mini|Die Flagge der Pitcairninseln.

Die Geschichte der Pitcairninseln begann mit der Erstbesiedelung der aus zwei Inseln (Pitcairn, Henderson) und zwei Atollen (Ducie, Oeno) bestehenden Gruppe der Pitcairninseln in der geografischen Region Ozeanien im südlichen Pazifik durch Polynesier im 11. Jahrhundert, die etwa vierhundert Jahre andauerte. Nach einer Periode menschlicher Abwesenheit wurde die Hauptinsel Pitcairn nach der Ankunft von neun britischen Meuterern der HMS Bounty und ihrer neunzehn polynesischen Gefährten ab 1790 neu besiedelt. Die von ihnen abstammende Nachkommenschaft bewohnt die Insel mit ihrer einzigen Siedlung Adamstown seither durchgehend, mit zwei kurzen Unterbrechungen im 19. Jahrhundert.

Polynesische Erstbesiedelung mini|Der polynesische Siedlungsraum (violett) im Pazifik. Die nächstgelegene bewohnte Insel zu Pitcairn ist Mangareva.

Die etwa sechs Kilometer lange und zwei Kilometer breite Insel Pitcairn wurde vermutlich von Mangareva aus im Zuge der polynesischen Expansion im 11. Jahrhundert besiedelt. Bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Insel offenbar aufgegeben, vermutlich nachdem eine Überbevölkerung zu einem reduzierten Nahrungsangebot geführt hatte. Relikte der Erstbewohner wie Steinwerkzeuge, Fundamente für Behausungen, Holzkohle und bearbeitete Standbildnisse aus Stein und Holz waren später von den Meuterern der Bounty aufgefunden worden, ebenso Ruinen von mindestens drei Kultplätzen (Marae). Eine auffällige Hinterlassenschaft sind die Felszeichnungen (Petroglyphe) an den Klippen im Südosten (Down Rope) von Pitcairn.

Europäische Entdeckung Vermutlich wurden Inseln der Pitcairngruppe erstmals 1606 von dem portugiesischen Seefahrer Pedro Fernández de Quirós gesichtet. Die von ihm „La Encarnación“ und „San Juan Bautista“ benannten und schnell in Vergessenheit geratenen Inseln waren wohl identisch mit dem Ducie-Atoll und der Henderson-Insel.

Die Hauptinsel Pitcairn wurde für die europäische Entdeckungsgeschichte erstmals am 2. Juli 1767 von dem britischen Seefahrer Philipp Carteret auf der HMS Swallow entdeckt. Er unternahm keinen Landgang, doch erkannte er sie als unbewohnt und benannte sie nach seinem Kadetten Robert Pitcairn, der die Insel zuerst gesichtet hatte. Allerdings unterlief ihm auch ein für den weiteren geschichtlichen Verlauf der Insel bedeutender Fehler, als er sie in Ermangelung eines Schiffschronometers auf einem falschen Längengrad (long. 133°21′ W.) verortete, weshalb sie in den kommenden fünf Jahrzehnten auf allen Seekarten etwa 200 Seemeilen westlich ihrer tatsächlichen Position verzeichnet wurde. Der berühmte Entdecker James Cook beabsichtigte auf seiner zweiten Pazifikreise 1773 die Insel anzusteuern, doch konnte er sie aufgrund dieses Fehlers nicht finden. Dieser sollte erst 1808 erkannt und nach 1814 in der Kartografie korrigiert werden.

Britisch-tahitianische Neubesiedelung Vorgeschichte – Bounty-Meuterei und Siedlungsversuch auf Tubuai

Am 25. Oktober 1788 erreichte die Bounty mit insgesamt 45 Seemännern unter dem Kommando von Lieutenant William Bligh die Insel Tahiti mit der Mission hier Stecklinge des Brotfruchtbaums für den Weitertransport nach Jamaika zu erwerben. Weil sich diese Pflanze zur Zeit der Ankunft in der Ruhephase befand und Stecklinge deshalb nicht sofort zu ziehen waren, war die Besatzung zu einem mehrmonatigen Aufenthalt auf der Insel genötigt. In dieser Zeit ließ die allgemeine Disziplin nach und einige der Männer gingen Beziehungen zu einheimischen Frauen ein. Drei Männer desertierten vom Schiff und wurden nach ihrer Ergreifung entsprechend diszipliniert. Der Schiffsarzt starb auf der Insel, so dass bei der Abfahrt der Bounty gen Westen am 4. April 1789 nun nur noch 44 Mann an Bord verblieben. Südlich von Tofua kam es am Morgen des 28. April 1789 zur Meuterei mehrerer Besatzungsmitglieder unter der Führung des wachhabenden Offiziers, des Steuermannsmaats Fletcher Christian. Die Meuterer übernahmen die Kontrolle über das Schiff und setzten Bligh mit 18 ihm loyal gebliebenen Seemännern in der offenen Schiffsbarkasse aus. An Bord blieben 25 Mann zurück, von denen einige ebenfalls loyal geblieben waren, aber wegen des Platzmangels in der Barkasse auf dem Schiff zurückbleiben mussten.

