mini|Beispiel: „American Sign Language“ in SignWriting

Die Geschichte von SignWriting (auch als Sutton SignWriting bekannt) als Gebärdenschrift ist mittlerweile schon recht lang und feierte 2024 50. Jubiläum. Ursprünglich wurde sie im Auftrag der Universität Kopenhagen für die Dansk tegnsprog und Solomon Islands Sign Language entwickelt. Standardisiert wurde das Ganze mit Hilfe des International Sign Writing Alphabet (ISWA).

Vorentwicklungen Valerie Sutton kennt sich als ehemalige Tänzerin mit Bewegungen aus. 1966, im Alter von 15 Jahren, beginnt sie mit der Entwicklung eines Systems zum Aufschreiben von Bewegungen. Es ging los mit „DanceWriting“. Heute gibt es neben DanceWriting noch 4 andere Bewegungsnotationen von Sutton. In ihrer Gesamtheit werden die Notationen heute als MovementWriting bezeichnet.

SignWriting stammt vom DanceWriting ab. Diese Notation wurde deshalb für Bewegungen entwickelt und folgt nicht den Grundsätzen einer Gebärdensprache. Gleichzeitig erfolgt dadurch keine Bindung an eine bestimmte Ausgangs-Gebärdensprache. Man kann also theoretisch sofort die „Körperbewegung“ der Gebärde mit den immer gleichen Symbolen notieren, ohne ihre Bedeutung oder die zugehörige Gebärdensprache zu kennen. Damit die Notation von SignWriting verständlich bleibt, haben sich (anders als beim DanceWriting) bestimmte linguistisch basierte Konventionen etabliert. 1997 ist SignWriting bereits in 14 Ländern zur geschriebenen Form geworden.

1966 absolvierte Valerie Sutton eine professionelle Ballettausbildung. Für die Aufzeichnung von Ballettschritten entwickelte sie ein Strichmännchensystem für den eigenen Gebrauch.

Mit 19 Jahren zog Sutton nach Kopenhagen um bei Lehrern des Königlichen Dänischen Balletts zu trainieren. Im Zeitraum von 1970 bis 1972 drohten die Choreographien der weltberühmten, historischen Ballettschritte der Bournonville-Schulen mangels Aufzeichnungen in Vergessenheit zu geraten. Sutton nutzte ihr persönliches Tanznotationssystem um das zu verhindern. Es war gleichzeitig der Ausgangspunkt für weitere Optimierungen.

Im Dezember 1973 stellte sie das erste DanceWriting-Lehrbuch vor. Es ist gleichzeitig eine historische Aufzeichnung der ursprünglichen Erfindung des Systems, da diese innerhalb eines Jahres schon wieder überholt war. Im Herbst 1974 gab Sutton Unterricht in DanceWriting beim Königlichen Dänischen Ballett für acht Wochen mit 30 Tänzern auf Einladung des Ballettmeisters Flemming Flindt. Die dänische Zeitung Politiken berichtete am Sonntag, den 2. Juni 1974, im Artikel „HUN SKRIVER DANS“ von Ebbe Mørk über diesen Kurs. Gebärdensprachforscher an der Universität Kopenhagen lasen von dem System und baten um eine Vorführung. Es war der Anstoß für die Entwicklung von SignWriting.

mini|Beispiele äquivalenter Darstellung von isolierten Hand-Formen

Anfänge in Dänemark und den USA Dänemark Der Zeitungsartikel kam für Lars von der Lieth und sein Forschungsteam um Rolf Kuschel und Jan Enggaard Pedersen des Forschungsteams der Audiologopædisk Forskningsgruppe 1974 gerade richtig. An der Universität Kopenhagen wurde damals nach einer Methode, um Gebärden und Gesten für Forschungszwecke aufzuzeichnen, gesucht. Sie baten deshalb Sutton, die Bewegungen von einem Videoband mit ihrer Notation aufzuzeichnen. Das Ergebnis im Herbst 1974 gab Anlass zur Evaluierung und war der eigentliche Beginn des SignWriting. Die erste Aufzeichnung damals für Gebärdensprachen entsprang im Grunde dem DanceWriting von der Hüfte aufwärts. Im Jahr 2007 sieht SignWriting beispielsweise durch die Verwendung und Verbesserung der Nutzer ganz anders aus.

