275px|mini|VU Campus

Die Universität Vilnius (, , ) in Vilnius ist die größte Universität in Litauen und eine der ältesten in Mitteleuropa. Sie besteht aus zwölf Fakultäten, acht Universitätsinstituten sowie zehn Studien- und Forschungszentren. Die Universitätsbibliothek Vilnius ist die älteste Bibliothek in Litauen. Angegliedert sind drei Universitätsspitäler, ein astronomisches Observatorium, der Botanische Garten, das Universitätsrechenzentrum und die Universitätskirche St. Johannes. Hier studieren 1300 ausländische Studenten, davon 96 Studenten Erstsemester in der Humanmedizin und 18 Studenten in der Zahnmedizin im Studium auf Englisch.

mini|Blick vom Turm der Johannes-Kirche auf Vilnius

Geschichte miniatur|hochkant|Gedenktafel für Stephan Báthory im Campus der Universität von Vilnius miniatur|Der große Hof der Universität, Mitte 19. Jahrhundert

Gründung und polnisch-litauische Zeit (1578–1795) Vorläufer der Universität Vilnius war das 1570 gegründete Jesuitenkolleg, das die Gedanken der Gegenreformation durchsetzen sollte. Es wurde 1578 von König Stephan Báthory von Polen-Litauen, der zugleich Großfürst von Litauen war, zu einer Akademie mit der Bezeichnung Academia et Universitas Vilnensis Societatis Iesu (Vilniusser Akademie und Universität der Gesellschaft Jesu) mit einer philosophischen und theologischen Fakultät umgewandelt und 1579 von Papst Gregor XIII. bestätigt. auf nauka.gov.pl (polnisch) Als Rektor berief der König Piotr Skarga, den Provinzial der Jesuiten in Polen. Nach der bereits 1364 begründeten Universität in Krakau war sie die zweite Universität im polnisch-litauischen Reich und für lange Zeit der östliche Vorposten der europäischen Universitätslandschaft. Sie war, wie viele der Universitätsgründungen des Jesuiten-Ordens im Europa zur Wende des 16./17. Jahrhunderts, den Anstrengungen der katholischen Kirche zur Gegenreformation geschuldet. Hinzu kam, dass vermögende Mitglieder des litauischen Adels wie die Familie Radziwill dem Protestantismus anhingen und zudem 1544 im benachbarten Preußen die (protestantische) Universität in Königsberg gegründet worden war, die viele litauische Studenten und Gelehrte anzog. Die Jesuiten gründeten in der Folgezeit weitere Kollegien (nicht Universitäten) in Riga, Dorpat, Polotsk, Njaswisch und Grodno.

Wie für die meisten jesuitischen Universitäten üblich, bestand sie zunächst nur aus zwei (statt der klassischen vier) Fakultäten. Die Mathematik war der Fakultät für Philosophie untergeordnet. 1641 stiftete der litauische Kanzler Casimirus Leo Sapieha die juristische Fakultät, die medizinische Fakultät folgte erst 1781.

Wichtige Gelehrte aus der Barockzeit, die an der Vilniusser Universität studierten oder lehrten, sind der Dichter Mathias Casimirus Sarbievius (1595–1640), der Philosoph Martinus Smiglecius (1564–1618; Logica, Ingolstadt, 1618), der Theologieprofessor Constantinus Syrvidus (1580–1631), Verfasser des ersten litauisch-polnisch-lateinischen Wörterbuchs (1620) und Begründer der litauischen Linguistik, und der Rhetoriker Sigismundus Lauxminus (1597–1670; Praxis oratoria ..., Branev, 1648; Ars et praxis musica, Vilnius, 1667).

Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert ging der Machtverlust des Jesuitenordens einher, der am 23. August 1773 von Papst Clemens XIV. aufgehoben wurde. Damit kam die Universität Vilnius unter den Einfluss einer säkularen „Erziehungskommission“. Der Name der Universität wurde 1781 in «Schola Princeps Magna Ducati Lithuaniae» (Erste Schule des Großfürstentums Litauen) geändert, die Studienzweige Medizin und Naturwissenschaften wurden eingeführt. Das Observatorium lebte unter der Leitung von Martin Poczobutt auf (Universitätsrektor 1780–99), der Botanische Garten wurde 1781 angelegt. Viele westeuropäische Dozenten lehrten um die Wende zum 19. Jahrhundert in Vilnius. Die Universität unterstützte die Annahme der neuen demokratischen Verfassung Polens vom 3. Mai 1791.

