Casus sancti Galli (eigentlich: De origine et diversis casibus monasterii Sancti Galli, ) sind eine in lateinischer Sprache verfasste Darstellung der Geschichte der Fürstabtei St. Gallen von ihren Anfängen bis ins 13. Jahrhundert. Den Grundstock des Werkes schuf der St. Galler Mönch Ratpert von St. Gallen gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Seine Darstellung reicht von der Gründung durch Gallus bis zum Jahr 884 und stützt sich neben der klösterlichen Überlieferung unter anderem auf ältere Lebensbeschreibungen des Gallus und Otmar. Ein besonderes Anliegen Ratperts war die Darstellung der Rechte und Besitzansprüche des Klosters.

Um die Mitte des 11. Jahrhunderts setzte Ekkehard IV. von St. Gallen die Klostergeschichte fort. Seine in 147 Kapitel gegliederte Fortsetzung reicht bis zum Besuch Ottos I. und Ottos II. in St. Gallen im Jahr 973. Ekkehards Darstellung zeichnet sich besonders durch die Lebendigkeit und Farbigkeit der Erzählung sowie durch die Fülle kulturgeschichtlicher Nachrichten aus. Sie vermittelt zahlreiche Einblicke in das klösterliche Leben, den Schulbetrieb, die St. Galler Gelehrtenwelt und die Beziehungen des Klosters zu den Herrschern. Aufgrund dieser literarischen und historischen Qualitäten gelten Ekkehards Casus als „eines der berühmtesten Geschichtswerke des früheren Mittelalters“.Monumenta Germaniae Historica: Ekkehart IV., St. Galler Klostergeschichten (2020) Danach erfolgten weitere Fortsetzungen durch anonyme Autoren bis in die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, sodass damit eine Chronologie von mehr als 600 Jahren vorliegt.Casus S. Galli. Repertorium Fontium 9, 425, 22. November 2023.

Titel, Thema und Aufbau Schon in seiner Vorrede (Preloquium Ekkehardi iunioris) werden seine Wertschätzung und die Fortführung von Ratperts Werk deutlich, aber auch später in den Kapiteln 9, 31 und 38 nimmt er den Verweis zum Vorgänger wieder auf. Sekundärliteratur bezeichnet Ekkehards IV. Schrift mit Textus de origine et diversis casibus monasterii sancti Galli, er selbst bezeichnete es in sinnvoller Verkürzung als Libri de casibus monasterii. Hans F. Haefele und Ernst Tremp bezeichnen den Titel aus heutiger, neuzeitlicher Historiographie «als ungenau; wir würden erwarten: ‹Continuatio casuum sancti Galli›, denn Ekkehard schließt dort an, wo Ratpert geendet hat; die thematische Kontinuität sollte gewahrt werden».Ekkehardt IV. St. Galler Klostergeschichten (Casus sancti Galli). Monumenta Germaniae Historica, Band LXXXII, Hrsg. Hans F. Haefele und Ernst Tremp, Harrassowitz 2020. Genährt wird diese Mutmassung von Ekkehards Weitläufigkeit und Literaturkenntnis, war er doch gut in den Raum Mainz vernetzt und hatte auch Spuren in Worms, Speyer und Metz hinterlassen. Man kann also annehmen, dass Ekkehard mehr vorhatte, als nur eine Fortsetzung zu schreiben; ihm schwebte etwas Umfassenderes vor. Die Bezeichnung Continuatio ist zu dieser Zeit ungebräuchlich, und es fehlen dafür sämtliche Belege, doch die weitere Fortsetzung anderer (anonymer) Hände behält die Bezeichnung Casus bis ins 14. Jahrhundert bei.

