Iwan Todorow Balabanow (; * 11. Mai 1887 in Sofia, Fürstentum Bulgarien; † 15. März 1969 in Mailand, Italien) war ein bulgarischer Unternehmer und Bankier, der in der Zwischenkriegszeit zu einem der bedeutendsten Industriellen Bulgariens avancierte.
Leben Eltern und Familie Iwan Todorow wurde am 11. Mai 1887 als drittes Kind des Kaufmanns und Unternehmers Todor Balabanow und seiner Frau Elena, geb. Petschenjakowa, in Sofia im Fürstentum Bulgarien geboren. Er hatte zwei ältere Brüder, Sacharij (* 1880, † 1899) und Stefan (* 1884, † 1918) sowie zwei jüngere Schwestern, Zwetanka (* 1890, † 1910) und Zora (* 1900, † 1989). (geni.com)Metodi Panajotow: , S. 11–15.
Unternehmerische Tätigkeit Im Anschluss an seine Schulzeit immatrikulierte er sich an der Hochschule für Welthandel, der Vorläuferin der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Im Jahre 1907 schloss er dort sein Studium erfolgreich ab. Danach absolvierte er bis 1910 ein Jurastudium an der Université de Genève.: (medianews.bg, 2018; deutsch: Miroslaw Getow: Der Wohltäter Iwan Balabanow – der erste Ehrenbürger von Mesdra)
Nach dem Tod seines Vaters am 15. März 1912 übernahm Iwan dessen Geschäfte. Er wurde Leiter des Handelshauses und Industrieunternehmens Todor Balabanow AG (Тодор Балабанов АД). Zu dieser Firma gehörte u. a. die Spiritusfabrik Wratza in Mesdra. Daneben übernahm er die Position des Vizepräsidenten der von seinem Vater und seinem Onkel Konstantin gegründeten Bulgarischen Forstindustrie AG (Българска Горска Индустрия АД, БГИ; Bălgarska Gorska Industrija AD, BGI) mit Sitz in Sofia und Betriebsstätte im Dorf Barakowo. Im selben Jahr wurde er als Nachfolger seines Vaters zum Präsidenten des Bulgarischen Industriellenverbands gewählt. Er hatte dieses Amt bis 1944 inne.
Als das Zarentum Bulgarien am 1. Oktober 1915 auf Seiten der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintrat stand der Generalstab vor dem logistischen Problem der Versorgung der Salonikifront. Zu diesem Zweck erging am 22. November 1915 der Befehl zum Bau des ersten Abschnitts einer 600-mm-Schmalspurbahn von Radomir nach Demirhissar (heute Sidirokastro) in Griechenland.Angel Dshonew: , S. 323 Um den Nachschub an Bauholz für die zahlreichen Brücken über die Struma und ihre Zuflüsse zu gewährleisten, wurde das Sägewerk in Barakowo als kriegswichtiger Betrieb, im Herbst 1916 über eine Zweigstrecke angeschlossen.Angel Dshonew: , S. 336 Anfang der zwanziger Jahre beschloss der Vorstand der BGI, den Holztransport per Trift einzustellen und auf die Schiene zu verlegen. Die Gesellschaft realisierte daraufhin ein eigenes 600-mm-Schmalspurbahnnetz in den Tälern der Rilska Reka und der Iljina Reka.Methodi Panajotov: Nach einer zehnjährigen Verlängerung der ursprünglichen Konzession endete der Kontrakt mit dem Rilakloster schließlich im Jahre 1933. Iwan Balabanow gründete bereits 1928 die Bulgarische Papier- und Holzindustrie AG (Българска Книжна и Дървена Индустрия АД, БКДИ; Bălgarska Knishna i Dărwena Industrija, BKDI) als Nachfolgerin der BGI.Metodi Panajotow: , S. 87–99. Am Firmenstandort in Barakowo wurde eine moderne Kartonagen- und Papierfabrik erbaut. Diese wurde 1947 verstaatlicht und in die Staatliche Wirtschaftsorganisation Zellulose und Papier (Държавна Стопанска Обединение Целулоза и Хартия) eingebracht.