Russische Zeit (1795–1832) Nach der Dritten polnischen Teilung 1795 kam Litauen zum russischen Zarenreich. Die Hochschule bekam 1803 als „Kaiserliche Universität“ von Zar Alexander I. wieder ihren Universitätstitel zugesprochen und war in dieser Zeit die größte Russlands (die Moskauer Universität war erst 1755 als erste russische Universität gegründet worden). Unter der administrativen Aufsicht des Außenministers des Russischen Reiches und guten Freundes Alexanders I., Adam Jerzy Czartoryski, erfreute sich die Universität großer Förderung und einer wissenschaftlichen Blütezeit. Die Professoren wählten die Dekane und ihren Rektor selbst. 1805 wurde die Universitätsbibliothek für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, 1816 das Lateinische zu Gunsten des Polnischen als Lehrsprache aufgegeben.

Gleichzeitig war die Universität Vilnius stets ein Hort der Aufklärung und damit der Idee der nationalen Selbstbestimmung. Ab 1821 wurde sie durch die Vorlesungen von Polens bedeutendstem Historiker und späteren Freiheitskämpfer Joachim Lelewel zu einem Zentrum der nationalen Begeisterung der akademischen Jugend. Die Universität blühte dermaßen auf, dass sie Mitte der 1820er Jahre eine der größten Europas war und mehr Studenten als die Universität Oxford hatte. Das führte jedoch 1824 zur Ablösung Lelewels durch die russische Verwaltung. Gleichzeitig verstärkte sich die Repression: bereits 1823 wurden mehrere Studenten, die den Studentenklubs der „Philomaten“ und der „Philareten“ angehörten, darunter der von Lelewel geförderte Dichter Adam Mickiewicz, wegen Konspiration und Umsturzplänen verhaftet. Nach dem Novemberaufstand von 1831 wurde die Universität 1832 vollständig aufgelöst.

Prominente Namen, die als Gelehrte an der Universität wirkten, sind aus der Zeit der Aufklärung neben den oben Genannten: der Astronom Jan Śniadecki (1756–1830; Rektor der Universität), sein Bruder, der Arzt und Chemiker Jędrzej Śniadecki (1768–1838), die Architekten Martin Knackfuss (1740–1821; Architekt des Neubaus des Observatoriums der Universität) und Laurynas Gucevičius (poln. Wawrzyniec Gucewicz; 1753–98), der Maler Franciszek Smuglewicz (lit. Pranciškus Smuglevičius; 1745–1807), Gründer der Kunstschule an der Universität (1797), sowie die deutschen Ärzte Johann Peter Frank (1745–1821), sein Sohn Josef Frank (1771–1842), und Ludwig Heinrich Bojanus (1776–1827), Professor für Veterinärmedizin (ab 1806) und vergleichende Anatomie (ab 1816), Rektor 1822–23. Zwei herausragende Persönlichkeiten der polnischen nationalromantischen Bewegung, die Dichter Adam Mickiewicz (1798–1855) und Juliusz Słowacki (1809–1849), studierten in Vilnius. Mickiewicz war eines der aktivsten Mitglieder der Studentenverbindung der „Philomaten“, die 1823 verboten wurde. Zudem studierte Simonas Daukantas (1793–1864) an der Universität Vilnius, der die erste Geschichte Litauens auf Litauisch verfasste und damit einer der Begründer der litauischen nationalen Bewegung war.Erinnerungen an das Lehrpersonal der Universität der Jahre 1810-30, dessen Lehrmethoden und dessen Konflikte mit der russischen Verwaltung, sind jetzt zu finden in den 1864 niedergeschriebenen (polnischen) Erinnerungen von Zygmunt Rewkowski (1807-93), Pamiętniki. Tom 1. Wilno, Ostatnie lata Uniwersytetu {Wilnius, Die letzten Jahre der Universität}, Hrsg. Witold Więsław, Wrocław 2011: Instytut Matematyczny Uniwersytetu Wrocławskiego. Der Autor, in Wilnius aufgewachsen, war Schüler im Prägymnasium der Universität, dann Student und ab 1828 junger Professor dort (er lehrte als erster in Osteuropa Wahrscheinlichkeitstheorie), geriet nach Auflösung der Universität, als polnischer Patriot verdächtigt, in die Fänge der Okhranka (der zaristischen Geheimpolizei), die ihn zu 25 Jahren Militärdienst im Kaukasus verurteilte.

