miniatur|Ricketts’ Laboratorium in der Cannery Row Edward „Ed“ Flanders Robb Ricketts (* 14. Mai 1897 in Chicago; † 11. Mai 1948 in Monterey) war ein US-amerikanischer Meeresbiologe und Philosoph. Bekannt wurde er als Freund John Steinbecks, dessen Denken er maßgeblich beeinflusst hat und der ihm u. a. in der Figur des „Doc“ in den Romanen Die Straße der Ölsardinen und Wonniger Donnerstag literarische Denkmäler gesetzt hat.

Leben Ed Ricketts wurde 1897 als eines von drei Geschwistern (Frances, Thayer) in Chicago geboren, ging dort mit Ausnahme eines Jahres in Mitchell, South Dakota zur Schule und zum Kirchenchor. Ein Onkel weckte sein Interesse für die Biologie. 1915 begann er ein Studium an der Illinois State University in Normal, verließ die Universität jedoch nach einem Jahr wieder, um auf Reisen zu gehen. Während des Ersten Weltkriegs diente er von 1918 bis 1919 in einem Army Medical Corps und ging danach zurück an die Universität, diesmal an die University of Chicago, Schwerpunkt Zoologie. Schon im Studium arbeitete er nebenbei bei einer Art biologischem Lieferhandel und knüpfte erste Kontakte. Ende 1921 unterbrach er sein Studium für eine lange Wanderung, die ihn von Indianapolis durch die ehemaligen Südstaaten bis nach Savannah führte und über die er 1925 den Artikel Vagabonding Through Dixie im Magazin Traveler (6/1925) veröffentlichte. 1922 schrieb er sich in einen Ökologie-Kurs mit dem Titel Entstehung und Entwicklung von Tiergemeinschaften unter besonderer Berücksichtigung der im Großraum Chicago vorkommenden Arten bei Prof. Warder Clyde Allee ein, der seine Arbeit und sein Denken ein Leben lang prägen würde, und nahm an einigen seiner Exkursionen teil. Noch im selben Jahr brach er sein Studium ohne Abschluss ab und heiratete Anna Barbara Macker, die er über die Partnerin seines Mitbewohners Albert E. Galigher, ein Mitarbeiter Libbie Henrietta Hymans, kennengelernt hatte. 1923 gingen Galigher und Ricketts nach Kalifornien, und nach der Geburt seines Sohnes, Edward F. Ricketts, Jr., in Chicago folgte Anna mit dem Kind.

1923 eröffnete Ricketts mit Galigher die Pacific Biological Laboratories in Pacific Grove, ein Meereslabor, das Schulen, Universitäten und andere Einrichtungen mit biologischen Präparaten versorgte. Im selben Jahr veröffentlichte sein ehemaliger Professor Allee Studies in Marine Ecology, die Ricketts als Anleitung „für jede Gelegenheit“ verstand, mit seinem Blick auf ökologische Zusammenhänge jedoch eine Ausnahme unter den US-amerikanischen Biologen an der Pazifikküste darstellte. Im selben Jahr nahmen außerdem John Steinbeck und seine Schwester Mary an Sommerkursen der zur Stanford University gehörenden, nahen Hopkins Marine Station teil, es kam aber noch zu keiner näheren Bekanntschaft mit Ricketts. Weil es noch keine Kataloge der ansässigen Meerestiere gab, bat Ricketts die Forschenden der Hopkins Station – Henry Bryant Bigelow, T. Wayland Vaughan u. a. – und rund 25 Sachverständige in den ganzen USA um Hilfe bei der Identifikation. Darüber kam er auch mit dem Biologen Joel W. Hedgpeth in Kontakt, der später die posthumen Überarbeitungen von Between Pacific Tides übernahm und einige von Ricketts Fragmenten und Essays veröffentlichte. Die Hopkins Marine Station half Ricketts außerdem mit ihrer Bibliothek und durch die Zusendung von ihm angefragter wissenschaftlicher Neuveröffentlichungen. Umgekehrt bedienten sich bald Studierende an seinen Texten und Ideen, die Ricketts gerne hergab, weil er sich über das Interesse freute und ihm nicht an einer wissenschaftlichen Karriere gelegen war.

