mini|„Judensau“-Relief am Südostflügel der Stadtkirche Wittenberg
Das „Judensau“-Relief an der Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg ist ein um 1290 entstandenes Schandmal. Es zeigt als Juden markierte Figuren im intimen Kontakt mit einer Sau, um Christen vor angeblichen Verhaltensweisen von Juden zu warnen und das Judentum zu verleumden. Es gehört zu den 47 noch erhaltenen Skulpturen einer sogenannten Judensau, die seit 1230 vor allem im deutschen Sprachraum in oder an Kirchen, später auch anderen Gebäuden angebracht wurden und den Antijudaismus des damaligen Christentums veranschaulichen.
Mit seiner Schmähschrift Vom Schem Hamphoras (1543) machte Martin Luther dieses Exemplar weithin bekannt. Er benutzte es, um den hebräischen Ausdruck Ha-Schem Ha-Mephorasch („der einzigartige, unvergleichliche Name“) zu verhöhnen, mit dem das rabbinische Judentum seit der Antike den Gottesnamen JHWH umschrieb. Folglich erhielt das Relief 1570 die Überschrift Rabini Schem HaMphoras. Darum wird es auch als Luthersau bezeichnet.Christoph Dieckmann: Die Luthersau. Die Zeit, 12. Juni 2017 (anmeldepflichtig)
Ab 1983 dachte man in der Stadtkirchengemeinde über den Umgang damit nach. 1988 ließ der Gemeinderat eine Bodenplatte darunter legen, deren Inschrift den christlichen Judenhass selbstkritisch als Wegbereitung des Holocaust (der Schoa) benennen soll.
Seit 2016 forderten verschiedene Personen und Gruppen, das Relief abzunehmen und in einen musealen Kontext zu verlegen. Dazu wollte ein deutscher Jude die Stadtkirchengemeinde ab 2018 mit einer Zivilklage verpflichten. Die Klage scheiterte in allen Gerichtsinstanzen, zuletzt im Juni 2022 vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Im August 2024 wies das Bundesverfassungsgericht (BVerfG), im Februar 2026 auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Beschwerde des Klägers gegen das BGH-Urteil ab.
Der Prozess verstärkte eine bundesweite Debatte zum Umgang mit solchen Skulpturen und die Bemühungen um Aufklärung zu ihrer Geschichte und Rezeption.
Spätmittelalter Gestalt Das Relief zeigt eine naturgetreu modellierte Sau und vier Figuren, die durch robenartige Kleidung und Schuhe als Männer, durch Spitzkegelhüte als Juden gekennzeichnet sind. Zwei der Figuren knien mit dem Rücken zum Betrachter unter der Sau und scheinen an ihren Zitzen zu saugen. Eine dritte Figur am rechten Vorderbein der Sau schaut zum Betrachter und hält ein Ferkel mit einer Hand am Ohr fest, um es von der Muttersau fernzuhalten. Die vierte, größere Figur hockt am Hinterteil der Sau, hebt mit der linken Hand ihren Schwanz an, hält mit der rechten Hand ihr rechtes Hinterbein fest und schaut ihr mit schräger Kopfhaltung in den Anus.Mario Titze: Die Sau an der Kirche, Halle 2020
Die Sau steht mit dem Kopf nach rechts. Die Hutkrempen der Figuren sind flach und rund, die Schafte zentral und konisch. Auch Figuren im Naumburger Dom und an einem Wasserspeier in Bad Wimpfen tragen solche Spitzkegelhüte.Isaiah Shachar: The Judensau. Warburg Institute, London 1974, ISBN 0-85481-049-8, S. 30f. Den Judenhut hatte das 4. Laterankonzil 1215 verordnet, um Juden als Andersgläubige zu kennzeichnen und von Christen im Alltag damaliger Städte äußerlich zu unterscheiden.
Die Skulptur ist 150 cm breit, 80 cm hoch und 25 cm tief. Die dargestellten Figuren wirken trotz der geringen Tiefe sehr räumlich, voluminös und körpergetreu, teils fast dreidimensional. Die Fellstruktur der Sau ist ebenso realistisch wie das Fell einer Lamm-Skulptur in der Stadtkirche und im Naumburger Dom. Dies setzt genaue Tierbeobachtung voraus.
