Tapinoma (von griechisch ταπείνωμα, „niedrige Lage“) ist eine Ameisengattung, welche zur Unterfamilie der Drüsenameisen (Dolichoderinae) gehört. Die Gattung umfasst derzeit 74 beschriebene Arten, die weltweit in tropischen und gemäßigten Klimazonen verbreitet sind.
Merkmale Tapinoma-Arbeiterinnen sind in der Größe, je nach Art, sehr unterschiedlich. Arbeiterinnen der Gattung sind innerhalb der Dolichoderinae, aber auch der Ameisen generell, markant durch den Bau des Stielabschnitts im hinteren Teil des Rumpfabschnitts, vor der Gaster, ausgezeichnet. Bei Ansicht von oben ist das Stielchen (Petiolus) unsichtbar, er wird vom nach vorn vorragenden Vorderrand der Gaster völlig verdeckt. Bei Seitenansicht sieht man, dass der Petiolus zu einer flachen, schuppenartigen Struktur reduziert ist. Eine nach oben vorragende, abgesetzte Schuppe oder eine knotenartige Verdickung sind, anders als bei den meisten Ameisengattungen, nicht ausgebildet. Die meisten anderen Dolichoderinae besitzen hier eine abgesetzte, immer deutlich sichtbare Schuppe auf dem Stielchen, mit Ausnahme der (zu Tapinoma eng verwandten) Gattung Technomyrmex, bei der die Bildung des Petiolus ähnlich erfolgt. Tapinoma und Technomyrmex sind am Bau der Gaster eindeutig unterscheidbar. Bei Ansicht genau von oben sind bei Technomyrmex fünf Tergite sichtbar, bei Tapinoma nur vier (das fünfte ist vorhanden, aber unter das vierte gebogen).Barry Bolton: Identification Guide to the Ant Genera of the World. Harvard University Press 1994, ISBN 0-674-44280-6. Ein reduzierter Petiolus kommt in anderen Verwandtschaftsgruppen auch bei einigen anderen Gattungen, etwa bei der neuweltlichen Forelius vor, die dann oft mit Tapinoma verwechselt werden.
Weitere Merkmale sind: Die Mandibeln tragen 3 bis 7 Zähne, wobei diese von außen nach innen an Größe abnehmen, innen schließen noch bis zu 7 weitere Zähnchen an. Ein definierter Basalwinkel ist nicht erkennbar, der Basalrand geht ohne Absatz in die Kauleiste über. Am Pronotum fehlen aufrecht abstehende Haare (Unterschied zu Technomyrmex).
Bei Tapinoma-ArtenStevon O. Shattuck (1992): Generic Revision of the Ant Subfamily Dolichoderinae (Hymenoptera: Formicidae). Sociobiology 21 (1): 1-181. ist die Scheitelregion des Kopfs konkav bis wenig konvex. Die runden Komplexaugen sitzen verhältnismäßig vorn am Kopf. Die Antennen bestehen meist aus 12 Segmenten, gelegentlich sind es nur 11, ausnahmsweise 8. Ihr Basalglied (Scapus) ist verhältnismäßig kurz, es überragt den Kopfhinterrand maximal mit etwa einem Drittel seiner Länge. Der Vorderrand des Kopfschilds ist variabel gestaltet: entweder ganzrandig, seicht ausgebuchtet oder bei einigen Arten mit einer markanten tiefen Kerbe. Es konnte gezeigt werden, dass die Kerbe ein besseres Vorstrecken der Mundwerkzeuge bei der Aufnahme von Flüssigkeiten aus engen Spalten, zum Beispiel Nektar aus Nektarien, erlaubt, also funktionale Bedeutung hat.Bernhard Seifert (2016): Clypeal excision in Tapinoma Förster, 1850 ants is adaptive (Hymenoptera: Formicidae). Contributions to Entomology 66 (1): 125–129. Die Frontalkiele sind immer deutlich ausgebildet. Die Palpenformel lautet 6, 4 (Segmentzahl der Unterkiefertaster und Lippentaster). Das Propodeum (das in den Rumpfabschnitt integrierte erste Hinterleibssegment) ist deutlich gewinkelt, es trägt selten ein Paar Tuberkel. Dornen sind am Propodeum, wie am gesamten Rumpfabschnitt, nie vorhanden. Bei einigen Arten sind Propodeum und Metanorum nur durch ein Naht gegeneinander abgesetzt und bilden eine durchgehende Oberfläche. Die Gaster ist von oben nach unten (dorsoventral) etwas abgeflacht.
Bei Tapinoma-Arbeiterinnen sind normalerweise keine auffallenden Größenunterschiede zwischen den Individuen auszumachen, selten sind eine größere und eine kleinere Unterkaste unterscheidbar, dann werden die größeren Individuen manchmal Soldaten genannt.
Biologie und Verbreitung Die Gattung Tapinoma ist weltweit in allen Faunenreichen verbreitet. Sie fehlt, wie alle Ameisen, sowohl in der Antarktis wie in der Arktis. (Die im Süden Chiles vorkommende Tapinoma antarcticum wurde in die Gattung Forelius transferiert.)