mini|Die Pacific Biological Laboratories in der Ocean View Avenue in Monterey, 1928Ricketts und Galigher beendeten die Zusammenarbeit schon 1925 wieder, und Galigher eröffnete in Berkeley ein Labor für Mikrotechnik. Ricketts weitete seine Ausflüge in der Monterey Bay und auf der Monterey-Halbinsel – einer seiner Lieblingsorte war ein Gezeitentümpel beim Point Pinos Lighthouse – bald aus, etwa nach Point Cabrillo. Ein Grund für die besondere Populationsdichte und Artenvielfalt zu dieser Zeit mag die jahrzehntelange Bejagung von Seeottern gewesen sein, später wirkte sich Umweltverschmutzung negativ aus. In den frühen Jahren besuchten seine Eltern und seine Schwester Ricketts, um ihn bei der Arbeit zu unterstützen. Im Sommer reiste er Wochen und Monate entlang der Pazifikküste in den Norden Washingtons und nach British Columbia, im Winter nach Südkalifornien und in den Norden Mexikos. 1925 beispielsweise nach Tijuana und Todos Santos, 1929 in die Newport Bay, 1930 (mit Jack Calvin) nach Vancouver Island, auf die Olympic-Halbinsel und nach Port Townsend und im Winter nach Laguna Beach. Als die Kinder alt genug waren, unternahm die ganze Familie – Ed, Anna, Edward Ricketts Jr. (* 23. August 1923; † 3. Januar 2018), Nancy Ricketts (* 28. November 1924; † 1. Juni 2024) und Cornelia Ricketts (* 1927) – zur Sommerzeit Ausflüge entlang der Küste um Meerestiere für das Labor zu sammeln. 1928 zog das Labor in die Cannery Row, damals offiziell noch Ocean View Avenue, nach Monterey.

mini|Gehäuse des Gemeinen Perlboots, fotografiert von Edward Weston, 1927In Pacific Groves lernte Ricketts den Autor Jack Calvin kennen, mit dem er Between Pacific Tides veröffentlichen würde, und den Künstler Ritchie Lovejoy, der es illustrierte. Calvin machte ihn 1930 mit dem noch unbekannten Autor John Steinbeck bekannt, der gerade mit Eine Handvoll Gold seinen ersten Roman veröffentlicht hatte. Ricketts beschäftigte ihn zeitweise in seinem Labor und bald verband eine tiefe Freundschaft. Carol Steinbeck arbeitete eine Zeit lang als Sekretärin für Ricketts, manche ihrer Geschichten aus dem Labor verwendete Steinbeck später für seine Fiktionalisierungen. Außerdem zeigte sie Ricketts das Gedicht Roan Stallion des Dichters Robinson Jeffers, mit dessen Hilfe Ricketts einen Begriff für die Philosophie fand, die er zu entwickeln versuchte: Breaking Through. Es etablierte sich ein großer Freundeskreis u. a. mit John Cage und Xenia Kaschewaroff (Schwester der Ehefrauen von Calvin und Lovejoy), Dorothy Comingore, James Fitzgerald, Daniel Lewis James, Henry Miller, Lincoln Steffens, Jean Varda und Edward Weston. 1932 kam Joseph Campbell nach Pacific Groves und arbeitete ebenfalls eine Zeit lang mit Ricketts. Die Freunde begleiteten Rickets auf manche seiner Reisen, etwa 1932 Calvin, Kaschewaroff und Campbell als sein damaliger Assistent auf Calvins Schiff Grampus zum Puget Sound und nach Sitka und Juneau in Alaska. Oder 1936 John Steinbeck nach La Jolla und Corona del Mar, und 1937 das Ehepaar Cage nach Ensenada.

Die Great Depression überstand Ricketts mit seinem Geschäft erstaunlich gut. 1932 trennten sich Anna und Ed. Anna zog mit den Kindern nach Carmel-by-the-Sea und Ed ins Labor. Ca. 1937 wanderte Anna mit den Töchtern nach Vancouver aus, zog später nach Puget Sound. Edward, Jr. blieb bei Eds Schwester in Carmel, bevor er 1938 zu ihm ins Labor zog.

mini|John Steinbeck im Jahr 19391936 fielen die Pacific Biological Laboratories einem Brand zum Opfer, bei dem auch zahlreiche Manuskripte und die Privatbibliothek von Ricketts – darin neben der umfangreichen biologischen Fachliteratur u. a. Baudelaire, James Joyce, Laozi, T. E. Lawrence, Novalis und Trotzki – vernichtet wurden. Glücklicherweise hatte er das Manuskript seines meeresbiologischen Fachbuchs Between Pacific Tides bereits zum Druck an die Stanford University abgeschickt. Die erste Auflage des Werks, das noch heute eines der bestverkauften Bücher der Stanford University Press ist, erschien 1939. Dass Ricketts darauf bestand, die verzeichneten Lebewesen ökologisch nach Lebensraum statt nach biologischer Systematik zu ordnen, war geradezu revolutionär. Das Labor wurde wieder aufgebaut. 1940 fand mit dem Ehepaar Steinbeck und dem Schiff Western Flyer eine Forschungsreise in den Golf von Kalifornien und anschließend nach Mexiko-Stadt statt, wo gerade Alexander Hammid den Film The Forgotten Village nach einem Drehbuch von Steinbeck drehte (der aber vom Hays Office nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurde). Das gemeinsame Buch The Sea of Cortez (1941) ist das Ergebnis dieser Reise. In späteren Auflagen wurden die phyletischen Forschungsergebnisse Ricketts’, die einen wesentlichen Teil dieses Buches ausmachen, gestrichen, später aber erhielten sie ihren angestammten Platz wieder. Nach Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg musste Ricketts seine Reisen eine Zeitlang unterbrechen und bat seinen Sohn, der auf den Philippinen stationiert war, dort biologische Untersuchungen vorzunehmen. 1942 bis ’43 wurde Ricketts ein zweites Mal eingezogen und diente auf der Militärbasis Presidio in Monterey. In den Sommern 1945 und ’46 folgten dann wieder Forschungsreisen nach Vancouver Island, Haida Gwaii und Prince Rupert.

