Das nachfolgend beschriebene Deutsch-japanische Geheimdienstabkommen war lange nicht bekannt und entstand als ein Zusatzabkommen zum Deutsch-Japanischen Antikomintern-Pakt. Das Abkommen betraf nicht nur den Informationsaustausch der militärischen Geheimdienste, sondern die gemeinsame Zersetzungsarbeit gegenüber der Sowjetunion mit Hilfe in- und ausländischer Oppositionsgruppen. Deutsche und Japaner teilten darin die Sphären ihres Einflusses gegenüber der Sowjetunion auf und begannen anhand eines 5-Jahres-Plans ihre Absichten konkret durch die militärischen Geheimdienste umzusetzen.
Nachdem im August 1935 der VII. Kongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau den internationalen Imperialismus und seine besonders extreme Form, den Faschismus,Dokumente des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale, Referate, Diskussionen, Resolutionen, Moskau 1935, Dokumentenanhang, vor allem: Schlusswort von Georgi Dimitroff, S. 225ff. zu den Hauptfeinden der kommunistischen Bewegung erklärt hatte, folgte eine Initiative Japans, ein Bündnis der Gegenseite herzustellen. In erster Linie war es der in Berlin tätige japanische Militärattaché Hiroshi Oshima, der drängte, dass im Sinne eines Garantievertrages zwischen beiden Ländern eine Vereinbarung abgeschlossen werden müsse. Von ihm wurde als Grund auch die vordergründig angenommene Bedrohung seines Landes durch die UdSSR als Motiv ins Feld geführt. In Deutschland bestand darüber noch 1935 erhöhte Skepsis, da die bestehenden Beziehungen zu China und die von dort kommenden Rohstofflieferungen fast gleichwertig betrachtet wurden. Seiner Sache nicht sicher, betonte Joachim von Ribbentrop der damalige Sonderbotschafter, noch im November den privaten Charakter dieser Gespräche. Als Hitlers Sonderbevollmächtigter für außenpolitische Fragen, ließ er jedoch zu Hause die Möglichkeiten einer politischen oder militärischen Verbindung mit Japan prüfen.Bernd Martin (Hrsg.), Friedrich Wilhelm Hack: Sein Wirken für Japan. Vom Antikominternpakt (1935) bis zum Kriegsende (1945). OAG-Publikation, Verlag iudicum München ISBN 978-3-86205-671-2, 2024, S. 22ff. Ein militärischer Vertrag erhielt durch die Wehrmachtsführung keine Zustimmung. Also blieb es erst einmal bei der Idee, einen Freundschaftsvertrag ohne bindende Klauseln abzuschließen. Dabei verfolgte er vor allem einen Propaganda-Ansatz, der in der westlichen Welt für Aufregung sorgen sollte. Die Japaner wünschten sich jedoch mehr ein Militärbündnis, das aber von Deutschland nicht gewollt war.Christian W. Spang: Wer waren Hitlers Ostasien-Experten. (OAG-Notizen 5/2003), S. 16.Stefan Mannes: Die deutsch-japanischen Beziehungen 1933–1938, https://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/die-deutsch-japanischen-beziehungen-1933-1938/ (23. August 2022). Nach zähem Verlauf, Bedenken und Verwürfen beschleunigte das im Juli 1936 von Deutschland mit Spanien eingegangene Militärbündnis zur Niederschlagung der Spanischen Republik die Festlegung von Gemeinsamkeiten in den Verhandlungen, die im gemeinsamen Kampf gegen den „Bolschewismus“ gesehen wurden. Am 25. November 1936 wurde der Antikomintern-Pakt zwischen dem Deutschen Reich und dem Kaiserlich-japanischen Reich in Berlin unterzeichnet. Adolf Hitler selbst maß diesem Vertrag anfangs kaum Bedeutung bei. Es war sogar vordergründig erwünscht, dass auch Großbritannien ihm beitreten dürfe.
Das Deutsch-Japanische Geheimdienstabkommen, dass die sperrigen Namen „Deutsch-Japanische Zusatzvereinbarung betreffend Austausch der Nachrichten über Sowjetrussland“ und „Deutsch-Japanische Zusatzvereinbarung betreffend Zersetzungsarbeit gegen Sowjetrussland“ trug, war vom japanischen Militärattaché Hiroshi Oshima und dem Abwehr-Chef Wilhelm Canaris am 11. Mai 1937 unterzeichnet worden.Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia: The Eurasian Triangle, S. 153 und Volltext des ab Seite 203.