1926 setzte Iwan Balabanow mit den Eigentümern einer Textilfabrik in Łódź, Kasimir Arkuszewsky, Samuel und Avram Habansky sowie Mordka Widman den Gesellschaftsvertrag für die Bachawa-Textilindustrie GmbH (Бахава Текстило-Индустриално ООД) auf. Sitz der neuen Firma war Sofia. Die Betriebsstätte befand sich in Mesdra, unweit der bestehenden Spiritusfabrik. Das Sortiment umfasste u. a. Kleiderstoffe, Leinentücher, Tischdecken, Vorhänge und Möbelbezugsstoffe. Erster Geschäftsführer war Iwan Balabanow. Als Direktor fungierte Iwan Miluschev (Иван Милушев), als Prokurist Andreja Filipow (Андрея Филипов). (historicalmezdra.com, 2015; deutsch: „Bachawa“ - Mesdra) 1930 wurde Iwan Alleininhaber der Firma. Im Betrieb waren ca. 300 Arbeiterinnen und Arbeiter tätig. Die Bachawa zeichnete sich durch ein gutes soziales und hygienisches Arbeitsumfeld aus. Sie entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Faktor auf dem bulgarischen Textilmarkt.: , 2022 (kartanavremeto-vratsa.org; deutsch: Miroslaw Getow: Die Spiritusfabrik „Wratza“ 1898/1947 – der erste Industriebetrieb in Mesdra) Um die Energieversorgung der Spiritus- als auch der Textilfabrik nachhaltig sicherzustellen, initiierte Iwan Balabanow 1935 den Bau eines Wasserkraftwerks am Fluss Iskar beim Dorf Brusen (Брусен) in der Nähe von Mesdra. Die Fertigstellung der Anlage dauerte nur ein Jahr. Von dort wurden beide Werke mittels einer 6 km langen 6030 Volt-Freileitung mit Strom beliefert. Die Anlagen stehen bis heute im Betrieb. (www.vracadnes.bg, 2016; deutsch: Das Wasserkraftwerk Brusen arbeitet bereits seit 80 Jahren)
Iwan Balabanow hatte verschiedene Führungspositionen inne. Er war Leiter der bulgarischen Niederlassung des italienischen Chemieunternehmens Montecatini. Zudem agierte er als Vizepräsident der Franko-Bulgarischen Bank für internationalen Handel AG (АД "Франко-българска банка за международна търговия") sowie als Vizepräsident der bulgarischen Filiale der in Mailand ansässigen Banca Commerciale Italiana. Des Weiteren war er Mitglied des Vorstands der Italienischen und Bulgarischen Handelsbank (Италианска и Българска търговска банка). Er hielt Aktienpakete der AG Bulgarische Vereinigte Fabriken der Papier- und Kartonindustrie (АД "Български съединени фабрики за книжно - мукавена индустрия"), der Firmen Bălgarija (България), AG Komissionarija (АД Комисионария), Stroitel (Строител) und Twărdiza (Твърдица) in Sofia sowie der Firma Arda (Арда) in Charmanli.
Wie bereits sein Vater Todor, sah sich auch Iwan als Unternehmer mit sozialer Verantwortung. So existierte eine in Barakowo schon früh eine Verkaufsstelle, in der Mitarbeiter der BGI gegen Wertmarken Waren des täglichen Bedarfs verbilligt erwerben konnten.Metodi Panajotow: , S. 187 Die BKDI, Nachfolgerin der BGI, errichtete in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Barakowo eine kleine Industriestadt. Dazu gehörten ein Krankenhaus, ein Kindergarten, eine Schule für 200 Kinder, ein Altersheim, ein Kino, ein Fabriktheater und ein Kasino. Daneben wurden auch zweistöckige Häuser gebaut, in denen Angestellte und Arbeiter mit ihren Familien mietfrei leben konnten.Metodi Panajotow: , S. 241–261 Die Literaturhistorikerin Katja Zografowa fasste die damalige Situation in Barakowo 2013 kurz mit dem Satz zusammen: "Hier erfüllte sich der kommunistische Traum zur Zeit des Kapitalismus.Katja Zografowa: , S. 54
In der Stadt Sofia ließ Iwan Balabanow auf dem Grundstück Săborna-Straße Nr. 2A (ул. Съборна № 2А) das emblematische Grand Hotel Imperial errichten. Die Bauarbeiten begannen 1917. Das Gebäude wurde 1920 fertiggestellt. (hiclub.bg; deutsch: Der Industrielle Iwan Balabanow baute das Hotel „Imperial“, das Schriftsteller-Café und die Rila-Schmalspurbahn) In der Fassade kombinierte der Architekt Kiro Maritschkow (Киро Маричков) Elemente des Neobarocks und der Secession. Mit seinen fünf Stockwerken stellte es damals das höchste Haus der Stadt dar. Das Hotel besaß eine luxuriöse Einrichtung und bot Zimmer und Apartments mit Bad, Telefon und Zentralheizung. Heute dient das Gebäude als Bürohaus. (www.altersofia.bg, 2014; deutsch: Hotel Imperial, Săborna-Straße 2A) Für sich und seine Familie gab er ein Haus in der Oborischte-Straße Nr. 3 (ул. Оборище № 3) in Auftrag. Den Entwurf lieferte die Architektin Maria Berowa-Henning (Мария Берова-Хенинг). Es umfasste u. a. drei Wohnungen für seine drei Töchter. Das Haus wurde 1938 fertiggestellt. In Sofia ist es bis heute als das "Balabanow-Haus" ("Балабановатa къща") bekannt.
