Schweigen ist der Titel einer Novelle von Theodor Storm, die im Mai 1883 in der Deutschen Rundschau erstmals veröffentlicht wurde. Die erste Buchausgabe erfolgte im selben Jahr zusammen mit der Novelle Hans und Heinz Kirch. In der Erzählung geht es um die Entwicklung eines jungen Mannes, dessen psychische Erkrankung zunächst tabuisiert und verschwiegen wird. Die dadurch ausgelösten Schuldgefühle gegenüber seiner jungen Frau führen ihn an den Rand des Suizids.
Storm hatte erhebliche Probleme, das Werk abzuschließen, und war mit dem Ergebnis unzufrieden. Die neuere Forschung sieht in den Schwierigkeiten, die er in vielen Briefen ansprach, auch Merkmale des Übergangs vom Realismus zur frühen Moderne.
Inhalt Die Novelle beginnt mit einem Gespräch zwischen der Forstjunkerin Frau von Schlitz und dem Hausarzt der Familie. Sie sorgt sich um den Gesundheitszustand ihres Sohnes Rudolph und ist unsicher, ob die erfolgte Heilung in einer psychiatrischen Anstalt andauern wird. Der Arzt empfiehlt ihr, den schwermütigen Mann rasch zu verheiraten, möglichst mit einem „heiteren und verständig(en)“ deutschen „Hausfrauchen“.Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 133.
Während des Gesprächs erinnert sie sich an Anna, die Tochter eines Landpfarrers, die sie vor einiger Zeit kennengelernt hat. In der Hoffnung, eine Ehe einzufädeln, besucht sie mit ihrem Sohn die Familie, die den beiden die Wohnung des Küsters überlässt. Schon bald geht es Rudolph besser, was nicht nur mit der Gegenwart der schönen Anna, sondern auch mit dem Einfluss des gutmütigen Pastors zusammenhängt. In dem Haushalt der gastfreundlichen Familie ist Rudolph beliebt und beeindruckt die Zuhörer mit seinem Klavierspiel. So spielt er eines Nachmittags einige melancholische Nocturnes seines Lieblingskomponisten Frédéric Chopin. Der Pastor lauscht dem Vortrag, legt ihm dann aber die Noten der Klaviersonate in G-Dur mit dem Allegretto innocente von Joseph Haydn auf das Pult. Bald erklingen die Fiorituren und erfüllen das Zimmer „wie mit Vogelsang und Sommerspiel der Lüfte.“Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 137. Auch Bernhard, ein „hübscher Mann mit treuherzigen braunen Augen“, den Rudolph aus der gemeinsamen Zeit am Gymnasium kennt, interessiert sich für die Pastorentochter, kann sie aber nicht für sich gewinnen.Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 133.
Nachdem Anna ihm das Jawort gegeben hat, spricht Rudolph mit seiner Mutter, die ihn überzeugt, die psychische Krankheit vor seiner Verlobten zu verschweigen. Er selbst bleibt unsicher und glaubt, überstürzt gehandelt zu haben. Es sei nicht möglich, mit Anna zu sprechen, nachdem er sie absichtlich „betrogen“ habe.Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 145. Ein halbes Jahr später wird die Ehe geschlossen. Das junge Paar quartiert sich in dem schön gelegenen Forsthaus ein und verbringt glückliche Tage. Rudolph vertritt den kränkelnden Oberförster und übernimmt schließlich dessen Aufgaben. Zunächst ist sein adliger Dienstherr zufrieden, doch nach einiger Zeit vermutet er, der junge Mann sei mit der Aufgabe überfordert. An einer verlassenen Stelle im Wald belauscht der an sich zweifelnde Rudolph ein Gespräch des Grafen, das seine kritische Selbsteinschätzung bestätigt.
Rudolph leidet zunehmend darunter, Anna seine Krankheit verschwiegen zu haben. Von Schuldgefühlen verfolgt, grübelt er lange vor sich hin. Als er und seine Frau dem Summen der Insektenschwärme lauschen, ängstigt er sie mit der düsteren Geschichte von einer schwarzen Fliege, deren Stich tödlich sei. Er fühlt sich wie „in einem dunklen Kreis gefangen“,Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 166. befürchtet, die Erkrankung könne zurückkehren, achtet auf jedes Zeichen, das er als Bestätigung für den drohenden Rückfall deutet.Christoph Deupmann: Schweigen. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 228. So beunruhigt ihn ein Zeitungsbericht über einen mit Tollwut infizierten Hufschmied, bei dem die Krankheit nach dreizehn Jahren jäh ausbrach. Die Frau des Mannes habe in ein verzerrtes Gesicht geblickt und mit ihrem Geschrei die Nachbarn alarmiert, die den Mann fesselten. Rudolph fragt seine Mutter, ob auch er von einem kranken Hund gebissen worden und Anna nun ewig an ihn gebunden sei. Es sei falsch gewesen, das unschuldige Mädchen zu betrügen. Er konsultiert den Facharzt, der ihn in der Klinik behandelt hat und ihn nun überzeugt, seiner Frau alles zu erzählen. Doch Rudolph findet keine Gelegenheit dazu.
