Der Bahnhof Kerzers ist ein Bahnhof in Kerzers im Schweizer Kanton Freiburg. Im Bahnhof kreuzen sich höhengleich zwei Vollbahnstrecken. Das historische Stellwerk ist ein Museumsstellwerk und steht als technikgeschichtliches und eisenbahnbetriebliches Kulturgut von nationaler Bedeutung unter Denkmalschutz (KGS-Nr. 09481).

Lage mini|Blick von der Passerelle vor dem Stellwerk auf die Streckenkreuzung Kerzers mit wegfahrendem Zug nach Bern Der Bahnhof Kerzers befindet sich an der Kreuzung zweier historischer Verkehrsachsen: Broyetallinie (Palézieux–Moudon–Payerne–Avenches–Murten–Kerzers–Lyss) und Bern–Neuenburg-Linie (sogenannte «direkte Linie»).

Geschichte mini|Gleiskreuzung, Passerelle, Stell­werk­gebäude, Aufnahmegebäude mit Perrondach, Bahnhofschuppen Im jungen Bundesstaat Schweiz standen ab 1852 mehrere Eisenbahnstrecken vom Genfersee bis zum Bodensee und Basel zur Diskussion. Eine dieser Linien sollte über Payerne, Murten, Laupen nach Bern führen, eine weitere über Murten, Kerzers und Lyss. Nach dem Entscheid, eine Hauptstrecke von Lausanne über Freiburg nach Bern und eine andere von Morges über Yverdon nach Neuenburg zu führen, geriet die Broyetalstrecke in den Hintergrund. Doch die betroffene Bevölkerung setzte sich weiterhin für eine Linie durchs Broyetal ein. 1872 begannen die Bauarbeiten, und wenig später nahm am Nordwestrand von Kerzers das Bahnhofgebäude Gestalt an. Das neue Aufnahmegebäude mit seinem Perrondach gehörte zu den Stationsgebäuden zweiten Ranges. Es glich jenem von Avenches und Yvonand. Der Güterschuppen mit breit auslandendem traufseitigem Vordach ist aus Holz gebaut. Eine WC-Anlage und ein Barrierenwärterhäuschen vervollständigten die Bahnhofsbauten. Ab 1876 rollten täglich drei, später vier Züge in beide Richtungen. Die Fahrt von Lyss nach Murten (23 km) mit dem von einer Dampflokomotive gezogenen Zug dauerte eine Stunde.

1890 erlangte der Berner Ingenieur Beyeler die Konzession für eine direkte Bahnstrecke Bern–Neuenburg. Sieben Jahre später fand die Gründung der Gesellschaft Bern-Neuenburg statt. Im Juni 1901 konnte die Strecke von Bern über den Saaneviadukt bei Gümmenen bis Neuenburg befahren werden. Im Bahnhof Kerzers kreuzt die «Directe» (Bern–Neuenburg-Linie) die «Longitudinale» (Broyetallinie) in einer Gleiskreuzung im spitzen Winkel von 30° und führt dann durchs Grosse Moos nach Neuenburg. Die Gleiskreuzung zweier Vollbahnlinien ist schweizweit einzigartig. Normalerweise führt man zwei sich kreuzende Linien über eine kurze Strecke auf einem gemeinsamen Gleis zusammen, das auf eine Abzweigung führt, wo sich die beiden Richtungen wieder trennen, sodass keine Gleiskreuzung nötig ist. Solche Lösungen finden sich etwa in Payerne, Yverdon oder Konolfingen. Infolge der neuen Strecke Bern–Neuenburg wurde ein grösserer Stellwerkapparat in Kerzers nötig. Dazu baute man das Stellwerkgebäude mit einwandfreier Sicht auf die gesamte Gleisanlage mitten zwischen die beiden Bahnstrecken. Gleichzeitig wurden das Aufnahmegebäude und der Schuppen verlängert.

Das Stellwerk von Kerzers ist ein Vertreter der ersten Stellwerkgeneration. Bei den im Laufe der Zeit nötigen Anpassungen wurde stets nur so viel angepasst, wie gerade nötig war. Dadurch sind die Entwicklungsschritte der Sicherungstechnik im Bereich dieses Stellwerks gut nachvollziehbar. Das Stellwerk, das in seinen ersten Jahrzehnten täglich etwa 30 Zügen ihre jeweilige Fahrstrasse einzustellen und zu sichern hatte, leitete auch während der Expo.02 im Jahr 2002 die rund 230 täglichen Züge über die Gleise von Kerzers, was manuell auf Dauer nicht möglich gewesen wäre. Heute wird der Bahnhofbetrieb von Kerzers und damit die jeweilige Fahrstrasse sowie die passenden Weichen und Signale von der Betriebszentrale der BLS Netz in Spiez aus ferngesteuert, gesichert und überwacht.

