Die Unwetter in der Schweiz im Sommer 2024 waren eine Abfolge von Starkregenereignissen, die in verschiedenen Regionen der Schweiz durch Hochwasser, Erdrutsche und Murgänge grosse Schäden verursachten und mindestens dreizehn Menschenleben forderten, drei weitere Personen werden weiterhin vermisst. Die kumulierten Unwetterschäden für das ganze Jahr beliefen sich auf rund 905 Millionen Schweizer Franken, das teuerste Jahr seit 2005 (Alpenhochwasser 2005) und belegt in der 53-jährigen Beobachtungsreihe den fünften Rang. Besonders stark betroffen waren die Kantone Tessin, Wallis und Graubünden. Die Beeinträchtigung der Verkehrsinfrastruktur hatte auch Auswirkungen auf den Transitverkehr mit dem Unterbruch der San-Bernardino-Route und auf den Tourismus in Teilen der Schweizer Alpen.
Im September 2024 gab es auch in Mitteleuropa viele Hochwasser.
Hochwasser ab 1. Juni 2024
mini|Überschwemmung der Maschwander Allmend im Kanton Zug Anfang Juni kam es in Süddeutschland und in angrenzenden Regionen zu schweren Niederschlägen, die in zahlreichen Regionen Hochwasser brachten. Flüsse wie zum Beispiel der Rhein und die Reuss verursachten lokale Überschwemmungen, der Bodenseepegel stieg an; die Gefahrenstufe 4 bzw. 5 (grosse bzw. sehr grosse Gefahr) wurde erreicht, ehe sie wieder auf die Stufe 3 abgesenkt wurde. Bis Ende Juni blieb die Gefahr am Bodensee erhöht. Die Böden waren vielerorts weiterhin durchnässt; im Hochgebirge gab es viel Neuschnee.
Starke Regenfälle vor allem am Samstag, den 1. Juni, und am Montag, den 3. Juni, führten dazu, dass die Pegel von Flüsse und Seen anstiegen; es gab Hochwasseralarm an der Sitter und der Goldach in der Ostschweiz; am Bodensee und am Hochrhein galt Gefahrenstufe 3 (erhebliche Gefahr), am Untersee am 4. Juni Gefahrenstufe 4 (grosse Gefahr). so trat der Untersee in Berlingen oder der Rhein in Bad Zurzach über die Ufer. Der Lauerzersee im Kanton Schwyz trat über die Ufer und das Hochwasser der Reuss verursachte eine Überschwemmung auf der Maschwander Allmend in den Kantonen Zug und Zürich. In den Kantonen Zürich (450 Einsätze), Thurgau (150 Einsätze) und St. Gallen (90 Einsätze) rückten Feuerwehren über das Wochenende wegen Wasser in Gebäuden und überfluteten Strassen aus. Vielerorts kam es zu Hangrutschen. In St. Gallen wurde der Nationenpreis der CSIO abgesagt. Verglichen mit dem Hochwasser in Süddeutschland 2024 ging das Wettergeschehen glimpflich aus.
Starke Regenfälle am 9. und 10. Juni sorgten in der ganzen Westschweiz und Nordschweiz erneut für das Steigen der Pegel in einigen Gewässern und verursachten lokale Überflutungen. Am Bodensee, am Zürich- und am Vierwaldstättersee sowie an deren Ausflüssen herrschte Hochwasser. Am 11. Juni wurde für den Untersee eine Hochwasserwarnung der Gefahrenstufe 5 erlassen, die höchste aller Gefahrenstufen. Am 13. Juni galt am Obersee und am Untersee jeweils Hochwasserstufe 4. Die Pegel stiegen nach einer zwischenzeitlichen Entspannung beim Unwetter vom 21. Juni 2024 wieder an.
21. und 22. Juni 2024 Um den 20. Juni entstand erneut eine Wetterlage mit einem Höhentief, einer Kaltfront und einer kräftigen Südströmung, die warme und feuchte Luftmassen in den Alpenraum transportierte. Diese verursachten südlich des Alpenhauptkammes starke Niederschläge. Auch eine Gewitterfront verursachte am 21. Juni 2024 andauernde starke Niederschläge im Alpenraum, im Jura und in grenznahen Gebieten der Nachbarländer.Rückblick auf die Gewitterlage vom 21. Juni 2024 auf der Alpensüdseite. MeteoSchweiz. Im Bündner Bergtal Misox fielen an der Messstation Grono innert 24 Stunden 12,42 cm (124 Liter pro m²) Regen, davon über 6 cm innert einer Stunde.Überschwemmungen im Misox am 21. Juni 2024, Teil 2. MeteoSchweiz-Blog vom 7. Juli 2025.
