Der Fuchs im Märchen wird oft als schlaues, listiges und manchmal hinterlistiges Tier dargestellt. Bereits in den Fabeln des Äsop wurden ihm diese Eigenschaften zugeschrieben. Im späten Mittelalter sorgte vor allem das Epos Reineke Fuchs, dessen Stoff Goethe später für sein gleichnamiges Werk aufgriff, für Bekanntheit dieser Assoziation. Noch immer verwendete Redensarten wie „Schlaufuchs“ oder „listig wie ein Fuchs“ belegen diese auch in der heutigen Zeit, ebenso wie der Ausdruck „alter Fuchs“, der einen älteren Mann bezeichnet, der dazu in der Lage ist, seine vermeintliche Unterlegenheit gegenüber Jüngeren durch Wissen und Erfahrung mehr als auszugleichen, wobei solche Ausdrücke sowohl anerkennend als auch abwertend gemeint sein können.
Als reales Tier gibt es ihn fast weltweit, vom Polarfuchs in kalten bis hin zum Wüstenfuchs in heißen Regionen, was wohl zur Entstehung der zahlreichen Fuchsmärchen beigetragen hat. Auch ist er ein Kulturfolger, weshalb er sich nicht nur in der Wildnis, sondern auch in den Siedlungen der Menschen auskennt. Im Märchen befähigt ihn das dazu, als Mittler zwischen Wildtier und Mensch aufzutreten.
In Märchen des Fernen Ostens erscheint der Fuchs als ein sehr ehrenhaftes Tier, der Wohltaten des Menschen bis ins Extrem vergilt und aus Dank sogar sein Leben opfert. Es kommen aber auch strafende, hilfreiche und gefährliche Füchse vor, wobei letztere die Lebenskraft der Menschen rauben können. Auch kann der Fuchs den Menschen betören, zauberkundig sein und die Fähigkeit des Gestaltwandelns besitzen.
Zaubermärchen In Zaubermärchen erhält der Fuchs oft die Rolle des Helfers des Märchenhelden. Hans-Jörg Uther schrieb in seinem Werk Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung (Berlin 1999) über den Fuchs im Zaubermärchen, dass er „vor allem in der Rolle eines dankbaren (hilfreichen) Tieres“ auftrete, auch würde sich „nicht leicht ein Tier finden lassen, das ihm an Zahl der Erwähnungen“ gleichkomme, wobei „der geographische oder historische Fundort des Märchens keine entscheidende Rolle“ spiele.Hans-Jörg Uther: Fuchs. In: R. W. Brednich u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Berlin 1999, Band 5, Sp. 468.
Zu den Zaubermärchen gehören: Das Meerhäschen Der Beg und der Fuchs Der goldene Vogel Die Füchsin und der Schäfer (vgl. Der gestiefelte Kater) Die Schlange
Tiermärchen In Tiermärchen, die im Gegensatz zur Fabel keine Moral enthalten müssen,Max Lüthi: Märchen. 10., aktualisierte Auflage. Bearbeitet von Heinz Rölleke. Stuttgart 2004, S. 12. nutzt der Fuchs seine Schläue oft, um seinen körperlich überlegenen Kontrahenten eins auszuwischen, wobei es meist der gefräßige Wolf ist, der dabei das Nachsehen hat, jedoch können auch der Bär und der Hase Opfer seiner Streiche sein. Als Kulturfolger und somit Mittler zwischen den Welten der Wildtiere und Menschen, kann er beispielsweise den Wolf über die Begebenheiten bei den Menschen unterrichten, wobei meist das, für den Wolf negativ verlaufende, Ergattern von Futter angestrebt wird. Ebenso kann er auch den Menschen mit seinem Wissen über die Tiere beiseitestehen, um sie etwa, im Gegenzug für eine Belohnung, vor einem Bären zu bewahren. Neben letzterer eher positiven Darstellung, die sich beispielsweise in Alexander Nikolajewitsch Afanassjews Bauer, Bär und Fuchs findet,Erna Pomeranzewa (Hrsg.): Russische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1977, S. 16–17, 545; aus dem Russischen übersetzt von Günter Dalitz. kann es auch sehr grausame Märchen vom Fuchs geben, so zum Beispiel bringt er in Jochen Dieter Ranges Der Tausch des Fuchses einen Bären dazu sich den Darm herauszureißen. Laut Hans-Jörg Uther „unterliegt das Bild des Fuchses besonders in Fabeln und Tiermärchen extremen Schwankungen in der Wertigkeit“.