Rolf Kuschel hatte die Gebärdenzeichen eines einzigen tauben Bewohners einer Insel auf den Salomonen auf Film aufgezeichnet. Eine schriftliche Aufzeichnung war notwendig, um die Sprache dieses Mannes analysieren zu können. Diese Sprache wurde später als Rennellese Sign Language (geographischer Dialekt der Solomon Islands Sign Language) bezeichnet. Die Forschungsgruppe bat Sutton, die auf Film aufgezeichneten Gebärden mit SignWriting-Illustrationen aufzuschreiben. Im Herbst 1975 erschien ein Büchlein mit gezeichneten Gesten und speziellen Gebärden des einzigen gehörlosen Mannes auf der Insel Renell der Provinz Renell und Bellona. Diese Transkription mittels SignWriting dieses tauben „Erfinders“ einer Gebärdensprache kann wohl als die erste Aufzeichnung von Gebärden der Gehörlosen der modernen Zeit angesehen werden.

Das Schriftsystem entwickelte sich immer weiter vom ursprünglichen DanceWriting weg und wurde an die Erfordernisse einer gebärdenbeschreibenden Schrift angepasst. Im Herbst 1976 wurden in einem Büchlein Suttons erste Versuche, die dänische Gebärdensprache in den Jahren 1974, 1975 und 1976 aufzuzeichnen, veröffentlicht. Es wurde dafür jeweils eine Strichmännchenzeichnung mit Schultern, Armen und Händen für jede Bewegung von links nach rechts, Position für Position, benutzt. Auch die Gesten und die Mimik hörender Dänen wurden seitens der durch von der Lieth geleiteten Forschungsgruppe mittels der Symbole von SignWriting erfasst. Jan Enggaard Pedersen veröffentlichte dazu im Frühjahr 1978 die Studie „Hørende Danskeres Gestus-Repertoire“ (Das Gesten-Repertoire der hörenden Dänen). Das Projekt zeigte, dass die Dansk tegnsprog eine reichhaltige Sprache ist, während die Gesten hörender Menschen eher keinen Bezug zur Sprache haben.

Suttons Erfahrung mit der Transkription der dänischen Gebärdensprache inspirierte sie dazu, mit Gehörlosen weltweit zu arbeiten und ihnen zu helfen, ihre eigenen Gebärdensprachen zu schreiben. Sie nannte das neue System SignWriting.

SignWriting wird seither in über 40 Ländern zum Schreiben von Gebärdensprachen verwendet. Es ist jedoch nicht klar, wie weit verbreitet die Verwendung in den einzelnen Ländern ist.

USA Die Jahre 1975 bis 1980 waren Übergangsjahre. Der Schwerpunkt verlagerte sich langsam von der Tanz- zur Gebärdenschrift. Von 1975 bis 1985 war die Tanzschrift eine Voraussetzung für den Abschluss am Boston Conservatory of Music in der Tanzabteilung. Valerie Sutton war von 1975 bis 1979 Dozentin am Konservatorium.

Im Frühjahr 1976 illustrierte Jayne Gunderson das „American Manual Alphabet“ (Fingeralphabet) in SignWriting.

Die frühen Jahre in Boston waren wichtig. 1977 war Judy Shepard-Kegl Doktorandin in Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Judy war der Idee des Gebärdenschreibens gegenüber aufgeschlossen und organisierte den ersten SignWriting-Workshop im Frühjahr in den Vereinigten Staaten für die New England Sign Language Society (NESLS), der am MIT stattfand. Die Gruppe, die aus Gebärdensprachlinguisten vom MIT, der Northeastern University (Brandeis), der University of Massachusetts und der Boston University bestand, war „eine lebhafte Gruppe“, und die anschließende Debatte brachte wichtige Themen zur Sprache. Dieser erste Workshop beeinflusste das System zum Besseren. Jahre später gründeten Judy und ihr Mann James in Nicaragua Schulen für Gehörlose, in denen sie gehörlosen Kindern mit SignWriting Lesen und Schreiben beibrachten.

1977 war ein Jahr voller „erster Erfahrungen“. Das National Theater of the Deaf war im Sommer die erste Gruppe gehörloser Erwachsener, die in Connecticut für eine Woche Gebärdenschrift lernte. Es entstand auch das Buch „Goldlöckchen und die drei Bären“ in Gebärdenschrift von Betty Beekman. Dieses ist heute ein Klassiker zum Erlernen der Gebärdenschrift.

Sutton präsentierte auch mit „Sutton Movement Shorthand; Writing Tool For Research“ ihr erstes Referat über Gebärdenschrift auf dem National Symposium on Sign Language Research and Teaching in Chicago. Während ihrer Präsentation lud Sutton auch William Stokoe ein, vor der Gruppe zu sprechen.

Im Juli 1978 kommt unter dem Titel „SignWriting, Sutton Movement Shorthand, The Sign Language Key, Key 5“ das erste SignWriting-Lehrbuch mit 8 Stunden Video- und Audio-Anleitung heraus. Es ist auch eine Aufzeichnung, wie das System in den 1970er Jahren geschrieben wurde.