+ Autorenschaft der Casus sancti Galli Berichts-zeitraum Entstehungs-zeitraum Autor 614–884 um 890 Ratbert 890–972 um 1050 Ekkehard IV. um 1075 Fortsetzer 1Heidi Leuppi: Casuum Sancti Galli Continuatio Anonyma. Textedition und Übersetzung, Eigendruck, Zürich 1987. 1093 / 1103 Fortsetzer 2 nach 1199 Fortsetzer 3 Diese Fortsetzer haben im Geist ihrer Vorgänger gearbeitet. Fortsetzer 1 beginnt mit «Zunächst beklage ich, weil es am meisten verdriesst, dass unsere Vorfahren, gerechte und verständige Männer, die lobenswürdigen Taten vieler Väter, Aebte und Brüder nicht aufgeschrieben haben, wo doch feststeht, dass sie viel Erwähnenswertes getan und gesagt haben. Lobenswürdig in der Tat und diesem Kloster durchaus angemessen wäre es gewesen, wenn sie unsere alten Schriftsteller zu dem gleichen Thema nachgeahmt hätten, Hartmann nämlich, der das erste Buch geschrieben, und Ratpert, den hochgelehrten Mann, der eben dieses Buch bis in seine Zeit fortgeführt hatte, und Ekkehard auch, den Jüngeren, der mit Salomo einsetzend versprach, dass er bis Norpert alles berichten wolle, jedoch schon bei Notker endete: ob er aber das, was er zu Beginn seines Buches zu erzählen versprach, durch den Tod verhindert nicht ausführte oder ob es, wenn ausgeführt, später verlorenging, wissen wir nicht.»Zitiert nach Leuppi, S. 59–61.

Sowohl Ratpert als auch Ekkehard bemühen sich um eine thematische Kontinuität ganz im Dienst des Klosters. Insbesondere Ekkehard stellt die Wechselfälle des Schicksals (Casus varii), das «Auf und Ab zwischen Höhen und Tiefen der Geschichte, Glück und Unglück seines Klosters» in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Durch Wiederholungen dieser Begriffspaare steigert er die Beschreibung des Schicksals ins Dramatische und «scheint damit von der klassischen Antike inspiriert». So schreibt er beispielsweise im c. 21: «Salomo aber erkannte, dass Fortuna das Spiel ihres Rades nach ihrer Art wieder zurückdrehe …» Boethius, der hier zitiert wird, war von Notker dem Deutschen auf Deutsch übersetzt worden und wurde in Schulen gelesen, dürfte Ekkehard also bekannt gewesen sein. Aus Ekkehards Text wird auch deutlich, dass er mit seinem Werk gegen Reformer eintritt, die in St. Gallen «den Zorn Gottes» hervorriefen. «Demgegenüber wollte er mit seinem Werk zeigen, dass die Klostertradition einen Wert besitze. Die Reeltreue und die Einhaltung der Disziplin hätten St. Gallen im 9. und 10. Jahrhundert geprägt, seine Blüte und Kontinuität garantiert.»

Interessant ist auch Ekkehards Gewichtung der verschiedenen Themen. Dominant tritt bei ihm in 20 von 147 Kapiteln die Grossvisitation von Otto I. in den 960er Jahren hervor. Bei dieser Visitation kamen 16 Bischöfe und Äbte ins Kloster und versuchten, mit Reformbemühungen Veränderungen hervorzurufen. Er und andere Traditionalisten setzten dabei die regularissimi eines eifrigen Reformers wie beispielsweise die des Sandrad von Trier entgegen, dessen Visionen dem geistigen Gehalt und tieferen Sinn der Benediktsregeln widersprachen. Diese seien besonders in der Blütezeit des Klosters ihre Leitlinien gewesen. Ziel Ekkehards war es nach Haefele und Tremp, «mit diesen Klostergeschichten die regelgetreue Lebensführung in regelgetreuen Räumen der Klausur [zu] beachten, die mönchische Zucht aufrecht[zu]erhalten und die Regel ihres Geists» aufzuzeigen.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bricht die Tradition des Führens einer Chronik ab. In der Mitte des 15. Jahrhunderts werden zwei weitere Handschriften eines Christian Kuchimeister erstellt, die Nüwe Casus Monasterrii Sancti Galli, die heute nur noch in einer Abschrift existieren. Dieses Werk wurde bis ins 17. Jahrhundert mehrfach rezipiert und interpretiert und geht inhaltlich und zeitlich teilweise weit über das Wort Kuchimeisters hinaus. Als Beginn der Aufzeichnung wird die Jahreszahl 1335 genannt.Eugen Nyffenegger: Christân der Kuchimaister. Nüwe Casus Monasteriii Sancti Galli. Walter de Gruyter, Berlin 1974, ISBN 3-11-004098-0, S. 105 Dieses Werk setzt zwar thematisch die Arbeit des Casus sancti Galli fort, gehört aber nicht mehr zu diesem Werk.

Einzelnachweise

Weblinks Repertorium Fontium 9, 425

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