mini|Das I.G. Farben-Gebäude diente während des Kalten Krieges als Hauptsitz der CIA in Deutschland Die US-amerikanischen Geheimdienstaktivitäten in Deutschland wurden mit dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung Deutschlands ab Ende 1944 deutlich intensiviert. Da der Eiserne Vorhang während des Kalten Kriegs mitten durch Deutschland verlief, war das Land ein wichtiges Zentrum der US-amerikanischen Spionage. Dabei wurde von US-Diensten sowohl die Politik der Bundesrepublik Deutschland überwacht als auch Spionage und Propaganda gegen den Ostblock betrieben. Die CIA und andere amerikanische Geheimdienste arbeiteten dabei eng mit dem bundesdeutschen BND zusammen, der ein enger Verbündeter der USA war. Auch nach der deutschen Wiedervereinigung verblieb eine, wenn auch reduzierte geheimdienstliche Präsenz der Amerikaner in Deutschland. So wurde im Juli 2013 durch die globale Überwachungs- und Spionageaffäre bekannt, dass die amerikanische NSA fast alle deutschen Spitzenpolitiker, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel belauscht und ausspioniert hatten. Durch die Enthüllungen kam auch ans Licht, dass die CIA über Informanten in Politik und Sicherheitsdiensten verfügte.
Laut Schätzungen von 2010 arbeiten ca. 120 CIA-Agenten in Deutschland, welche häufig als Diplomaten getarnt waren. Diese waren vorwiegend in Berlin, München und Frankfurt am Main an Botschaften und Konsulaten tätig. In Frankfurt befand sich lange Zeit die CIA-Zentrale im I.G. Farben-Gebäude, welches nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen wurde. Laut Enthüllungen der Plattform WikiLeaks von 2017 gibt es im US-Konsulat in Frankfurt eine geheime Hackereinheit namens Vault 7, die für Europa, den Nahen Osten und Afrika zuständig ist. In Wiesbaden befindet sich das 2015 errichtete Consolidated Intelligence Center der US Army, welches auch von der NSA genutzt werden soll. Das Spionagezentrum befindet sich in der Nähe des verkehrsintensiven Internetknotenpunkts DE-CIX. Die US-Stützpunkte im Land sind exterritorial und unterstehen damit dem US-amerikanischen Recht.
Die USA besitzen auf deutschem Boden eine Überwachungskapazität, welches die der deutschen Sicherheitsdienste bei weitem übertrifft. Dies zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Terroranschläge in Deutschland durch Hinweise von US-Diensten verhindert wurden. Bei der Terrorabwehr besteht damit eine große Abhängigkeit von deutscher Seite.
Geschichte
Zweiter Weltkrieg Kurz nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour erklärte Deutschland den USA am 11. Dezember 1941 den Krieg. Das Versagen der US-Nachrichtendienste in Pearl Harbour führte 1942 zur Gründung des Office of Strategic Services (OSS), das dem Kriegsministerium unterstand. Zahlreiche deutsche Emigranten arbeiteten für den Dienst und gaben Informationen an diesen weiter, dazu gehörten Herbert Marcuse, Jürgen Kuczynski, Carl Zuckmayer und Franz Neumann. Um Agenten auf den Einsatz in Deutschland vorzubereiten, errichteten die USA sogar eine deutsche Attrappenstadt in Maryland. In Camp Ritchie wurden knapp 20.000 Rekruten ausgebildet, von denen ca. 2000 in Deutschland geboren waren. Viele von ihren waren deutsche Juden, darunter auch der spätere US-Außenminister Henry Kissinger.Covert Legion S. 30 Diese Rekruten konnten aufgrund ihrer Kenntnisse der deutschen Sprache wichtige Dienste für die amerikanischen Kriegsbemühungen leisten, indem sie deutsche Kriegsgefangene verhörten. Die Amerikaner konnten in Zusammenarbeit mit den Briten zudem die deutsche Kommunikation entschlüsseln (so z. B. durch das gemeinsame Ultra-Programm) und waren deshalb über die militärischen Pläne der Wehrmacht stets gut informiert.Covert Legion S. 33–34 Durch die Operation Bodyguard konnten die Alliierten durch die Streuung falscher Informationen die Deutschen erfolgreich über den Zeitpunkt und der Ort ihrer Landung in der Normandie täuschen, was zum Erfolg der Operation Overlord beitrug.
