mini|330px|Das Minarett von Ritscha im Aghulischen Distrikt von Dagestan Der Islam ist in Dagestan die Religionszugehörigkeit der absoluten Mehrheit der Bevölkerung. Ungefähr 94 Prozent der Bewohner Dagestans gelten als ethnische Muslime.Silantjew: Islam w sowremennoj Rossii. 2008. S. 15. Die lokale Form des Islams ist traditionell von der schafiitischen Rechtsschule und vom Sufismus geprägt. Die sufische Prägung des dagestanischen Islams manifestiert sich unter anderem in Form von Ziyāra-Wallfahrten zu lokalen Heiligtümern. Im Jahre 2006 waren mehr 200 solcher Ziyāra-Heiligtümer aktiv, die zahlreiche Pilger aus ganz Dagestan anzogen. Zwar hat der Islam in Dagestan eine über 1.300 Jahre lange Geschichte, doch erlangte er erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts in allen dagestanischen Herrschaftsgebieten und Gemeindezusammenschlüssen den Status einer offiziellen Religion.Šixsaidov: Islam i Islamskaja kul'tura v Dagestane. 2001, S. 4.
Gegenwärtige Situation Binnendifferenzierung des Islams in Dagestan Die meisten Muslime Dagestans sind Sunniten und folgen der schafiitischen Lehrrichtung, allerdings sind die Nogaier und manche Kumyken Hanafiten. Die Aseris in Derbent, Machatschkala und in den Rajonen Chassawjurt, Derbent und Kisljar sowie die Lesgier des Dorfes Miskinja im Rajon Dokuzparin sind dschaʿfaritische Schiiten. Insgesamt beträgt die Anzahl der Schiiten in Dagestan 45.000 (2002).Khanbabaev: "Islam and Islamic Radicalism in Dagestan". 2010, S. 106.
Der Islam in Dagestan ist traditionell stark vom Sufismus geprägt,Silantjew: Islam w sowremennoj Rossii. 2008. S. 293. der in verschiedene Orden und wird genannte Ordenszweige gegliedert ist. Am stärksten ist der Naqschbandīya-Orden verbreitet. Von den 20 Sufi-Scheichen, die 2006 am Leben waren, gehörten 15 diesem Orden an. Von den verschiedenen Zweigorden, in denen sich die Naqschbandīya gliedert, sind im heutigen Dagestan hauptsächlich die Mahmūdīya und die Chālidīya vertreten.Kemper/Shikhaliev: "Islam and Political Violence in Post-Soviet Daghestan: Discursive Strategies of the Sufi Masters." 2016, S. 118. Daneben hat der Qādirīya-Orden eine deutliche Präsenz.Gammer: "Nationalisme(s), Islam(s) et politique au Daghestan". 2007, S. 154. Anfang des 20. Jahrhunderts führte Sayfullah-Qadi Bashlarov (gest. 1915) aus dem lakischen Dorf Nitsovkra den Schādhilīya-Orden in Dagestan ein.Khanbabaev: "Islam and Islamic Radicalism in Dagestan". 2010, S. 86.
Viele Ordenszweige in Dagestan haben eine monoethnische Anhängerschaft. So ist der Mahmūdīya-Zweigorden der Naqschbandīya vor allem bei den Awaren populär. Einige Tschetschenen in den Rajonen von Chassawjurt und Nowolakskoje folgen der Lehre von Kunta Haddschi Kischijew. Seine Lehre hat allerdings auch unter den Awaren und Kumyken sowie bei anderen Dagestanern Anhänger.Moshe Gammer: The Qâdiriyya in the Northern Caucasus. In: Journal of the History of Sufism. Special Issue: The Qâdiriyya Order. Simurg, Istanbul 2000. S. 275–291. Hier S. 283. Sufi-Scheiche fungieren in Dagestan üblicherweise als Schiedsrichter zwischen Gruppen rivalisierender Nationalitäten und helfen, den Frieden zu wahren und bewaffnete Auseinandersetzungen zu verhindern.Gammer: “From the Challenge of Nationalism to the Challenge of Islam”. 2007, S. 184.
