Klosterhof im Schnee ist ein Hauptwerk des Malers Carl Friedrich Lessing aus dem Jahr 1829. Das Gemälde zeigt mittelalterliche Ordensleute bei der Bestattung eines Angehörigen und vermittelt im Duktus Schwarzer Romantik Gedanken und Gefühle an Vergänglichkeit, Tod, Trauer und Hoffnung.
Beschreibung und Bedeutung Das in eher tristen Tönen gehaltene Bild zeigt einen schemenhaften Trauerzug von Ordensleuten durch den Narthex und das geöffnete Kirchenportal eines romanischen Marienklosters im Winter. Offen bleibt, ob es Mönche oder Nonnen sind, die ihr Ordensmitglied zur Bestattung in der Kirchengruft begleiten.Während etwa der Dichter Johann Wolfgang von Goethe in den abgebildeten Ordensleuten Mönche sah, erblickten beispielsweise der Dichterjurist Friedrich von Uechtritz, ein Freund Lessings, und der Kunsthistoriker Anton Springer darin Schwestern. – Vgl. Anton Springer: Geschichte der bildenden Künste im neunzehnten Jahrhundert. F. A. Brockhaus, Leipzig 1858, S. 100 (Google Books) Prägend für die Szene sind der verschneite Klosterhof im Vordergrund und seine grotesken Details. Zu sehen ist ein aus einem Pfeiler herausragender Drachenkopf als Wasserspeier, dessen Wasser zu Eis erstarrt ist. Schneebedeckte, hockende Atlanten, die als Bauplastik den Treppenaufgang des Narthex flankieren, wirken wie eine im Frost kauernde Ehrenwache und unterstreichen den Bildgedanken von Trauer, Tod und Kälte. Auch das Marienbildnis über dem Hauptbogen der Vorhalle ist eingeschneit und wirkt erstarrt. Bizarr streben die teilweise morschen Äste einer seltsam verwachsenen Fichte in den Hofraum, dessen alte Gemäuer deutliche Spuren der Verwitterung zeigen. Mit dem Ausdruck von Verfall, Unwirtlichkeit und Dystopie liegen lose, grob behauene Felsbrocken auf dem verschneiten Hof umher. Spirituelle Zeichen von Hoffnung und Heil vermitteln kontradiktisch ein schwaches Licht aus einer Schale und ein gotisches Altarretabel, die über dem aufgebahrten, schwarzbehangenen Sarg im Kircheninnern aufleuchten.
Entstehung und Rezeption mini|hochkant|Jacob van Ruisdael: Der Judenfriedhof, 1653, Gemäldegalerie Alte Meister mini|hochkant|Narthex der Stiftskirche St. Suitbertus in Kaiserswerth, Zeichnung aus Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz Das Gemälde entstand auf der Grundlage einer lavierten Vorzeichnung im Winter 1828/1829Friedrich von Uechtritz: Blicke in das Düsseldorfer Kunst- und Künstlerleben. Schreiner, Band 1, Düsseldorf 1839, S. 323–326 (Digitalisat)Die Kunstschule zu Düsseldorf. In: Jacob Nöggerath: Gemeinnützige und unterhaltende Rheinische Provinzial-Blätter. Neue Folge, zweiter Jahrgang, 3. Band, J. P. Bachem, Köln 1835, S. 191 (Google Books) in Düsseldorf. Dorthin war Carl Friedrich Lessing 1826 seinem Lehrer Wilhelm Schadow aus Berlin als Meisterschüler gefolgt, bald nachdem dieser sein Direktorat an der Kunstakademie Düsseldorf angetreten hatte. Schon unter akademischer Anleitung von Heinrich Dähling in Berlin hatte Lessing 1826 das Bild eines Kirchhofes mit Gräbern gemalt und ausgestellt.Der Kirchhof, 1826, Cincinnati Art Museum – Vgl. Vera Leuschner: Der Landschafts- und Historienmaler Carl Friedrich Lessing (1808–80). In: Wend von Kalnein (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-80530409-9, S. 87 Damit folgte er poetisch-schauerromantischen Bildthemen wie Abtei im Eichwald, Hünengrab im Schnee und Klosterfriedhof im Schnee, mit denen Caspar David Friedrich zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgetreten war und in Berlin einen Trend zur Grabes-, Friedhofs- und Ruinenromantik befruchtet hatte. Gemäß seiner literarischen Neigung für Sujets der Spätromantik interessierten Lessing damals ferner Bildmotive des mittelalterlichen Ritter- und Mönchtums, wobei er wie etwa im Gemälde Das Felsenschloss (1828) zur Darstellung von Landschaften und Architekturen das Schroffe, Bizarre und abenteuerlich Anmutende suchte. Für die Darstellung des Narthex als zentrale Architekturstaffage seiner Komposition könnte Lessing im romanischen Vorbau der Basilika St. Suitbertus in Kaiserswerth ein Vorbild gefunden haben. Das bizarre Baumgeäst in seinem Bild, das er bereits in seinem Friedhofsbild von 1826 gezeigt hatte, erinnert hingegen an das Gemälde Der Judenfriedhof (1653) von Jacob van Ruisdael in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.Wolfgang Hütt: Die Düsseldorfer Malerschule 1819–1869. VEB E. A. Seemann Buch- und Kunstverlag, Leipzig 1984, S. 87
