mini|Ursula Scheicher (1999) Ursula Scheicher (* 5. Mai 1936 in Auerbach/Vogtl. als Ursula Zipfel; † 31. Mai 2021 in Taunusstein ) war eine deutsche Fernsehjournalistin, die als Reporterin und Filmemacherin für das ZDF arbeitete. Sie gründete in Hollfeld das einzige und mehrfach ausgezeichnete Programmkino der Fränkischen Schweiz.Nordbayerischer Kurier: 40 Jahre Kintopp. Hollfeld: Das einzigartige Kultkino, vom 3. Oktober 2022
Leben
Reporterin Ursula Scheicher wurde zunächst Filmeditorin. Sie ging in die USA und arbeitete für Peter von Zahn und dessen TV-Sendereihe Die Reporter der Windrose. Sie heiratete und ging nach Singapur, von wo aus sie erste Beiträge als Autorin für das ZDF realisierte, u. a. aus Vietnam.Rudolf Blank, Bodo Witzke: Reporterin, Kinomacherin, Lebenskünstlerin. In: ZDF-Kontakte, Ausgabe Juli/August 2021, Seite 40.
Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland arbeitete sie zunächst als Autorin im ZDF für das Seniorenmagazin Mosaik. Ihr erster Film für die ZDF-Reportage, für die sie danach vorwiegend arbeitete, entstand 1986 mit dem Titel „Früh die Ersten, abends die Letzten, über Pendlerinnen auf dem Land“. Es ging dabei um Frauen, die regelmäßig zu weit entfernten Arbeitsstellen fahren mussten. Damit hatte sie ihr Generalthema gefunden, „das Land, die Lebensumstände in der deutschen Provinz“.ZDF-Kontakte: Anfang und Ende. Ausgabe 12/2006, Seite 34 Besonders intensiv verfolgte sie die Umbrüche auf dem Land nach der Wende in Ostdeutschland, wie z. B. in ihrer von der IHK ausgezeichneten Reportage „Bittere Ernte – über Nöte und Hoffnungen der DDR-Bauern“.Der Spiegel: Programmhinweis vom 26. August 1990
Ihre Alltagsbeobachtungen und Reportagen entwickelte sie in Anlehnung an das Direct Cinema aus den Geschehnissen vor Ort, wie in dem Film „Das Inserat“ zum Thema Wohnungsnot, in dem sie mit ihrem Team an einem Anzeigenbrett mit laufender Kamera einen potentiellen Vermieter kennen lernte, der dort sein Inserat anbrachte, um ihn durch den Prozess der Vermietung zu begleiten, in dem sie den unterschiedlichsten Wohnungssuchenden begegnete, die um die Wohnung kämpften. „Es geht um konkrete Menschen, um einen Konflikt mit offenem Ausgang.“Bodo Witzke, Ulli Rothaus: Die Fernsehreportage. Konstanz, 2010 (2te Auflage). Seite 134. ISBN 978-3-7445-0038-8
Der Volkskundler Robert Wittmann attestiert Scheicher am Beispiel ihrer Reportage „Immer nur im Morgengrauen“ über Zeitungsausträgerinnen aus dem Fichtelgebirge von 1996, dass der Film „sich mit analytischer Scharfsicht der Beschreibung eines dezidiert volkskundlichen Themas“ widme. Er sieht in der Reportage und der beobachtend-erzählenden Arbeitsweise der Reporterin, die auch die Dreharbeiten transparent werden lässt und die so wenig wie möglich in den Fluss der Handlung eingreift, eine „methodische Vorbildhaftigkeit im Hinblick auf volkskundlich-ethnographische Filme aus akademischer Produktion“.Robert Wittmann: Ursula Scheicher: „Immer nur im Morgengrauen“. Eine Fernsehreportage über den Alltag von Zeitungsfrauen. In: Augsburger Universität: Augsburger Volkskundliche Nachrichten. 5. Jahrgang, Heft 1, Juli 1999, Seite 60 ff
Redakteurin Als verantwortliche Redakteurin initiierte und betreute Ursula Scheicher neben ihrer Reportertätigkeit ab 1996 die Reihe Vor 30 Jahren im ZDF. In der Sendung, die von Ulrike Angermann moderiert wurde, wurden Reportagen und Dokumentationen wiederholt, die 30 Jahre vorher im Sender gelaufen waren, darunter Kultsendungen wie die V.I.P. Schaukel mit Margret Dünser, die Reihen Personenbeschreibung von Georg Stefan Troller und Menschenskinder! von Wolfgang Ebert, sowie Dokumentarfilme des Autors Hans-Dieter Grabe.Ursula Scheicher: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da. Das Schließen der Nachtlücke. In: ZDF-Kontakte: Unsere Programme, 10/1996 Nach der Pensionierung von Scheicher lief die Sendung noch bis 2011. Die Sendereihe kommentierte und wiederholte insgesamt circa 750 Dokumentationen und Reportagen des ZDF im Hauptprogramm des Senders und in der ZDF Senderfamilie.
