Die Junge Welt (kurz JW, Eigenschreibweise junge Welt bzw. jW) ist eine überregionale marxistische Tageszeitung. Das Blatt war von seiner Gründung 1947 bis 1990 das Organ des Zentralrats der FDJ in der DDR. Im Jahr des Zusammenbruches der DDR erlebte es bis Dezember 1990 einen Auflagenrückgang von 1,6 Millionen auf unter 200.000.Zur Auflagenentwicklung 1990 siehe Michael Meyen, Anke Fiedler: Wer jung ist, liest die Junge Welt. Die Geschichte der auflagenstärksten DDR-Zeitung. Links, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-749-6, S. 263 f. Es deckte inzwischen ein breiteres Spektrum vom Reformsozialismus bis zu orthodoxem Marxismus ab, doch verengte sich die Blattlinie ab 1997 auf Antiimperialismus und Antikapitalismus. Heute gilt sie als marxistisch-leninistisch und DKP-nah und wird vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft und beobachtet.Tageszeitung „junge Welt“: Beobachtung erlaubt, auf taz.de, abgerufen am 5. Februar 2024.

Sitz von Redaktion und Verlagsgenossenschaft ist Berlin.

Geschichte Gründung und Entwicklung in der DDR Die Junge Welt (später junge Welt geschrieben) wurde am 12. Februar 1947 im Sowjetischen Sektor von Berlin gegründet. Erster Chefredakteur war der ehemalige Vorsitzende der Jugendorganisation FDJ in Großbritannien Adolf Buchholz. Sie erschien zunächst wöchentlich im Verlag Neues Leben, ab 1. Januar 1950 zweimal wöchentlich und ab März 1952 als Tageszeitung sechsmal in der Woche im neu gegründeten Verlag Junge Welt. Ab dem 12. November 1947 führte sie den Untertitel Zentralorgan der Freien Deutschen Jugend, ab dem 1. März 1952 den Untertitel Organ des Zentralrats der FDJ. Am 3. März 1953 beschloss das Politbüro der SED, dass der Verlag und das Gebäude des Nacht-Express, der letzten formal unabhängigen Tageszeitung in der DDR, an die Junge Welt verkauft werden mussten, die das Objekt fortan nutzte.Anke Fiedler, Michael Meyen: Wer jung ist, liest die Junge Welt – Die Geschichte der auflagenstärksten DDR-Zeitung. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86153-749-6, S. 208 zur Geschichte.

In der DDR war das Blatt Herrschaftsinstrument der SED.Nils Abraham: Die politische Auslandsarbeit der DDR in Schweden: Zur Public Diplomacy der DDR gegenüber Schweden nach der diplomatischen Anerkennung (1972–1989), Berlin und Münster 2007, LIT-Verlag, ISBN 3-8258-0268-X, Seite 478. So griff das FDJ-Organ im Frühjahr 1953 die Junge Gemeinde offen an und attackierte sie als „Illegale Organisation Junge Gemeinde“. Mit der „Säuberung“ der FDJ von Anhängern der Jungen Gemeinde wurde der damalige erste Sekretär der FDJ, Erich Honecker, beauftragt. Die junge Welt und die Junge Generation erhielten die Anweisung, die Arbeit der jungen Gemeinde durch Hetzartikel in Misskredit zu bringen. Damit sollte ein Verbot vorbereitet werden.Ilko-Sascha Kowalczuk, Armin Mitter, Stefan Wolle (Hrsg.): Der Tag X – 17. Juni 1953. Die „Innere Staatsgründung“ der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54. Ch. Links Verlag, 1995, ISBN 3-86153-083-X, S. 318.Die Junge Gemeinde, auf: jugendopposition.de. 1957 führte eine Kampagne des Blattes gegen „westliche“ Musik dazu, dass aus dem DEFA-Revuefilm „Meine Frau macht Musik“ zwei Lieder des Komponisten Siegfried Wegener gestrichen wurden, da dieser auch als „Abteilungsleiter Tanzmusik“ des verhassten Westsenders RIAS tätig war. Erst nachdem die Lieder ersetzt worden waren, erteilte die Zensur 1958 die Aufführungserlaubnis.Autarke Revue. In: Der Spiegel, Nr. 12. 1958, S. 57–59.

