Der Reisebericht Der bittere Weg von Ella Maillart erschien 1947 in englischer Sprache unter dem Titel The cruel way. Die deutsche Übersetzung wurde 1948 unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan veröffentlicht. Das in zahlreiche weitere Sprachen übersetzte Buch beschreibt die sechsmonatige gemeinsame Autoreise der Schweizerinnen Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach im Jahr 1939 von der Schweiz über die Türkei und Iran bis Afghanistan. Der Bericht ist als doppelte Reise angelegt. Neben der äußeren Reise behandelt er die innere Reise, die sich um Schwarzenbachs Morphiumsucht und Maillarts Selbstfindung dreht. Obwohl beim Erscheinen zunächst erfolgreich, wurde das Buch über mehrere Jahrzehnte wenig beachtet, bevor es Mitte der 1980er Jahre im Zuge der Wiederentdeckung Schwarzenbachs zu einem Bestseller wurde. Das Buch gilt als Klassiker der Reiseberichte mit ethnographischem Anspruch im 20. Jahrhundert.

Inhalt mini|Ella Maillart im Iran, Foto: Annemarie Schwarzenbach mini|Reiseroute von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach nach Afghanistan 1939Der bittere Weg beschreibt in dreißig Kapiteln die sechsmonatige gemeinsame Autoreise von Ella Maillart und „Christina“ von der Schweiz bis Afghanistan kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Reise beginnt am 6. Juni 1939 in Genf und führt die beiden Frauen über 7782 Kilometer über Italien, Jugoslawien, Sofia, Istanbul und Teheran nach Kabul. Christina (ein Pseudonym für die Fotografin und Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach) ist drogensüchtig und psychisch labil. Der Reisebericht wechselt zwischen der Beschreibung von Begegnungen mit Menschen und Orten und Überlegungen über die gequälte Christina und Maillarts (Un-)Fähigkeit, ihr zu helfen. So ist Maillarts Buch eine „tiefgründige Seelenanalyse der sie faszinierenden und beunruhigenden Gefährtin“.

Maillarts Reisebericht behandelt viele Aspekte Afghanistans: das politische Umfeld, die Geschichte, die Religion, bedeutende historische Persönlichkeiten, den Sufismus, die Kultur, Dichter wie Rumi, Dschami und Khaje Abdullah Ansari, die Architektur, die Modernisierung, die Industrialisierung, die Nomaden und die kolonialen Ambitionen Russlands in Afghanistan. Darüber hinaus werden heilige Stätten, Heiligtümer, Pilger, Volksglauben, Basare, Frauen, Bildung und die Spannung zwischen der traditionellen Lebensweise und der aufkommenden modernen Welt beschrieben. Maillart zitiert ausführlich aus afghanischen historischen, literarischen und religiösen Quellen sowie aus englischsprachiger Afghanistan-Literatur.

Das Buch ist Christina gewidmet. Dem Text sind Zitate der Heiligen Theresia von Jesu, Henry David Thoreaus und George William Russells als Mottos vorangestellt. Das Buch enthält 73 Fotos, welche die Autorin aufgenommen hatte; ein Teil davon entstand schon auf ihrer früheren, 1937 unternommenen Afghanistan-Reise. Dazu gibt es zwei Karten, welche die Reiseroute von Istanbul nach Kabul und innerhalb Afghanistans darstellen, sowie einen Index. In späteren Ausgaben und in manchen Übersetzungen ist dieses Begleitmaterial nicht immer vollständig vorhanden. In der deutschsprachigen Ausgabe des Lenos-Verlags von 2001 fehlen zum Beispiel die Widmung, eines der Mottos, die Fotos, der Index und eine der Karten.

Die Karten verzeichnen ab der Türkei die folgenden Reisestationen: Istanbul – Sinope – Samsun – Kerasun – Trapezunt – Erserum – Bajazet – Grenzübergang nach Iran – Maku – Choi – Täbris – Sultanieh – Kaswin – Teheran – Babol – Gurgan (mit Gonbad-e Qabus) – Schahrud – Meschhed – Turbet-i-Scheich-Dschamil – Karez – Grenzübergang nach Afghanistan – Herat – Karokh – Kala-Nau – Bala-Murghab – Maimeneh – Daolatabad – Andchoi – Schirbichan – Akcha – Balch – Mazar-i-Scherif – Taschkurgan – Haibak – Pol-i-Khumri – Garbend – Charikar – Kabul – Dschalalabad – Peschawar.