Nachdem amerikanische Streitkräfte deutschen Boden betreten hatten, kooperierte die deutsche Bevölkerung relativ bereitwillig mit amerikanischen Agenten, da die Deutschen kriegsmüde waren und die Amerikaner gegenüber den Sowjets bevorzugten. Während der Operationen auf deutschem Boden waren Briten und Amerikaner enge Partner beim Austausch von Geheiminformationen, während die Franzosen unter Führung von Charles de Gaulle eher eigensinnige Ziele verfolgten. Die geheimdienstliche Kooperation zwischen Amerikanern und Sowjets wurde durch das große gegenseitige Misstrauen eingeschränkt.Covert Legion
Nachkriegszeit Nach dem Ende des Hitler-Regimes wurde Deutschland 1945 in vier Besatzungszonen eingeteilt, die von den Siegermächten verwaltet wurden. Prioritäten der amerikanischen Dienste in der unmittelbaren Nachkriegszeit waren die Entnazifizierung und Demokratisierung Deutschlands, die Rekrutierung deutscher Wissenschaftler und die Überwachung der Aktivitäten der Sowjets, zu denen sich die Beziehungen nach dem Sieg über den gemeinsamen Feind schnell verschlechterten.
Operation Overcast Die Operation Overcast war ein geheimes Programm des US-Geheimdienstes, in dessen Rahmen zwischen 1945 und 1959 mehr als 1.600 deutsche Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker aus Deutschland in die USA gebracht wurden, um dort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa für die amerikanische Regierung zu arbeiten. Die Operation wurde von der Joint Intelligence Objectives Agency (JIOA) durchgeführt, die größtenteils von Spezialagenten des Counterintelligence Corps (CIC) der US-Armee geleitet wurde. Die Wissenschaftler waren häufig in das Raketenprogramm der Nazis, die Luftfahrt und die chemische und biologische Kriegsführung involviert gewesen und waren in manchen Fällen an schweren Kriegsverbrechen beteiligt gewesen. Zu den rekrutierten Wissenschaftlern gehörte auch Wernher von Braun, der später das amerikanische Raumfahrtprogramm leitete. Von den Amerikanern wurden auch deutsche Patente eingezogen.
Aufbau der Bundesrepublik Der CIC war entscheidend an der Denazifikation im besetzten Deutschland und der Verhaftung von flüchtigen Nazi-Größen beteiligt. Mitarbeiter des Militärnachrichtendienstes überprüften Millionen von Deutschen und waren an den Prozessen gegen Hunderte von Kriegsverbrechern beteiligt. Auch die Reaktion der Bevölkerung auf die Denazifizierung wurde überwacht. Die US-Dienste bauten auch Kontakte zu vertrauenswürdigen Politikern auf, zu denen in einigen Fällen schon vor Kriegsende Kommunikation bestanden hatte. Auf einer Whitelist vertrauenswürdiger Personen stand auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, der von den Amerikanern 1945 kontaktiert wurde.Covert Legion S. 333 Theodor Heuss verdankte seinem Aufstieg seinen guten Kontakten zu nachrichtendienstlichen US-Militärkreisen und fungierte möglicherweise für eine Zeit als Informant für den CIC in Stuttgart.Covert Legion S. 338
Nach der Zulassung von politischen Parteien wurden diese entsprechend überwacht und infiltriert. Besonders stark beobachtet wurde die neuerrichtete KPD. Zum wichtigsten SPD-Informanten der amerikanischen Geheimdienste wurde ab 1948 Willy Brandt, der den CIC mit Informationen aus dem geteilten Berlin versorgte. Hier versuchten die USA die SPD zu begünstigen, um eine Übernahme der Kommunisten zu verhindern. Brandt wurde 1950 schließlich als Agent rekrutiert und erhielt als „Informant ‚O-35-VIII‘“ zusammen mit Hans Emil Hirschfeld 200.000 D-Mark an politischer Unterstützung von den Amerikanern, die seine Karriere förderten. Seine Informantentätigkeit endete 1952, er blieb allerdings mit nachrichtendienstlichen Kreisen auch danach in Kontakt.Covert Legion S. 376–380
Kalter Krieg