Die Meuterer steuerten zuerst Tubuai an, doch ein Landgang scheiterte hier am Widerstand der einheimischen Polynesier, die nur unter Gewehr- und Kanonenbeschuss von der Küste ferngehalten werden konnten. So entschloss man sich zur Rückfahrt nach Tahiti, um dort neuen Proviant und ortskundige Dolmetscher aufzunehmen. Einige der Männer wollten zudem ihre dort zurückgelassenen Gefährtinnen an Bord nehmen. Am 6. Juni 1789 erreichten sie wieder die Matavai-Bucht. Dem örtlichen Stammeshäuptling logen sie vor, dass sie auf Kapitän Cook getroffen und von diesem mit der Errichtung einer Siedlung auf Tubuai beauftragt worden, wofür sie in seinem Auftrag nach Tahiti gekommen seien, um Vorräte und Unterstützung zu erbeten. Unter anderem mit Schweinen, Ziegen, Geflügel, ein paar Hunden und Katzen, einen Bullen und einer Kuh sowie mit Saatgut neu verproviantiert, wurde am 16. Juni die Fahrt nach Tubuai aufgenommen. Mit achtundzwanzig Tahitianern (siebzehn Männer, zehn Frauen, ein Mädchen) verstärkt, segelten die Briten nach Tubuai zurück, vor dessen Küste sie am 10. Juli die Bounty auf ein Riff setzten und an Land gingen, wo sie sogleich mit dem Bau einer befestigten Siedlung anfingen, die sie Fort George nannten. Hier soll es unter den Meuterern zu ersten Unstimmigkeiten gekommen sein, als sich einige von ihnen für ein Abwracken der Bounty aussprachen, da diese für jedes vorbeifahrende Schiff die Anwesenheit der Meuterer zu erkennen gebe. Aber vor allem Christian sprach sich gegen dieses Vorhaben aus, da das Schiff auch ihre einzige Fluchtmöglichkeit darstellte. Bestätigt wurde seine Annahme vom Auftreten der in drei Stämme unterteilten einheimischen Insulaner. Zwei von ihnen waren gegen den dritten alliiert, mit dem wiederum die Meuterer eine Verteidigungsallianz schlossen. Am 13. September 1789 kam es zum Kampf mit den feindlich gesinnten Einheimischen, von denen sechzig Männer und sechs Frauen getötet worden sein sollen, während unter den Meuterern nur ein Verletzter zu verzeichnen war.

1789/90 – Fahrt der Meuterer nach Pitcairn mini|Blick auf Pitcairn, 2017.

Trotz des Abwehrerfolges gelangten die Meuterer zu der Erkenntnis, dass ein dauerhafter Verbleib auf Tubuai unter diesen Umständen aussichtslos war und man entschied sich zur Rückkehr nach Tahiti. Vor der Abfahrt von Tubuai wurden zwei einheimische Männer, ein Onkel mit seinem Neffen, und eine Frau an Bord aufgenommen, die zu jenen Stamm gehörten, mit denen die Meuterer eine Allianz eingegangen waren. Während der Rückfahrt fasste Christian den Entschluss, den nächsten Siedlungsversuch auf einer unbewohnten Insel zu unternehmen. Doch nicht alle Meuterer waren bereit, ihm dabei zu folgen. Als die Bounty am 22. September 1789 wieder in der Matavai-Bucht vor Tahiti einfuhr, gingen sechzehn Männer an Land, während nur Christian und acht Meuterer an Bord blieben. Stattdessen nahm er weitere Frauen auf, vorgeblich um diese in den folgenden Tagen zu einer anderen Liegestelle von Tahiti zu transportieren. Noch am selben Tag bei Einbruch der Dunkelheit, als die Frauen unter Deck das Abendessen nahmen, ließ Christian die Ankertaue kappen und Kurs auf die offene See setzen. Als die Frauen an Bord bemerkten, dass sie von Tahiti wegfuhren, sprang eine von ihnen etwa eine Meile vor der Küste über Bord, um an Land zurück zu schwimmen. Von Tahiti aus wurde die Bounty von dem Bootsmannsmaat James Morrison das letzte Mal in den Mittagsstunden des 23. September 1789 von Pointe Vénus aus mit Kurs Nordwest segelnd gesehen. Von diesem Datum an hatte die britische Admiralität für die folgenden fast zwanzig Jahre keine weitere Kenntnis zum Verbleib ihres Schiffes.