Philanthropische Aktivitäten mini|Eingang der Grundschule Christo Botew in Mesdra (bis 9. September 1944 Todor Balabanow Grundschule). Erbaut von mit den Mitteln von Elena, Iwan und Zora Balabanow Zwischen 1925 und 1929 spendeten Iwan, seine Schwester Zora und ihre Mutter Elena über drei Millionen damaliger Lewa für den Bau der Volksschule in Mesdra. Diese trug bis zum 9. September 1944 den Namen Todor Balabanow.
mini|Kirche »Heiliger Erzmärtyrer Georg der Siegreiche« in Mesdra Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts stiftete die Familie finanzielle Mittel und Materialien im Wert von mehr als 13 Millionen Lewa für den Bau der Kirche »Heiliger Erzmärtyrer Georg der Siegreiche« (Св. Великомъченик Георги Победоносец) in der Eisenbahnersiedlung nahe des Bahnhofs Mesdra. Sie wurde am 8. Mai 1932 vom Wrazaer Metropoliten Païssi (Метрополит Паиcий) geweiht. (opoznai.bg, 2022; deutsch: Kirche "Hl. Erzmärtyrer Georg der Siegreiche" - Mesdra)
Zehn Jahre später überließ Iwan Balabanow der Gemeinde Mesdra ein Gebäude, das zuvor von der Gemeindeverwaltung angemietet wurde. Er stellte beträchtliche Mittel zum Ausbau des Kulturhauses (читалище) "Prosweta" ("Просвета", "Bildung") im Zentrum von Mesdra bereit. Die Balabanows stifteten des Weiteren ein Grundstück im Wert von einer Million Lewa für den Bau des derzeitigen Kulturhauses "Raswitie" ("Развитие", "Entwicklung") in Wraza.
Einsatz für verfolgte Juden Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verfolgte Bulgarien nach außen hin eine Neutralitätspolitik. De facto wurden die Bindungen an das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien immer enger. So mussten schon im September 1939 alle ausländischen Jüdeninnen und Juden das Land verlassen.Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: Denkmal der Dankbarkeit (www.memorialmuseums.org, 2024) Im Sommer 1940 wurde ein erstes antisemitisches Gesetz nach Vorbild der deutschen Nürnberger Gesetze entworfen.Björn Opfer-Klinger: Bulgariens Rolle im deutschen Bündnissystem des Dreimächtepaktes 1941–1944, S. 15 Dieses sog. "Gesetz zum Schutz der Nation" ("Закон за защита на нацията") trat am 23. Januar 1941 in Kraft, also bereits zwei Monate vor dem Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt. Als der sog. Judenstern in Bulgarien eingeführt wurde, befestigte Iwan Balabanow einen an seinem Mantel. Darauf angesprochen, erklärte er, dass er viele gute jüdische Freunde habe und dies seinen Protest gegen die Maßnahmen der Regierung zum Ausdruck bringen soll. Später half er bedrängten und verfolgten Jüdinnen und Juden im Stillen. Bei der Beschaffung von Einreise- und Transitvisa konnte er sich der Unterstützung seines Cousins Iwan Konstantinow Balabanow versichern, der als Honorarkonsul des Königreichs Schweden in Sofia amtete.Методи Панайотов: Спомен на г-жа Бистра Балабанова, In: Методи Панайотов: (deutsch: Metodi Panajotow: Erinnerungen von Frau Bistra Balabanowa, In; Metodi Panajotow: Die Fabrik und die Ausländer), S. 91–92 1943 begannen Internierungen zur Vorbereitung von Deportationen. Iwan Balabanow bot im September 1943 20 jüdischen jungen Frauen die Möglichkeit, in der Papierfabrik Barakowo zu arbeiten. Für sie wurde ein Wohnheim eingerichtet und von der BKDI möbliert. Im Werk gab es keinerlei antisemitische Diskriminierungen.Методи Панайотов: Еврейките в Балабанова фабрика, In: Методи Панайотов: (deutsch: Metodi Panajotow: Die Juden in Balabanows Fabrik, In: Metodi Panajotow: Die Fabrik und die Ausländer), S. 89–91 Die militärischen Erfolge der Alliierten führten dazu, dass am 31. August 1944 die antisemitischen Gesetze und Erlasse teilweise aufgehoben wurden. Damit war das Leben der internierten Frauen gerettet. Das "Gesetz zum Schutz der Nation" wurde schließlich am 27. November 1944 durch die erste Regierung der Vaterländischen Front (Отечествен Фронт; Otetschestwen Front) annulliert.
Ehe und Familie