Polnische Zeit (1919–1939) Der Erste Weltkrieg brachte instabile Verhältnisse in Litauen. Litauer, Polen und Sowjetrussen stritten um die Herrschaft über Vilnius. Nachdem sich die Polen im August 1919 militärisch endgültig durchsetzen konnten, kam es am 11. Oktober 1919 zur offiziellen Wiedereröffnung der Universität, nunmehr als «Polnische Stefan-Batory-Universität». In Zeiten des grassierenden Nationalismus war kein Platz für andere Völker und die Universität wurde eine rein polnischsprachige Bildungsinstitution, , . Die litauischen Professoren und Studenten, die ihrerseits im Dezember 1918 die Absicht zur Wiedergründung der Universität bekundet hatten, dies aber wegen des Polnisch-Litauischen Kriegs und der nachfolgenden Annektierung des Gebiets von Vilnius sowie Gründung der sog. Litwa Środkowa durch Polen nicht mehr umsetzen konnten, zogen nach Kaunas. Die dort 1922 gegründete Universität sah sich zwar in der Tradition der Vilniusser Universität, bekam allerdings 1930 den Namen Vytautas-Magnus-Universität.

Die Stefan-Batory-Universität legte ihren Schwerpunkt auf die Geisteswissenschaften. Trotz ihres relativ geringen Ansehens in der polnischen Universitätslandschaft der Zwischenkriegszeit kann sie in diesem Bereich auf einige bekannte Namen verweisen. Der Philosoph Władysław Tatarkiewicz (1886–1980) lehrte hier ebenso wie der Mathematiker Antoni Zygmund (1900–1992). Der spätere polnische Literatur-Nobelpreisträger Czesław Miłosz (1911–2004) studierte kurze Zeit in Vilnius.

Mit dem Anfang des Zweiten Weltkriegs und der Rückgabe des Vilniusser Landes an Litauen (bzw. an die Litauische SSR) verließen so gut wie alle polnischen Dozenten und Studenten die Universität. Ein Großteil der Lehrerschaft ging an die neu gegründete Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn, von der die Traditionen der alten Stephan-Bathory-Universität in Wilna gepflegt wurden, einige emigrierten nach Westeuropa und Nordamerika.

Zweiter Weltkrieg

Am 17. September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 kam Litauen in die sowjetische Einflusssphäre (Näheres hier). Zunächst wurde das Vilniusser Land der Republik Litauen zugeschlagen und die Universität Vilnius im Dezember 1939 lituanisiert. Mit der Machtübernahme der Kommunisten und dem Anschluss an die Sowjetunion im Juni 1940 folgte ein Jahr der kommunistischen Machtausübung auch an der Universität; von Ende Juni 1941 (Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion) bis Oktober 1943 war sie unter der Kontrolle nationalsozialistischer Besatzer. Die jüdischen Studenten und Lehrer wurden von der Universität verwiesen und großenteils 1941 ermordet; später ebenso auch nichtjüdische polnische und russische Studenten. Im März 1943 wurde der Betrieb der Universität gänzlich eingestellt.

Sowjetische Zeit Nach der erneuten Machtübernahme durch die Sowjetunion wurde die Universität bereits im Oktober 1944 wiedereröffnet. Sie blieb eine litauische Bildungsinstitution, wurde aber nach stalinistischen ideologischen Gesichtspunkten „gesäubert“: viele ehemalige Dozenten wurden entlassen oder gar nach Sibirien verbannt, der letzte Rektor der polnischen Universität, Stefan Ehrenkreutz, starb im KGB-Gefängnis in Vilnius. Viele andere, bürgerlich orientierte Lehrkräfte hatten Litauen bereits vor der Rückeroberung durch die Rote Armee verlassen. Ein Ärgernis war den kommunistischen Behörden der Ursprung der Universität als Gründung des katholischen Jesuiten-Ordens: Feierlichkeiten zum 375-jährigen Universitätsjubiläum mussten 1954 unterbleiben. 1955 wurde die Universität nach einem führenden litauischen Kommunisten in «Staatliche Vincas-Kapsukas-Universität Vilnius» umbenannt.