Wenige Tage nach dem Bau der Berliner Mauer veröffentlichte die jW den Kampfauftrag der FDJ, mit dem unter Berufung auf die angebliche Kriegsgefahr Freiwillige für die Nationale Volksarmee geworben werden sollten und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in der DDR vorbereitet wurde. Hauptforderungen waren: Verteidigungsbereitschaft der männlichen Jugend, Planerfüllung in Produktion und Landwirtschaft, Ablehnung der Westsender (Aktion: „Blitz kontra Nato-Sender“), unabhängig von Importen werden („Störfreimachung“) und Wahl der Kandidaten der Nationalen Front.Anita Krätzner: Zwischen „Störfreimachung“ und „Kampfauftrag“. Zur Situation an den Universitäten der DDR im Jahr 1961 In: Benjamin Schröder, Jochen Staadt (Hrsg.): Unter Hammer und Zirkel. Repression, Opposition und Widerstand an den Hochschulen der SBZ/DDR. Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin 16. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2011, S. 193.Junge Welt vom 18. August 1961, S. 1.Marc-Dietrich Ohse: Jugend nach dem Mauerbau. Anpassung, Protest und Eigensinn (DDR 1961–1974). Ch. Links, Berlin 2003, S. 31f. Nach dem Mauerbau schürte die Junge Welt auch eine regelrechte Pogromstimmung, indem sie triumphierend Berichte über gewaltsame Übergriffe von Stasi- bzw. FDJ-Angehörigen auf Oppositionelle veröffentlichte und offen zur Nachahmung aufstachelte.Wolfgang Weber: DDR – 40 Jahre Stalinismus: Ein Beitrag zur Geschichte der DDR, Arbeiterpresse-Verlag, Essen 1993, ISBN 3-88634-056-2, Seite 61.

Die Junge Welt edierte einen Jahreskalender mit zum Teil hochwertiger signierter Originalgrafik von DDR-Künstlern. 1974 z. B. hatte dieser eine Auflage von 250 Exemplaren und kostete für Abonnenten 250 Mark der DDR. Soweit beteiligte Künstler über diese Auflage weitere Drucke bereitstellten, wurden diese für 25 Mark angeboten.Bildende Kunst, Berlin, 2/1974, S. 147. Schon bis 1982 wurden 141 Grafiken von 102 Künstlern angeboten, die in 18 000 Exemplaren zur Verfügung standen.Ingrid Feix: Die Tageszeitung der Jugend als Auftraggeber. In: Bildende Kunst, Berlin, 10/1982, S. 481.

Ab 1976 war die Tageszeitung Namensgeber des Rennens 6 Tage um den Preis der Jungen Welt. Die Auflage überschritt 1977 die Millionengrenze und lag Anfang 1990 bei 1,6 Mio. Exemplaren. Damit war sie, noch vor dem SED-Zentralorgan Neues Deutschland, zuletzt die auflagenstärkste Tageszeitung der DDR. In der DDR war die junge Welt im Abonnement und am Kiosk im Gegensatz zu vielen anderen Zeitungen und Zeitschriften ohne Engpässe zu erhalten. Insgesamt 19 Zeitungen und Zeitschriften wurden in Regie des FDJ-eigenen Verlages Junge Welt publiziert. Damit sollte die Jugend im staatskonformen Sinne beeinflusst und die kommunistische Erziehung der jungen Generation gefördert werden.

Letzter Chefredakteur vor der Wende war Hans-Dieter Schütt. Zu den Bildreportern der Zeitung gehörte u. a. Ulrich Burchert.

Nach dem Mauerfall Am 21. November 1989 wählte die Redaktion, auf Vorschlag des Zentralrats der FDJ, Jens König zum neuen Chefredakteur. Er löste in dieser Funktion Hans-Dieter Schütt ab, der die Zeitung seit 1984 geleitet hatte. König blieb bis zum April 1994 Chefredakteur.Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 119. Die Privatisierung des Verlags Junge Welt und der zugehörigen Zeitung verzögerte sich allerdings bis ins Jahr 1991, unter anderem wegen Rückübertragungsansprüchen der Deutschen Bank bezüglich der Immobilie des Verlags in Berlin-Mitte. Im April 1991 wurde die Zeitung aus dem Verlag ausgegliedert und kam in den Besitz einer GmbH, an der wesentlich die Mediengruppe Schmidt & Partner (MSP) beteiligt war, der zu dieser Zeit auch die Titanic und der Elefanten Press Verlag gehörten. Zeitweise war damals Dietmar Bartsch der Geschäftsführer der Zeitung. Nachdem die Auflage unter 100.000 gesunken war, entzog die Mediengruppe im Februar 1992 der GmbH das Recht zur weiteren Herausgabe der Jungen Welt. Das Blatt ging nun an die Verlagsanstalt in Berlin GmbH, die einem der bisherigen Geschäftsführer gehörte, nämlich Peter Großhaus, und später an den azzurro-Medienverlag, Haupteigentümer blieb jedoch Schmidt & Partner, auch wenn die genauen Eigentumsverhältnisse nicht leicht zu durchschauen waren.Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 161ff.; Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, S. 261f. Noch in diesen Eigentümerverhältnissen erfolgte 1994 mit der konzeptionellen Hilfe von konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza ein Neustart.Sich ums Konkrete kümmern Kleiner Streifzug durch Hermann L. Gremlizas Schöne Neue Junge Welt, von Detlef Kuhlbrodt, taz 20. Mai 1994. Nach nur acht Monaten als Chefredakteur wurde Günter Kolodziej, später stellvertretender Sprecher des Senats in Berlin unter Klaus Wowereit, im November 1994 von Oliver Tolmein abgelöst. Anfang April 1995 wurde dennoch die Produktion der Tageszeitung junge Welt durch den Eigentümer eingestellt.

