mini|Dieses in der Literatur zur Bremerhavener Stadtgeschichte oft abgedruckte Ölportrait von Carsten Mehrtens entstand vermutlich in den 1850er Jahren und ist heute verschollen. Carsten Mehrtens (* 26. April 1798 in Donnern; † 15. August 1861 in Bremerhaven) wird in der frühen Geschichtsschreibung Bremerhavens (Pastor Sachau) und in der der Jubiläumsausgabe der Nordwestzeitung zum 100-jährigen Jubiläum der Stadtgründung als erster Einwohner der Stadt Bremerhaven beschrieben. Er leistete am 1. Mai 1827 – dem Gründungstag Bremerhavens – vor Bürgermeister Johann Smidt den Huldigungseid. Sein Leben ist eng verbunden mit der Geschichte der Stadt Bremerhaven. Auf dem Gelände seines Wohnhauses und seiner Fabrik, Deichstraße Ecke Karlsburg, befinden sich heute einige Gebäude der Hochschule Bremerhaven. Einer der Söhne von Carsten Mehrtens war der bis heute gewürdigte Brückenbauingenieur Georg Christoph Mehrtens (1843–1917).

Carsten Mehrtens und die Gründung Bremerhavens Aufgrund der zunehmenden Versandung der Weser kaufte der Bremer Bürgermeister Johann Smidt Mitte der 1820er Jahre dem Königreich Hannover das Gebiet an der Geestemündung ab, um dort einen neuen Hafen und die Hafenstadt Bremerhaven anzulegen. Carsten Mehrtens gehörte zu jenen Bewohnern, die schon zu Hannoveraner Zeiten auf dem Gebiet gewohnt hatten. 1798 als Sohn des Landwirts Christopher Mehrtens in Donnern geboren, arbeitete er bereits seit 1821 als Geselle des Schmiedemeisters Gideon von Glahn (vermutlich ein Verwandter mütterlicherseits), der am hannoverschen Nothafen an der Geestemündung ansässig war. Nach dessen Tod 1824 übernahm Mehrtens die Schmiede und heiratete im Mai 1826 von Glahns Witwe Catharina geb. Wrede (1775–1835).mini|Eine von Georg Besell rekonstruierte Karte zeigt die ersten Gebäude am Geesteufer in Bremerhaven. Haus und Schmiede von Carsten Mehrtens sind klar zu erkennen. Der hannoversche Nothafen ging im Zuge der Gründung Bremerhavens 1827 an die Hansestadt Bremen über. Carsten Mehrtens war zusammen mit dem Hafenmeister Johann Deetjen, dem Schiffbaumeister C. J. Cornelius und dem Fährpächter Jantzen, die als Erbzinspächter auf dem Gebiet lebten, einer der ersten vier Anwohner, die am 1. Mai 1827 vor Bürgermeister Johann Smidt den HuldigungseidDer Huldigungseid lautete: „Ich will dem Senat und dieser guten Stadt treu und gehorsam sein; auch, soviel ich vermag, das Beste und den Nutzen dieser Stadt, des Senats und der Bürgerschaft befördern, ihren Schaden und Nachteil aber abwenden, und mich in allen Stücken so betragen, wie es getreuen Untergehörigen gebührt; ich will allen Vorschriften und Bestimmungen in betreff öffentlicher Abgaben gewissenhaft nachkommen und meine Pflichten als Wehrmann, wenn ich der Bürgerwehr angehöre, getreulich erfüllen und Wehr und Waffen gut bewahren und erhalten. So wahr helfe mir Gott!“ Zitiert nach Theodor Sachau: Die ältere Geschichte Bremerhavens, S. 41 f. leisteten. Diese vier Männer waren somit die ersten vier offiziellen Einwohner Bremerhavens (zusammen mit ihren Familienangehörigen 19 Einwohner). Erich Kindervater schilderte den Vorgang hundert Jahre später wie folgt:Erich Kindervater: Der erste Bremer Bürger in Bremerhaven: Jubiläumsausgabe der Nordwestzeitung vom 1.5.1927, 9. Blatt.

Die Übergabezeremonie des Gebietes von Hannover an Bremen hat auch Georg Bessell auf Grundlage zeitgenössischer Quellen eindrücklich beschrieben.Georg Bessell: Geschichte Bremerhavens. Bremerhaven: F. Morisse 1927, S. 204 Über die Zusammensetzung der Bremerhavener Bevölkerung schreibt Bessell (unter Berufung auf die Berichte des Bürgermeisters Smidt), diese habe im Jahr 1836 aus 1082 Einwohnern bestanden, davon 804 Erwachsene und 278 Kinder. Mit Blick auf die handwerklichen Berufe seien „natürlich diejenigen am stärksten vertreten, die für die Schifffahrt am nötigsten sind, 5 Schmiedemeister mit einigen 20 [Gesellen] und 7 Schiffszimmerleute mit etwa einem Dutzend Gesellen.“Georg Bessell: Geschichte Bremerhavens, S. 268. Carsten Mehrtens war also in dieser Zeit einer von fünf Schmiedemeistern in Bremerhaven. Es war damals nicht unüblich, dass Haus- und Geschäftsbesitzer als zusätzlichen Erwerbszweig noch eine kleine Gastwirtschaft betrieben. Davon zeugen auch die Berichte des bremischen Amtmannes Thulesius, der schon 1832 in einem Schreiben an die bremische Senatskommission klagte:Zitiert nach Manfred Ernst: Von der Colonie zur Hafenstadt, S. 67.