Entstehung Die Wittenberger Stadtkirche wurde ab 1280 gebaut und war spätestens 1295 vollendet. Das Relief ist von der tragenden Architektur unabhängig und besteht aus einem um Wittenberg nicht verfügbaren Grobsandstein. Dieser stammte vermutlich aus den am nächsten gelegenen Steinbrüchen im Liebethaler Grund des Elbsandsteingebirges, die damals dem Hochstift Meißen unterstanden. Dafür sprechen deutliche Stilparallelen mit Reliefs im Westlettner des Naumburger Doms und Skulpturen im Achteckbau und der Allerheiligenkapelle des Meißner Doms. Erstere wurden vor 1260 vom Naumburger Meister, ab 1280 von seinen Nachfolgern, letztere ab 1270 von Kunsthandwerkern der Meißner Dombauhütte geschaffen, so um 1290 wahrscheinlich auch die Wittenberger Reliefs. Diese kann ein aus Meißen entsandter Bildhauer auch vor Ort geschaffen haben. Die genaue Anatomie der Sau und die Stilähnlichkeiten mit anderen Skulpturen der Stadtkirche verweisen auf ein und denselben, hochbegabten Kunsthandwerker.
Die ursprüngliche Position des Reliefs ist unbekannt. Wahrscheinlich wurde es in etwa acht Metern Höhe außen an der Nordfassade platziert, also gegenüber der angrenzenden Judengasse, die auf späteren Stadtkarten eingetragen ist. Laut der Kunsthistorikerin Insa Christiane Hennen waren die Außenreliefs jedoch nur für Kirchenbesucher sichtbar. Nichtchristen hätten den damaligen umzäunten Friedhof um die Stadtkirche nicht betreten dürfen.Insa Christiane Hennen: Juden in Wittenberg und lutherische Judenfeindlichkeit, Halle 2020
Wittenberger Stadthistoriker datierten das Relief oft auf das Jahr 1304, manchmal auch auf 1440, und deuteten es als Mittel, die damals mutmaßlich vertriebenen Juden von einer Rückkehr nach Wittenberg abzuhalten. Der Kunsthistoriker Isaiah Shachar hielt diese Annahme für eine spätere volkstümliche Legende (folk tale). Doch auch er datierte das Relief wegen der ähnlichen Judenhüte an etwas älteren Reliefs in das frühe 14. Jahrhundert und schloss eine Verbindung zu einer Judenvertreibung nicht völlig aus.
Für Vertreibungen von Juden aus Wittenberg in den Jahren 1304 und 1440 fehlen jedoch schriftliche Quellen. Für die Jahre 1332 und 1350 belegen Stadtbücher, für das Jahr 1339 belegt eine Fleischerordnung des Herzogs Rudolf I. eine Präsenz von Juden im Ort. 1430 wurden viele Personennamen, darunter vielleicht auch einige von Juden, aus dem Stadtregister gestrichen. Eine größere Vertreibung der Juden aus Wittenberg ist erst 1536 belegt.
Der Kunsthistoriker Mario Titze hält es für unwahrscheinlich, dass ein solches Relief aus einem bloß tagesaktuellen Anlass geschaffen worden wäre. Figuren aus ortsfremdem Haustein seien in der Region sehr selten und wegen des Aufwands nur für theologisch unbedingt erforderlich gehaltene, langfristige Inhalte an oder in Stadtkirchen hergestellt worden.
Aussageabsicht Mit Auftraggebern, Anlass, Datierung und Standort des Werks ist auch seine ursprüngliche Absicht ungewiss. Laut Isaiah Shachar war es an der Außenfassade isoliert und kein Teil eines allegorischen Zyklus von Symbolen für bestimmte Laster bzw. Todsünden. Wegen der betonten Aktivität der Figur am Hintern der Sau sei eine abwertende Absicht des Reliefs kaum zu bezweifeln. Die durch ihre Größe und Handlungsweise hervorgehobene Figur stelle wahrscheinlich einen Anführer dar. Die Isolation des Motivs von einem breiteren moralisierenden Kontext und die Ausgestaltung des obszönen Themas mache die Juden zum alleinigen Ziel. Für eine weitere Ausdeutung, etwa dass die Sau für das damalige Judentum oder jüdische Lehren stehe, gebe es keinen Beleg. Somit sei das überlieferte Saumotiv in Wittenberg wohl erstmals zur Verleumdung der Juden insgesamt öffentlich ausgestellt worden.
