Bei dem Messerangriff in Mannheim am 31. Mai 2024 ermordete der in Deutschland lebende Afghane Sulaiman Ataee den Polizisten Rouven Laur und verletzte fünf weitere Personen schwer. Der islamistische Terroranschlag galt Michael Stürzenberger, einem Vorstandsmitglied der Bürgerbewegung Pax Europa, und führte – wenige Tage vor der Europawahl – bundesweit zu heftigen Diskussionen über den Umgang mit islamistischen Gefährdern und die Abschiebung von Schwerstkriminellen nach Afghanistan. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte den Sympathisanten der Terrororganisation Islamischer Staat im September 2025 wegen Mordes sowie wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen und wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest.

Hergang Für eine zur „Aufklärung über den politischen Islam“ angemeldete Kundgebung organisierte die Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) auf dem Marktplatz in Mannheim einen Informationsstand. Stürzenberger war als Redner angekündigt. Polizeikräfte waren zum Schutz der Veranstaltung anwesend. Der Messerangriff wurde vom Live-Stream des Augen-Auf-Teams übertragen und aus einer anderen Perspektive von einem Passanten aufgenommen. Der Stream zeigte, wie kurz nach halb zwölf Uhr mittags wenige Meter neben dem Stand unvermittelt Lärm entstand und zwei Männer zu Boden fielen. Die filmende Person nahm auf, wie Stürzenberger und ein Angreifer sich vom Boden erhoben. Zwei hinzukommende BPE-Helfer wehrte der Angreifer mit einem Messer ab. Dann sprang er erneut auf Stürzenberger zu, riss ihn mit sich zu Boden und stach mit Vehemenz auf ihn ein. Zwei unverzüglich zu Hilfe kommende Passanten konnten den Attentäter auf dem Kopfsteinpflaster fixieren – Stürzenberger gelangte außer Reichweite des Messers. Ein älterer, dritter Passant kam hinzu und schlug in der unübersichtlichen Situation auf einen der beiden anderen Passanten ein, der so die Fixierung nicht mehr aufrechterhalten konnte.

Von den herbeigeeilten Polizisten griff Rouven Laur als erster ein. Er zog den älteren Passanten aus dem Handgemenge, fixierte ihn am Boden und hatte dem übrigen Geschehen den Rücken zugewandt. Der freigekommene Angreifer führte von hinten zwei Messerstiche gegen dessen Kopfbereich aus, ehe er von einem weiteren Polizisten mit einem Schuss niedergestreckt wurde. Das ganze Geschehen dauerte 25 Sekunden. Rettungsdienste waren nach rund acht Minuten am Tatort.

Täter Der 25-jährige Sulaiman Ataee wurde im afghanischen Herat geboren. Mittels Unterstützung von Schleusern, die von Ataees Vater mit einer Geldsumme in Höhe von 20.000 Euro für die Schleusung der beiden Brüder bezahlt worden waren, begab sich Ataee gemeinsam mit seinem Bruder auf eine Route unter anderem durch Griechenland, Italien und Frankreich und reiste im März 2013 als 14-jähriger unbegleiteter minderjähriger Flüchtling illegal nach Deutschland ein. Er beantragte Asyl, war zunächst in Frankfurt am Main gemeldet und zog im August 2014 in eine Jugendwohngruppe im hessischen Landkreis Bergstraße. Als Jugendlicher nahm er erfolgreich an Wettkämpfen in der Kampfsportart Taekwondo teil. Er machte einen Hauptschulabschluss und Deutschkurse bis zum Zertifikat B2 (fließende Verständigung). Sein Antrag auf Asyl wurde im Juli 2014 abgelehnt; wegen seines Alters erließ das Ausländeramt ein Abschiebeverbot. Ataee war eine Zeit lang als Hilfsarbeiter beschäftigt und engagierte sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe im Landkreis. Er lebte in Lorsch und heiratete 2019 eine aus der Türkei stammende Frau mit deutscher Staatsangehörigkeit, mit der er bis zur Tat im südhessischen Heppenheim lebte. Nach der Geburt des ersten von zwei Kindern des Ehepaares erhielt der Täter 2023 durch die deutsche Staatsangehörigkeit seiner Frau eine bis 2026 befristete Aufenthaltsgenehmigung nach des Aufenthaltsgesetzes. Ataee ging zuletzt keiner Arbeit nach, wohnte mit seiner Familie in einer Dreizimmerwohnung und bezog Bürgergeld. Nach Recherchen der Tageszeitung Die Welt soll Ataee zuletzt auf einem YouTube-Kanal Videos des mittlerweile getöteten afghanischen Predigers und Taliban-Kommandeurs Ahmad Zahir Aslamiyar hochgeladen haben, der zum Dschihad gegen den Westen aufgerufen hat. Die Moscheen in Frankfurt am Main und in Heppenheim, die Ataee besucht haben soll, werden vom Landesamt für Verfassungsschutz Hessen als islamistisch eingestuft und beobachtet.