Neben der Entführung weiterer Frauen dürfte Christian mit diesem Coup eine Aufteilung der Vorräte und Ausrüstungsgegenstände mit jenen auf Tahiti zurückgebliebenen Meuterern zu vermeiden beabsichtigt haben. Über die folgende Fahrt nach Pitcairn liegen die Berichte zweier Beteiligter vor, des Meuterers John Adams (alias „Alexander Smith“) und der Tahitianerin Teehuteatuaenoa (alias „Jenny“), die beide stark voneinander abweichen.

Laut Adams hätten einige der Meuterer die nordöstlich liegenden Marquesas-Inseln als nächstes Ziel favorisiert, doch habe Christian dem widersprochen. Angeblich habe dieser den Bericht Carterets zur Entdeckung der Insel Pitcairn gekannt und daher gewusst, dass diese unbewohnt war. Nach nur wenigen Tagen Fahrtzeit habe man die Insel schließlich erreicht. Diese Aussagen wurden allerdings erst 36 Jahre später im Beisein von Frederick W. Beechey getätigt während dessen Aufenthaltes auf Pitcairn im Dezember 1825. Und damit mehrere Jahre nach Ankunft von Mayhew Folger im Jahre 1808, der damals als erster bekannter Seefahrer die falsche Lokalisierung der Insel durch Carteret erkannt hatte. Ihm gegenüber hatte Smith damals nichts von dem Fehler Carterets zu berichten gewusst, dessen Namen er offenbar genauso wenig kannte wie den von der Insel, auf der er seit Jahren lebte. Erst 1814 wusste Adams den Seefahrern Thomas Staines und Philip Pipon zu berichten, dass schon Christian die Insel als Pitcairn identifiziert habe („Fletcher Christian certainly considered it to be Pitcairn“). Auch seine wiederholte Behauptung von einer nur wenige Tage dauernden Fahrt („They reached it not many days afterwards“) erscheint widersprüchlich zu dem von ihm genannten Datum des 23. Januar 1790, an dem „nach nur wenigen Tagen Liegezeit“ die Bounty abgebrannt wurde. Waren doch bis dahin seit Abfahrt von Tahiti bereits vier Monate vergangen gewesen. Es erscheint also als unsicher, dass Christian von einer unkorrekten Lage Pitcairns wusste, und die Seereise dorthin tatsächlich eher einer Irrfahrt und ihre vermeintliche Wiederentdeckung durch ihn eher einem glücklichen Zufall gleicht. So suggerieren es jedenfalls die zwischen 1819 und 1826 in australischen Publikationen veröffentlichten Berichte von Teehuteatuaenoa (alias „Jenny“), die lange vergessen waren und erst nach ihrer Wiederentdeckung Mitte des 20. Jahrhunderts eine stärkere Berücksichtigung in der Bounty-Forschung fanden. Bis dahin wurde sich allein auf die an die Londoner Admiralität gerichtete Berichterstattung gestützt, die nur die Aussagen von Adams/Smith kannte. Der Erzählung Teehuteatuaenoas folgend beschrieb auch Otto von Kotzebue das Auffinden Pitcairns durch Christian als einen Zufall („Nachdem sie mehrere Wochen auf der See herumgeirrt waren, kamen sie zufällig zu der von Carteret 1767 entdeckten Pitcairninsel…“).

Nach Teehuteatuaenoa erreichte die Bounty am Tag nach dem Ablegen von Tahiti das Tetiaroa-Atoll und einige der Frauen baten darum, zu ihrer Heimatinsel zurückgebracht zu werden. Darauf ging man Kurs Südwest, um Moorea (Eimeo) anzusteuern, etwa 15 Kilometer westlich von Tahiti, wo Einheimische auf einem Kanu sechs der Frauen aufnahmen, um sie zu ihrer Heimat zurück zu transportieren. Alle an Bord verbleibenden Personen, 28 an der Zahl, scheinen dies freiwillig getan zu haben. Neben den neun britischen Meuterern waren dies sechs polynesische Männer, von denen zwei von Tubuai und vier von Tahiti aufgenommen wurden. Einer der von Tahiti stammte ursprünglich von Raiatea. Die Frauen waren zwölf an der Zahl, elf aufgenommen von Tahiti und eine von Tubuai. Eine der von Tahiti stammte ursprünglich von Huahine. Neun der Frauen waren die Gefährtinnen der Meuterer, während die anderen drei zu den Polynesiern gehörten. Eine der Frauen führte zudem ein etwa einjähriges Mädchen mit, dessen leiblicher Vater aber ein Tahitianer gewesen war.