Die Komposition bildet einen Auftakt zu einer Serie von elegischen Trauer- und Schmerzbildern, mit denen die Düsseldorfer Malerschule in der Kunstwelt seinerzeit Aufsehen erregte. Von düsterer Stimmung ist insbesondere auch das Gemälde Das trauernde Königspaar geprägt, das Lessing bald darauf vollendete. Im August 1829 stellte Lessing seinen Klosterhof im Schnee in Düsseldorf aus.Johann Josef Scotti: Die Düsseldorfer Maler-Schule, oder auch Kunst-Akademie in den Jahren 1834, 1835 und 1836, und auch vorher und nachher. Schreiner, Düsseldorf 1837, S. 133 (Digitalisat) Als der 22-jährige Künstler seine Komposition 1830 in Berlin ausstellte, fand sie lobende Beachtung.Correspondenznachrichten. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Ausgabe Nr. 332 vom 28. November 1830, S. 1327 f. (Google Books)Miszellen. In: Friedens- und Kriegs-Kurier. Ausgabe Nr. 337 vom 3. Dezember 1830 (Google Books) Gedeutet wurde sie als bekenntnishaftes Werk in der Nachfolge Friedrichs und Carl Blechens,Rolf Andree: Klosterhof im Schnee, 1830. In: Wend von Kalnein (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 388, Nr. 154 als „Naturnachahmung gefärbt durch jugendlich-sentimental schwermüthiges Gefühl“.Hermann Becker: Deutsche Maler. Von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit kritisch geschildert. Verlag Reissner, Leipzig 1888, S. 355 (Digitalisat) Den Berliner Kunstsammler Atanazy Raczyński begeisterte der Detailrealismus des Gemäldes.Atanasius Raczinski: Geschichte der neueren deutschen Kunst. Berlin 1836–41, Band 1: Düsseldorf und das Rheinland. Mit einem Anhange: Ausflug nach Paris. Berlin 1836, S. 126 ff. (Digitalisat) Der Schweizer Kunstschriftsteller Wilhelm Füssli fühlte sich in den Klosterhof „gleichsam durch eine geheime Macht“ hineingezogen.Wilhelm Füssli: Die wichtigsten Städte am Mittel- und Niederrhein. 2. Band über rheinische Kunst: Schilderungen von Mainz, Wiesbaden, Frankfurt, Coblenz, Bonn, Cöln, Aachen und Düsseldorf. Verlag des literarischen Comtoirs, Zürich und Winterthur 1843, S. 479 (Google Books) Eine Kopie davon malte Caspar Scheuren,Klosterhof im Schnee, Datenblatt eines Gemäldes von Caspar Scheuren im Portal stiftung-volmer.de druckgrafische Reproduktionen schufen Friedrich Unzelmann (für Raczyńskis BuchAtanasius Raczinski: Geschichte der neueren deutschen Kunst. Berlin 1836–41, Band 1: Düsseldorf und das Rheinland. Mit einem Anhange: Ausflug nach Paris. Berlin 1836, S. 165 (Digitalisat)), Andreas Borum und Albert Henry Payne. Auch Johann Wolfgang von Goethe sah das Klosterbild, entweder die endgültige Fassung oder eine Studie. So überlieferte der Historiker Friedrich Christoph Förster in einer 1873 erschienenen Publikation eine Kunstkritik des Dichters, wonach diesem die Negation des Lebens in dem Gemälde entschieden zu weit ging:Hermann Kletke (Hrsg.): Nach seinem Tode erschienen Erinnerungen aus seinem Leben unter dem Titel: Kunst und Leben. Aus Friedrich Försters Nachlaß. Berlin 1873, zitiert nach Carl von Lorck: Goethe und Lessings „Klosterhof im Schnee“. In: Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, IX (1936), S. 205