Als die Belastungen unerträglich scheinen, entschließt er sich zum Suizid und hinterlässt seiner Frau einen Abschiedsbrief, in dem er ihr alles erzählt. Während sie schläft, schleicht er sich mit einer geladenen Büchse aus dem Haus. Er erreicht die verlassene Stelle im Wald, wo er die demütigenden Worte des Grafen gehört hat. Dort befindet sich ein Grenzstein, auf dem Runenzeilen erkennbar sind: „Bis hierher, niemals weiter.“Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 169. Da wird ihm bewusst, dass mit dem Abschiedsbrief „das furchtbare Schweigen“ ja nun beendet ist und sein Leben beginnen kann.Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 190–191. Nachdem Anna den Brief gelesen hat, eilt sie zu ihm und wird durch einen versehentlich ausgelösten Schuss leicht verletzt. Sie entlastet ihn vom Vorwurf der Schuld, indem sie das Schweigen mit seiner Liebe erklärt. Bald wird Rudolph zum Oberförster befördert. Der Graf erklärt seinem Schwiegervater, der junge Mann könne „doch mehr, als Chopin spielen“. Vergangenen Montag habe er dem glücklichen Paar „den ersten Jungen aus der Taufe gehoben.“Theodor Storm: Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 196–197.
Entstehung und Veröffentlichung Es ist nicht sicher, woher der Stoff der Novelle kommt und auf welche Quellen Storm zurückgriff. Man weiß lediglich, dass er sich einige Monate vor der Veröffentlichung seiner Novelle Hans und Heinz Kirch mit dem Thema befasste. So schrieb er am 6. August 1882 an Erich Schmidt, er habe sich „in diesen Tagen“ mit einem Stoff befasst, „der wohl erst Fleisch gewinnen“ werde, „wenn der Sommertrubel vorüber“ sei.Karl Ernst Laage: Kommentar zu Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 827. Storm hatte das Werk bereits 1881/82 unter dem Arbeitstitel „psychologische Novelle“ entworfen. Als Buchveröffentlichung erschien der Text 1883 unter dem Titel Zwei Novellen. Schweigen. Hans und Heinz Kirch.Karl Ernst Laage: Kommentar zu Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 826.
Die Kladde- und Konzeptpapiere enthalten einige kurze Szenen und einzelne Sätze, die zum Anfangs-, Mittel- und Schlussteil der Novelle gehören. Auf einem Blatt, das während eines früheren Entwurfsstadiums entstand, findet sich eine kurze Skizze, in der Storm auch auf die Psychologie der Hauptfigur eingeht: Es belaste den jungen Mann, „daß er seine Frau durch die Verschweigung betrogen“ habe. Er wolle ihr alles erzählen, komme aber nicht dazu. Als er es endlich sagen will, wird ihm von einer „Wärterin aus einer Irrenanstalt“ erzählt, die „einen geheilt Entlassenen“ geheiratet habe. Danach „verschließt“ er sich wieder, während die „Angst vor der Entdeckung wächst.“Zit. nach: Karl Ernst Laage: Kommentar zu Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 827.
Storm schrieb seinem Sohn Hans am 29. September 1882, dass er sich seit einigen Tagen mit einem noch unfertigen Stoff befasse, durch den er sich keck hindurchschreiben wolle. Die auftretenden Schwierigkeiten und gesundheitlichen Probleme erschwerten allerdings die Arbeit und seien auch deswegen belastend, weil er auf die Erwerbsquelle des Schreibens nicht verzichten könne.David A. Jackson: Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie. Erich Schmidt, Berlin 2001, S. 232–234. Seinem Sohn Karl gegenüber klagte er, dass die Arbeit ihn ausgelaugt habe und wiederholte, dass er „des elenden Geldes wegen“ das Schreiben nicht aufgeben könne. Seine Gesundheit mache ihm zu schaffen, er fühle die „hereinbrechende geistige Unfähigkeit als ein nagendes Leid“. Scherzhaft fügte er hinzu, dass „die Urvölker, wie die germanischen Bevölkerer Irlands, die Greise“ erschlagen hätten, wenn es keine Nahrung mehr gab. Die Alten hätten aber keine Pension bezogen. Als er das Werk endlich abgeschlossen hatte, glaubte er, dass sich nun nichts Neues mehr gestalten lasse und seine finanzielle Sicherheit gefährdet sei. Mit der folgenden Novelle Zur Chronik von Grieshuus kam er nur langsam voran.David A. Jackson: Theodor Storm. Dichter und demokratischer Humanist. Eine Biographie. Erich Schmidt, Berlin 2001, S. 233.
Storm fiel es nicht leicht, die „psychologisch diftelige(n) Geschichte“ auszuarbeiten, da das Werk einen inneren Konflikt behandelt, der sich in den Handlungen der Figur nur wenig zeigt. Es war ihm verhasst, „das Motiviren vor den Augen des Lesers“ darzustellen, wie er in einem Brief an Paul Heyse erklärte.Christoph Deupmann: Schweigen. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 228. Vor allem der Schluss der Novelle bereitete ihm große Probleme. Er könne zwar den Beginn des Heilungsprozesses beschreiben; es sei aber schwierig, „dem Leser das Gefühl der definitiven Heilung“ zu geben.Karl Ernst Laage: Kommentar zu Schweigen. In: Karl Ernst Laage, Dieter Lohmeier (Hrsg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Band 3, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, S. 828. Erich Schmidt gegenüber räumte er ein, dass er die komplizierten Schlussszenen der Erzählung „fast jeden Morgen [...] eine Stunde lang“ angestarrt und im Zimmer hin- und hergelaufen sei, um „schließlich alles ebenso wieder wegzupacken“.Karl Ernst Laage: Theodor Storm. Boyens, Heide 1999, S. 81.
Hintergrund und Interpretationsansatz Schweigen gehört zu den wenigen Erzählungen Storms, die nicht in eine Rahmen- und Binnenhandlung untergliedert sind. Die Novelle arbeitet mit Gedankenberichten, erlebter Rede und Zeichen des Unbestimmten, mit denen die Bedrohung durch die Krankheit erfasst werden soll.Christoph Deupmann: Schweigen. In: Storm-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart 2017, S. 228.