Ab den 1840er Jahren waren zudem viele Auswanderer in der Stadt, die manchmal tage- oder sogar wochenlang auf die Abfahrt ihrer Schiffe nach Amerika warten mussten. Zur angemessenen Unterbringung und Verpflegung dieser Menschen ließ der Kaufmann Johann Georg Claussen 1849/50 das Auswandererhaus errichten, in dem bis zu zweitausend Menschen Unterkunft finden konnten.

Seit der Gründung Bremerhavens war nicht nur die Schifffahrt ein wichtiger Wirtschaftszweig, sondern auch der Bau und die Reparatur von Schiffen. Die ersten Werften waren an der Geeste angesiedelt. Die älteste Werft auf dem Gebiet des späteren Bremerhavens war der 1821 gegründete Betrieb von Cornelius Jantzen. Kurz nach der Gründung Bremerhavens folgten 1833 die Werften von Johann Lange und Friedrich Wilhelm Wencke, die direkt nebeneinander lagen. Die Überreste der Dockanlagen der Wencke-Werft wurden 2012 saniert. Schmiede und Wohnhaus von Carsten Mehrtens haben sich ganz in der Nähe der Werft von Johann Lange befunden haben. Dass Carsten Mehrtens’ Sohn den Betrieb seines Vaters als Dampfhammerschmiede & Fabrik schmiedeeiserner Schiffsartikel etc. bewarb, könnte darauf hindeuten, dass es ihm gelungen war, sich als Zulieferer der ortsansässigen Werftindustrie zu etablieren.

Wohnhaus und Fabrik von Carsten Mehrtens mini|Anbauplätze von Carsten und Metta Dorothea Mehrtens. Der Bebauungsplan (Quelle: Stadtarchiv Bremerhaven) stammt aus den 1890er Jahren. Farbliche Markierungen und Einzeichnungen: Karsten Mehrtens. Wie aus den Akten hervorgeht, lebte Carsten Mehrtens mit seiner Ehefrau und deren Sohn zu dieser Zeit in einem Haus, das seine Ehefrau 1825 auf dem ihr noch durch das Gericht Lehe zugewiesenen Anbauplatz am Geesteufer errichten ließ. Dieser Anbauplatz befand sich neben dem Grundstück von Cornelius Jantzen. Im August 1828 erhielt Carsten Mehrtens die Erlaubnis, neben seinem Wohnhaus einen Holzstall (24 Fuß Länge, 20 Fuß Breite) für eine Kuh und Pferde von auswärtigen Gästen zu errichten. Die genaue Lage des ersten Wohnhauses und der ersten Schmiede von Carsten Mehrtens geht aus den Plänen hervor, die Theodor Sachau 1927 rekonstruierte. Unter den dort eingezeichneten „Bauten am Schirmdeich“ zur Geeste finden sich auch jene von Carsten Mehrtens. Auch Georg Besell erwähnt in seiner Arbeit über die Geschichte Bremerhavens diese Gebäude. Besell betont die Nähe des Hauses von Carsten Mehrtens zum alten Hafenhaus, dem Dragonerstall und dem Spritzenhaus.Georg Bessell: Geschichte Bremerhavens, S. 239 f.

Bald darauf interessierte sich der Bremer Senat für Mehrtens’ gut gelegenes Grundstück. Carsten Mehrtens erklärt sich bereit, sein Grundstück gegen ein anderes, für sein Gewerbe noch günstiger gelegenes einzutauschen – sofern die Abgaben für das neue Grundstück nicht die des alten überschreiten würden. In einem Schreiben vom 1.7.1830 bietet er Bremen sein Grundstück schließlich für 2000 Taler Gold zum Kauf an. Der Handel scheint wenige Jahre später zustande gekommen zu sein.So vermutet es jedenfalls Theodor Sachau, der allerdings einräumt, dass zu diesem Vorgang keine Akte vorliegt. Siehe Theodor Sachau: Die ältere Geschichte der Stadt Bremerhaven, S. 42 f. Mehrtens neuer Bauplatz lag etwas weiter westlich im Winkel zwischen dem Deich und der auf den Deich zulaufenden Karlsburgstraße (westliche Seite). Dort wurde „bis zum Deiche hin“ die Schmiede errichtet und daneben (mit der Frontseite zum Deich) „ein bescheidenes Wohnhaus“.