Nach Sabine Lutkat führen Märchen, in denen es an Schläue vermeintlich unterlegenen Tieren gelingt, den Fuchs zu überlisten, zu größerer Schadensfreude als die üblichen Märchen mit dem hereinlegenden Vierbeiner, insbesondere wenn er als Meister der List gilt. Die Sympathie läge in solchen Fällen bei den an Schläue vermeintlich Unterlegenen. Überlistet jedoch ein Mensch den Fuchs, so bleibt sie bei diesem.
Zu den Tiermärchen gehören:
Brüder Grimm Der Fuchs und das Pferd Der Fuchs und die Frau Gevatterin Der Fuchs und die Gänse Der Fuchs und die Katze Der Wolf und der Fuchs Der Zaunkönig und der Bär Die Hochzeit der Frau Füchsin
Ludwig Bechstein Der Fuchs und der Krebs Der Hahn und der Fuchs Der Hase und der Fuchs
Weitere
Ätiologie miniatur|Wiedehopf (Upupa epops)
Des Öfteren wird in Märchen eine bestimmte Begebenheit, wie etwa das Aussehen oder die Beschaffenheit eines Tieres, mit ätiologischen Erzählungen erklärt. Über den Fuchs wird geschrieben, dass er eine weiße Schwanzspitze hat, weil ihm, aus Zorn über seine begangenen Taten, Rahm nachgeworfen (Der Fuchs als Hirte, Asbjørnsen, Moe)Peter Christen Asbjørnsen, Jørgen Engebretsen Moe: Der Fuchs als Hirte. In: Norwegische Volksmärchen. Teil 1 und 2, Hans Bondy, Berlin 1908, S. 108–110; . oder mit einer Buttermilchkelle nach ihm geschlagen wurde (Der Schwendacker von Fuchs und Bär, Tamminen; auch Der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase auf dem Medwischer Margrethi, Josef HaltrichJosef Haltrich: Der Bär, der Wolf, der Fuchs und der Hase auf dem Medwischer Margrethi. In: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. Verlag von Carl Graeser, Wien 1882, S. 89–90; .), wobei stets nur die Schwanzspitze getroffen wurde. Auch soll er einen abstehenden Schwanz haben, da er so auf dem Boden liegen blieb, nachdem er durch den Adler erst in die Wolken mitgenommen und dann fallengelassen wurde (Der Adler lehrt den Fuchs fliegen, Jakob Hurt).Richard Viidalepp (Hrsg.): Estnische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1980, S. 53, 437; Übersetzung von Eugenie Meyer.
In Der Fuchs, der Hahn und der Wiedehopf (Marko Kostov Cepenkov) nimmt sich ein Wiedehopf den Schwanz des bezwungenen Fuchses und näht ihn sich am Kopf fest, weshalb auch heute noch alle Wiedehopfe einen Fuchsschwanz am Kopf haben.Wolfgang Eschker (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Mazedonische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1972, S. 25–30, 270. Auch das Aussehen des Spechts kann so erklärt werden.Nikolai Rainow: Bulgarische Märchen. Swjat Verlag, Sofia 1987, S. 317–326; Übersetzung: Lotte Markowa.