Die instabile Wetterlage herrschte mehrere Tage vor; am Abend des 24. Juni fielen infolge eines Wärmegewitters grosse Regenmengen vor allem im Kanton Waadt (117 mm in 3 Stunden in L’Auberson) und im Kanton Basel-Landschaft (53 mm in 3 Stunden in Liestal).
Rhein vom Bodensee bis Basel Das Hochwasser des Rheins liess den Wasserstand des Bodensees wie schon Ende Mai 2024 erneut ansteigen. Schweizer Behörden riefen für die Seeufer und den Hochrhein die Gefahrenstufe 4 aus. Alle Personen waren aufgefordert, sich vorsichtshalber von den See- und Flussufern fernzuhalten. Bis zum 24. Juni stieg das Wasser im Bodensee weiter an; beim Pegel Berlingen am Untersee wurde der Wasserstand von (normales Monatsmittel: ) gemessen.
Wallis Im Kanton Wallis floss aus den Wildbächen des Hochgebirges so viel Wasser in die Rhone, dass diese bei Sitten und im Unterwallis Höchststände erreichte; bei der Pegelstation von Branson wurde am 22. Juni 2024 ein Abfluss von 819 m³/s gemessen, was einem Jahrhundertereignis entspricht. Im Chablais oberhalb des Genfersees erreichte der Abfluss der Rhone zeitweise 1200 m³/s. Bei der Mündung der Rhone in den Genfersee sammelten sich an einer Schwimmbarriere grosse Massen von Treibholz. In Chippis mussten mehr als 200 Bewohner die Häuser in der Umgebung des Flusses verlassen.Valais: niveau d’alarme et situation particulière maintenu. In: Le Nouvelliste. 22. Juni 2024.Patrick Gasser: Entwarnung im Wallis: Das Hochwasser geht zurück. In: Neue Zürcher Zeitung. 23. Juni 2024. Der Nufenenpass wurde am 21. Juni nach einem Erdrutsch vorübergehend gesperrt.
Im Mattertal stieg der Pegel der Mattervispa so stark an, dass der Bach ufernahe Strassen in Zermatt und die Erdgeschosse mehrerer Gebäude überflutete. Auch der Triftbach, der im Zentrum von Zermatt in die Mattervispa mündet, trat über die Ufer. Erdrutsche unterbrachen die Strecke der Matterhorn-Gotthard-Bahn zwischen Visp und Täsch und auch die Kantonsstrasse (Hauptstrasse 213) im Mattertal, so dass Zermatt von der Aussenwelt abgeschnitten war. Ein Murgang des Dorfbachs verschüttete bei Randa die Hauptstrasse und ein zweiter bei Herbriggen die Strasse und die Bahnstrecke Brig-Visp-Zermatt-Bahn.Bahntrassee meterhoch verschüttet auf pomona.ch, 22. Juni 2024. Abgerufen am 24. Juni 2024. An einigen Stellen unterspülte die Mattervispa die Bahngleise. In Visp und Täsch waren Touristen, die nach Zermatt gelangen oder aus dem Mattertal ausreisen wollten, blockiert. Auch die Gornergratbahn musste zeitweise den Betrieb einstellen, weil ein Erdrutsch die Schutzgalerie Riffelbord beschädigt hatte. In den folgenden Tagen nahm die Matterhorn-Gotthard-Bahn die Strecke von Zermatt nach Täsch wieder in Betrieb; zwischen Täsch und Visp verkehrten Busse als Ersatz für die unterbrochene Bahnstrecke, nachdem die Schuttkegel der Murgänge auf der Kantonsstrasse beseitigt waren.
Die umfangreichsten Schäden im Wallis entstanden durch Hochwasser, Murgänge und Überschwemmungen im Val d’Anniviers. Der Talfluss Navisence führte ungefähr so viel Wasser wie beim letzten schweren Hochwasserereignis im Jahr 2018. Die Trinkwasserversorgung, Abwasserleitungen und Stromleitungen des Ferienorts Zinal wurden beschädigt. Zwischen Vissoie und Mayoux war die Kantonsstrasse zeitweise unpassierbar.Alexandre Beney: Intempéries: les travaux de remise en état commencent en Anniviers. In: Le Nouvelliste. 23. Juni 2024. Auch in Evolène war die Trinkwasserzufuhr zerstört.
Graubünden: Misox Im Misox verursachten Fluten und Murgänge auf der Länge von 20 Kilometern schwere Schäden. Die Moesa, die das Tal zum Ticino entwässert, führte am 21. Juni 2024 abends bei der Pegelstation von Lumino/Sassello nach einem raschen Anstieg des Wasserstands um 650 m³/s.Moesa – Lumino, Sassello 2420. Hydrodaten. Bundesamt für Umwelt (BAFU). Abgerufen am 25. Juni 2024. In der Nacht zum 22. Juni gingen in den Gemeinden Lostallo und Soazza an mehreren Berghängen Gerölllawinen und Schlammmassen nieder und überschwemmten Kulturland. Die Abwasserreinigungsanlage von Lostallo wurde überschwemmt, alle vier Ausgleichsbecken der Gemeinde waren voller Geschiebe und mussten ausgebaggert werden.Rico Bandle: «Der Fluss wurde so hoch, dass er die Autobahn mitspülte». In: Berner Zeitung. 22. Juni 2024. Mehrere Wasserkraftwerke des Energieunternehmens Axpo mussten ihren Betrieb einstellen; Dutzende Personen wurden aus ihren Häusern evakuiert.Misox: Hochwasserlage. Kantonspolizei Graubünden. 22. Juni 2024.