Auch Mario Titze unterschied das Wittenberger Relief von älteren allegorischen Symbolfiguren an Kirchen, deutete es aber als metaphorische Szene, die eine Geschichte erzähle: Die Figur am Hintern der Sau stehe für Rabbiner und drücke aus, dass diese den Messias nicht in der Bibel, sondern am denkbar ungünstigsten Ort suchten. Auch die kleineren Figuren stellten erwachsene Juden dar, die sich statt von der göttlichen Weisheit von der Sau nährten, dem Symbol für Unreinheit und Niedrigkeit. Das Bild setze den damaligen Glauben voraus, dass die Ablehnung der göttlichen Natur Jesu Gotteslästerung sei und ewige Verdammnis bewirke. Es übersetze die Zoten damaliger Bußprediger, volkstümlicher Passions- und Jahrmarktspiele in ein drastisches Bild, das Christen vor Apostasie habe warnen sollen. Das Relief an der Nordfassade sei wie drei Außenreliefs an der Ostfassade der Stadtkirche (einer Harpyie, einer männlichen Figur mit spitzem Hut und entblößtem Hinterteil – dem typischen Symbol eines Ketzers – und der 1967 zerstörten Figur eines „Froschteufels“) eine apotropäische Plastik und Teil eines Bildzyklus. Gemeinsam hätten diese Bilder Dämonen und Sünden abwehren und vom Gotteshaus fernhalten, Christen am Abfall von ihrem Glauben hindern und vor Häresie, falscher Bibelauslegung und Teufelsanbetung warnen sollen. Solche Bilder an Kirchen hätten sich nicht an Juden gerichtet, weil bekannt gewesen sei, dass diese das Bilderverbot achteten und nicht auf diese Weise ansprechbar gewesen wären. Dies spreche gegen einen direkt an Juden gerichteten Verspottungs- und Abschreckungszweck des Reliefs.
Für den Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann dagegen bezweckten die hochmittelalterlichen „Judensau“-Skulpturen von Beginn an eine „gezielte Verunglimpfung der Juden“ im Kontext damaliger Vertreibungs- und Pogrom-Wellen. Sie rückten Juden Schweinen zur Seite und bezichtigten sie der Verlogenheit und Doppelmoral mit der Botschaft: Entgegen ihrem Anspruch, „rein“ zu sein, „reiner“ als die Schweinefleisch essenden Christen, seien sie „unrein“ wie die sich im Kot wälzenden Säue. So habe auch das Wittenberger Relief bei städtischen Betrachtern Ekel vor den „schmutzigen Juden“ hervorrufen, sie verspotten und diffamieren sollen.Thomas Kaufmann: Einige Überlegungen zum Umgang mit der „Judensau“, Halle 2020
Reformationszeit Martin Luther
Martin Luther betrachtete das Judentum seit 1513 kontinuierlich als verstockte, von Gott verdammte Religion, weil die meisten Juden Jesus von Nazaret nicht als ihren Messias anerkannten. Seit 1517 war die Stadtkirche Wittenberg sein Predigtort, von dem die Reformation ausging. In seiner Schrift Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei (1523) lehnte er die bisherige gewaltsame Judenmission der Kirche ab. Er riet den Christen, die Juden freundlich zu behandeln, um einige davon aus ihrer eigenen Bibel von Jesu Messianität zu überzeugen. Nach dem Bauernkrieg von 1525 jedoch verschärfte er seine Polemik gegen Juden.Andreas Pangritz: Die Schattenseite des Christentums: Theologie und Antisemitismus. Kohlhammer, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-17-040046-7
In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (Januar 1543) forderte Luther von den Fürsten, die Synagogen, Häuser und religiösen Schriften der Juden zu zerstören, ihren Rabbinern das Lehren zu verbieten und sie letztlich landesweit zu vertreiben. Als Grund nannte er vor allem das Festhalten der Juden an ihrer eigenen Bibelauslegung, die er als öffentliche oder heimliche Gotteslästerung und damit als tödliche, nicht zu duldende Bedrohung aller Christen deutete.Dorothea Wendebourg: Martin Luther und die Juden, Halle 2020 In diesem Kontext spielte er auf jene „Judensau“-Skulpturen an, die Juden als Genießer von Schweine-Exkrementen diffamierten: „Ihr solltet allein die Biblia lesen, die der Sau unter dem Schwanz stehet, und die Buchstaben, die daselbs herausfallen, fressen und saufen…“.