Gianfranco Becchina (* 1939 in Castelvetrano) ist ein italienischer Antikenhändler, der mit illegal ausgegrabenen antiken Objekten handelte.
Leben In jungen Jahren zog Becchina zu seinem Onkel nach Carbonia auf Sardinien. Als junger Erwachsener arbeitete er dort als Kellner. Carbonia war zu der Zeit von Kohleminen geprägt, doch als diese in den 1960er Jahren schlossen, zog Becchina nach Basel. Dort begann er als Laufbursche im Hotel Helvetia, das er später kaufte. Über einen Hotelgast, Elie Borowski, kam er in den Antikenhandel. Außerdem gründete er 1985 die Firma Olio Verde, die Olivenöl in Castelvetrano im Westen Siziliens produziert. Dort verbringt Becchina auch seinen Ruhestand. Das Unternehmen wird mittlerweile von den drei Töchtern weitergeführt.
Illegaler Antikenhandel mini|Kouros des J. Paul Getty Museums Gianfranco Becchina eröffnete zusammen mit seiner Frau Ursula-Marie Becchina-Juraschek ein Geschäft für Antiken, die Galerie Antike Kunst Palladion (benannt nach dem Palladion). Über diese Galerie verkauften sie seit den 1970er Jahren Raubkunst, die sie über ein Netzwerk von Grabräubern und Schmugglern beschafften. Becchina verkaufte antike Objekte, die er teils von sogenannten „Tombaroli“, Grabdieben, erhielt, die unter anderem Objekte vom Weltkulturerbe-Friedhof von Cerveteri, Pompeji, Ruinen von Syrakus, Salinunte, Tarent und Canosa stahlen. Es gelang ihnen, antike Objekte an Museen wie das Ashmolean Museum, den Louvre, das Museum of Fine Arts in Boston, das Metropolitan Museum of Art in New York, das Princeton University Art Museum, das Toledo Museum of Art und das J. Paul Getty Museum zu verkaufen. Es waren aber auch Einzelpersonen wie Shelby White und ihr Mann Leon Levy, der Sammler George Ortiz und der Antikenhändler Noriyoshi Horiuchi. Von Becchina stammt auch die Marmorstatue des griechischen Jünglings Kouros, die er für 10 Millionen Dollar an das J. Paul Getty Museum verkaufte. Bis heute gibt es den Verdacht, dass es sich um eine Fälschung handelt.
Ins Visier der Polizei geriet Becchina erstmals 1994, als ins Castello di Melfi eingebrochen wurde und acht Vasen aus der Zeit von Alexander des Großen entwendet wurden. Daraufhin wurde von einer Sonderstaffel der italienischen Carabinieri, der Tutela Patrimonio Culturale, die „Operation Geryon“ eingeleitet. Die Vasen wurden im Oktober 1994 bei einer polizeilichen Durchsuchung der Wohnung des Antikenhändlers Antonio Savoca sichergestellt. Dabei wurde auch eine Kartei mit Geschäftsvorgängen beschlagnahmt, woraufhin Luigi Coppola als Lieferant der Melfi-Vasen identifiziert und gemeinsam mit seinem Komplizen Pasquale Camera, einem Zollbeamten, überwacht wurde. Camera starb während eines Autounfalls auf dem Weg zu einer Antikenhändlerin, Frieda Tchacos. In seinem Auto wurden Fotos von illegal ausgegrabenen antiken Objekten gefunden. Es wurde beispielsweise ein Foto eines Paestanischen rotfigurigen Kraters des Malers Asteas gefunden, den Becchina 1981 an das J. Paul Getty Museum verkaufte. Weitere Untersuchungen führten zum Fund eines von Pasquale Camera angefertigten Organigramms, das die Struktur des illegalen Antikenhandels darstellte. Im Zentrum stand der US-Antikenhändler Robert Hecht, der Verbindungen zu Sammlern und Museen in den USA hatte und davon abgehend waren auf dem Organigramm zwei Händlerketten: eine über Giacomo Medici und eine über Gianfranco Becchina, die Hecht mit illegal ausgegrabenen Artefakten versorgten. Becchina erhielt wiederum Objekte unter anderem von Raffaele Monticelli aus Tarent, der 2002 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde.
Im Jahr 2002 wurden drei von Becchinas Lagern sowie die Galerieräume durchsucht. Etwa 13 000 Dokumente, 6 300 Artefakte und 8 000 Fotografien wurden beschlagnahmt. Davon konnten 5361 Objekte Italien zugeordnet und an Italien zurückgeführt werden. Vier Jahre später wurde eine weitere Lagerstätte mit Artefakten entdeckt. Becchina wurde 2011 wegen illegalen Handels mit antiken Objekten verurteilt und legte Berufung ein. Daraufhin wurde er wegen Verjährung freigesprochen.
