Der Ensign N177 ist ein Formel-1-Rennwagen des ehemaligen britischen Motorsportteams Ensign Racing, der in den Weltmeisterschaften 1977, 1978 und 1979 an den Start ging. Er ist der einzige in größeren Stückzahlen gebaute Ensign und das erfolgreichste Modell in der zehnjährigen Formel-1-Geschichte des Teams. Eines der Autos kam auch außerhalb der Weltmeisterschaft unter anderem in der Aurora-AFX-Formel-1-Serie zum Einsatz.

Entstehungsgeschichte Das von Mo Nunn gegründete Unternehmen Ensign Racing war anfänglich ein Hersteller von Formel-3-Rennwagen. Ensigns Einstieg in die Formel 1 ging auf den Rennfahrer Rikky von Opel zurück, der bei Nunn die Konstruktion eines Formel-1-Autos in Auftrag gegeben und den Wagen 1973 auch mit dem Team Ensign an den Start gebracht hatte. Nachdem die Allianz mit von Opel Anfang 1974 zerbrochen war, setzte Ensign das Formel-1-Programm alleine fort. Die folgenden Jahre waren von längeren Phasen finanzieller Schwierigkeiten geprägt, in denen sich das Team oft nur durch den Einsatz von Paydrivern halten konnte. Die Autos, die Ensign baute, waren vielfach einfache und unausgereifte Konstruktionen. Nach einer wirtschaftlich sehr problematischen, sportlich aber vergleichsweise erfolgreichen Saison 1976, die Ensign auf Rang 12 der Konstrukteurswertung beendet hatte, ging das Team mit dem neu konstruierten N177 in die Saison 1977.

Der N177 war anfänglich nur für den Einsatz in diesem Jahr vorgesehen. Weil aber die Arbeiten an dem N178 (alternativ: M10) genannten Nachfolger im Winter 1977/78 aus finanziellen Gründen eingestellt werden mussten,David Hodges: A–Z of Grand Prix Cars 1906–2001, 2001 (Crowood Press), ISBN 1-86126-339-2, S. 81. fuhr das Team auch in der gesamten Saison 1978 und selbst Anfang 1979 noch mit dem N177. Er wurde schließlich beim dritten Rennen der Saison 1979 durch den N179 abgelöst, der sich als Fehlkonstruktion erwies. Nach einem schwachen Start des N179 kam es zu einer Überarbeitung, während derer noch einmal der N177 an den Start gebracht wurde.

Modellbeschreibung Der Ensign N177 basiert wie schon sein Vorgänger N176 auf dem zwei Jahre vorher eingeführten N175 und bildet mit ihnen zusammen die zweite Generation der Ensign-Modelle.Die erste Generation bilden der N173 von 1973 und dessen 1974 eingeführter Nachfolger N174, der bis 1976 im Einsatz war. Der N177 war die letzte Evolutionsstufe des N175 und galt als Ensigns bester Formel-1-Wagen.David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945, Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 88.

Der Ensign N177 hat ein Vollmonocoque aus Aluminiumblechen. Er war kein Wing Car, hatte also im Gegensatz zum ebenfalls 1977 erschienen Lotus 78 keine Flügelprofile am Unterboden und in den Seitenkästen. In seiner ursprünglichen Version hat der Ensign statt Seitenkästen nur kurze Leitbleche, deren Form vor allem Luft in die vor den Hinterrädern stehenden Kühler führen sollte. Als sich nach dem Scheitern des N179 abzeichnete, dass der N177 in der Saison 1979, in der fast alle Teams mittlerweile mit Flügelprofilen fuhren, vorübergehend noch einmal an den Start gebracht werden musste, baute Ensign einen N177 (Chassis M08) nach Wing-Car-Kriterien um. Dieses Exemplar erhielt lange, seitlich geschlossene Seitenkästen mit Flügelprofilen an der Unterseite.

Der Ensign N177 wird wie die allermeisten Rennwagen seines Jahrzehnts von einem 3,0 Liter großen Achtzylinder-Saugmotor von Cosworth (Baureihe DFV) angetrieben. Seine Leistung lag bei guter Vorbereitung durch einen Tuner bei etwa 480 PS.Adriano Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, Motorbuch Verlag Stuttgart 1997, ISBN 3-613-01848-9, S. 276. Die Kraft wurde über ein handgeschaltetes Fünfganggetriebe von Hewland (Baureihe FG400A) übertragen.Adriano Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, Motorbuch Verlag Stuttgart 1997, ISBN 3-613-01848-9, S. 282.

