Die Heinrich-Koeppen-Kaserne (auch SS-Kaserne Radolfzell oder französisch Caserne Vauban), heute RIZ (Radolfzeller Innovationszentrum) ist eine ehemalige Kaserne in Radolfzell am Bodensee, die in der Zeit des Nationalsozialismus gebaut wurde und in der von 1937 bis 1945 verschiedene Einheiten der Waffen-SS stationiert waren. Seit 1941 befand sich auf dem Kasernenareal auch ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die vormalige SS-Kaserne von verschiedenen Einheiten der französischen Besatzungstruppen als Garnisonsstandort genutzt.

Nationalsozialismus Planung und Bau Im Januar 1934 bekam NSDAP-Kreisleiter und Gauinspekteur Eugen Speer, der von Gauleiter Robert Wagner bereits für das Amt des Radolfzeller Bürgermeisters vorgesehen war, während einer Weiterbildung an der Reichsführerschule der NSDAP in Berlin Kenntnis von SS-Stationierungsplänen und fing an, ein Kasernenprojekt in Radolfzell zu planen.

Kurz nach Amtseinführung als Bürgermeister unterzeichnete Speer Verträge mit dem Karlsruher Architekten Hermann Reinhard Alker und verschiedenen Baufirmen zum Neubau einer Kaserne in Radolfzell, wozu er 55 Hektar der Stadt dem Deutschen Reich als Schenkung überließ.

Alker verdankte seine Auftragsvergabe vor allem guten Beziehungen zu Gauleiter Robert Wagner, NSDAP-Funktionär Franz Moraller und SS-Standartenführer Karl Bock. Am 26. Juli 1934 machten sich Alker und Bock ein Bild vom zu bebauenden Gelände.

Im März 1935 waren die ersten Pläne für die noch Lager R. genannte Kaserne fertig. Mit dem Bau wurde am 18. November 1935 begonnen. Am 11. März 1936 wurde der Bau an der Kasernenanlage vorläufig eingestellt, stattdessen wurde der Bau einer Kaserne in Braunschweig diskutiert. Am 28. März 1936 wurden die Arbeiten mit neuen Pläne für die Kaserne wieder aufgenommen; es wurden zwei- statt eingeschossige Mannschaftsgebäude errichtet.

Der Kasernenkomplex bestand im Wesentlichen aus einem Stabsgebäude mit Durchfahrt und Blick auf das gegenüberliegende Wirtschaftsgebäude, vier großen Mannschaftsgebäuden an den Längsseiten des zentralen, in Nordwest-Südost-Richtung orientierten Exerzierplatzes, einer Kraftwagenhalle entlang der nordwestlichen Seite des Platzes, hinter dem sich das Gebäude der Waffenmeisterei und ein zweigeteilter, gemauerter Pferdestall mit Reitplatz befanden, sowie am südöstlichen Ende des Exerzierplatzes eine Turnhalle mit dahinter gelegenem Sportplatz. Südöstlich außerhalb des ummauerten Areals lag das „Führerheim“ genannte Casino für die SS-Offiziere und die aus mehreren Gebäuden bestehende Wohnsiedlung für die SS-Offiziere und deren Familien.

Das Richtfest der Kaserne fand am 26. September 1936 statt. Beim Bau wurden etwa 800 Arbeitslose eingesetzt, unter absichtlichem Verzicht auf arbeitserleichternde Maschinen.

SS-Verfügungstruppe „Germania“ Im Frühling 1937 wurde der Transfer des III. Bataillons der Standarte „Germania“ der SS-Verfügungstruppe (VT) vom Lager Wolterdingen bei Soltau nach Radolfzell in Erwägung gezogen. Bis in den Sommer 1937 bereiteten SS und Radolfzeller Stadtverwaltung intensiv den Umzug des Bataillons vor.

Am 31. Juli 1937 wurde die Truppe unter SS-Sturmbannführer Heinrich Koeppen von Bürgermeister Josef Jöhle und zahlreichen NS-Repräsentanten auf dem Marktplatz vor dem Rathaus empfangen. Unter dem Jubel der Bevölkerung bezogen an diesem Tag insgesamt 27 Offiziere, 175 Unteroffiziere, 586 SS-Leute der Mannschaftsdienstgrade sowie 89 Pferde die Kaserne der neuen SS-Garnison. Während dieser Zeit waren einzelne Elemente des Kasernenareals noch im Bau. Wünsche der neuen Truppe wurden ebenfalls berücksichtigt. Mit dem Einzug der SS-Verfügungstruppe war Radolfzell einer von damals insgesamt 9 Standorten dieser SS-Einheiten in Deutschland.

Die Besatzung der Kaserne machte sich in der Stadt und ihrer Umgebung durch verschiedene Wohltätigkeitsveranstaltungen wie Volksküchen, Winterhilfswerk, Sonnwendfeiern, Mittagessen für Kinder und Beteiligung an der örtlichen Fastnacht beliebt.