Stellwerkgebäude mini|Blick auf die Ostfassade des Stellwerks Kerzers mini|hochkant=0.9|Aussenansicht des Stellwerks mini|hochkant|Blick aus der Unterführung mini|hochkant|Südfassade Der Bau der direkten Eisenbahnstrecke Bern–Neuenburg (1898–1901) machte ein Stellwerk im Kreuzungsbahnhof Kerzers notwendig. Das neue Stellwerk kam nördlich des künftigen Kreuzungspunktes zu liegen. Entgegen verbreiteten Annahmen und dem 100-Jahr-Jubiläum von 1996 sind die ältesten Pläne des Stellwerkgebäudes mit 1901 datiert. Wegen der Führung der Drahtseile, welche den Befehlsapparat mit dem Stellwerkapparat verbinden, musste das Stellwerkgebäude an zentraler Stelle errichtet werden, nämlich zwischen den Gleisen der Broyetalbahn und denjenigen der Bern-Neuenburg-Bahn (BN), wo der Stellwerkwärter freie Sicht auf alle Gleise hatte.

Das Gebäude sitzt auf einem verputzten, massiv gemauerten Sockelgeschoss. Eckquader und Stichbogeneinfassungen an den Fenstern und Türen verzieren den Sockel. Ursprünglich waren im Erdgeschoss Vorrichtungen zur Umlenkung der Transmissionsdrähte zu den Weichen und Signalen untergebracht. Da der Boden des Spannwerkraums fast anderthalb Meter unter dem Umgebungsniveau liegt, liessen sich die zum Befehlswerk wie auch zu den Weichen und Signalen unterirdisch geführten Transmissionsdrähte einfacher verlegen. Der Stellwerkraum im Obergeschoss ist als «schlanker Massivbau» ausgeführt. Quer zur Längsrichtung des Gebäudes liegen Doppel-T-Träger, die das Obergeschoss tragen und als Konsolen in der Fassade ausgestaltet sind. Die Konsolen an der Süd- und Nordfassade sind keine durchlaufenden Träger, sondern nur Auskragungen. An der Nordfassade tragen sie als Kragarme das über eine Aussentreppe erreichbare Podest vor der Eingangstür zum Stellwerkraum. Auf dieser Tragstruktur ruht ein Stahlprofilrahmen, auf dem die mit Backsteinmauerwerk ausgefachte Holzriegelbauweise die Wände des Stellwerkraums bildet. Das Sichtmauerwerk ist allseitig mit ornamentalen Mustern belebt. Dank der Holzriegelbauweise waren grossflächige Fensteröffnungen möglich, die eine optimale Sicht über das Gleisfeld gewährleisten. Bei den Fenstern handelt es sich um die damals geläufigen «Industriebaufenster». Die Aussentreppe wie auch die Plattform vor dem Stellwerkraum sind als genietete Stahlkonstruktionen ausgeführt. Ein mit Biberschwanzziegeln bedecktes Satteldach leitete das Regenwasser in die Dachrinne.

Umbauten Im Zuge der Elektrifizierung der Bahnstrecke Bern–Neuenburg musste das Stellwerkgebäude 1928 um zwei Fassadenfenstereinheiten gegen Süden verlängert werden, um Platz für die nötigen Apparaturen zu schaffen. Damit vergrösserte sich die bisherige Länge des Gebäudes auf das Anderthalbfache. Dieser Anbau wurde in der bisherigen Bauweise ausgeführt, sodass die Veränderung nicht sofort ins Auge springt. Die Längsfassaden waren nicht mehr vier-, sondern sechsgliedrig. Das südliche Dachwasserfallrohr, die unregelmässigen Abstände der Konsolen im südlichen Drittel des Gebäudes und die Anordnung der Fenster im Erdgeschoss deuten noch heute auf diese Veränderung hin.

Der Zugverkehr nahm weiter zu, und Hand in Hand schritt die Elektrifizierung im Bahnverkehr voran. Aus Sicherheitsgründen wurden üblicherweise die elektrischen Apparaturen von den mechanischen Steuerungsanlagen räumlich getrennt. Im Zuge einer umfassenden Modernisierung 1963 wurden die mechanisch bewegten Weichen auf elektrischen Weichenantrieb umgestellt und die mittels Drahtzügen beweglichen Formsignale durch Lichtsignale ersetzt. Für die neuen Einrichtungen mit den Relaisapparaturen baute man im Spannwerkraum eine neue Zelle ein.