In einer Siedlung des Weilers Sorte () drei Kilometer südlich von Lostallo wurden Gebäude zerstört, als ein verheerender Murgang aus dem Val de la Molera, auf der Westseite des Misox unter dem Piz della Molera () und dem Piz de Groven (), durch die Siedlung floss. Der Wildbach Rià de la Molera, italienisch Riale Molera, beginnt im Bergtal in den Gemeinden Cama und Santa Maria in Calanca und mündet bei Sorte, einem Ortsteil der Gemeinde Lostallo, von rechts in die Moesa; westlich der Flussbrücke () steht auf dem alten, durch frühere Murgänge entstandenen Schuttkegel des Baches an der Hauptstrasse 13 und bei der ehemaligen Haltestelle der früheren Misoxerbahn der jüngere Dorfteil Campagna de Sort. Das Gebirge besteht in diesem Abschnitt des Misox aus Granit- und Gneisformationen. Weil das wassergetränkte Lockermaterial im Moleratal instabil wurde, nahm im Berggebiet eine Schlamm- und Geröllrüfe, die auch grosse Felsblöcke mitriss, ihren Lauf. Die Schuttlawine brach aus dem bisherigen Bachbett aus, deckte das Wiesengebiet zu und zerstörte einige Häuser in Sorte, unterbrach die Kantonsstrasse und verschüttete den westlichen Brückenkopf der Moesabrücke.Oberflächengewässer. Geoportal der kantonalen Verwaltung. Kanton Graubünden. Abgerufen am 26. Juni 2024.Sven Titz (u. a.) Gerölllawine im Misoxtal: was sie so zerstörerisch gemacht hat und warum sie unerwartet kam. In: Neue Zürcher Zeitung. 25. Juni 2024. Mindestens eine Person aus dem Weiler verlor ihr Leben, eine weitere Person konnte aus einem beschädigten Haus lebend gerettet werden.Mesolcina «Abbiamo trovato una salma». In: Corriere del Ticino. 23. Juni 2024.In der Bildergalerie: So zeigt sich die Region Moesa nach den Unwettern. In: Südostschweiz. 23. Juni 2024. Insgesamt verursachte das Gewitter im Misox zwei Todesopfer, eine Person blieb vermisst.Überschwemmungen im Misox am 21. Juni 2024, Teil 1. MeteoSchweiz-Blog vom 24. Juni 2025. mini|Der Murgang, blockierte Moesa und die zerstörte Autobahn A13 im Gebiet Buffalora am 22. Juni 2024 mini|Das Gebiet von Buffalora im Zustand vor dem Unwetter Als Folge einer besonders starken Rüfe aus dem Val d’Orbel wurde die Moesa oberhalb der Buffalorabrücke der Autobahn A13 aufgestaut, überspülte die Autobahn und unterspülte deren Rampe auf einer Strecke von rund 150 Metern. In diesem Abschnitt in der Gemeinde Soazza ist die Flussniederung als Naturschutzgebiet «Pomareda» im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung ausgewiesen.Objektblatt Pomareda im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung. Der Val-d’Orbel-Bach auf der Ostseite des Tales führte wegen der Niederschläge Schuttmassen mit einem Volumen von etwa 50'000 m³ mit sich.Francesco Pellgrinelli: L’emergenza. «I lavori dureranno almeno un mese»: A2 a rischio paralisi. In: Corriere del Ticino. 23. Juni 2024. Schon im Jahr 2019 hatte ein Murgang aus dem gleichen Bachgraben während eines Hochwassers der Moesa an dieser Stelle eine Überschwemmung des Auengebiets neben der Autobahn verursacht.Pascal Ritter: Was die Renaturierung der Moesa mit der Zerstörung der A13 zu tun hat. In: Watson, 28. Juni 2024.
Die Hauptstrasse 13 und einige Gemeindestrassen im Misox waren wegen Murgängen unpassierbar.Paride Pelli: Se la natura ha sempre l’ultima parola. In: Corriere del Ticino. 24. Juni 2024. Aus Sicherheitsgründen und wegen der Aufräumarbeiten wurde die Hauptstrasse in den folgenden Tagen zwischen Mesocco und Lostallo gesperrt.