Das sogenannte Wahhabitentum wird von fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Dagestans unterstützt,Bobrovnikov/Navruzov/Shikhaliev: "Islamic Education in Soviet and post-Soviet Daghestan". 2010, S. 147. allerdings wird in Dagestan damit jede Form islamischer Opposition gegen den Staat und die staatlich unterstützten islamischen Institutionen bezeichnet. Nur ein geringer Anteil von den sogenannten Wahhabiten, der ca. 1000 Personen umfasst, hat eine militante Ausrichtung.Khanbabaev: "Islam and Islamic Radicalism in Dagestan". 2010, S. 104. Daneben gibt es eine Anzahl von salafistisch orientierten Schafiiten, die in Opposition zur Regierung, zur DUMD und zur Mahmūdīya stehen, allerdings nach eigener Aussage auf politische Gewalt verzichten. Dazu gehören auch verschiedene darginische Gelehrte, die meinen, dass der letzte legitime dagestanische Sufi-Scheich der Darginer ʿAlī Haddschi Akuschinskij (gest. 1929) war, und alle zeitgenössischen dagestanischen Sufi-Meister ablehnen.Kemper/Shikhaliev: "Islam and Political Violence in Post-Soviet Daghestan: Discursive Strategies of the Sufi Masters." 2016, S. 127. Die politischen Autoritäten Dagestans bezeichnen alle diese oppositionellen Gruppen als „Wahhabiten“, ein Begriff, der daher gleichbedeutend ist mit „islamischer Opposition gegen den Staat und die staatlich unterstützten und staatsunterstützenden islamischen Institutionen“, unabhängig davon, welcher Strömung sie angehören und ob sie gewalttätig sind oder nicht. Nach Khanbabaev gehören über 80 % der Wahhabiten den ethnischen Gruppen der Awaren, Darginer und Akkin-Tschetschenen an.
Diejenigen, die in Dagestan als Wahhabiten bezeichnet werden, lehnen diesen Begriff für sich ab. Sie betrachten sich bloß als „Gemeinschaft der Sunna“ (ǧamāʿat as-sunna), allerdings wird diese Bezeichnung auch von den Sufis beansprucht.Khanbabaev: "Islam and Islamic Radicalism in Dagestan". 2010, S. 97, 109.
Der Islam im staatlichen System mini|Der Sitz des Muftiats der DUMD mit der Zentralmoschee von Machatschkala Für die Verwaltung des Islams gibt es in Dagestan eine eigene Behörde, die Geistliche Verwaltung der Muslime Dagestans (Duchownoje uprawlenije Musulman Dagestana; DUMD). Zum Personal des DUMD gehören der Mufti, seine acht Stellvertreter (darunter vier Stellvertreter für kanonische Angelegenheiten), ein Assistent und ein Pressesprecher.Bobrovnikov/Navruzov/Shikhaliev: "Islamic Education in Soviet and post-Soviet Daghestan". 2010, S. 142. Über ein dreistufiges System von Gelehrtenräten hält das Muftiat Kontakt zu den Moscheegemeinden in Dörfern und Städten sowie zu ihren Bezirksvertretern.
Sowohl die DUMD als auch die anderen staatlich geförderten islamischen Institutionen in Dagestan werden von Scheichen der Naqschbandīya-Mahmūdīya kontrolliert, die vom Staat als wichtiges ideologisches Bollwerk gegen die sogenannten „Wahhabiten“ und den islamischen Extremismus bevorzugt wird.Kemper/Shikhaliev: "Islam and Political Violence in Post-Soviet Daghestan: Discursive Strategies of the Sufi Masters." 2016, S. 118f. Die sogenannten „Wahhabiten“ haben im Gegensatz zum vom Staat alimentierten Mahmūdīya-Netzwerk kaum Möglichkeiten, legal Printmedien zu veröffentlichen.Kemper/Shikhaliev: "Islam and Political Violence in Post-Soviet Daghestan: Discursive Strategies of the Sufi Masters." 2016, S. 145. Die politischen Autoritäten und das Muftiat greifen in der Auseinandersetzung mit ihnen auf antiwahhabitische Diskurse aus den arabischen Ländern zurück und stellen die Mahmūdīya als Verfechter der wahren islamischen Tradition dar, die gegen „die bösen Feinde des Islams“, das heißt die „Wahhabiten“ kämpft.Kemper/Shikhaliev: "Islam and Political Violence in Post-Soviet Daghestan: Discursive Strategies of the Sufi Masters." 2016, S. 128.
Islamisches Schulwesen Traditionell gibt es in Dagestan zwei Arten von islamischen Schulen. Die Madrasa steht generell für eine von einem Imam oder Gelehrten betriebene Schule, die dem Studium von islamischen Wissenschaften (insbesondere Fiqh und islamische Theologie, aber auch arabische Sprache, Rhetorik und dergleichen) gewidmet ist. Dem Madrasa-Studium voraus geht das Maktab, eine Koranschule für Kinder, an der im Wesentlichen nur Teile des Korans auswendiggelertn und die arabische Schrift vermittelt wird.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 345.