Das Radolfzeller SS-Bataillon nahm im September 1937 und 1938 an den Reichsparteitagen in Nürnberg teil. Es stellte den Personenschutz für Benito Mussolini bei dessen Staatsbesuch vom 25. bis 30. September 1937 und bei einer Massenkundgebung im Berliner Olympiastadion.

Zudem war das Radolfzeller SS-Bataillon 1938 an der Annexion Österreichs, der Besetzung der sudetendeutschen Gebiete und 1939 beim Einmarsch der Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe in Prag beteiligt.

Im Rahmen der Reichspogromnacht wurde die Radolfzeller SS-Standarte „Germania“ am 10. November 1938 zur Sprengung der Konstanzer Synagoge beordert, da es der Konstanzer SS unter SS-Oberführer Walter Stein nicht gelungen war, die Synagoge in der Nacht niederzubrennen. Auch die Synagogen von Gailingen, Wangen und Randegg (Gottmadingen) wurden an diesem Tag von der Radolfzeller SS geplündert und gesprengt oder angezündet. An der Konstanzer Synagoge und in den Rathauskellern von Wangen, Horn, Gailingen und Randegg wurden etliche jüdische Männer misshandelt und gefoltert.

Fast alle männlichen Juden in der Region wurden in der Folge ins KZ Dachau deportiert. Bei der Reichspogromnacht am westlichen Bodensee waren die Allgemeine SS aus Konstanz, die SS-VT „Germania“ aus Radolfzell, Gestapo sowie einige SA-Einheiten maßgeblich beteiligt.

Das SS-Bataillon wurde bereits am 18. August 1939 in das Aufmarschgebiet an der deutsch-polnischen Grenze verlegt. Am 19. August kam über das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) der Befehl Hitlers, alle SS-Verfügungstruppen mit sofortiger Wirkung dem Oberbefehlshaber des Heeres zu unterstellen. Das III./SS-VT-„Germania“ wurde daraufhin zunächst als Reserveeinheit dem VIII. Armeekorps, 14. Armee, unter Generalmajor Wilhelm List unterstellt. Das Radolfzeller Bataillon gehörte beim Überfall auf Polen am 1. September 1939 zu den von Oberschlesien in Richtung Krakau und Lemberg angreifenden Truppen. Am 16. September 1939 starb Koeppen zusammen mit 22 Angehörigen seines Bataillons bei einem nächtlichen Gegenangriff bei Jaworów. Reichsführer-SS Heinrich Himmler ordnete an, die Überreste Koeppens in einer Gruft der Kaserne beizusetzen, was kriegsbedingt nicht umgesetzt wurde. Die Kaserne wurde allerdings am 19. Oktober 1939 nach Koeppen, ihrem ersten Kommandanten, benannt.

Bis November 1939 waren außerdem zwei Kompanien der SS-VT-Flugabwehr-MG-Abteilung kurzzeitig in Radolfzell stationiert.

SS-Totenkopf-Verband Am 16. Dezember 1939 zog ein Teil des SS-Totenkopf-Infanterie-Ersatz-Bataillons I aus Breslau für ein Jahr in die Kaserne ein. Das ursprüngliche Tätigkeitsfeld der SS-Totenkopf-Verbände war die Bewachung der Konzentrationslager. Im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion wurden 234 Juden aus der Region in das südfranzösische Internierungslager in Gurs deportiert. Gauleiter Robert Wagner meldete am 23. Oktober 1940 nach Berlin, dass sein Gau als erster „judenfrei“ sei.

Ab März 1940 übernahm das Totenkopf-Bataillon die Ersatzgestellung für Nachschubdienste der SS-Totenkopf-Division. Am 29. Mai 1940 wurde eine erste Mannschaft von 330 Mann in den Fronteinsatz nach Frankreich verlegt. Zwischen dem 10. Juni und 22. Juli 1940 folgten nochmals 687 Mannschaften. Am 3. August 1940 wurden nochmals 550 Ersatzmannschaften des Bataillons nach Frankreich verlegt, welche unter Kommandeur Theodor Eicke seit dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 als Besatzungstruppe fungierte.