Lackierung und Sponsoren 1977 war der Ensign von Clay Regazzoni dunkelblau lackiert. Hauptsponsor war der Schweizer Uhrenhersteller Tissot, der geschäftlich mit Regazzoni verbunden war. Patrick Tambays Auto hingegen war weiß lackiert und zeigte den in roter Farbe geschriebenen Schriftzug Theodore Racing sowie einige chinesische Schriftzeichen.Abbildung des von Patrick Tambay für Theodore Racing gefahrenen Ensign N177 beim Großen Preis von Kanada 1977 (abgerufen am 30. Mai 2024).

1978 behielt Ensign ganz überwiegend die dunkle Lackierung bei (eine Ausnahme war Lamberto Leonis Auto, das weiß lackiert war); in der zweiten Hälfte der Saison, als der Ire Derek Daly Stammfahrer des Teams wurde, kam ein dunkelgrüner Streifen im oberen Bereich des Cockpits hinzu. Tissot unterstützte das Team bei einzelnen Rennen weiterhin, erschien aber mit kleineren Aufklebern als 1977. Die Fahrer brachten vielfach individuelle Sponsoren mit, die für die Zeit ihrer Einsätze auf den Wagen warben: Bei Danny Ongais war das Ted Fields Unternehmen Interscope, bei Jacky Ickx die Zigarettenmarke Marlboro und bei Harald Ertl der Autozubehörhersteller Fichtel & Sachs.

1979 stellte Ensign auf eine rote Lackierung um.

Produktion Während die meisten anderen Ensign-Modelle Einzelstücke waren, baute das Unternehmen 1977 und 1978 insgesamt vier Fahrzeuge vom Typ N177, die als M06, M07, M08 und M09 bezeichnet wurden.Übersicht über die einzelnen Chassis der N177-Baureihe auf oldracingcars.com (abgerufen am 31. Mai 2024). Häufiger wurde kein anderes Ensign-Modell gebaut.

Die Chassis M06 und M07 wurden 1977 für das Werksteam aufgebaut. Das Chassis M08 baute Ensign mit Unterstützung von Teddy Yip für Patrick Tambay, der es 1977 exklusiv verwendete. Nachdem Tambay den Rennstall verlassen hatte, nutzte Ensign den M08 für andere Fahrer des Teams. Er wurde 1979 zum Wing Car umgebaut. Das Chassis M09 wurde nicht bei Läufen zur Formel-1-Weltmeisterschaft eingesetzt. Ensign baute es Ende 1977 für das britische Kundenteam Mario Deliotti Racing, das ihn 1978 in der Aurora-AFX-Formel-1-Serie an den Start brachte.

Renneinsätze in der Automobil-Weltmeisterschaft 1977 mini|Jacky Ickx im blauen Ensign N177 hinter Riccardo Patrese (Shadow DN8) beim Großen Preis von Monaco 1977 Stammfahrer des Ensign-Werksteams war 1977 der Tessiner Clay Regazzoni, der im Jahr zuvor noch für Ferrari gefahren war. Er wurde zu jedem Weltmeisterschaftslauf gemeldet und nahm mit Ausnahme der Großen Preise von MonacoStatistiken des Großen Preises von Monaco 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). und Großbritannien,Statistiken des Großen Preises von Großbritannien 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). zu denen er sich nicht qualifizierte, an jedem Rennen teil. Eine Besonderheit war das Rennen in Monaco: Nachdem Regazzoni während des ersten Trainingstages Probleme mit dem N177 gehabt hatte, reiste er kurzfristig nach Indianapolis ab, um dort am Qualifying für das Indy 500 teilzunehmen.Adriano Cimarosti: Das Jahrhundert des Rennsports, Motorbuch Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-613-01848-9, S. 277. Jacky Ickx übernahm daraufhin seinen Wagen, qualifizierte sich und ging mit dem N177 vom 17. Startplatz aus ins Rennen. Am Ende wurde Ickx in Monaco Zehnter. Dieses Rennen war die einzige Formel-1-Veranstaltung des Jahres, in der Ickx an den Start ging. Abgesehen von den Nichtqualifikationen in Monaco und Großbritannien qualifizierte Regazzoni seinen N177 nahezu regelmäßig für einen Startplatz im Mittelfeld: Beste Startposition war der siebte Platz in Italien,Statistiken des Großen Preises von Italien 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). hinzu kamen ein achter Startplatz in SpanienStatistiken des Großen Preises von Spanien 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). und zwei neunte in BrasilienStatistiken des Großen Preises von Brasilien 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). und den Niederlanden.Statistiken des Großen Preises der Niederlande 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). Die schlechteste Startposition erreichte Regazzoni in Deutschland, wo er von Platz 22 aus ins Rennen ging.Statistiken des Großen Preises von Deutschland 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). Die guten Startplätze konnte Regazzoni nur selten verwerten. Bei 15 Starts fiel er neunmal aus. Dreimal kam er in den Punkterängen ins Ziel: Beim Auftaktrennen in Argentinien wurde er Sechster,Statistiken des Großen Preises von Argentinien 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). und in Italien sowie in den USA (Ost)Statistiken des Großen Preises der USA Ost 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). kam er jeweils als Fünfter ins Ziel.

