Michael Kedia (, geb. 31. Dezember 1902 in Sugdidi, Georgien; gest. 16. August 1954 in Genf, Schweiz) war Fabrikant in Paris und georgischer Exilpolitiker. Von 1940 bis 1945 war er einer der bedeutendsten Vertreter der Georgier im Deutschen Reich und Sprecher im georgischen Nationalausschuss, leitete den georgischen Verbindungsstab und zuletzt das georgische Nationalkomitee als politischer Vertreter der Georgier. Daneben steuerte er ab 1941 die Agentenauswahl und Einsätze der Kaukasier für die deutschen Geheimdienste Abwehr und SD. Er verlegte im Sommer 1941 seinen Wohnsitz von Paris nach Berlin und war Ansprechpartner der deutschen Geheimdienste und des deutschen Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete in Kaukasusfragen. Kurz vor Kriegsende 1945 ging er in die Schweiz und war in Genf bis zu seinem Tod interniert.
Leben Michael Kedia gehörte zum einflussreichen georgischen Familienclan Kedia. Onkel Spiridon Kedia war für die georgischen Nationaldemokraten Mitglied des georgischen Parlaments während der kurzen Unabhängigkeit Georgiens als Demokratische Republik Georgien bis 1921 gewesen. Der Vater Melchizedek „Meki“ Kedia leitete die Geheimpolizei im georgischen Innenministerium gegen die Bolschewiken während der georgischen Unabhängigkeit und war auch danach im Exil in Frankreich geheimdienstlich für die Georgier tätig.Francoise Thom, Beria - Le Janus du Kremlin, S. 768 Michael Kedia selbst flüchtete 1921 nach Istanbul und heiratete dort. Danach ging er nach Heidelberg und studierte Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Studium zog er 1924 zu seiner Familie nach Paris.Cem Kukmuk: A Controversial Interrogation Report - Michel Kedia's statements.
Paris bis 1941 Ein weiteres Studium der Rechtswissenschaften folgte 1929. Nach dem Studium übernahm er in Paris zusammen mit seinem Schwiegervater eine Joghurt-Fabrik. Politisch aktiv war Kedia ab 1925 in der patriotischen Organisation „Tetri Giorgi“. Ab 1927 gehörte er der Jugendorganisation der Georgischen Nationaldemokraten seines Onkels Spiridon Kedia an und war bis 1936 Mitglied der Georgischen Nationaldemokraten.Georges Mamoulia, Les combats indépendantistes des Caucasiens entre URSS et puissances occidentales, S. 345. 1937 fand Michael Kedia Anschluss an die Gruppe Kaukasischer Nationalisten unter Haidar Bammat, der in Paris mit Hilfe des japanischen Geheimdienstes die Zeitung „Kaukasus“ in mehreren Sprachen herausbrachte. Michael Kedia wurde Mitherausgeber der Zeitung, die gegen den Bolschewismus gerichtet war und eine unabhängige kaukasische Föderation anstrebte. Kedia geriet so in den Blick der geheimen deutsch-japanischen Zersetzungsarbeit gegen die Sowjetunion, die über die Zeitung Kaukasus lief und in einem deutsch-japanischen Geheimdienstabkommen zwischen der deutschen Abwehr und den Japanern im Mai 1937 vereinbart worden war.
→ Hauptartikel: Deutsch-japanisches Geheimdienstabkommen
Mit Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes 1939 und dem deutschen Einmarsch in Frankreich 1940 hatte Haidar Bammat seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegt. Für die Zeitung „Kaukasus“ waren jetzt Kedia in Paris und Ali Kantemir in Berlin zuständig. Beide Zeitungen wurden nicht mehr von Japan, sondern von den Deutschen finanziert. Bammat stand aber noch mit beiden in Kontakt. Nach dem deutschen Einmarsch in Paris suchten die Deutschen die Zusammenarbeit mit ihnen vertrauenswürdig erscheinenden Georgiern. Sowohl die für die Zersetzungsarbeit gegen die Sowjetunion zuständige Abwehr II wie auch etwas später der Sicherheitsdienst der SS kontaktierten Kedia, der den Deutschen offenbar gut bekannt war und bestens Deutsch sprach. Michael Kedia sollte die Interessen der Georgier bei den Deutschen vertreten, weshalb auch Vertreter des Auswärtigen Amtes in Paris mit ihm in Verbindung traten.