Vorgeschichte Japan betrieb schon lange eine Expansionspolitik, um das rohstoffarme Land unabhängiger zu machen. Im Fernen Osten besetzte nach der Weltwirtschaftskrise eine japanische Schutztruppe 1931/32 die rohstoffreiche Provinz Mandschurei mit der Hauptstadt Harbin im Norden Chinas. Die Besetzung der nordchinesischen Provinz gilt dem britischen Historiker Richard Overy in einer neueren Studie als der eigentliche Beginn des Zweiten Weltkriegs.Richard Overy: Weltenbrand. Der große imperiale Krieg 1931–1945, Rowohlt, Berlin 2023, S. 13. Danach hatte Japan eine lange, gemeinsame Grenze zur Sowjetunion. Jetzt standen sich zwei ideologisch völlig konträre politische Systeme gegenüber, weshalb Japan einen Krieg mit der Sowjetunion befürchtete. Vorsorglich erstellte man im Oktober 1932 erstmalig einen langfristig und offensiv ausgelegten Spionageplan gegen die Sowjetunion mit klassischen Zersetzungszielen. Laut diesem „Plan 1932“ sollten zersetzende Maßnahmen die Kampfkraft der Roten Armee nach Ausbruch eines Krieges schnellstmöglich lähmen. Nach sorgfältiger Analyse nahmen die Japaner die sowjetische Erdölindustrie in der Ukraine, in Georgien und Aserbaidschan in den Blick, denn die Treibstoffversorgung der Roten Armee war essentiell im Falle eines Krieges. Zudem waren dort Unabhängigkeitsbewegungen der nichtrussischen Völker aktiv, die unterstützt werden sollten, um Sabotageakte zu ermöglichen. Zusätzlich sollten die Kontakte zu antisowjetischen Emigranten außerhalb der Sowjetunion genutzt werden. Sie hatten Verbindung zu den Unabhängigkeitsbewegungen in diesen Regionen, was beim Auslösen von Rebellionen nützlich war.Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia: The Eurasian Triangle, S. 136
Japan bereitete sich bereits seit 1932 auf eine militärische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion vor. Die japanischen Militärattachés in Asien und Europa, die faktisch Geheimdienstoffiziere mit diplomatischem Schutz waren, begannen diesen Plan vor allem mit der Sammlung von Nachrichten und Schritten der Zersetzungsarbeit innerhalb der UdSSR vorsichtig umzusetzen. Die Masse der Ölförderung der Sowjetunion lag im ukrainischen Galizien um Drohobytsch, welches erst nach dem 17. September 1939 sowjetisch wurde, im Kaukasus um Grosny und in Aserbaidschan um Baku. Deshalb bemühten sich die japanischen Militärattachés intensiv, Kontakte zu Exilpolitikern und Minderheitenführern aus diesen Gebieten zu unterhalten, um über sie Einfluss auf die dort lebende Bevölkerung zu nehmen. Ähnliche Schritte wurden bereits auch ab 1936 im Baltikum unternommen.
Beispielhaft für diese Strategie ist ein Auszug aus einem Bericht des japanischen Militärattachés in Teheran, den dieser 1935 nach Tokio sandte:„Die bedeutendsten Volksgruppen in Transkaukasien sind Georgier, Turkmenen in Aserbaidschan und Armenier. Ihre Kultur ist viel stärker ausgeprägt als die der anderen ethnischen Minderheiten in den Republiken der Sowjetunion. […] Die meisten Führer dieser Gruppen leben außerhalb ihrer Staaten, das heißt im Iran, in der Türkei und in anderen Ländern. […] Sie verursachen politische Unruhen, weshalb alle Länder sie kontrollieren wollen. Aus der Sicht geplanter Zersetzungsoperationen muss das berücksichtigt werden. […] Es scheint, dass es neuerdings anstelle muslimischer Gruppen geheime faschistische Gruppen von turkmenischen Aserbaidschanern gibt, die im Falle einer Zersetzungsoperation beste Voraussetzungen bieten. Die Ölfelder von Baku befinden sich in ihrem Gebiet und die politische Einstellung dieser Turkmenen kommt denen der Japaner sehr nahe, weshalb sie bestens für unsere Pläne geeignet sind. […] Könnten wir fähige Führer unter den kaukasischen Völkern identifizieren, wären sie bestens geeignet aktiv zu werden, falls es notwendig würde.