Nach wiederholten Anfragen wurde das Befehlswerk, das bisher an der Westfassade des Empfangsgebäudes unter dem Perronvordach im Freien stand, im Jahr 1986 mit einer heizbaren und beleuchteten Kabine besser vor Wind, Wetter und unbefugten Zugriffen geschützt.

1995 kam die Umstellung der noch verbliebenen mit Drahtzügen bewegten Weichen auf elektrischen Antrieb. Weil der Raum bereits voll ausgeschöpft war, erhielt die Westfassade für den zusätzlichen Relaisraum einen Container. Das nördliche Fenster der Westfassade wurde zu einer Tür als Zugang vom bestehenden Relaisraum zum neu angebauten Relaisraum im Container umgebaut. 1996 verpasste man der Fassade eine Sanierung. 1997 wurden die noch originale Tür zum Stellwerkraum und die noch ursprünglichen Nordfenster durch eine mit Isolierverglasung versehene Neukonstruktion mit aufgesetzten Sprossen ersetzt und im Jahr 2000 alle übrigen noch originalen Fenster mit Festverglasungen und in die Wandkonstruktion eingelassenen Scheinsprossen ersetzt.

Am 7. Oktober 2004 übernahm ein neues elektronisch gesteuertes Stellwerk die Aufgaben seines Vorgängers.

Stellwerkapparatur mini|hochkant=0.9|Blick von der Passerelle auf das Stellwerk mit Gleisanlage Seite Neuenburg und Pendelzug Bern-Neuenburg-Bahn Auf kleinen und mittelgrossen Bahnhöfen genügte bei mechanischen Stellwerken oftmals ein sogenannter Stationsapparat. Hier konnte eine einzelne Person die Weichen, Fahrstrassen und Signale einstellen. An grösseren Bahnhöfen, zu denen auch Kerzers zählt, wurde die Steuerungsanlage in ein Befehlswerk (oder auch Freigabewerk) und ein Wärterstellwerk aufgeteilt. Im Befehlswerk stellt der Stationswärter die einzustellenden Fahrstrassen ein. In Kerzers befindet sich das Befehlswerk auf Perron 1 an der Westfassade des Empfangsgebäudes. Bis 1986 stand es im Freien, einzig geschützt durch das Perronvordach. Die Einstellungen des Befehlswerks werden unter den Gleisen der Broyetalstrecke ins Wärterstellwerk übermittelt. Dort stellt der Stellwerkwärter die übermittelte Fahrstrasse ein.

Befehlswerk Der Beamte, der das Befehlswerk bedient, wurde in der Schweiz meist als Stationsvorstand, derjenige im Wärterstellwerk als Stellwerkwärter bezeichnet. Die Anlage steuerte die Ein-, Aus- und Durchfahrten von Murten nach Kallnach und umgekehrt über die Gleise 1, 2 und 3 und die Ein-, Aus- und Durchfahrten auf der Bern–Neuenburg-Strecke in beiden Richtungen auf den Gleisen 4 bis 6. Das Befehlswerk verfügt über 16 Kurbeln. Diese lassen sich von der Mittelstellung in beide Richtungen drehen. Dabei bestimmt die Drehrichtung, welche Fahrstrasse eingestellt wird. Die Fahrstrassen sind in jedem Fall richtungsabhängig. Ein mechanischer Verschlussapparat verhindert, dass sogenannte feindliche Fahrstrassen freigegeben werden können. 1964 ergänzte eine Gleisbildtafel der Hasler AG die modernisierte Stellwerkanlage. Sie zeigte dem Stationswärter die Zustände der Blockverschlüsse und Signalbegriffe an.

Geschlossene Doppeldrahtzüge, die unter den Gleisen der Broyetallinie verlaufen, übermitteln die freigegebenen Fahrstrassenaufträge mechanisch ins Wärterstellwerk. Es befindet sich im Stellwerkraum im Obergeschoss des Stellwerkgebäudes. Die Doppeldrahtzüge passieren dabei eine horizontale Umlenkung über Rollen unter dem Befehlswerk und danach noch eine vertikale Umlenkung über Rollen im ehemaligen Seilraum des Stellwerkgebäudes, bis sie im darüberliegenden Stellwerkraum ankommen.

Wärterstellwerk mini|hochkant=0.9|Innenansicht des Stellwerks