Ein Teil der Redaktion führte die Zeitung daraufhin in Eigenregie weiter. Es kam zu einem „verspäteten Management-Buy-out“,Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 168. das heißt, aus der Belegschaft wurde mit Hilfe des Kredits eines „südbadischen Kommunisten“Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 168. eine Verlag 8. Mai GmbH gegründet, die die Zeitung herausgab. Zugleich begann man mit der Gründung einer Genossenschaft, der LPG junge Welt eG, die seit 1998 die Mehrheit der Anteile hält. Chefredakteur Tolmein schloss sich der Neugründung nicht an und wurde durch den früheren Kulturchef Klaus Behnken ersetzt. Der Umfang der Zeitung wurde von 24 auf 16 Seiten reduziert, die Ressorts Frauen, Medien und Ökologie wurden gestrichen. 1996 initiierte die junge Welt eine Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz, die seitdem mit jeweils etwa tausend Besuchern jährlich am zweiten Sonnabend im Januar organisiert wird. Schwerpunkt sind Vorträge und Diskussionen zu Erfahrungen linker Bewegungen und Parteien weltweit und die politischen Entwicklungen in Deutschland.Über die Rosa-Luxemburg-Konferenz.

Spaltung der Redaktion 1997 kam es zu einer Besetzung der Redaktionsräume durch einen Großteil der Mitarbeiter, nachdem der Geschäftsführer Dietmar Koschmieder den Chefredakteur Klaus Behnken abgesetzt hatte. Ersterer produzierte mit drei ihm gegenüber loyal gebliebenen Redakteuren während der Besetzung im gleichen Gebäude in einer anderen Etage Notausgaben, bis die Auseinandersetzung mit dem Ausscheiden der Besetzer aus der Redaktion endete. Die Redaktionsmehrheit hatte während der Besetzung die Wochenzeitung Jungle World als Gegenprojekt gegründet und führte diese anschließend weiter.Wie man einen Dschungel pflanzt jungle-world.com vom 27. Juni 2007. Behnkens Nachfolger wurde Holger Becker, einer der drei loyal gebliebenen Redakteure. Nachdem es zu Auseinandersetzungen mit der Geschäftsleitung und der die Zeitung herausgebenden Genossenschaft gekommen war, wurde er jedoch im Februar 2000 durch Arnold Schölzel ersetzt; mit ihm verließen Werner Pirker und Ulrike Schulz, die beiden anderen im Konflikt von 1997 der jungen Welt treugebliebenen Mitarbeiter, die Zeitung, Pirker kehrte allerdings später als Autor zurück.

Seit 2000 Im März 2001 veröffentlichte das Blatt einen offenen Brief von 23 ehemaligen hochrangigen MfS-Offizieren, in dem diese eine angebliche „Hexenjagd“ auf ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit anprangerten.Vgl. Stasiopfer.de: Medienberichte, eingesehen am 5. Oktober 2015.Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur. Berlin 2008, S. 284.

Die Veröffentlichung eines Textes der Ex-RAF-Terroristin Inge Viett im Januar 2011 in der jungen Welt führte zu einer Anklage gegen Chefredakteur Arnold Schölzel. Viett hatte es darin als „legitim“ bezeichnet, dass, wenn Deutschland Krieg führe, „als Antikriegsaktion Bundeswehrausrüstung abgefackelt wird“. Schölzel wurde 2013 auch in zweiter Instanz vom Vorwurf der Billigung von Straftaten freigesprochen.Schlappe für den Staatsanwalt junge welt vom 18. April 2013.Freispruch für Schölzel taz vom 18. April 2013.