Stay-behind-Netzwerke Die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen verschlechterten sich schon bald so weit, dass es zum Kalten Krieg kam. Durch die Berlin-Blockade wurde den Amerikanern ihre verwundbare Position verdeutlicht und aufgrund der numerischen Unterzahl der US-Streitkräfte in Europa gingen amerikanische Militärplaner davon aus, dass Europa bei einem sowjetischen Angriff schnell an die Kommunisten fallen würde. Die durch den National Security Act von 1947 gegründete Central Intelligence Agency (CIA) begann deshalb mit dem Aufbau von sogenannten Stay-behind-Netzwerken, die bei einem sowjetischen Angriff hinter den feindlichen Linien im Sinne der Amerikaner agieren sollten. Für dieses Vorhaben wurden in Deutschland zahlreiche Ex-Nazis rekrutiert. Zwischen 1948 und 1955 organisierte die CIA in Westdeutschland und West-Berlin mehr als ein Dutzend solcher Netzwerke, die aus mehreren hundert deutschen Funkern, Agenten und Informanten bestanden, von denen viele während des Zweiten Weltkriegs Soldaten der Wehrmacht oder der Waffen-SS gewesen waren. Im Rahmen der Operation wurden geheime Depots mit Waffen, Sprengstoff, Funk- und Chiffrierunterlagen sowie Versorgungsgütern angelegt. Diese Netzwerke von geheimen Waffendepots und Agenten wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen NATO-Staaten errichtet.
Rivalität mit den Sowjets in Berlin Zu einem Zentrum der gegenseitigen Spionage stieg schon in den 1940er Jahren die geteilte deutsche Hauptstadt Berlin auf. Die Amerikaner waren hier dem sich formierenden Ostblock und den sowjetischen Streitkräften am nächsten und alle Geheimdienste rekrutierten in der Bevölkerung. In Zusammenarbeit mit den Briten gelang der CIA im Jahre 1955 mit der Operation Gold ein Coup, als sie einen 400 Meter langen Spionagetunnel zwischen dem amerikanischen und sowjetischen Sektor errichteten, mit dem sowjetische Telefonleitungen angezapft und abgehört werden konnten. Durch einen Maulwurf bei den Briten waren die Sowjets allerdings schon im Voraus bestens über den Tunnel informiert gewesen und sie ließen die Operation nach einem Jahr auffliegen, ohne ihre Quelle zu gefährden.
Im Jahre 1959 gab es über Tausend amerikanische Spione in der Stadt Berlin. Die Präsenz westlicher Spione in Berlin war einer der Gründe, warum die Sowjets die Errichtung der Berliner Mauer unterstützten, der den Kontakt zu vielen Quellen westlicher Nachrichtendienste in Ost-Berlin abschnitt.
Amerikanische Nachrichtendienste in Deutschland Als Basis für nachrichtendienstliche Aktivitäten der USA war die Bundesrepublik Deutschland von sehr großer Bedeutung. Neben der Türkei und dem Vereinigten Königreich gehörte Deutschland zu den drei Staaten, die eine große Anzahl und Vielfalt an verschiedenen nachrichtendienstlichen Stationen und Basen auf ihrem Staatsgebiet erlaubten, während andere europäische Staaten diese beschränkten. Zahlreiche SIGINT-Abhörposten, Radarüberwachungsstationen und CIA-Stützpunkte wurden in Deutschland eingerichtet, die eine wichtige Rolle im Kalten Krieg spielten. Die German Station der CIA war die größte CIA-Einheit in Übersee. Sie umfasste 1959 zwischen 1.400 und 1.700 Einsatz- und Hilfskräfte. Das Hauptquartier der deutschen CIA-Station, das Teile eines riesigen ehemaligen Gebäudes der IG Farben in Frankfurt belegte, kontrollierte ein Dutzend über die ganze Bundesrepublik verteilte Operationsbasen, von denen die größte die 200 Personen starke Berlin Operations Base (BOB) war, deren Deckname U.S. Army Field Systems Office lautete. Die BOB befand sich in einem dreistöckigen Gebäude am Föhrenweg im Berliner Stadtteil Dahlem, das während des Zweiten Weltkriegs das Hauptquartier der deutschen Luftwaffe gewesen war. Die CIA kontrolliert auch noch zahlreiche kleinere Waffenlager, Spionagestationen, Ausbildungslager, Munitionsdepots und geheime Verstecke im ganzen Land.