Für die Abwehr II hatte Kedia in Paris Verbindung zu den Abwehr-Professoren Werner Markert und Hans Raupach sowie zu Oberstleutnant Lothar von Brandenstein, der die Abwehr II in Paris leitete. Für den SD traf Erich Hengelhaupt im Oktober 1940 in Paris ein, der auf Empfehlung des Georgiers Michael Achmeteli vom Wannsee-Institut des SD in Kontakt zu Kedia aufnahm. Hengelhaupt hatte sich beim SD auf die Kaukasischen Emigranten spezialisiert. Auf Wunsch der Deutschen richtete Kedia eine Kaukasische Verbindungsstelle in Paris in bester Lage in der Nr. 6 Avenue Sully-Prudhomme ein, mit deren Hilfe die Deutschen die Kontrolle über die kaukasischen Emigranten ausübten.Francoise Thom, Beria - Le Janus du Kremlin, S. 254
Der Judenbeauftragte des Auswärtigen Amtes Franz Rademacher hatte unter dem Decknamen „Weber“ Verbindung zu Kedia. Als Vertreter der Kaukasier gelang es Kedia dann auch, etliche Kaukasier und auch georgische Juden vor der Deportation zu retten.Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia: The Eurasian Triangle - Russia, The Caucasus and Japan, 1904-1945, S. 180.Patrik von zur Mühlen: Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern, S. 138 Deshalb erhielt Kedia den Beinamen „georgischer Schindler“ nach dem Krieg.
Kedia war ab Herbst 1940 Hauptansprechpartner für die deutsche Besatzungsverwaltung, die deutschen Geheimdienste und die französische Polizei in allen Fragen der Kaukasier. Kedia stand von da in ständiger Verbindung mit Lothar von Brandenstein und machte häufiger Reisen nach Berlin. Insgeheim organisierte Kedia zusammen mit einem Partner aus seiner Joghurt-Fabrik Georgier und andere Kaukasier für geheime Sabotageeinsätze der Abwehr II, die nach Kriegsbeginn mit Russland unter dem Decknamen „Tamara“ zum Einsatz kommen sollten. Kurz nach Kriegsbeginn verließen im Juli 1941 diese in einem Chateau bei Orléans ausgebildeten Kaukasier Frankreich und kamen nach Deutschland.Mary Schaeffer-Conroy: Collaboration with Germany by Georgians in France during World War II, S. 31–32.
Deutschland von 1941–1945 Nach dem deutschen Angriff auf Russland verlegte auch Michael Kedia seinen Sitz von Paris im Sommer 1941 nach Berlin. In Deutschland hielt er Verbindung zu Ali Kantemir als Verantwortlicher für die Zeitung „Kaukasus“, spielte aber in politischer Hinsicht noch keine große Rolle, weil sein Onkel Spiridon Kedia wie auch ex-Botschafter Vladmir „Lado“ Achmeteli und Andere die Georgier bei den deutschen Regierungsstellen vertraten, insbesondere beim Auswärtigen Amt.Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia: The Eurasian Triangle - Russia, The Caucasus and Japan, 1904-1945, S. 186–187. Nachdem das neue Ostministerium unter Alfred Rosenberg die Verwaltung der eroberten Gebiete im Osten organisieren sollte, protestierte Rosenberg bei Hitler nach einer Konferenz im Berliner Hotel Adlon im April 1942 gegen jede Einmischung in Russlandfragen durch das Auswärtige Amt und setzte sich durch.Patrik von zur Mühlen: Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern, S. 70–72Georges Mamoulia: Les combats indépendantistes des Caucasiens entre URSS et puissances occidentales, S. 287–291. Der Einfluss der älteren Georgier, die noch aus dem Umfeld des Auswärtigen Amtes und der Nationalausschüsse kamen, ging in der Folge zurück und die jüngere Generation der Georgier unter Führung von Michael Kedia und dessen Kreis begann sich zu etablieren. Er hatte sowohl die Unterstützung des Ostministeriums wie auch der deutschen Geheimdienste.Patrik von zur Mühlen: Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern, S. 109. Kedia wurde inoffiziellen Vertreter des gesamten politischen Spektrums der Kaukasier in Berlin. Schließlich unterstützte auch die sozialdemokratische georgische Exilregierung in Frankreich unter Noe Schordania ihn mit Geheimdienstinformationen inklusive der in Paris vorhandenen Kanäle nach Georgien.Georges Mamoulia, Les combats indépendantistes des Caucasiens entre URSS et puissances occidentales, S. 296.
