mini|Firmenschild M. Conitzer & Söhne in Allenstein (Ostpreußen), 1924 Das Einzelhandels-Unternehmen M. Conitzer & Söhne war eine 1882 als Manufaktur- und Kurzwarengeschäft in Marienwerder (Provinz Westpreußen) gegründete Kaufhaus-Kette der Bekleidungsbranche.Walter E. Schulz (= Waschu): Der Conitzer Konzern und seine Anschlusshäuser. Berlin 1930, S. 2. () Sie expandierte in der Folge vom Osten des Deutschen Reichs nach Westen, vom ostpreußischen Insterburg bis zum rechtsrheinischen Duisburg sowie vom Norden nach Süden, vom mecklenburgischen Schwerin bis zum oberfränkischen Coburg. Die rund 40 einzelnen Kaufhäuser wurden von Angehörigen und Nachfahren der weit verzweigten Gründerfamilie Conitzer betrieben. Ab 1927 bildeten 22 zusammengeschlossene Standorte des Konzerns einen gemeinsamen Zentraleinkauf mit 14 Kaufhäusern von Hermann Tietz.Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, 71. Jahrgang 1926, Nr. 839 vom 10. November 1926, S. 3, Sp. 4. Um 1929 zählte der Konzern zu den bedeutendsten Waren- und Textilkaufhausketten im Deutschen Reich.Mark Spoerer: C&A. Ein Familienunternehmen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-69824-8, Übersicht (Tabelle) 3.7: Die bedeutendsten deutschen Waren- und Textilkaufhausketten um 1929. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Kaufhäuser von Mitte bis Ende der 1930er Jahre „entjudet“ bzw. zugunsten von nicht-jüdischen Deutschen „arisiert“, die jüdischen Anteilseigner diskriminiert, systematisch entrechtet, weitgehend ersatzlos enteignet, aus dem Land entweder vertrieben oder deportiert und ermordet. Dies betraf nach Recherchen eines US-amerikanischen Nachfahren der Familie insgesamt rund 400 Angehörige.John Henry Richter: The Conitzer Stores. Ann Arbor (Michigan, USA) 1957/1978. (Digitalisat beim Leo Baeck Institute, Center for Jewish History)Kaufhaus Conitzer. In: Stadtmuseum Brandenburg.
Gründung
Das Unternehmen wurde unter der Firma M. Conitzer & Söhne am 1. Februar 1882 durch Moses Juda ConitzerMoses Juda Conitzer (* 3. Februar 1822 in Zempelburg, Provinz Westpreußen; † 5. Februar 1902 in Marienwerder, Provinz Westpreußen) war ein deutscher Kaufmann, verheiratet mit Ernestine geb. Bennheim (* 1. Juni 1824 in Lianno, Kreis Schwetz, Provinz Westpreußen; † 27. November 1902 in Marienwerder). Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, Rudolf (* 8. Mai 1851 in Schwetz an der Weichsel, Provinz Westpreußen; † 20. September 1932 in Berlin), Sara (* 15. September 1854 in Jeschewo, Provinz Westpreußen; † als Sara Flatauer 12. Juli 1922 in Marienwerder), Rachel (* 8. Februar 1855 in Schwetz an der Weichsel; † als Rachel Marcus 4. Februar 1937 in Berlin), Nathan (* 27. Mai 1857 in Schwetz an der Weichsel; † 27. Dezember 1933 in Berlin), Alexander II (* 19. Oktober 1859 in Jeschewo, Provinz Westpreußen; † 4. August 1951 in Los Angeles, Kalifornien, USA), Hermann (* 1. Februar 1862 in Jeschewo; † 29. Oktober 1936 in Berlin) und Lesser gen. Lothar (* 7. Februar 1865 in Jeschewo; † 9. Juli 1947 in Kapstadt, Südafrika; promovierter Gynäkologe und Geburtshelfer). Angaben nach: Friedrich Michelsson: Deutscher Gynäkologen-Kalender. Biographisch-bibliographisches Verzeichnis der deutschen Frauenaerzte 1928. Barth, Leipzig 1928, S. 38. () und seine Söhne NathanNathan Conitzer (* 27. Mai 1857 in Schwetz an der Weichsel; † 27. Dezember 1933 in Berlin) war ein deutscher Kaufmann, seit 1888 verheiratet mit seiner Cousine Martha geb. Bennheim (* 6. Oktober 1864 in Schwetz an der Weichsel; † 24. März 1922 in Berlin). Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor: Hertha (* 17. Dezember 1888 in Marienwerder; ermordet als Hertha Davis nach dem 29. Januar 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau), die Zwillinge Blanka (* 31. Januar 1890 in Marienwerder; † 7. Juni 1975 in Chicago, Illinois, USA) und Elisabeth gen. Ella (* 31. Januar 1890 in Marienwerder; † als Ella Cohn 3. November 1938 in Berlin), Frieda Felicitas (* 1. Mai 1892 in Marienwerder; † als Frieda Felicitas Krohn am 13. Januar 1979 in London, Vereinigtes Königreich), Hildegard (* 1893 in Marienwerder; † 7. Dezember 1924 in Davos, Kanton Graubünden, Schweiz), Aribert (* 31. August 1895 in Marienwerder; † Juli 1910 in Marienwerder) und Gerda (* 4. November 1902 in Marienwerder; † als Gerda Meyer 4. August 1951 in Rochester, New York, USA). – Angaben nach: Georg Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg / Berlin / Leipzig 1929, S. 396. (Wiedergabe in: ), Alexander IIAlexander Conitzer II (* 19. Oktober 1859 in Jeschewo; † 4. August 1951 in Los Angeles, Kalifornien, USA) war ein deutscher Kaufmann, seit dem 9. Oktober 1890 verheiratet mit Dorothea gen. Daja geb. Müller (* 12. Juli 1870 in Stuhm, Provinz Westpreußen; † 6. August 1931 in Berlin). Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Erna (* 20. Dezember 1891 in Marienwerder; † 11. Oktober 1977 in Los Angeles, Kalifornien, USA) und Meta (* 29. Dezember 1893 in Marienwerder; † 15. September 1969 in Chicago, Illinois, USA). Im Jahr 1890 gründete er das Kaufhaus in Brandenburg an der Havel, Hauptstraße 5–8 und leitete es. Er fungierte als Ausschussmitglied im von Oscar Tietz gegründeten Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser (VDWK). Während der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte Alexander II mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. – Angaben nach: Georg Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg / Berlin / Leipzig 1929, S. 395. und Hermann ConitzerHermann Conitzer (* 1. Februar 1862 in Jeschewo; † 29. Oktober 1936 in Berlin) war ein deutscher Kaufmann, seit dem 24. Mai 1892 verheiratet mit Rose geb. Bieber (* 23. Juni 1872 in Schwetz; * 10. Juli 1949 in Buenos Aires, Argentinien). Aus der Ehe gingen vier Töchter hervor: Lotte gen. Betty (* 20. August 1895 in Brandenburg an der Havel; † als Betty (Lotte) Jacoby September 1996 in Hendon, England, Vereinigtes Königreich), Gertrud (* 27. Januar 1901 in Brandenburg an der Havel; † als Gertrud Moses 26. Januar 1996 in Santiago de Chile, Chile), Ella Elfriede gen. Edith (* 11. Dezember 1903 in Brandenburg an der Havel; † als Edith Glücksmann 14. Mai 2006) und Irma Judith (* 25. Oktober 1906 in Berlin; † als Irma Boas am 11. Januar 1953 in Campinas, Brasilien). Hermann Conitzer leitete das Spezialgeschäft für Herren- und Knabenbekleidung. 1890 gründete er ein Kaufhaus in Brandenburg an der Havel. Nach dem Eintritt seines Neffen Alfred gründeten beide im April 1911 eine Filiale in Rathenow an der Havel. Hermann Conitzer fungierte als Leiter des „Engros- und Einkaufshauses für Textilwaren“ des Conitzer-Konzerns und befreundeter Unternehmen in Berlin. – Angaben nach: Georg Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg / Berlin / Leipzig 1929, S. 396. in Marienwerder gegründet.Conitzer, Alexander. In: Georg Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg / Berlin / Leipzig 1929, S. 395.Conitzer, Hermann. In: Georg Wenzel: Deutscher Wirtschaftsführer. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg / Berlin / Leipzig 1929, S. 396.Nils Busch-Petersen: Adolf Jandorf. Vom Volkswarenhaus zum KaDeWe. Hentrich & Hentrich, Berlin / Leipzig 2008, ISBN 978-3-938485-10-1, S. 18. Moses Conitzer hatte bereits seit 1848 mit seinen Brüdern Oser (1828–1889) und Alexander I (1823–1898) in Jeschewo an der Weichsel Handel betrieben.Matthias Büdke, Claudia Andrae: Geschäftserfolg mit Bargeld. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 30. März 2005, auf: mz.de
Neu eingeführtes „Barsystem“ Das Geschäftsprinzip des Unternehmens M. Conitzer & Söhne entsprach dem aller in dieser Epoche gegründeten Warenhaus- bzw. Kaufhaus-Unternehmen und war ebenso einfach wie revolutionär: Statt „auf Buch“ einzukaufen (Warenkredit), also „anschreiben zu lassen“ – eine Gewohnheit, die sowohl für die Kunden als auch die Geschäftsleute Risiken barg –, propagierte das junge Unternehmen den Barverkauf, Festpreise, die Prüfungsmöglichkeit vor dem Kauf und das Umtauschrecht. Daran mussten sich sowohl die Kunden als auch die Mitbewerber erst gewöhnen. Letztere bezweifelten einen Erfolg dieses neuen Systems. Sowohl für die Kunden als auch das Unternehmen M. Conitzer & Söhne brachte es jedoch nur Vorteile: Das Warenhaus konnte nun sehr viel preisgünstiger Ware in bar einkaufen und musste dafür keine Kredite mehr in Anspruch nehmen. Dadurch konnte es den erzielten Preisvorteil an seine Kunden weitergeben. Die Kunden behielten ihre Ausgaben besser im Auge. Die bei M. Conitzer & Söhne gegenüber der Konkurrenz deutlich günstigeren Verkaufspreise zogen umgehend viele Kunden an und verkürzten die Gewöhnungsphase an das neue Barzahlungssystem enorm. Die einzelnen Kaufhäuser des Konzerns waren zumeist das größte oder sogar das einzige Kaufhaus am Ort.