Opfer Der Täter verletzte sechs Personen: den 59-jährigen Michael Stürzenberger, den 29-jährigen Polizeihauptkommissar Rouven Laur, zwei zu Hilfe geeilte weitere deutsche Staatsbürger aus Stürzenbergers Umfeld, einen Deutsch-Kasachen und einen als Passant ebenfalls zu Hilfe geeilten aramäischen Christen aus dem Irak. Stürzenberger wurde mit mehreren Messerstichen im Gesicht, am Leib und an den Beinen verletzt. Er wurde notoperiert und erklärte am Folgetag, seine Operation sei gut verlaufen. Laur wurde lebensgefährlich im Nacken- und Kopfbereich verletzt, unmittelbar nach der Tat notoperiert und in ein künstliches Koma versetzt. Am 2. Juni 2024 wurde er für hirntot erklärt und seine Organe wurden gespendet. Der Iraker erlitt drei Messerstiche und wurde nach wenigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen.Newstime Hauptausgabe, ProSieben 3. Juni 2024

Ermittlungen, Anklage, Hauptverfahren und Verurteilung Die Ermittler vermuteten von Anfang an eine politisch motivierte Straftat mit islamistischer Motivation. Daher führte zunächst der polizeiliche Staatsschutz die Ermittlungen. Noch am Tag der Tat wurde seine Wohnung in einem Heppenheimer Hochhaus durchsucht, wobei unter anderem elektronische Datenträger sichergestellt wurden. Auf Ataees Mobiltelefon wurde eine Audiodatei aus einem gelöschten Telegram-Chat rekonstruiert, die eine Motivationsnachricht sein könnte.

Am Tag nach der Tat erließ das Amtsgericht Karlsruhe auf Antrag der dortigen Staatsanwaltschaft Haftbefehl wegen versuchten Mordes. Am 3. Juni übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen, nachdem die Tat als „religiös motiviert“ eingestuft worden war. Die Ermittlungen liefen wegen Mordes, fünffachen versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung. Generalbundesanwalt Jens Rommel gab im Juni 2024 an, für eine dschihadistische Einbindung des Täters gebe es keine Anhaltspunkte. Es handele sich um einen „individuellen Fall“, der sich von anderen islamistisch-geprägten Fällen unterscheide. Der Täter habe offenbar zu massiver Gewalt gegriffen, um Kritik am Islam zu unterbinden.

Wegen der Schussverletzung wurde der Täter operiert und schwebte zunächst in Lebensgefahr. Er wurde in ein künstliches Koma versetzt und war etwa drei Wochen lang nicht vernehmungsfähig. Am 24. Juni 2024 wurde Ataee der Haftbefehl eröffnet. Eine Sprecherin des Generalbundesanwalts bestätigte am 29. Juni, dass Ataee vom Krankenhaus in eine Justizvollzugsanstalt verlegt wurde. Am 25. Oktober 2024 erhob der Generalbundesanwalt vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Stuttgart Anklage gegen Sulaiman Ataee Die Anklagepunkte lauteten: Mord, fünffacher versuchter Mord – es werden die Mordmerkmale der niedrigen Beweggründe sowie in zwei Fällen der Heimtücke zur Last gelegt – und in Zusammenhang mit den Mordversuchen gefährliche Körperverletzung. Laut Anklageschrift hege Ataee Sympathien für den IS und teile dessen Ideologie; er sei entschlossen gewesen, in Deutschland einen Anschlag auf vermeintlich Ungläubige zu begehen.