Carsten Mehrtens spielte eine wichtige Rolle im sich entwickelnden Bremerhavener Gemeinwesen. Er zählte 1833 zu den von Bürgermeister Smidt berufenen fünf Schul- und Armenpflegern Bremerhavens. Dabei handelte es sich um einen Ausschuss, der dafür verantwortlich war, die Mitbürger zur Zahlung des Schulgeldes und zur Entrichtung freiwilliger Beiträge für die Schul- und Armenkasse zu bewegen. Erstmals in der Bremerhavener Stadtgeschichte wurden die Bürger in die Verwaltung ihres Gemeinwesens einbezogen, wenngleich sie dabei unter der Aufsicht des Bremer Amtmannes standen und ihr Entscheidungsspielraum recht begrenzt war. Bei den Wahlen zu den Ortsvorständen im November 1837 war Carsten Mehrtens zwar einer der Kandidaten mit den meisten Stimmen, wurde allerdings – möglicherweise auf Grund der Intervention des Amtmannes Thulesius – nicht von Bürgermeister Smidt ernannt.Ausführlich hierzu: Manfred Ernst: Von der Colonie zur Hafenstadt, S. 88 f.

1842 konnte Mehrtens seinen Grund und Boden nochmals erweitern, indem er sich mit seinem Stiefsohn – dem Alleinerben des Schmiedes Gideon von Glahn und dessen verstorbener Witwe – auf die Übernahme von dessen Anbauplatz verständigte, der direkt an das Mehrten’sche Grundstück grenzte. Diese Übertragung geschah Sachau zufolge „unwiderruflich“, doch habe sich die Deputation zur Verwaltung der öffentlichen Grundstücke „die Einziehung des an den Hausplatz sich anschließenden Gartenlandes“ vorbehalten.Theodor Sachau: Die ältere Geschichte Bremerhavens, S. 43. Lage und Ausmaße des erweiterten Grundstückes werden von Sachau genau beschrieben:Theodor Sachau: Die ältere Geschichte Bremerhavens, S. 43. 1 Fuß Bremisch entspricht 0,28935 Meter. Die Abmessungen des Grundstücks betrugen also ca. 36 Meter × 20 Meter.

Sachau liefert auch eine genaue Beschreibung der folgenden Baumaßnahmen. Im Unterschied zum „bescheidenen“ Vorgängerbau wird das neue Wohnhaus, in dem Carsten Mehrtens auch eine Gastwirtschaft betreiben wird, deutlich größer. Ein Anzeichen dafür, dass es Carsten Mehrtens inzwischen gelungen war, einen gewissen Wohlstand zu erlangen:Theodor Sachau: Die ältere Geschichte Bremerhavens, S. 43.

mini|Wohnhaus von Carsten Mehrtens, Am Deich / Carlsburg, 1861 (Bauzeichnung. Quelle: Stadtarchiv Bremerhaven) Dieses repräsentative Wohn- und Gasthaus befand sich ganz in der Nähe des Anlegers der Flussdampfschiffe und verfügte auch über eine Kegelbahn. Rechts vom Hauseingang eröffnete Mehrtens zudem ein Kolonialwarengeschäft. Das Gasthaus entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt von Kapitänen, Steuerleuten und Lotsen. Die Unterkunft wurde zudem oft von Kapitänsfrauen aus der weiteren Umgebung genutzt, die ihre Männer zur Ausreise begleiteten. Verschiedene Quellen betonen den guten Ruf, den Carsten Mehrtens’ Gaststätte genoss.Siehe z. B.: Harry & Renate Gabcke, Herbert Körtge, Manfred Ernst: Bremerhaven in zwei Jahrhunderten. 3 Bd. Bremerhaven: NWD Verlag 1989 –1992, Band 1, S. 62. Die Führung der Gastwirtschaft oblag offenbar weitgehend Mehrtens’ zweiter deutlich jüngeren Ehefrau Metta geb. Labouseur (1811–1889), einer Hugenottin, die er 1836 nach dem Tod seiner ersten Ehefrau geheiratet hatte. Verschiedene Quellen heben ihren außerordentlichen Geschäftssinn hervor.Z. B. Harry & Renate Gabcke, Herbert Körtge, Manfred Ernst: Bremerhaven in zwei Jahrhunderten, Band 1, S. 62, S. 32, 62; Dr. Ing. Karl-Eugen Kurrer: Georg Christoph Mehrtens (1843–1917). Protagonist des Stahlbrückenbaus im wilhelminischen Deutschland, S, 82.

Es existiert eine Bauzeichnung, die den Zustand dieses Hauses im Jahr 1861 zeigt und auch eine entsprechende Zeichnung der Schmiede. Die Grundstücke lagen an der Deichstraße, Ecke Karlsburg. Das Haus und die Schmiede standen in der Nähe des HafenhausesHerbert und Inge Schwarzwälder: Bremerhaven und seine Vorgängergemeinden, S. 233. am Nordufer der Geeste auf dem alten Wall der CarlsburgHerbert und Inge Schwarzwälder: Bremerhaven und seine Vorgängergemeinden, S. 233., nahe der heutigen Kennedybrücke.