Lehrgänge und SS-Unterführerschule Im Jahr 1941 veranstaltete die SS-Junkerschule Bad Tölz einen Gruppenführer-Lehrgang in der Radolfzeller Kaserne. Nach Abzug des SS-Totenkopfverbandes wurde am 15. Februar 1941 auf Befehl des SS-Führungshauptamtes und Reichsführer SS Heinrich Himmler die SS-Unterführerschule Radolfzell (USR) in der Kaserne stationiert, deren erster Kommandeur SS-Sturmbannführer Thomas Müller (SS-Nr. 109.770 und NSDAP-Nr. 3.447.996) wurde. Vorbild dieser Schule war die aufgelöste Unterführerschule in Dachau. Neben den drei Unterführer-Lehrgängen pro Jahr gab es für bereits zum SS-Untersturmführer ernannte Absolventen der USR viermonatige Lehrgänge zum Kriegs-Reserve-Führeranwärter, welche unter anderem Voraussetzung für den Aufstieg zum Untersturmführer waren. Zwei dieser Lehrgänge waren 1941 und 1942 in Radolfzell belegt. Während der Unteroffiziersausbildung im Februar 1941 gab es vier Ausbildungseinheiten: zwei Panzergrenadier-Kompanien, eine Kompanie für schwere Infanteriewaffen und eine Kompanie für Panzerabwehr- und Infanteriegeschütze.

Am 12. November 1942 wurde der vormalige Oberbefehlshaber der französischen Armee und Verteidigungsminister des Vichy-Regimes General Maxime Weygand von der Waffen-SS festgenommen. Unter dem Decknamen Lottermann wurde er in der Unterführerschule in Radolfzell interniert. Weygand protestierte nach seinem Eintreffen in Radolfzell beim Kommandeur der Schule, SS-Obersturmbannführer Müller, gegen seine Gefangennahme. Müller nahm Kontakt zu Himmler auf und teilte ihm folgendes mit:

Himmler schien Weygand zu respektieren und erteilte am 14. November 1942 über das Reichssicherheitshauptamt den Befehl, ihm täglich über Weygands Befinden zu berichten. Aufgrund eines zu hohen Fluchtrisikos und der Nähe zur Schweizer Grenze wurden am 28. Februar 1943 auf Himmlers Befehl die Sicherheitsmaßnahmen in Radolfzell verschärft. Bald später wurde Weygand mit seiner Frau ins Schloss Garlitz, Außenlager des KZ Neuengamme, gebracht und später im Schloss Itter (Tirol) untergebracht.

Um der zu erwartenden Invasion in der Normandie entgegenzuwirken, wurden im Frühjahr 1944 zahlreiche Absolventen der Radolfzeller Unterführerlehrgänge nach Frankreich verlegt und dort im III. Bataillon der SS-Kampfgruppe 1 eingesetzt.

In den letzten Kriegstagen verweigerten fünf SS-Soldaten aus Radolfzell den Dienst und baten an der Schweizer Grenze um Asyl, das ihnen verwehrt wurde. Sie wurden der SS Radolfzell übergeben und standrechtlich hingerichtet. Sie wurden auf dem alten Radolfzeller Friedhof bestattet, später als Gräber von fünf „unbekannten Soldaten“ auf den Waldfriedhof verlegt.

KZ-Außenlager Dachau

Nutzung als Außenlager und Errichtung des Schießstands mini|Infotafel am ehemaligen Schießstand der Waffen-SS Radolfzell Am 19. Mai 1941 wurden KZ-Häftlinge aus Dachau nach Radolfzell überstellt, woraufhin das Kasernenareal als Außenlager des KZ Dachau genutzt wurde. Bis in den Oktober 1942 wurde mithilfe von 113 Häftlingen des KZ Dachau der Radolfzeller Großkaliber-Schießstand ausgebaut. Unter den 113 Häftlingen befanden sich 46 politische „Schutzhäftlinge“, 35 sogenannte „Asoziale“ (AZR) und 32 sogenannte „Berufsverbrecher“ (PSV). Die Häftlinge waren im ehemaligen Pferdestall untergebracht, zwölf Zellen für Sonder- und Strafarrest befanden sich im Kellergang hinter dem Wachbereitschaftsraum der Unterführerschule. Die Kasernenwache der Unterführerschule übernahm die Aufsicht der Häftlinge nach Dachauer Lagerordnung. Bei Außeneinsätzen der Häftlinge war das Wachpersonal des Dachauer Lagers für den Wachdienst verantwortlich. Nach Beendigung der Schießstandarbeiten wurden die Häftlinge ab Herbst 1942 sukzessive wieder zurück nach Dachau verlegt.

Das Gelände des Schießplatzes erstreckte sich ursprünglich auf 83.296 Quadratmeter. Erbaut wurden drei Langschießstände, drei Kurzstrecken und andere Einrichtungen, darunter ein Munitionsdepot sowie ein Schießscheiben-Bunker.

Erster „Kommandoführer“ zwischen Mai 1941 und August 1942 war der später im Dachau-Hauptprozess von den Amerikanern zum Tode verurteilte und hingerichtete SS-Hauptscharführer Josef Seuß.

Aus der Unterführerschule wurden Ende 1944 das SS-Regiment Radolfzell unter SS-Obersturmbannführer Willi Braun und, nach dessen frühem Ausfall, Kurt Groß sowie Anfang 1945 diverse „Kampfgruppen“ rekrutiert, die noch in den letzten Kriegsmonaten im Gebiet Oberrhein/Colmar und Bodensee operierten.