mini|Theodore Racing In der zweiten Saisonhälfte – beginnend mit dem Großen Preis von Großbritannien – ging ein weiterer Ensign N177 an den Start. Der Geschäftsmann Teddy Yip aus Macau finanzierte das Auto für Patrick Tambay. Dieser Wagen wurde – anders als Regazzonis Ensign – unter der Bezeichnung Theodore Racing gemeldet. Dabei handelte es sich allerdings um bloßes Namenssponsoring. Tatsächlich wurde auch Tambays Auto von Ensign vorbereitet und bei den Rennen betreut. Tambays Ensign war allerdings wettbewerbsfähiger als Regazzonis Werkswagen. Ensign hatte Tambays Auto (M08) exklusiv für ihn aufgebaut. Teddy Yip stellte Tambay außerdem die Mittel für einen leistungsstarken Cosworth-Motor bereit, der sich auf aktuellem Bearbeitungsstand befand, während Regazzoni nur auf weniger standfeste gebrauchte Motoren zurückgreifen konnte. Yip finanzierte Tambay schließlich private Testfahrten, die Regazzoni im Werks-Ensign verwehrt waren.Pierre Ménard: La Grande Encyclopédie de la Formule 1, 2. Auflage, St. Sulpice, 2000, ISBN 2-940125-45-7. S. 239. In seinem ersten Rennen in Großbritannien qualifizierte sich Tambay für den 16. Startplatz vor Patrick Depailler im Tyrrell P34 und Jean-Pierre Jabouille im Renault mit Turbomotor, während Regazzoni an der Qualifikation scheiterte. Im Rennen selbst schied Tambay nach drei Runden nach einem Elektrikdefekt aus. In den folgenden Rennen qualifizierte sich Tambay zunächst wiederholt vor Regazzoni; sein bester Startplatz war Position sieben in Österreich.Statistiken des Großen Preises von Österreich 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). Tambay fuhr bei seinem zweiten Rennen, dem Großen Preis von Deutschland, den ersten Meisterschaftspunkt ein, als er mit nur eineinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger Niki Lauda im Ferrari Sechster wurde. Zwei fünfte Plätze in den Niederlanden und KanadaStatistiken des Großen Preises von Kanada 1977 auf www.motorsport-total.com (abgerufen am 4. Juni 2024). ließen Tambay die erste Weltmeisterschaft mit fünf Punkten abschließen. Ebenso viele hatte Regazzoni im Laufe der gesamten Saison eingefahren.

Ensign belegte am Saisonende mit zehn Punkten Platz 10 der Konstrukteurswertung. Das war die beste Positionierung in Ensigns Geschichte und übertraf die Zahl der Punkte, die Ensign in allen anderen zusammengenommen erreichte.

1978 mini|hochkant|Formel-1-Debüt im Ensign N177: der spätere dreifache Weltmeister Nelson Piquet Ensign meldete 1978 zu jedem Rennen ein Auto und bei sieben Weltmeisterschaften auch ein zweites. Insgesamt traten in diesem Jahr sieben verschiedene Fahrer für Ensign an, wobei die meisten von ihnen als Paydriver zum Budget des Teams beitrugen.