Heute wird eine große Zahl islamischer Bildungseinrichtungen, von Maktabs bis zu islamischen Hochschulen, deren Absolventen als Koranrezitatoren, Muezzine, Imame, Qādīs und Lehrer arbeiten, von der Bildungsabteilung des Muftiats kontrolliert. Die Bedeutung, die die Mahmūdīya in den staatlichen Institutionen in Dagestan hat, lässt sich auch daran erkennen, dass die 1999 in Machatschkala eröffnete und von der DUMD kontrollierte Islamische Universität Mukhammed ʿArip nach Muhammad-ʿArif (gest. 1977), einem Mahmūdīya-Scheich, benannt wurde. Weitere von der DUMD kontrollierte islamische Bildungseinrichtungen sind die Islamische Universität von S. Kadi in Buinaksk und das Islamische Institut Nurul Irshad von Said Afandi al-Tschirkawi in dem Dorf Tschirkey im Rajon Buinaksk.
Geschichte Geschichte der Islamisierung Die Islamisierung Dagestans war ein langer Prozess, der bereits im 7. Jahrhundert vom Süden des Landes begann, aber erst im 15. Jahrhundert das dagestanische Bergland voll erfasste.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 110. Heidnische, zoroastrische und christliche Glaubensvorstellungen wurden erst langsam verdrängt.Khanbabaev: "Islam and Islamic Radicalism in Dagestan". 2010, S. 84.
Die arabischen Feldzüge in Dagestan im 7. und 8. Jahrhundert Eine herausragende Rolle bei der Islamisierung Dagestans spielte die Stadt Derbent, die schon im Jahre 643, noch zu Zeiten des zweiten Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb, von muslimischen Truppen erreicht wurde.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 66. Im Zuge des Zerfalls des persischen Reichs wurde die Stadt vom sassanidischen Statthalter kampflos an die arabischen Truppenführer übergeben. Die ersten arabischen Aktivitäten auf dem Gebiet des späteren Dagestans waren allerdings nicht von Dauer. Die Stadt wechselte in der Folgezeit noch oft den Befehlshaber. Im Jahre 652/53 zog der arabische Heerführer ʿAbd ar-Rahmān ibn Rabīʿa al-Bāhilī gegen den Wunsch des Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān über Derbent hinaus nach Norden und belagerte Balanjar, die Hauptstadt der Chasaren, die vermutlich in Dagestan lag. Sein Bruder Salmān ibn Rabīʿa al-Bāhilī unternahm weitere Feldzüge im südlichen Dagestan, kam aber dabei wie er ums Leben.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 67. Dagestanische Völker kämpften während dieser Auseinandersetzungen zum Teil als Vasallen der Chasaren gegen die Muslime, wurden aber offensichtlich auch von ihnen als Hilfstruppen eingesetzt.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 68.
mini|links|Karte des Kaukasus im Jahre 740 Der Umayyaden-Prinz Maslama ibn ʿAbd al-Malik, Sohn des Kalifen ʿAbd al-Malik, führte im Jahre 714 einen ersten Feldzug in Dagestan durch, der aber ergebnislos blieb. Erfolgreicher war der Feldzug von ʿAbd al-Maliks Statthalter in Armenien, Dscharrāh ibn ʿAbdallāh al-Hakamī al-Madhhidschī, im Jahre 722/23, bei dem die Chasaren-Städte Yarghū (wahrscheinlich Tarki) und Balanjar eingenommen wurden. Über die dagestanischen und Fürstentümer und Balanjar hinaus kämpfte Dscharrāh auch gegen die Alanen im zentralen Nordkaukasus, die zu dieser Zeit noch Unterstützung aus Byzanz erhielten.Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 68f. Im Jahre 725/26 wurde Dscharrāh als Statthalter durch Maslama ersetzt. Er erreichte die Unterwerfung von Schirwan im Südkaukasus sowie der dagestanischen Regionen von Tabarsaran, Filan und Dschursan (vermutlich Lesgien).Kemper: Herrschaft, Recht und Islam in Daghestan. Von den Khanaten und Gemeindebünden zum Dschihad-Staat. 2005, S. 69.
mini|Die Freitagsmoschee von Derbent