Die Pattsituation in Südpalästina bezeichnet einen siebenmonatigen Abschnitt während des Sinai- und Palästina-Feldzugs zwischen dem Ägyptischen Expeditionskorps auf der einen und deutsch-osmanischen Truppen auf der anderen Seite. Nach mehren Niederlagen Ende 1916 und Anfang 1917 hatte sich die osmanische 4. Armee von der Sinai-Halbinsel zurückgezogen. Im Anschluss unternahm das Ägyptische Expeditionskorps (EEF) zwei erfolglose Versuche, Gaza einzunehmen. Danach waren beide Seiten nicht in der Lage weitere Offensiven durchzuführen was zu einer Pattsituation führte.
Britische Niederlage bei Gaza Zu Beginn des Jahres waren die Aussichten, der Osmanen der britischen Invasion standzuhalten, noch äußerst düster. Die beiden Siege der Mittelmächte in der Ersten und Zweiten Schlacht von Gaza im März bzw. im April 1917 waren jedoch ein moralischer Schub für die Osmanen gewesen. Für die Briten hingegen war es ein Schock. In London musste die Regierung von David Lloyd George entscheiden, ob sie sich mit der bereits fürs Sultanat Ägypten erlangten Sicherheit begnügen und auf die Hoffnung auf eine erfolgreiche Invasion ins osmanische Mutesarriflik Jerusalem verzichten oder ob sie ihr Engagement und ihre Anstrengungen an dieser Front verstärken sollte. Mehrere Gründe drängten die Regierung die Offensive fortzusetzen: Die Suche nach einem Ausweg aus der scheinbaren Sackgasse an der Westfront und die Nachrichten über die osmanische Truppenkonzentration zur Rückeroberung Bagdads trafen allmählich ein und erforderten nach einer Gegenmaßnahme. Darüber hinaus war die Regierung nicht bereit einen Rückschlag als endgültig hinzunehmen.Wavell: 1933, S. 88 ff.
Festsetzen der Front Osmanisch-Deutsche Truppen Das XX. und das XXII. Korps der osmanischen 4. Armee war zwischen der Ersten und Zweiten Schlacht von Gaza verstärkt worden und hatte nun eine Stärke von 40.000 Soldaten. Seit den beiden erfolgreich abgewehrten Angriffe war Gaza in einen starken Verteidigungszustand versetzt worden. Die Häuser der Stadt befanden sich größtenteils auf einem Hügelrücken aus Kurkargestein. Um die Stadt befanden sich viele Gärten deren Kaktushecken Deckung boten und für die Infanterie unmöglich zu durchdringen waren. Vorposten entlang der Linie, Rijm el Atawineh, Aba Hareira und Teiaha, die sich gegenseitig unterstützen konnten, machten einen Frontalangriff gegen sie praktisch unmöglich. Östlich und südlich Beʾer Schevas bauten die Osmanen ebenfalls starke Verteidigungsanlagen, die diese Stadt zu einer starken, aber isolierten Festung machten.Massey: 1919, S. 24. Im Juni übernahm General Erich von Falkenhayn die Rolle des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Yıldırım. Falkenhayn stellte schnell fest, dass die Front in Palästina von größter Bedeutung war und vor einer möglichen britischen Offensive geschützt werden musste. Sein Ziel war es, die osmanische 7. Armee (General Fevzi Pascha) nach Palästina zu verlegen und eine Offensive gegen die rechte Flanke der Briten zu starten, um sie in die Wüste zurückzudrängen. Der Widerstand der osmanischen Befehlshaber verhinderte jedoch bis September greifbare Ergebnisse.Steuber: 1925, S. 32. ff.Falls: 1930, S. 4.