Die Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann erklärte anhand dieser „verdienstvollen“ Reihe mit „durchweg interessanten und sorgfältig verfertigten“ Sendungen, Fernsehen eigne sich „hervorragend als Geschichtswerkstatt“, die Wiederholungen erzählten „neben der Geschichte Deutschlands auch die Geschichte seines Fernsehens“.Barbara Sichtermann: Von gestern – und so lebendig. „Vor 30 Jahren“. Die Zeit vom 26. April 2001, Seite 14
Kintopp Hollfeld Ursula Scheicher kaufte 1982 das Hollfelder Kino Stadtlichtspiele, das zu diesem Zeitpunkt wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten seit 4 Jahren geschlossen war, um es unter dem Namen Kintopp neu zu eröffnen.Kintopp: Unsere Geschichte. Kintopp-Lebenslauf, abgerufen am 2. Juni 2024 Sie habe während Dreharbeiten in der Region zufällig gehört, dass das Kino zum Verkauf stehe, und habe sich damit einen Kindheitstraum erfüllt.Ursula Scheicher (Hrsg.): Wir werden Zwanzig. Kintopp. Geschichte und Geschichten vom Kino in Hollfeld, Seite 9 Das 1957 errichtete Gebäude hatte einen großen Renovierungsbedarf, und die laufenden Kosten waren erheblich. Um das Kino über Jahrzehnte betreiben zu können und um es in ein kulturelles Zentrum mit Kleinkunstbühne zu verwandeln, investierte sie „einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens“Nordbayerischer Kurier: Kintopp: Ursula Scheichers Lebenstraum – Verein übernimmt 2014, vom 24. Oktober 2017. Für ihre „herausragenden ideellen und finanziellen Leistungen um das Kintopp Hollfeld“ Stadt Hollfeld: Pressemitteilung vom 18. Juni 2013: Bürgermedaille der Stadt Hollfeld in Silber verlieh ihr die Stadt Hollfeld eine Bürgermedaille. Seit 2014 führt ein Verein das Kintopp Hollfeld.Oberfrankenstiftung: Verleihung des Kulturpreises der Oberfrankenstiftung an den Verein KINTOPP-Freunde Hollfeld, abgerufen am 3. Juni 2024 Regelmäßig gab es Förderpreise des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien oder des FilmFernsehFonds Bayern für das Kino, z. B. 2003 den Spitzenpreis für das JahresprogrammFilmFernsehFond Bayern: Ausgezeichnete Kinos, abgerufen am 2. Juni 2024. Die Oberfrankenstiftung zeichnete Ursula Scheicher sowie den Kino-Verein für den Erhalt des Kinos als Kultureinrichtung aus.Oberfrankenstiftung: Preisverleihungen Archiv (siehe unter 2005 und 2020), abgerufen am 2. Juni 2024
Familie Ursula Scheicher war mit dem ZDF Korrespondenten Hans W. Scheicher verheiratet. Sie hatten zwei Kinder.
Auszeichnungen Ernst-Schneider-Preis 1991 für die ZDF-Reportage Bittere Ernte vom 28. August 1990IHK-Preis für Wirtschaftsjournalismus „Ernst Schneider“, abgerufen am 1. Juni 2024 Preis der Oberfrankenstiftung für „Engagement [...] und Erhalt des Hollfelder Kintopps als Kultureinrichtung“ (2005)Oberfrankenstiftung: Preisträger, abgerufen am 2. Juni 2024Oberfrankenstiftung: Preisverleihungen Archiv (siehe unter 2005), abgerufen am 2. Juni 2024 Silberne Bürgermedaille der Stadt Hollfeld (2013)Wittich Medien: Nachruf Ursula Scheicher. Trägerin der silbernen Bürgermedaille der Stadt Hollfeld, abgerufen am 2. Juni 2024
Filmographie (Auswahl) 1981: Familienstand verwitwet – ein Bericht über 4 Millionen Witwen (Mosaik) 1981: Wenn ich die schon sehe – Politessenstory (Mosaik) 1985: Dorftheater – Bretter, die nicht die Welt bedeuten (Mosaik) 1986: Ballett ist reine Männersache (Mosaik) 1986: Früh die Ersten, abends die Letzten – über Pendlerinnen auf dem Land 1986: Kaum ein Morgen ohne Sorgen – von Erntetagen an der Wümme 1987: Stimme der Heimat – aus dem Alltag einer Provinzzeitung 1988: Hilfe aus dem Sammelsack – über Altkeiderspenden 1988: An der Kasse vorbei – vom alltäglichen Klauen 1988: Zu Fuß zu Maria – über eine Wallfahrt 1988: Auf dem Holzweg – vom Leben der Waldbauern 1989: Auf dem Land wirds leer – der lange Abschied von den Dörfern 1990: Bittere Ernte – über Nöte und Hoffnungen der DDR–Bauern 1990: Da hock ich halt bis Mitternacht 1991: Menschen im Müll – vom Kampf mit der Abfallflut 1991: Irgendwie wird's weitergehen – über die Hoffnung der kleinen Leute von Auerbach 1992: Allein auf weiter Flur 1992: Saubermänner machen Kasse – über die Müll–Mafia 1992: Der Schatz am Silberberg 1992: Nach dem Frühstück Feierabend – vom sauren Leben ohne Arbeit 1992: Das Inserat – vom Wettlauf um die Wohnung 1993: In der zweiten Hitze – über Frauen im Stahl 1994: Die Wut der Mütter – über die Misere der Kinderbetreuung 1995: Der Umzug der Liebesperlen – eine Firma geht nach Osten 1995: Lappen weg – vom Leben ohne Führerschein 1996: Ackern ohne Ende – vom Bauern Winfried Witzke 1996: Immer nur im Morgengrauen – über Zeitungsfrauen auf dem Land 1997: Die Aeckerles in Strümpfelbach – vom Leben und Vererben einer schwäbischen Familie 1998: Rallye zur Maria – Von Wallfahrern auf Motorrädern 1998: Hausgeburt – von einem freudigen Ereignis 2000: Im Osten viel Neues – Zehn Jahre nach der Wende – Deutsche Erfahrungen
Weblinks
Bayerischer Rundfunk, Frankenschau: Kindheitstraum Kino vom 29. Juli 2018
Einzelnachweise
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