küste „mit neuem Naturgefühl und ihrer individuellen Wahrnehmung“. Sie hatten die tradierte Malerei der Kunstakademien hinter sich gelassen und suchten „eine lebensnahe, wirklichkeitsbezogene Kunst“. Die Maler verband die individuelle Sehnsucht nach dem einfachen Leben, das sie im Fischerdorf Ahrenshoop mit seiner ländlichen Bebauung und der rauen Landschaft zwischen Weststrand und Boddenwiesen fanden. Dabei bot das Licht an der Küste einen besonderen Reiz für die Künstler, die sich vor allem der Freilichtmalerei widmeten. Die Natur war jedoch keineswegs unberührt, sondern vom Leben der Menschen geprägt.Katrin Arrieta: Licht, Luft, Freiheit: 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop, S. 8. Müller-Kaempff schuf zwar kleinere Formate direkt in der Natur, dieses Großformat entstand hingegen sicher im Ahrenshooper Atelier des Künstlers. Gerburg Förster: Paul Müller-Kaempff. In: Katrin Arrieta, Gerburg Förster: „Um uns ist ein Schöpfungstag“, von der Künstlerkolonie bis heute, S. 80.
Vorbilder für die Hinwendung zur Natur finden sich bei einer Reihe von französischen Künstlern, wie den Malern der Schule von Barbizon, darunter Camille Corot und Gustave Courbet. Auch Jean-François Millet und Jules Bastien-Lepage, deren Werke 1869 in München ausgestellt waren, gehören zu diesem Kreis. Gerburg Förster: Künstlerkolonie Ahrenshoop. Die Hauptpositionen. In: Katrin Arrieta, Gerburg Förster: „Um uns ist ein Schöpfungstag“, von der Künstlerkolonie bis heute, S. 18. In seinen Erinnerungen beschreibt Müller-Kaempff die Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit von Ahrenshoop. Solch eine „Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies“ findet sich auch in den Biografien von Vincent van Gogh und Paul Gauguin.Georg-W. Költzsch: Paul Gauguin, das verlorene Paradies. Ausstellungskatalog Folkwang Museum Essen und Neue Nationalgalerie Berlin, DuMont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4199-7. Beide suchten 1888 zunächst im provenzalischen Arles ihre künstlerische Entfaltung. Gauguin, der sich zuvor bereits in der Bretagne aufgehalten hatte, reiste später bis nach Polynesien, um das vermeintlich ursprüngliche Leben zu suchen. Diese Suche nach dem einfachen Leben findet sich ab 1880 auch in den Werken von Max Liebermann, in denen er Bauern und Fischer in der ebenfalls kargen niederländischen Landschaft porträtierte. Die Rückbesinnung auf die Landschaft suchten etwa zur gleichen Zeit zudem die Maler in den Künstlerkolonien von Worpswede, Kronberg, Dachau oder im dänischen Skagen.Gerhard Wietek: Deutsche Künstlerkolonien und Künstlerorte