Nachdem Ricketts’ Ehe mit Anna gescheitert war, lebte er ab 1941 mit Toni Jackson zusammen, Steinbecks damalige Sekretärin, Journalistin, hochbegabte Teilnehmerin der Terman-Studie und Tochter des amerikanischen Entdeckers und Mitgründers des John Muir Trails Theodore Solomons. 1946 ließ Ricketts sich von Anna scheiden und trennte sich 1947 von Jackson, ehe er Anfang 1948 Alice Campbell (keine Verwandtschaft mit Joseph Campbell) heiratete, möglicherweise waren Scheidung und Heirat aber nicht gültig. (Jackson heiratete im selben Jahr den Mikrobiologen Benjamin Elazari Volcani und ging mit ihm zwei Wochen vor Staatsgründung nach Israel.) Am 8. Mai 1948 wurde Ricketts mit seinem Auto von einem Zug erfasst und starb drei Tage später. Eine weitere geplante Reise mit Steinbeck und eine weitere gemeinsame Veröffentlichung unter dem Titel The Outer Shores, das seit den Forschungsreisen 1945 und ’46 in Vorbereitung war und nach der US-amerikanischen und kanadischen Pazifikküste in Between Pacific Tides, der Pazifikküste vom Golf von Kalifornien bis nach Panama in Sea of Cortez mit der nordpazifischen Küste die Trilogie beenden sollte, kamen deshalb nicht mehr zustande.

mini|Monterey Bay, Edward F. Ricketts MeeresschutzgebietObwohl Ricketts viele Manuskripte, die 1936 verbrannt waren, nie mehr rekonstruierte, konnte 1978 eine Sammlung seiner wissenschaftlichen Werke unter dem Titel The Outer Shores erscheinen. Zwei von ihm entdeckte Arten, die Seespinne Pycnogonum rickettsi, die Meeresschnecke Catriona rickettsi wurden ebenso nach ihm benannt wie das Boot „RV Ed Ricketts“ des Monterey Bay Aquarium Research Institute und die „Ricketts Row“ in Pacific Grove. Von Ricketts gesammelte Exemplare sind in den Ausstellungen und Archiven zahlloser Naturkundemuseen der USA, darunter dem Smithsonian, dem American Museum of Natural History in New York, dem Field Museum of Natural History in Chicago, Harvards Louis Agassiz Museum of Comparative Zoology und der California Academy of Sciences.

Als literarische Figur Ed Ricketts und seine Pacific Biological Laboratories finden sich in den Romanen Cannery Row (Die Straße der Ölsardinen) und Sweet Thursday (Wonniger Donnerstag) wieder. Steinbeck schildert deren Hauptfigur Doc nach dem Vorbild seines Freundes. Als Schriftsteller war er sich darüber im Klaren, dass dieses Bild vor allem seiner eigenen Vorstellung von Ricketts entsprach, nicht der realen Person. Daher lautet die Widmung zu Die Straße der Ölsardinen: „Für Ed Ricketts; Er weiß warum, vielleicht auch nicht“ („For Ed Ricketts who knows why or should.“). Während andere Menschen in Steinbecks Umfeld durchaus Probleme damit hatten, von ihm fiktionalisiert zu werden, war das für Ricketts ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer Beziehung.

Auch Figuren anderer Werke von Steinbeck sind von Ed Ricketts inspiriert. Das gilt etwa für die Gestalten des Jim Casy in The Grapes of Wrath (Früchte des Zorns), des Doktor Burton in In Dubious Battle (Stürmische Ernte) oder des Doktor Winter in The Moon is Down (Der Mond ging unter).

Veröffentlichungen

Sekundärliteratur

Einzelnachweise

Kategorie:Autor Kategorie:Literarische Figur