Das Handschriftenportal (kurz HSP) ist das zentrale Informationsangebot zu europäischen Buchhandschriften in deutschen Sammlungen. Es ermöglicht eine Übersicht über die Handschriftenbestände in Deutschland und bietet für die einzelnen Handschriften Zugang zu inhaltlichen Informationen (Handschriftenbeschreibungen, Bibliotheksdaten) und Digitalisaten. Das HSP richtet sich einerseits an Forschende, Lehrende und Studierende, andererseits an Institutionen mit Handschriftenbesitz und ermöglicht darüber hinaus einer interessierten Öffentlichkeit digitalen Zugang zu den historischen Materialien.
Aufbau und Funktionalitäten
Das Handschriftenportal (HSP) ist Teil einer Infrastruktur an Informationsangeboten zu handschriftlichen Kulturzeugnissen in Deutschland, die sich maßgeblich der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verdankt.Zu dieser Infrastruktur gehören u. a. auch der Kalliope-Verbund für Nachlässe und Autographen und Qalamos für außereuropäische Handschriften. Es ist dabei das zentrale System für Buchhandschriften europäischer Entstehungsherkunft und ersetzt den früheren Zentralkatalog für (primär mittelalterliche) Handschriften Manuscripta Mediaevalia. Eine Erweiterung bildet der Kalliope-Verbund und Qalamos. Die fehlende Weiterleitung der alten Links nach Abschaltung der alten Plattform führte zu Kritik.Klaus Graf, Die Stümper des Handschriftenportals killten tausende Permalinks in Manuscripta Mediaevalia. In: archivalia, 20. Dezember 2023, abgerufen am 19. September 2024.
Im HSP sind Handschriften aus wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken sowie aus Archiven und Museen zu finden. Die einzelnen Handschriften sind unter ihrer Signatur verzeichnet und nach Ort und besitzender Einrichtung geordnet. Zu jedem Handschrifteneintrag werden die jeweils verfügbaren Erschließungsinformationen und Digitalisate angeboten. Diese Bereitstellung in einem zentralen Webportal erleichtert die Recherche und verbessert gleichzeitig die Sichtbarkeit der jeweiligen Handschriftenbestände.
Kern des HSP ist ein neues Datenmodell, in dessen Zentrum das sogenannte „Kulturobjekt“ steht. Für jedes Kulturobjekt, also jeden physischen Informationsträger (in der Regel also die Handschrift), wird im Portal ein Kulturobjektdokument (KOD) mit einem dazugehörigen Identifier angelegt. Dieses KOD dient als zentraler Knotenpunkt für alle zum Objekt verfügbaren Informationen (z. B. Digitalisate, Beschreibungen, Metadaten sowie potentiell auch Annotationen). Diese Informationen sind über die „Handschriftenübersichtsseiten“ im Webportal sichtbar. Wichtige Inhalte wie Angaben zu Personen, Orten, Sprachen oder Institutionen sind dabei mit Normdaten versehen, die eine eigene Meta-Schicht im System bilden und mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) verknüpft sind.
mini|Mirador Bildviewer im Handschriftenportal
Mit IIIF und TEI-XML setzt das HSP auf die Verwendung international etablierter Standards der Bild- und Textverarbeitung. Der integrierte „Arbeitsplatz“ basiert auf dem Mirador Bildviewer und ermöglicht es, neben IIIF-fähigen Digitalisaten auch textbasierte Inhalte wie Handschriftenbeschreibungen in einer einheitlichen Präsentationsumgebung zu nutzen.
Datenbestand Das HSP bietet aktuell Informationen zu knapp 156.000 Handschriften, Zugang zu 83.000 Beschreibungen und 34.000 Digitalisaten, von denen etwa 25.000 IIIF-fähig sind (Stand: August 2025). Ein großer Teil der Beschreibungen stammt aus dem Vorgängerportal Manuscripta Mediaevalia. Ein Teil der Kataloge, die dort als Images angeboten wurden, fallen aber nicht mehr in die Zuständigkeit des HSP, namentlich diejenigen ausländischer Bibliotheken sowie die der Universitätsbibliothek Heidelberg. Andere Kataloge sind Stand März 2025 noch nicht migiert worden, darunter viele oder alle Kataloge der Staatsbibliothek Bamberg, der Staatsbibliothek zu Berlin, der Universitätsbibliothek Frankfurt, der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, des Historischen Archivs der Stadt Köln, der Bayerischen Staatsbibliothek, der Stadtbibliothek Trier und der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Stand 2026 kann auf diese Kataloge noch nicht über das HSP, aber weiterhin via Manuscripta Mediaevalia zurückgegriffen werden.
Die Zahl der Handschriftenbeschreibungen auf Manuscripta Mediaevalia, die auf entsprechende Seiten des Handschriftenportals weiterleiten sollen, wird auf 120.000 geschätzt. Stand Juli 2026 sind geschätzt 17.400 dieser Weiterleitungen noch nicht eingerichtet.Christof Rolker: Ist Manuscripta mediaevalia reif zur Abschaltung? In: Mittelalter, 19. September 2026. Abgerufen am 21. September 2026 ().
Gleichzeitig erweitern laufende Erschließungs- und Digitalisierungsprojekte das Datenangebot kontinuierlich. Auch die Beschreibungen der Handschriften der Universitätsbibliothek Heidelberg sollen durch Datentausch in HSP integriert werden.
Entwicklung
Mit Förderung der DFG wird das HSP seit Oktober 2018 von vier deutschen Bibliotheken mit bedeutenden Handschriftensammlungen und technischer Expertise entwickelt: der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, der Bayerischen Staatsbibliothek, der Universitätsbibliothek Leipzig und der Herzog August Bibliothek. Das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin ist Kooperationspartner des Projekts und begleitet die Verbesserung von Usability und User Experience.
Die Entwicklung erfolgt nach Open-Source-Prinzipien und nutzt bestehende, frei verfügbare Software. Eigene Entwicklungen werden ebenfalls auf GitHub zur Nachnutzung bereitgestellt. Die Softwarearchitektur des HSP basiert auf der Grundlage von Microservices, die durch ihre modulare Struktur eine leichte Wart- und Skalierbarkeit des Systems ermöglichen. Aktuell wird das HSP weiterhin kontinuierlich um neue Funktionalitäten erweitert, die durch Release Notes dokumentiert werden.
Weblinks Handschriftenportal DFG-Antrag Projektphase I DFG-Antrag Projektphase II GitHub Newsletter
Einzelnachweise
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