Entstehungsgeschichte mini|Ella Maillart umgeben von einer Gruppe Männer, im Hintergrund der Eingang zum Karokh-Schrein in Afghanistan; Foto: Annemarie Schwarzenbach mini|Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Kamera 1938, Foto: Anita Forrer, Malans, 1938

Ella Maillart verwendete im gesamten Buch auf Verlangen von Schwarzenbachs Mutter, Renée Schwarzenbach, das Pseudonym „Christina“ für Annemarie Schwarzenbach. Die beiden Frauen lernten sich im September 1938 durch gemeinsame Freunde kennen. Maillart hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Reisen nach Asien unternommen. 1932 hatte sie ihren ersten Bericht über eine Reise durch Russland veröffentlicht. 1934 war sie im Auftrag einer französischen Zeitung durch die von Japan besetzte Mandschurei gereist. Im Jahr darauf hatte sie zusammen mit dem Times-Korrespondenten Peter Fleming eine achtmonatige Reise von Peking aus durch China entlang der alten Seidenstraße nach Kaschmir unternommen. Sie war auch schon mit dem Autobus durch Afghanistan gefahren.

Annemarie Schwarzenbach, die ihr androgynes Äußeres betonte und in der Regel Männerkleidung trug, hatte ebenfalls schon etliche Reisen unternommen, darunter nach Spanien, in die USA und nach Persien. Viele ihrer Reportagen waren in angesehenen europäischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Kurz nach der ersten Begegnung las Schwarzenbach Maillarts neuestes Reisebuch, Verbotene Reise, über die gemeinsame China-Reise mit Fleming. Sie veröffentlichte darüber eine wohlwollende Rezension in der Monatszeitschrift Annabelle. Schwarzenbach kämpfte zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren mit ihrer Drogensucht. Im Winter 1938/39 unterzog sie sich einer viermonatigen Entziehungskur in Yverdon. Dort besuchte Maillart sie im Dezember 1938, wo Schwarzenbach ihr ihren Kampf mit der Morphiumsucht und den betreuenden Ärzten schilderte. Die beiden Frauen entdeckten, dass sie beide „sich nichts sehnlicher wünschen, als den Sinn des Lebens zu finden, und daß sie bereit sind, dafür jedes Risiko einzugehen“.

Bei einem ihrer späteren Besuche erwähnte Schwarzenbach das neue Auto, das sie demnächst von ihrem Vater geschenkt bekommen würde. Wie im Bericht der gemeinsamen Reise geschildert, löste dies bei Maillart die spontane Idee zur Reise nach Afghanistan bis nach Kafiristan aus. Die beiden Frauen planten, ihre Expedition durch Reiseberichte und Fotografien zu finanzieren. Ihre Motivation für die Reise war vielschichtig. Maillart wollte einerseits der in Europa herrschenden Ratlosigkeit entkommen und Selbstbeherrschung gewinnen, andererseits ihre Freundin vor den Drogen retten. Außerdem plante Maillart, ein Jahr in einem Dorf in Kafiristan mit ethnologischen Studien zu verbringen, um so als Ethnologin anerkannt zu werden. Ihrer Meinung nach hatte das Land seine Ursprünglichkeit noch weitgehend bewahrt, so dass die Grundprinzipien menschlichen Zusammenlebens erkannt werden könnten.

Schwarzenbach entschied sich beim Wagen für einen Ford Modell 18 in Roadster-Ausführung. Das Fahrzeug wurde mit einer Spezialausstattung für Berge und Wüsten ausgerüstet. Im Juni 1939 stellten die Frauen in Genf die Ausrüstung für die Reise zusammen. Dazu gehörten auch Schreibmaschinen und ein Koffer mit Filmen für fünf Kameras, die sie bei der Reise mitnahmen. Am 6. Juni 1939 brachen die beiden Frauen von Genf aus auf. Vor der Abfahrt hatten sie eine Arbeitsteilung vereinbart. Der Wagen war Schwarzenbachs Domäne, weshalb sie auch den größten Teil der Strecke am Steuer saß. Sie besorgte auch die Karten und alle notwendigen Papiere und Genehmigungen. Dabei half ihr der Diplomatenpass, den sie dank ihrer Ehe mit dem französischen Diplomaten Claude Clarac besaß. Zudem sollte sie den größten Teil der Fotos machen, die im Anschluss gemeinsam von ihr und Maillart als Illustrierung ihrer Reportagen verwendet werden sollten. Dazu kam es später allerdings nicht, weshalb Der bittere Weg nur Fotos von Maillart enthält. Maillarts Aufgabe waren die Aufnahmen mit der Filmkamera.