“Bericht von Masao Ueda, Militärattaché in Persien, zitiert bei Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia, The Eurasian Triangle, S. 142. 1935 waren deshalb die japanischen Geheimdienstler auf der Suche nach geeigneten Kontakten in die Emigrantenszene der Kaukasier und der muslimischen Turkmenen (Turkestaner). Was die Japaner versuchten, war nichts anderes, als den sogenannten „Promethismus“ zu nutzen. Darunter verstand man die Exilgruppen aus der Ukraine, dem Kaukasus und der Turkvölker, die aufgrund der sowjetischen Besatzung ihrer Heimatländer in Warschau, Paris und anderswo im Exil lebten. Diese „Promethen“ waren in einer ähnlichen Lage wie der vom griechischen Gottvater Zeus verstoßene Titan Prometheus. Zeus hatte Prometheus zur Strafe für dessen Ungehorsam im Kaukasus angekettet und erst nach langem Exil begnadigt. Die „Promethen“ sind also auf die griechische Mythologie zurückzuführen. Die Führer der Kaukasier lebten ebenso wie Prometheus seit den 20er Jahren in Paris in Verbannung und schlossen sich hier 1934 zu einer Art kaukasischen Konföderation zusammen. Das war der Versuch über die in Paris gebildeten Exilregierungen ihre nationalen Interessen stärker gemeinsam zu vertreten. Einer der Treiber dieser Pläne war Haidar Bammat, ein aus Dagestan stammender vormaliger Außenminister des Nordkaukasus. Bammat hatte von sich aus den Gedanken einer kaukasischen Föderation schon lange verfolgt und die entsprechende Anerkennung in Exilkreisen. Außerdem gab er mit der Zeitschrift „Kaukasus“ in Paris die dazu erforderliche Propaganda heraus, die schließlich von den Japanern finanziert wurde.Patrik von zur Mühlen: Japan und die sowjetische Nationalitätenfrage am Vorabend und während des Zweiten Weltkriegs, S. 328. Die politisch aktiven, antisowjetisch eingestellten Promethen waren natürlich auch für andere Geheimdienste interessant. Insbesondere in Polen, Frankreich und Großbritannien wurden die Promethen von den Geheimdiensten unterstützt, nachdem diese Länder die Exilregierungen offiziell anerkannt hatten.Stephen Dorrill: The Prometehean League, in MI 6: Fifty Years of Special Operations, S. 185–189. In Polen waren die Promethen sogar Teil der polnischen Armee, weshalb der polnische Geheimdienst eine eigene Abteilung für die Promethen geschaffen hatte.Hiroaki Kuromiya, Georges Mamoulia, The Eurasian Triangle, S. 117. Nach der japanischen Besetzung der Mandschurei 1932 hatte sich in der dortigen Hauptstadt Harbin eine Promethen-Gruppierung gebildet. Die Japaner hatten mit der moralischen Beeinflussung der Volksgruppen in Harbin positive Erfahrungen gemacht und begannen danach, sich stark für die Promethen zu interessieren.Denis Jdanoff: Russische Faschisten, S. 28ff. Nach Abschluss des deutsch-japanischen Antikomintern-Pakts entwickelte sich die Achse Berlin - Tokio zum Nachteil der Sowjetunion. Die japanische Armee bemühte sich jetzt verstärkt darum, die Deutschen in ihre militärischen Pläne einzubinden und weitere Abkommen mit anderen Ländern gegen die Sowjetunion zu schließen. Die Geheimvereinbarung zwischen Canaris und Oshima vom Mai 1937 war Teil dieser japanischen Absichten.
Die Inhalte des geheimen Abkommens Geheime Zusatzvereinbarung zum Nachrichtenaustausch über Sowjetrussland Canaris und Oshima war daran gelegen, möglichst viel zur militärischen Stärke und zu den Waffensystemen der Roten Armee zu erfahren, was zu den üblichen Aufgaben eines militärischen Geheimdienstes gehörte. Den Erfahrungsaustausch sollten die Militärattachés in Berlin und Tokio bewerkstelligen. Hier ein Textauszug aus dem Abkommen:Der Austausch erfolgt in der Weise, dass das Reichskriegsministerium dem japanischen Militär-Attaché in Berlin die eingehenden Nachrichten übermittelt. Übergabe des japanischen Materials erfolgt in Tokio an den deutschen Militär-Attaché zwecks sofortiger Weiterleitung auf dem Kurierwege an Abwehrabteilung.