Im Mai 2022 vollzog die Direzione Investigativa Antimafia eine vom Tribunale di Trapani angeordnete Vermögenseinziehung gegen Becchina. Betroffen waren nach Medienberichten unter anderem zwei Unternehmenskomplexe (Olio Verde Srl und Demetra Srl), 38 Gebäude, vier Fahrzeuge und 24 Grundstücke; der Gesamtwert wurde auf mehr als 10 Millionen Euro geschätzt. Zu den Vermögenswerten gehörten auch Teile des Palazzo dei Principi Tagliavia-Aragona-Pignatelli in Castelvetrano, in denen das historische von Friedrich II. in Auftrag gegebene Castello Bellumvider integriert ist.Justice Rendered: The final confiscation of properties and business enterprises of Gianfranco Becchina has been confirmed. Im März 2026 hob die Abteilung für Präventionsmaßnahmen des Oberlandesgerichts Palermo (Corte d'Appello di Palermo) die Vermögenseinziehung vollständig auf. Das Gericht gab den Rechtsmitteln Becchinas statt und begründete die Entscheidung damit, dass keine nicht erklärte Unverhältnismäßigkeit zwischen dem Familienvermögen und den legalen Einkommensquellen nachgewiesen sei.
Beziehungen zur sizilianischen Mafia Becchina wurde in italienischen Medien und Ermittlungsberichten jahrelang als mutmaßlich dem später festgenommenen Cosa-Nostra-Bosses Matteo Messina Denaro nahestehend beschrieben. Grundlage entsprechender Verdachtsmomente waren unter anderem Aussagen mehrerer Kronzeugen (collaboratori di giustizia), darunter Rosario Spatola, Vincenzo Calcara, Angelo Siino und Giovanni Brusca, die Becchina mit dem Umfeld der Familie Messina Denaro in Verbindung brachten. Nach damaligen Medienberichten gaben einzelne Belastungszeugen an, Becchina habe zur Finanzierung der Flucht Matteo Messina Denaros beigetragen. Der frühere Unternehmer Giuseppe Grigoli, der wegen seiner Rolle als wirtschaftlicher Unterstützer Messina Denaros verurteilt wurde, erklärte den Ermittlern zudem, er habe zwischen 1999 und 2006 von Becchina Geldumschläge erhalten, die über Vincenzo Panicola, den Schwager Messina Denaros, an den flüchtigen Mafioso weitergeleitet werden sollten. Die Corte d’Appello di Palermo sah 2026 in den Kronzeugenaussagen keine hinreichend konkreten Belege für eine Beteiligung Becchinas an organisierter Kriminalität.
Rückgabe von antiken Objekten Das J. Paul Getty Museum und das Toledo Museum of Art haben einige illegal ausgegrabene Artefakte, die sie von Becchina erworben hatten, an Italien zurückgegeben. Außerdem wurden 2012 zwei Keramikgefäße und ein Marmorkopf von der US-amerikanischen Zollbehörde vom New Yorker Auktionshaus Christie’s beschlagnahmt.
2023 forderte Italien sieben antike Objekte vom Louvre zurück. Diese wurden zwischen 1982 und 1995 unter anderem von Becchina angekauft. Das bekannteste Stück ist eine Amphore aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., die dem Berliner Maler zugeschrieben wird. Weitere Stücke sind griechische Vasen des Ixion-Malers aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. sowie Werke im Stil des Antimenes-Maler aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.
Verkaufte Objekte (Auswahl) +ObjektHerkunftVerkauf von Becchina an...Anmerkung/RückgabeFotoPaestianischer rotfiguriger Krater des AsteasGefunden 1974 in Benevento von einem Arbeiter bei Grabungen für ein Abwassersystem. Dieser tauschte den Krater auf dem Schwarzmarkt gegen ein FerkelJ. Paul Getty Museum (1981) für 275 000 DollarRückgabe 2005 an Italien, befindet sich heute im Museo Archeologico Nazionale del Sannio Caudino in Montesarchiomini|Europa reitet auf dem weißen Stier (Zeus)Bronzekopf aus der Zeit zwischen 100 v. Chr. und 100 n. Chr.Vermutlich Bubon in der Türkei, wo Ende der 1960er Jahre illegale Ausgrabungen durchgeführt wurdenJ. Paul Getty Museum im Jahr 1971Zurückgegeben an die Türkei im Jahr 2024mini|BronzekopfSarkophagdeckel mit schlafender Frau („Sleeping Beauty“)Italien, stammt aus Plünderung in den 1970/80er Jahren. Becchina erwarb den Sarkophagdeckel von Antonio Savoca und importierte ihn 1981 nach BaselGeorge Ortiz für 80 000 CHFBeschlagnahmung des Sarkophagdeckels 2014 aus einem Lagerhaus in New York. Zurückgegeben an Italien im selben Jahrmini|Schlafende FrauBronzene Patera, etruskische Schale aus dem 4. Jahrhundert mit Griff in Form des Gottes ApollonItalienvermutlich Mathias Komor, der sie weiterverkaufteBeschlagnahmung 2025 von der Antiquties Trafficking Unit, zurückgegeben an Italien
Einzelnachweise
Weblinks Foto SHERLOC: Case G. Becchina Persönlicher Blog (italienisch)
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