Einige Arten, insbesondere die Art Tapinoma melanocephalum, sind vom Menschen fast weltweit verschleppt worden: Diese kommen auch auf isolierten ozeanischen Inseln vor, auf denen die Gattung sonst fehlt.
In Deutschland kommen zwei Arten von Tapinoma bodenständig im Freiland vor, hinzu kommen zwei vom Menschen eingeschleppte:Bernhard Seifert: Ameisen beobachten bestimmen. Naturbuch-Verlag, Augsburg 1996, ISBN 3-89440-170-2.Bernhard Seifert (2012): Clarifying naming and identification of the outdoor species of the ant genus Tapinoma FÖRSTER, 1850 (Hymenoptera: Formicidae) in Europe north of the Mediterranean region with description of a new species. Myrmecological News 16: 139-147.Bernhard Seifert, Dario d'Eustacchio, Bernard Kaufmann, Massimiliano Centorame, Pedro Lortte, Maria Vittoria Modica (2017): Four species within the supercolonial ants of the Tapinoma nigerrimum complex revealed by integrative taxonomy (Hymenoptera: Formicidae). Myrmecological News 24: 123-144. Tapinoma erraticum (Latreille, 1798). Nur im Süden, im Wärmegebieten, besonders Kalktrockenrasen, fehlt auf Sandboden. Tapinoma subboreale (Seifert, 2012). Die Art war bis 2012 unter dem synonymen Namen Tapinoma ambiguum Emery, 1925 bekannt und ist unter diesem in zahlreichen Faunenwerken aufgeführt. Nördlicher als Tapinoma erraticum und auch in Sandgebieten verbreitet, kommt nördlich bis in den Süden Skandinaviens vor. Tapinoma magnum (Mayr, 1861). Die Art wurde bis 2017 meist in die Art Tapinoma nigerrimum (Nylander, 1856) mit einbezogen, in der sie (mit einigen weiteren Arten) einen schwer unterscheidbaren Artkomplex bildet und wurde bis 2012 meist mit Tapinoma erraticum verwechselt – so fehlt sie in älteren Faunenlisten. Tapinoma magnum bildet im Unterschied zu den einheimischen Arten Superkolonien und eine größere Arbeiterinnen-Morphe (eine Soldatenkaste) aus. Heimat ist ursprünglich vermutlich Nordafrika. Erstnachweis in Deutschland 2011 in einer Baumschule in Ingelheim, vermutlich mit Wurzelballen aus dem Mittelmeerraum verschleppt.Gerhard Heller (2011): Pheidole pallidula (NYLANDER, 1849) und Tapinoma nigerrimum (NYLANDER, 1886) (Hymenoptera: Formicidae), etablierte Neozoa in Rheinland-Pfalz. Mainzer naturwissenschaftliches Archiv 48: 273-281. Inzwischen weiter verschleppt und auch in Belgien gefunden.Wouter Dekoninck, Thomas Parmentier, Bernhard Seifert (2015): First records of a supercolonial species of the Tapinoma nigerrimum complex in Belgium (Hymenoptera: Formicidae). Bulletin de la Société royale belge d’Entomologie 151: 206-209. Tapinoma melanocephalum (Fabricius, 1793). Weltweit verschleppt. In Mitteleuropa nicht im Freiland, nur in Gebäuden.
Die Arbeiterinnen sind im Allgemeinen Nahrungssammler, einige Arten bevorzugen Honigtau von Blatt- oder Schildläusen. Sie nisten in einer Vielzahl von Habitaten, darunter Grasland, offene Felder, Wälder oder im Innern von Gebäuden. Die meisten Arten nisten im Boden unter Gegenständen wie Steinen oder Baumstämmen, andere Arten bauen Nester unter der Rinde von Bäumen und Baumstümpfen, in Pflanzenhöhlen, Pflanzengallen oder menschengemachten Substraten.Mostafa R. Sharaf, Abdulrahman S. Aldawood 1, Magdi S. ElHawagry (2012): A new ant species of the genus Tapinoma (Hymenoptera, Formicidae) from Saudi Arabia with a key to the Arabian species. doi:10.3897/zookeys.212.3325. Die Nester können sehr groß werden, oft enthalten sie hunderte flügellose (dealate) Königinnen gleichzeitig.