Kontaminationen Einige der häufig sehr kurzen Tiermärchen mit dem Fuchs kontaminierten miteinander, sodass aus den verschiedenen Märchen, die in unterschiedlicher Reihenfolge kombiniert wurden, längere Märchen entstanden. Europäische Zusammenstellungen dieser Art sind aus dem russischen,Erna Pomeranzewa (Hrsg.): Russische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1977, S. 5–8, 544; aus dem Russischen übersetzt von Günter Dalitz. ukrainischen,P. V. Lintur (Hrsg.): Ukrainische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1981, S. 5–10, 651; Übersetzung von Hans Joachim Grimm. estnischen,Richard Viidalepp (Hrsg.): Estnische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1980, S. 5–8, 434; Übersetzung von Eugenie Meyer. lettischen,Ojārs Ambainis (Hrsg.): Lettische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1977, S. 25–29, 8; Übersetzung von Benita Spielhaus. litauischen,Jochen Dieter Range (Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Litauische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1981, S. 7–12, 268.Bronislava Kerbelytė (Hrsg.): Litauische Volksmärchen. Akademie-Verlag, Berlin 1982, S. 5–7, 415; Übersetzung von Viktor Falkenhahn. finnischen,Pirkko-Liisa Rausmaa, Ingrid Schellbach-Kopra (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Finnische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, München 1993. polnischen,Ewa Bukowska-Grosse, Erwin Koschmieder (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Polnische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1967, S. 5–7, 296. serbischen,Vuk Karadžić: Wie sich der Fuchs am Wolfe gerächt hat. In: Volksmärchen der Serben. Reimer, Berlin 1854, S. 264–270; . bulgarischen,Elena Ognjanowa (Hrsg.): Märchen aus Bulgarien. Insel-Verlag, Leipzig 1987, S. 145–148, 483.Kyrill Haralampieff (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Bulgarische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1971, S. 26–28, 284; aus dem Bulgarischen übersetzt von Kyrill Haralampieff und Johanna Wolf. griechischen,Johann Georg von Hahn: Von der Füchsin, dem Wolfe und dem Priester. In: Griechische und Albanesische Märchen. .Georgios A. Megas (Samm. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Griechische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1965, S. 10, 309; übertragen von Inez Diller. albanischenMartin Camaj, Uta Schier-Oberdorffer (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Albanische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1974, S. 177–178, 269. und italienischen (Schweiz)Pia Todorović-Strähl, Ottavio Lurati (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Tessin. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1984, S. 6–8, 253. Sprachraum sowie dem deutschsprachigen RaumJosef Haltrich: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen. Verlag von Carl Graeser, Wien 1882; . bekannt.
Weitere Varianten der in den Zusammenstellungen enthaltenen Einzelmärchen finden sich im norwegischen,Peter Christen Asbjørnsen, Jørgen Engebretsen Moe: Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat. In: Norwegische Volksmärchen. 1–2. Hans Bondy, Berlin , S. 88; . friesischen,Jurjen van der Kooi, Babs A. Gezelle Meerburg (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Friesische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, München 1990, S. 276–281, 380. ungarischen,Gyula Ortutay (Hrsg.): Ungarische Volksmärchen. Corvina Kiadó, Ungarn 1980, S. 505–507, 544; aus dem Ungarischen übersetzt von Mirza Schüching und Géza Engl. kroatischen,Maja Bušković-Stulli (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Kroatische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1975, S. 267–269, 317; übersetzt von Wolfgang Eschker und Vladimir Milak. mazedonischen,Wolfgang Eschker (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Mazedonische Volksmärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1972, S. 30–31, 270. katalanischenFelix Karlinger, Johannes Pögl (Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Katalanische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, München 1989, S. 111–114, 277. und baskischenFelix Karlinger, Erentrudis Laserer (Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Baskische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1980, S. 230–232, 279–280. Sprachraum sowie in den Überlieferungen der Roma.Walther Aichele, Martin Block (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Zigeunermärchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1962, S. 5–9, 357.
Zusammenstellungen Alexander Nikolajewitsch Afanassjew: Fuchs und Wolf (AaTh 1 + 2 + 3 + 4; Russland).
Nr. 1: Ein Mann fährt mit einem Wagen voll Fische nach Hause, als er einen wie tot daliegenden Fuchs am Straßenrand sieht. Er hebt ihn auf und legt ihn auf seinen Wagen, mit der Absicht, ihn seiner Frau zum Geschenk zu machen. Der Fuchs hatte sich jedoch nur totgestellt, wodurch er nun an die Fische gekommen ist, die er vom Wagen wirft, um sie sodann zu verspeisen.
Nr. 2: Nun kommt der Wolf des Weges, begierig auf den Fang. Der Fuchs will aber nicht teilen, also unterweist er den Wolf im Angeln und erklärt, dass er dazu seinen Schwanz in ein Eisloch am Fluss halten müsse, solange, bis genug Fische anbeißen würden. Da gerade Winter ist, friert der Schwanz des Wolfes im Eis fest, woraufhin er meint einen großen Fang gemacht zu haben. Er zieht und zieht, bekommt ihn jedoch nicht an Land und zu allem Überfluss tauchen auch noch die Menschen auf, die den Festgefrorenen kräftig verprügeln.