Gerhard von Mende als Leiter der Kaukausabteilung im Ostministerium installierte Kedia als Sprecher des Georgischen Nationalausschusses. Der Nationalausschuss hatte eigentlich nur beratende Funktion, betrachtete sich selbst aber als georgische Nationalvertretung im Reich.Joachim Hoffmann, Kaukasien 1942/43, S. 258. Von Mende band die Georgier wie auch Armenier, Nordkaukasier und Aserbaidschaner in die geplante Eroberung des Kaukasus ein. Außerdem begannen die deutschen Geheimdienste Abwehr und SD verstärkt auf die Mitarbeit Kedias zu setzen. Gerhard von Mende selbst war Verbindungsmann zur Abwehr II im Ostministerium, Hauptmann Walther von Kutzschenbach hielt den Kontakt für die Abwehr II zum OKH, denn das OKH führte den Feldzug gegen Russland. Die Abwehr II setzte mehrere Operationen auf, in die Kedia teils voll eingebunden war. Dabei handelte es sich um die georgischen Agenten der „Tamara“-Operationen, die Kedia selbst in Frankreich angeworben hatte, um das gemischte deutsch-kaukasische Unternehmen „Schamil“Michael Heinz: „Brandenburger“ im Kaukasus – Das OKW-Unternehmen „Schamil“ 1942, Berlin, 2017, ISBN 978-3-00-057557-0. und schließlich um den Sonderverband „Bergmann“ der Abwehr II mit Abwehr-Professor Theodor Oberländer, der über eine georgische Kompanie verfügte und in dem dann Kutzschenbach als Sonderführer Oberländer vertrat.
Für den SD hielten Erich Hengelhaupt, den Kedia schon in Paris kennengelernt hatte und Heinz Gräfe vom Reichssicherheitshauptamt die Verbindung zu Michael Kedia und dessen Assistenten Alexander Tsomaja. Der SD begann 1942 mit dem Unternehmen Zeppelin die geheime Vorbereitung der Eroberung des Kaukasus. Verantwortlich dafür waren Gräfe, Hengelhaupt und Walter Kurreck als Leiter des Zeppelin-Kommandos bei der Einsatzgruppe D. Die Einsatzgruppe D unter Walther Bierkamp war für die Polizeiaufgaben und die Gegnervernichtung im Süden Russlands zuständig.Andrej Angrick, Besatzungspolitik und Massenmord - Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburger Edition, 2003, ISBN 3-930908-91-3, S. 545ff
→ Hauptartikel: Unternehmen Zeppelin
Sonderstab Kaukasus Der sogenannten Aufbaustab Kaukasus, der beim Ostministerium unter Otto Gohdes etabliert war, sollte in Georgien anstelle einer Militärverwaltung sofort die Besatzungsverwaltung einrichten. Gohdes war als Generalkommissar für den Generalbezirk Georgien vorgesehen.Erling von Mende und Bergljot von Mende Østring: Gerhard von Mende (1904–1963) Ein Bürokrat der mittleren Ebene - Der Versuch einer Quellenkritik, S. 468. Welche Rolle Michael Kedia als Sprecher des georgischen Nationalausschusses später in Georgien spielen sollte, ist nicht bekannt.
Neben dem Aufbaustab Kaukasus entstand der Sonderstab Kaukasus in Woroschilowsk (heute Stawropol) am Nordkaukasus. Der Sonderstab Kaukasus war eine übergreifende Einrichtung verschiedener Ministerien unter Aufsicht des SD und bestand aus denjenigen Mitgliedern der Nationalvertretungen, die bei den deutschen Geheimdiensten besonderes Vertrauen genossen. Die Leitung des georgischen Teils im Sonderstab übertrug man Michael Kedia.Francoise Thom: Beria - Le Janus du Kremlin, S. 272. Für den SD hatte die Aufsicht der Leiter des Unternehmen Zeppelin des SD bei der Einsatzgruppe D, Walter Kurreck.Patrik von zur Mühlen: Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern, S. 88Georges Mamoulia: Le Caucase dans les Plans Stratégiques de l‘Allemagne 1941-1945, S. 63–64. Auch der Sonderstab Kaukasus stimmte sich mit Gerhard von Mende in Berlin ab, der ja selbst für die Abwehr II tätig war und so nun auch Einblicke in die Arbeit von des Unternehmen Zeppelin erhielt. Sowohl für den Aufbaustab Kaukasus im Ostministerium wie auch für den Sonderstab Kaukasus des SD war Kedia eine Schlüsselfigur.