mini|hochkant|Albert Bierstadt: Licht und Schatten, 1862, De Young Museum In der Nachfolge von Lessings Klosterhof schuf der deutsch-amerikanische Maler Albert Bierstadt 1862 das Bild Licht und Schatten (Sunlight and Shadow), De Young Museum, San Francisco. In diesem Werk hielt er den Eingang zur Kapelle der Löwenburg im Park von Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel fest. In seiner detailrealistischen Darstellung eines Gemäuers kam es Bierstadt neben der Wiedergabe von Spuren der Alterung und Verwitterung auch auf eine spezifische Atmosphäre an, die durch das Licht- und Schattenspiel auf Architektur und Vegetation entsteht.Rolf Andree: Licht und Schatten, 1862. In: Wend von Kalnein: Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 266, Nr. 30
Provenienz 1829 erwarb der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen Lessings Klosterhof für 150 Taler. Im gleichen Jahr gelangte das Bild durch Verlosung an den Kölner Erzbischof Ferdinand August von Spiegel.Hermann Püttmann: Die Düsseldorfer Malerschule und ihre Leistungen seit der Errichtung des Kunstvereines im Jahre 1829. Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte. Verlag von Otto Wigand, Leipzig 1839, S. 220 (Google Books)Uta Kaiser: Sammler, Kenner Kunstschriftsteller. Studien zur „Geschichte der neueren deutschen Kunst“ (1836–1841) des Athanasius Graf Raczyński. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2017, ISBN 978-3-487-15536-4, S. 174, Fußnote 42 (Google Books) Aus dessen Nachlass kam es 1835 in die Sammlung des heutigen Wallraf-Richartz-Museums. Eine weitere Fassung des Gemäldes, die um 1828 entstanden ist,Klosterfriedhof im Schnee, Objektdatenblatt im Portal smb.museum-digital.de, abgerufen am 30. Mai 2024 gelangte in die Sammlung des Bergischen Museums Schloss Burg an der Wupper.Siehe Abb. 3 in Michael Jaeger: Fausts Kolonie. Goethes kritische Phänomenologie der Moderne. 2. Auflage, Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-2716-7, S. 80 (Google Books)
Eine lavierte Vorzeichnung (29,5 × 36,2 cm) zu dem Bild befindet sich in der Sammlung des Cincinnati Art Museum.Cincinnati Art Museum, Nr. 1882/91 (= Art Catalogue of the Cincinnati Museum Association, Cincinnati 1882, Nr. 66) Sie war 1880 unter dem Titel Normannischer Klosterhof im Schnee, mit Nonnenprozession in der Lessing-Gedächtnis-Ausstellung in Berlin zu sehen und befand sich im Besitz von Otto Lessing, der den künstlerischen Nachlass seines Vaters geerbt hatte und diesen bald an den US-amerikanischen Sammler Joseph Longworth veräußerte. Jener überließ im Jahr 1882 915 Zeichnungen, 4 Tuschkartons, 15 Ölbilder an das Cincinnati Art Museum, darunter auch die Vorzeichnung Lessings.
Eine Abwandlung des Motivs schuf Lessing in der Mitte der 1870er Jahre. Hierzu fertigte er 1875 eine VorzeichnungLessing, Karl Friedrich. In: Friedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte. Fr. v. Boetticher’s Verlag, Dresden 1891, Band 1, S. 852 ff., Nr. 142 (Digitalisat) und bis 1876 ein neues Ölgemälde (97 × 142,5 cm), das in die Sammlung des Cincinnati Art Museum gelangte und von dort 1946 in den Kunsthandel gegeben wurde.Carl Friedrich Lessing – Winterlicher Klostergang mit Nonnen, Objektdatenblatt im Portal neumeister.com, abgerufen am 1. Juni 2024
Literatur Rolf Andree: Katalog: Klosterhof im Schnee, 1830. In: Wend von Kalnein (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 388, Nr. 154. Wend von Kalnein (Hrsg.): The Hudson and the Rhine. Die amerikanische Malerkolonie in Düsseldorf im 19. Jahrhundert. Kunstmuseum Düsseldorf, Düsseldorf 1976, Nr. 83. Carl von Lorck: Goethe und Lessings „Klosterhof im Schnee“. In: Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte. Wallraf-Richartz-Jahrbuch, IX (1936), S. 205–222. Lessing, Karl Friedrich. In: Friedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte. Fr. v. Boetticher’s Verlag, Dresden 1891, Band 1, S. 844 ff. (S. 844 f.: I. Ölgemälde: Nr. 3; S. 852: II. Aquarelle und Zeichnungen: Nr. 142).
Weblinks
In Kälte erstarrt, Webseite im Portal museenkoeln.de „Klosterhof im Schnee“ von Carl Friedrich Lessing mit Alexa Riederer – KunstSTÜCK, Webseite mit Video (5:20 min) im Portal museumsfernsehen.de
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde von Carl Friedrich Lessing