Arten mini|Tapinoma-Art bei Schildläusen auf einem Zitrus-Blatt mini|Tapinoma melanocephalum, Seitenansicht mini|Aufgespießte Tapinoma nigerrimum mini|Tapinoma simrothi mit Hinweis auf Kennzeichen und Größenangabe – das abgebildete Exemplar ist also realiter gute 3 mm groß mini|Kopf einer T. nigerrimum mini|Flügel einer T. melanocephalum Tapinoma aberrans (Santschi, 1911) Tapinoma acuminatum Forel, 1907 Tapinoma albinase (Forel, 1910) Tapinoma albomaculatum (Karavaiev, 1926) Tapinoma amazone Wheeler, 1934 Tapinoma andamanense Forel, 1903 Tapinoma annandalei (Wheeler, 1928) Tapinoma antarcticum Forel, 1904 Tapinoma arnoldi Forel, 1913 Tapinoma atriceps Emery, 1888 †Tapinoma baculum Zhang, 1989 Tapinoma carininotum Weber, 1943 Tapinoma chiaromontei Menozzi, 1930 Tapinoma christophi Emery, 1925 Tapinoma danitschi Forel, 1915 Tapinoma demissum Bolton, 1995 †Tapinoma electrinum Dlussky & Perkovsky, 2002 Tapinoma emeryanum Kuznetsov-Ugamsky, 1927 Tapinoma emeryi (Ashmead, 1905) Tapinoma epinotale Karavaiev, 1935 Tapinoma erraticum (Latreille, 1798) Tapinoma festae Emery, 1925 Tapinoma flavidum André, 1892 Tapinoma fragile Smith, 1876 Tapinoma funiculare Santschi, 1928 Tapinoma geei Wheeler, 1927 Tapinoma gibbosum Stitz, 1933 †Tapinoma glaesaria Perrichot, Salas-Gismondi & Antoine, 2019 (formerly T. aberrans Dlussky, 2002) Tapinoma glaucum (Viehmeyer, 1916) Tapinoma heyeri Forel, 1902 Tapinoma himalaica Bharti, Kumar & Dubovikoff, 2013 Tapinoma indicum Forel, 1895 Tapinoma israele Forel, 1904 Tapinoma karavaievi Emery, 1925 Tapinoma kinburni Karavaiev, 1937 Tapinoma krakatauae (Wheeler, 1924) Tapinoma latifrons (Karavaiev, 1933) Tapinoma litorale Wheeler, 1905 Tapinoma luffae (Kurian, 1955) Tapinoma lugubre Santschi, 1917 Tapinoma luridum Emery, 1908 Tapinoma luteum (Emery, 1895) Tapinoma madeirense Forel, 1895 Tapinoma magnum Mayr, 1861 Tapinoma melanocephalum (Fabricius, 1793) Tapinoma minimum Mayr, 1895 Tapinoma minor Bernard, 1945 †Tapinoma minutissimum Emery, 1891 Tapinoma minutum Mayr, 1862 Tapinoma modestum Santschi, 1932 Tapinoma muelleri Karavaiev, 1926 †Tapinoma neli Perrichot, Salas-Gismondi & Antoine, 2019 Tapinoma nigerrimum (Nylander, 1856) Tapinoma opacum Wheeler & Mann, 1914 Tapinoma orthocephalum Stitz, 1934 Tapinoma panamense Wheeler, 1934 Tapinoma philippinense Donisthorpe, 1942 Tapinoma pomone Donisthorpe, 1947 Tapinoma pygmaeum (Dufour, 1857) Tapinoma ramulorum Emery, 1896 Tapinoma rasenum Smith & Lavigne, 1973 Tapinoma rectinotum Wheeler, 1927 Tapinoma sahohime Terayama, 2013 Tapinoma schreiberi Hamm, 2010 Tapinoma schultzei (Forel, 1910) Tapinoma sessile (Say, 1836) Tapinoma silvestrii Wheeler, 1928 Tapinoma simrothi Krausse, 1911 Tapinoma sinense Emery, 1925 Tapinoma subboreale Seifert, 2012 Tapinoma subtile Santschi, 1911 †Tapinoma troche Wilson, 1985 Tapinoma wheeleri (Mann, 1935) Tapinoma williamsi (Wheeler, 1935) Tapinoma wilsoni Sharaf & Aldawood, 2012 Tapinoma wroughtonii Forel, 1904
Die Art Tapinoma magnum als Neozoon in Mitteleuropa mini|Tapinoma magnum-Arbeiterin Im Frühjahr 2024 hat die zum taxonomischen Komplex T. nigerrimum gehörende, aus dem Mittelmeerraum stammende Tapinoma magnum, gelegentlich „Große Drüsenameise“ genannt, als Neozoon im baden-württembergischen Kehl eine „Superkolonie“ gebildet und sorgte in der Stadt für Strom- und Internet-Ausfälle;badische-zeitung.de 30. Mai 2024: Ameisen sorgen in Kehl für Stromausfälle (31. Mai 2024). in dieser Großregion ist sie bereits seit 2009 an mehreren Orten dokumentiert, außerdem seit Sommer 2022 auch im südwestdeutschen Fischingen an der deutsch-schweizerischen Grenze. Seit spätestens Mitte 2025 hat die Art den Raum Schwetzingen erreicht. Die Gemeindeverwaltung von Oftersheim gibt Tipps zur Bekämpfung der Ameisen. Auch in Landau ist die Art angekommen.https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/landesschau-rp/landauer-kaempft-gegen-super-ameisen-100.html