EEF Am 21. April übernahm auf Anordnung von General Murray Lieutenant-General Philip Chetwode, das Kommando über die Eastern Force, während sein Vorgänger Charles Dobell nach England zurückkehrte. Major-General Chauvel löste General Chetwode im Kommando der Desert Column ab, und Brigadegeneral Chaytor ersetzte Chauvel als Befehlshaber der ANZAC Mounted Division. General Chetwode war wie sein Vorgänger der Meinung, dass angesichts der Stärke der feindlichen Stellung ein erneuter direkter Angriff mit den der Eastern Force zur Verfügung stehenden Kräften nicht gerechtfertigt sei. Dieser Ansicht schlossen sich seine Untergebenen an. Murray beschloss jedoch, die auf der Nord- und Ostseite des Wadi Ghazze eingenommene Stellung nach kleineren taktischen Anpassungen zu halten. Das erste Problem bestand darin, diese Stellung zu sichern das zweite darin, die Truppen, nach den schweren Verlusten zu reorganisieren. Am 22. April gab Murray seine Einschätzung der Lage an das Kriegsministerium weiter. Er erklärte, dass er mit seinen drei Divisionen nur begrenzte Erfolge erzielen könne und für kontinuierliche Angriffe mindestens zwei weitere vollständig ausgebildete Divisionen sowie zusätzliche Feldartillerie benötige. Der Chef des Imperial General Staff, William Robertson, teilte ihm mit, dass in Anbetracht der jüngsten Niederlagen bei Gaza und der Verschiebung der russischen Offensive im Kaukasus sich seine unmittelbare Aufgabe, die osmanischen Streitkräfte in Jerusalem zu besiegen und die Stadt einzunehmen geändert habe. Stattdessen sollte er jede günstige Gelegenheit nutzen, um die osmanischen Streitkräfte, die sich ihm entgegenstellen, aufzureiben und jeden gewonnenen Erfolg mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auszunutzen, um die Osmanen aus Palästina zu vertreiben. Weiterhin informierte er Murray darüber, dass es im Moment nicht möglich sei ihm weitere Infanterie-Divisionen zu schicken. Stattdessen wurde die 7. und 8. Mounted (Yeomanry) Brigade mit zusätzlicher Artillerie nach Palästina beordert. Die Brigaden trafen im Juni bzw. Anfang Juli ein, womit sich die Gesamtzahl der berittenen Brigaden auf zehn erhöhte: fünf Yeomanry, vier australische und eine neuseeländische. Murray beschloss daraufhin, seine berittenen Truppen in drei Divisionen mit jeweils drei Brigaden aufzuteilen, wobei eine Brigade als Infanterieeinheit beibehalten wurde. Die berittenen Truppen der Desert Column setzten sich nun aus der ANZAC Mounted Division (Generalmajor Chaytor), der Australian Mounted Division (Generalmajor Hodgson) und der Yeomanry Mounted Division (Generalmajor Barrow) zusammen.
Lebensbedingungen mini|Die Leishmaniose verursachende Sandfliege Das Zelten unter freiem Himmel in der Wüste Negev machte das Leben für beide Truppen fast unerträglich. Die Männer mussten Temperaturen von bis zu 43 Grad ertragen, die sie aufgrund des häufigen Wassermangels bewusstlos werden oder ins Delirium fallen ließen. Krankheiten wie Cholera, Typhus, Diphtherie, die Ruhr und Sandfliegenfieber waren weit verbreitet. Ein Schutz gegen Sandfliegen war unter Feldbedingungen fast unmöglich, und in stark infizierten Gebieten konnten 50 % der Truppen innerhalb weniger Wochen an Fieber erkranken. Die kleinsten Kratzer entzündeten sich, Sand gelangte in jede Art von Nahrung, und überall waren Fliegen. Besonders gefürchtet unter den Soldaten war der Chamsin ein sehr heißer und trockener Wüstenwind, der die Temperaturen auf bis zu 51 Grad erhöhen konnte.
Das Marschieren durch den heißen Wüstensand war sehr kräftezehrend. Bei jedem Schritt den die schwerbepackten Soldaten machten sanken sie mit ihren Füßen tief in den Sand. Dies führte dazu, dass Formationen auseinanderbrachen und Truppenbewegungen nur langsam vorangingen. Der Alltag wechselte zwischen Langeweile, Drill und Wachdienst, was die Männer zusätzlich zermürbte.Thompson: 1923, S. 253., 266 ff., 292., 296.Woodward: 2006, S. 24.Macpherson, Beveridge, Heaton Horrocks: 1923, S. 325. Aufgrund der intensiven Tageshitze und einer Art natürlicher Übereinkunft wurden die Kampfhandlungen von beiden Seiten bis zur Abenddämmerung eingestellt. Die meisten Kampfhandlungen fanden daher in den Abendstunden oder in der Nacht statt. Dort, wo die Armeen eng beieinander lagen, glichen die Bedingungen den Grabenkämpfen in Frankreich. Die Soldaten an der Front kamen auch nach Sonnenuntergang kaum zur Ruhe. Nachts nutzten die Männer den Schutz der Dunkelheit, um ihre Schützengräben zu reparieren und auszubauen. Sie verlegten Stacheldraht, verbreiterten die Verbindungsgräben, vergruben Kabel und bauten Geschützstellungen.Woodward: 2006, S. 88. links|mini|Wasserförderanlage bei Deir al-Balah