Im Herbst 1979 wurde Sutton dann für sechs Monate Beraterin am National Technical Institute for the Deaf (NTID) in Rochester (New York) und arbeitete mit Frank Caccamise und seinem Team an einer Reihe von Broschüren mit dem Titel „The Technical Signs Manuals“, in denen Symbole aus der Gebärdenschrift zur Illustration verwendet wurden. Sie ist außerdem die Autorin des zweiten Handbuchs, in dem die SignWriting-Symbole gelehrt werden. Seitdem wurden über 10 Handbücher veröffentlicht. Die Bewegungssymbole von SignWriting werden mit lebensechten Illustrationen kombiniert, die technische Gebärden zeigen, die in verschiedenen Berufen verwendet werden. Diese Bücher werden bis heute veröffentlicht.

Zur selben Zeit arbeitet Sutton am „Sutton Speech Writing“. Dieses Büchlein beschreibt und illustriert Suttons Versuche, die detaillierten Bewegungen von Mund, Kiefer und Zunge beim Sprechen aufzuschreiben. Es wurde geschrieben, während Sutton als Berater am NTID tätig war. Audiologen und Sprachtherapeuten am NTID regten das Projekt an. Sutton analysierte detaillierte Videos der Sprachproduktion und entwickelte ein System zur Notierung der Bewegungen. Indirekt hatte dies Einfluss auf SignWriting, da beim Schreiben von Gebärdensprachen einige Bewegungen des Mundes aufgezeichnet werden.

Am 26. Oktober 1980 hält Sutton den Vortrag „A Way To Analyze American Sign Language & Any Other Sign Language Without Translation Into Any Spoken Language“ auf dem National Symposium on Sign Language Research and Teaching in Boston, Massachusetts.

Die ersten Jahre waren auch voller Experimente. Eines Tages erhielt Sutton von einer Schule in Manchester, New Hampshire, die Erlaubnis, eine Stunde lang eine Klasse gehörloser Schüler zu besuchen. Dort schrieb Sutton das Zeichen für „Hallo“ in Gebärdenschrift an die Tafel. Die Schüler errieten es sofort. Sie waren ganz aufgeregt, als sie feststellten, dass sie innerhalb weniger Minuten einfache Gebärden lesen konnten. Sie sprangen auf und begannen, selbst Gebärden an die Tafel zu schreiben. Dann versuchten die anderen Schüler zu erraten, was sie geschrieben hatten und lagen richtig! Diese Kinder waren alle gut im Gebärden, konnten aber nicht unbedingt gut Englisch lesen. Es war eine inspirierende Erfahrung, die seitdem mit anderen Klassen und anderen Lehrern wiederholt wurde.

Von 1974 bis 2019 wurde SignWriting durch die gemeinnützige Organisation Center for Sutton Movement Writing (CSMW) finanziell unterstützt und gefördert.

Deaf Action Committee for SignWriting Das Deaf Action Committee for SignWriting (DAC) war ursprünglich dem „Center For Sutton Movement Writing, Inc.“ unterstellt, einer gemeinnützigen Mitgliedsorganisation in den USA, die 1974 in Südkalifornien gegründet wurde. Das Zentrum wurde von Valerie Sutton geleitet.

Das DAC wurde von Lucinda O’Grady Batch gegründet und später von Darline Clark-Gunsauls geleitet. Die Gruppe war von 1988 bis 1998 sehr aktiv. Gehörlose, die die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) fließend beherrschen, trafen sich in La Jolla, Kalifornien, um Bücher, Wörterbücher, Videos und Computersoftware zum Thema SignWriting vorzubereiten sowie Vorlesungen und Workshops abzuhalten. Obwohl sich das DAC sich nicht mehr regelmäßig trifft, lebt die Arbeit des DAC weiter. Einige der durch das DAC ermöglichten Veröffentlichungen sind: „The Lessons In SignWriting Video Series“ (Lektionen in Gebärdenschrift), „The Deaf Perspectives on SignWriting Video Series“ (Perspektiven der Gehörlosen auf SignWriting), „The Learn To Read ASL in SignWriting Video Series“ (Lernen Sie ASL-Lesen in SignWriting), „The SignWriting Children’s Stories Video“ (SignWriting-Kindergeschichten), „Goldilocks Workbook and Storybooks“ (Arbeitsbuch und Geschichtenbücher von Goldlöckchen), „Humpty Dumpty in ASL“ und „The American Sign Language-English Dictionary in SignWriting“ (Wörterbuch ASL – Englisch).