Expansion durch Filialbetriebe mini|hochkant|Rudolph Conitzer (1851–1932) Schon bald reichten die Verkaufsräume nicht mehr aus, so dass in Marienwerder eine Filiale eröffnet werden musste, die Hermann Conitzer leitete.Julius Hirsch: Die Filialbetriebe im Detailhandel. A. Marcus und E. Webers Verlag, Bonn 1913, S. 198. (Für das Jahr 1910 ist M. Conitzer & Söhne mit fünf Filialen erfasst.) Er eröffnete im Jahr 1890 eine weitere Filiale in Brandenburg an der Havel. 1895 wurde eine Filiale in Gotha in Betrieb genommenM. Conitzer & Söhne, Gotha, Manufacturwaarenhandlung. In: Hof- und Staatshandbuch für die Herzogtümer Sachsen-Coburg und Gotha 1901, S. 210, Spalte 1., die von zwei Neffen des Gründers geführt wurde, Julius Israelski (1864–1918) und Sally Israelski (1870–1949). Im Jahr 1901 eröffnete ein Enkel des Gründers, Arnold Flatauer (1874–1966), eine Filiale in Marienburg. 1903 richteten die Schwäger der Bruder Israelski, Max Frank (1865–1938) und Adolf Friedländer (1876–1944), eine zusätzliche Filiale im bayerischen bzw. oberfränkischen Coburg ein.Hubert Fromm, Rainer Axmann, Gerhard Eckerlein, Hubertus Habel (Hrsg.): Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Evangelisches Bildungswerk, Coburg 1990, ISBN 3-9808006-0-1, S. 109.Coburgs erstes Kaufhaus. Stadt Coburg, Digitales Stadtgedächtnis. Die Gründer-Enkel Raphael Flatauer (1877–1943) und Siegfried Flatauer (1878–1944) eröffneten 1905 eine Filiale in Osnabrück.Peter Junk, Martina Sellmeyer: Stationen auf dem Weg nach Auschwitz. Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung. Juden in Osnabrück 1900–1945. Rasch, Bramsche 2000, ISBN 3-922469-36-1. 1907 wurde eine Filiale in Allenstein in Ostpreußen eröffnet, die von Max Gabriel Berlowitz (1879–1944) und Frau S. Bennheim betrieben wurde.Max Gabriel Berlowitz. stolpersteine-berlin.deM. Conitzer: Das Kaufhaus M. Conitzer & Söhne in Allenstein/Ostpreußen (Oktober 1907 bis 1935). In: Verein für Familienforschung in Ost- und Westpreußen (Hrsg.): Altpreußische Geschlechterkunde, Blätter des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen, Neue Folge, 68. Jahrgang (Band 50), Hamburg 2020, S. 429–434. 1910 eröffnete eine Filiale in Bromberg in der Provinz Posen, geleitet durch Rudolph Conitzer (1851–1932) und Martin Davis (1881–1943)Rudolph Conitzer wurde am 8. Mai 1851 als Robert Conitzer in Jeschewo geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Moses Juda Conitzer (* 3. Februar 1822 in Zempelburg, Provinz Westpreußen; † 5. Februar 1902 in Marienwerder) und dessen Ehefrau Ernestine geborene Bennheim (* 1. Juni 1824 in Schwetz an der Weichsel; † 27. November 1902 in Marienwerder). Der Kaufmann Rudolph Conitzer, der auch als Stadtverordneter, Mitglied des Magistrats und als Kreistagsabgeordneter fungierte, starb am 20. September 1932 in Berlin., Davis war ein Schwiegersohn von Nathan Conitzer. Hermann Conitzer und dessen Neffe Alfred Conitzer eröffneten 1911 eine Filiale in Rathenow.M. Conitzer & Söhne GmbH, Rathenow. Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Signatur: 5E AG Rathenow 581.
Betriebsstätten des Konzerns