Am 13. Februar 2025 begann vor dem Oberlandesgericht Stuttgart die Hauptverhandlung. Der Täter war unter anderem wegen Mordes und fünffachen versuchten Mordes angeklagt.Messerangreifer von Mannheim steht vor Gericht vom 13. Februar 2025 auf tagesschau.de Er legte ein Geständnis ab und erklärte, es als seine religiöse Pflicht angesehen zu haben, den Islamkritiker Michael Stürzenberger zu töten, und er sei mit dem konkreten Plan hierzu nach Mannheim gefahren. In der Schlussverhandlung betonte die Generalbundesanwaltschaft am 7. August 2025 die islamistische und dschihadistische Motivation des Täters zu dem Anschlag auf Stürzenberger als sein Hauptziel sowie auf möglichst viele andere Beteiligte und forderte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes und fünffach versuchten Mordes sowie die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld. Am 12. August 2025 schilderten Opfer und Angehörige die Folgen der Tat. Vertreter der Nebenklage betonten in ihren Plädoyers die besondere Schwere der Schuld des Angeklagten und forderten eine lebenslange Freiheitsstrafe sowie die Anordnung der Sicherungsverwahrung. Am 14. und 15. August 2025 plädierten die Verteidiger für eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Am 16. September 2025 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart Sulaiman Ataee wegen Mordes, versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen sowie gefährlicher Körperverletzung zu einer Gesamtstrafe in Form einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Es stellte die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Haftentlassung erschwert. Das Urteil ist rechtskräftig, da innerhalb der hierfür vorgesehenen Frist das Rechtsmittel der Revision nicht eingelegt worden ist.

Reaktionen mini|Halbmast und Trauerflor bei der Bundespolizei in Bexbach am 7. Juni 2024 Tatort Am 2. Juni 2024 fand auf dem Mannheimer Marktplatz unter dem Motto Remigration hätte diese Tat verhindert eine Versammlung der rechtsextremistischen Jungen Alternative für Deutschland (JA) mit 150 Teilnehmern statt. Zeitgleich hielt ein überparteiliches Bündnis am selben Ort zugleich unter dem Motto Zusammenhalt gegen Gewalt, Hass und Hetze eine Mahnwache ab und bildete eine Menschenkette in der Innenstadt. Währenddessen lieferten sich Anhänger der Antifa Rangeleien mit der Polizei. Am 3. Juni 2024 nahmen rund 8000 Menschen an einer Trauerkundgebung auf dem Marktplatz teil, darunter zahlreiche Vertreter aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik wie Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), der Innenminister von Baden-Württemberg Thomas Strobl (CDU), der Opferbeauftragte der Landesregierung sowie Mitglieder des Deutschen Bundestags, des Landtags und des Gemeinderats. Es fand auch ein interreligiöses Friedensgebet statt.

Am 7. Juni 2024 um 11:34 Uhr, auf die Minute genau eine Woche nach der Tat, gedachten auf dem Marktplatz mindestens 1000 Menschen in einer Schweigeminute des verstorbenen Polizisten. Neben dessen Eltern und Angehörigen waren Bundespräsident Steinmeier, Ministerpräsident Kretschmann, Innenminister Strobl sowie eine Abordnung von Streifenbeamten der Mannheimer Polizei anwesend. In Berlin versammelten sich über 2500 Menschen zu einem Schweigemarsch, zu dem Polizeigewerkschaften aufgerufen hatten.

Am 14. Juni 2024 nahmen in der Mannheimer Innenstadt rund 2000 Polizeibeamte und Bürger an einem Trauermarsch zum Gedenken an Rouven Laur teil. Der Trauerzug ging durch ein Spalier aus unter anderem Mitarbeitern der Feuerwehr und der Rettungsdienste hindurch. Anschließend fand im Mannheimer Rosengarten eine Trauerfeier unter Anwesenheit von Lokal-, Landes- und Bundespolitikern statt. Die Trauerfeier wurde, wie bereits die Schweigeminute am 7. Juni mit Bundespräsident Steinmeier, live im SWR-Fernsehen ausgestrahlt.

Medien Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel kommentierte „Hätte man den Täter rechtzeitig abgeschoben, wäre Rouven L. noch am Leben“. Er bezog sich auf den Status des Täters als abgelehnter Asylbewerber. „Konsequentere Abschiebungen müssen nicht im Widerspruch zum humanitären Schutzversprechen stehen. Ganz im Gegenteil.“ Der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour, ein Experte mit Kenntnissen in der Islamwissenschaft, der Erforschung von islamistischem Extremismus und Deradikalisierung, betonte mit Blick auf das Attentat die grundsätzliche Problematik, dass „Islamkritiker so lange diffamier[t]“ werden können, „bis sie entmenschlicht sind“. Er geht von einem islamistischen Motiv aus.