Wasserversorgung Nachdem das Kriegskabinett beschlossen hatte, das Korps beträchtlich aufzustocken, drohte die einspurige Sinai-Bahn bis zum Äußersten belastet zu werden. Am 7. Mai erklärte Murray in einem Brief an den Generalstab, dass der Eisenbahnknotenpunkt in Deir al-Balah 225 km von al-Qantara am Suezkanal entfernt sei. Sieben Züge pro Tag könnten jetzt von Qantara mit Munition und Vorräten nach Deir al-Balah geschickt werden. Dieser Einsatz würde gerade ausreichen, um eine Kampftruppe von fünf Infanteriedivisionen zusammen mit der Kavallerie und den Truppen an den Verbindungslinien zu unterhalten. Im Laufe des Frühjahrs wurde die Binnenschifffahrt ausgebaut und begann, hervorragende Ergebnisse zu erzielen. Von Januar bis April wurden nur 5.000 Tonnen pro Woche befördert, aber zwischen April und Juli war das durchschnittliche Aufkommen auf 26.000 Tonnen gestiegen. Von den in Qantara geförderten 600.000 Gallonen (2.727 Tonnen) Wasser erreichten lediglich 36.500 Gallonen (165 Tonnen) ihr Ziel. Der Rest wurde für den Bedarf der Eisenbahn und der Truppen und Arbeiter zwischen den beiden Punkten benötigt. Inzwischen wurden vor Ort große Wasservorkommen gefunden. Die mit Steinen ausgekleideten Brunnen in Chan Yunis lieferten über 100.000 Gallonen pro Tag. Auch die Brunnen in Deir al-Balah lieferten eine beträchtliche Menge Wasser, allerdings von minderer Qualität, das nur für die Tiere verwendet wurde. In Shellal standen weitere 200.000 Gallonen Wasser zur Verfügung. Die Osmanen hatten im Mai nur 40.000 Mann und 10.000 Tiere zu versorgen. Für diese Truppen waren sie in der Lage, etwa 250.000 Gallonen (1.136 Tonnen) pro Tag zu fördern. Die Tiere der Osmanen benötigten weniger Wasser als die europäischen Pferde, so dass jeder Mann etwa 20 Liter und ein Tier etwas mehr als 30 Liter pro Tag erhielt. Dank deutscher Hilfe waren sie gut mit Pumpmaschinen ausgestattet. In und um Gaza gab es fünf Brunnen mit Motorpumpen dazu die gleiche Anzahl in Beʾer Scheva. Ein weiteres Dutzend befand sich entlang der Front. Außerdem gab es zahlreiche Brunnen, deren Pumpen von Hand betrieben wurden. Die Bohrungen, in einigen Fällen bis zu einer Tiefe von 76 m, wurden von einem deutschen Kommando (Bohr-Sonderkommando I) durchgeführt, dem eine osmanische Arbeitskompanie angeschlossen war.MacMunn: 1928, S. 359–362.
Operationen von April bis Juni mini|Osmanischer Militärstützpunkt Auja al-Hafir Keine der beiden Seiten war zu diesem Zeitpunkt in der Lage, groß angelegte Operationen zu starten. Beide Seiten versuchten, den Gegner durch Luftangriffe und kleinere Unternehmungen zu stören. Am 24. April konnte eine Staffel des australischen 7th Light Horse Regiment (Brigade-General George Macleay Macarthur-Onslow) 8 km südwestlich von Shellal, einen Trupp osmanischer Kavallerie gefangen nehmen. Die deutschen Flugzeuge zeigten sich sehr aktiv. Am 4. Mai wurden fünf Flugzeuge über Deir al-Balah beobachtet, wo sie Bomben abwarfen, die 30 Tote forderten. Sechs Tage später führten die Briten einen Bombenangriff auf Beʾer Scheva durch. Zwischen dem 7. und 14. Mai wurde eine Abteilung des Imperial Camel Corps nach el-Qusaima und Auja al-Hafir auf dem Abschnitt der osmanischen Militärbahn Masʿūdiyya–Sinai südlich Beʾer Schevas entsandt, um Brunnen zu zerstören. Eine große Anzahl von Brunnen wurde gesprengt und eine Brücke beschädigt. Da diese Bahnlinie eine ständige Bedrohung für die britische Kommunikationslinie darstellte, beschloss Chetwode, dass sie zerstört werden sollte. mini|Brücke bei Bir Asluj nach ihrer Zerstörung