mini|Ella Maillart im Gespräch mit Männern und Kindern in Bamian, Afghanistan; Foto: Annemarie Schwarzenbach Die beiden Schweizerinnen harmonierten nicht während der Reise. Technische und persönliche Schwierigkeiten überlagerten sich. Brigitta Kaufmann fasste es so zusammen: „Ella Maillarts lebensbejahende Art rieb sich an Schwarzenbachs ‚Lass mich leiden!‘“. Allerdings wies Jessa Crispin 2013 darauf hin, dass die Leistungen und der Pragmatismus Maillarts nur verdeckten, dass sie von der gleichen Sehnsucht, dem gleichen Bewusstsein einer Leere im Zentrum ihres Lebens geplagt war wie ihre Reisegefährtin. Für die Fahrt von Herat nach Kabul entschieden sich Maillart und Schwarzenbach für die eben erst eröffnete, auf weiten Strecken aber noch unvollendete Nordroute über Mazar-i-Scharif. Die neue Straße war mit Ausnahme weniger Lastwagen noch kaum befahren. Ende August 1939 erreichten sie Kabul. Schwarzenbach war bereits in Sofia rückfällig geworden, hatte sich Drogen besorgt und genommen, was Maillart direkt gemerkt hatte. Als es trotz ihrer „verständnisvoll-distanzierten Strenge“ zu einem weiteren Rückfall kam, hatte sie beschlossen, sich in Kabul von Schwarzenbach zu trennen.

Die beiden Frauen hielten sich in Kabul auf, als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Danach ertrug Schwarzenbach es nur noch schwer, „am Ende der Welt zur Untätigkeit gezwungen zu sein“. Wegen des Kriegs konnte Maillart als Ausländerin keine Genehmigung für einen Aufenthalt in Kafiristan erhalten. Deswegen reiste sie allein nach Indien weiter. Schwarzenbach dagegen zog von Kabul aus zu dem Archäologenpaar Ria und Joseph Hackin, das sich bei einer Ausgrabung in Afghanisch-Turkestan an der Grenze zur Sowjetunion aufhielt. Dort unterzog sie sich einem kalten Entzug. Zum Jahreswechsel 1939/40 fuhr Schwarzenbach mit dem Ford allein über den Khyber-Pass nach Indien, wo sie im zentral-indischen Mandu ein letztes Mal Maillart traf. Anfang Januar 1940 fuhr sie ab Bombay mit dem Schiff nach Genua zurück, wobei sie das Auto mitnahm. Brieflich blieben die Frauen bis zum Tod Schwarzenbachs 1942 in freundschaftlichem Kontakt.

Annemarie Schwarzenbach konnte mehr als fünfzig Feuilleton-Artikel, Aufsätze und Fotoreportagen über die gemeinsame Reise veröffentlichen, die in Teilen in zwei Editionen 2000 und 2010 herausgegeben wurden. Maillart dagegen wertete die Reise erst deutlich später publizistisch aus. Laut Roger Perret lag das auch an Schwarzenbachs frühem Tod, weshalb sie deren Dokumente, die für ihren Bericht wichtig waren, erst mit großer Verspätung erhielt. Sie verbrachte die Zeit des Zweiten Weltkriegs im Süden von Madras. Von dort aus unternahm sie kurze Reisen nach Tibet und Nepal. Aus den Filmaufnahmen, die sie während der Afghanistan-Reise gemacht hatte, machte sie den Dokumentarfilm Nomades afghanes. In den Jahren 1943 bis 1945 schrieb sie in Indien The cruel way in englischer Sprache und ließ sich dabei von Robert Byrons kurz vorher erschienenem Reisebericht The Road to Oxiana (1937) inspirieren.

Als Renée Schwarzenbach von der anstehenden Veröffentlichung erfuhr, verlangte sie von Maillart, dass der Familie der Bericht zur Prüfung vorgelegt werde. Daraufhin forderte sie von Maillart mehrere „Richtigstellungen“ ein. Insbesondere musste sie alle Passagen streichen, welche die schwierige Beziehung Annemarie Schwarzenbachs zu ihrer Mutter andeuteten. Außerdem verlangte die Familie, dass im Buch für Annemarie Schwarzenbach das Pseudonym Christina verwendet wurde und statt ihres echten Wohnorts (Sils) Silvaplana angegeben wurde.