mini|Frankophones Afrika Der Begriff Françafrique ist eine Bezeichnung für die Einflusssphäre Frankreichs im frankophonen Subsahara-Afrika. Das französische Engagement in Afrika lässt sich bis auf das 17. Jahrhundert zurückverfolgen und Frankreich gehörte zu den führenden europäischen Kolonialmächten in Afrika. In der Amtszeit von Charles de Gaulle gewährte Frankreich in den 1960er Jahren den meisten seiner afrikanischen Kolonien die Unabhängigkeit. Frankreich unterhielt jedoch danach weiter sehr enge politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Beziehungen zu seinen ehemaligen Kolonien, die vielschichtig waren und die offizielle wie auch auf die informelle Ebene einschlossen. Oft hatten sie den Charakter von Klientelbeziehungen mit lokalen autoritären Herrschern und mit ihnen verbundenen Eliten, die im Gegenzug für wirtschaftliche und politische Gefälligkeiten von Frankreich unterstützt wurden.
Françafrique zeichnete sich durch mehrere Merkmale aus, die sich während des Kalten Krieges herausgebildet hatten. Das erste war die Afrikazelle, eine Gruppe, die den französischen Präsidenten und seine engen Berater umfasste, die die politischen Entscheidungen in Bezug auf Afrika trafen, oft in enger Zusammenarbeit mit mächtigen Unternehmensnetzwerken und dem französischen Geheimdienst. Ein weiteres Merkmal ist die CFA-Franc-Zone, eine Währungsunion, die die Währungen der meisten frankophonen afrikanischen Länder an den französischen Franc und später den Euro koppelte. Françafrique basierte zu einem großen Teil auf dem Konzept der Coopération, das durch eine Reihe von Kooperationsabkommen zum Ausdruck kam, die es Frankreich ermöglichten, enge politische, wirtschaftliche, militärische und kulturelle Beziehungen zu seinen ehemaligen afrikanischen Kolonien aufzubauen. Frankreich sah sich auch als Garant für Stabilität in der Region und verfolgte eine interventionistische Politik in Afrika, was zu militärischen Operationen führte, die von 1960 bis Mitte der 1990er Jahre im Durchschnitt einmal pro Jahr stattfanden. Häufig wurden damit französische Interessen oder die Macht von mit Frankreich verbündeten Herrschern geschützt.
Nach 1990 hat sich die besondere Beziehung Frankreichs durch den Tod von wichtigen Persönlichkeiten der Françafrique und der europäischen Integration Frankreichs abgeschwächt. In Afrika sah sich Frankreich außerdem beim Wettbewerb um politischen und wirtschaftlichen Einfluss immer mehr durch Mächte wie die Volksrepublik China oder in jüngerer Zeit auch Russland herausgefordert. Auch in der Innenpolitik zahlreicher afrikanischer Staaten hat der anhaltende Einfluss der alten Kolonialmacht für Kontroversen gesorgt und wurde als Bevormundung und Neokolonialismus empfunden, weshalb es in einigen Ländern zu verstärkten Bemühungen kam, sich von Frankreich zu lösen.
Etymologie Der Ausdruck France-Afrique („Frankreich-Afrika“), der 1955 von Präsident Félix Houphouët-Boigny von der Elfenbeinküste verwendet wurde, gilt als Vorläufer des Begriffs. Er beschrieb die engen Beziehungen afrikanischer Staaten zu Frankreich und war ein neutraler Terminus. Der Begriff wurde später von François-Xavier Verschave in Françafrique umbenannt und als Titel seines 1998 erschienenen Buches La Françafrique: le plus long scandale de la République verwendet, das die französische Politik in Afrika kritisiert. Verschave und die NGO Survie, deren Präsident er bis zu seinem Tod im Jahr 2005 war, griffen den Ausdruck von Houphouët-Boigny wieder auf, um die zahlreichen versteckten Verbindungen zwischen Frankreich und Afrika zu benennen und anzuprangern. Später definierte er Françafrique als „die geheime Kriminalität in den oberen Etagen der französischen Politik und Wirtschaft, wo sich eine Art Untergrundrepublik verbirgt“.
Geschichte
Kolonialzeit
Im Jahr 1659 gründete Frankreich den Handelsposten Saint-Louis im heutigen Senegal. Im 19. Jahrhundert wurden die Kolonialisierungsbemühungen verstärkt und Algerien wurde 1830 erobert und später zu einem integralen Teil Frankreichs gemacht. Die Bahnstrecke Dakar–Niger wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und verschiedene französischen Kolonialgebiete in Subsahara-Afrika zu Französisch-Westafrika (1895) und Französisch-Äquatorialafrika (1910) zusammengefasst. In beiden Weltkriegen kämpften zahlreiche Truppen aus afrikanischen Kolonialgebieten auf der Seite Frankreichs. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde den afrikanischen Kolonien in der Union française eine verstärkte Autonomie gewährt, was Charles de Gaulle 1944 auf der Konferenz von Brazzaville versprochen hatte.
Charles de Gaulle (1958–1969) Als Charles de Gaulle 1958 als französischer Staatspräsident an die Macht zurückkehrte, war Frankreich durch den Zweiten Weltkrieg und die Konflikte in Indochina und Algerien geschwächt. Er gewährte den verbliebenen französischen Kolonien in Afrika südlich der Sahara 1960 die Unabhängigkeit, um enge kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu ihnen aufrechtzuerhalten und weitere kostspielige Kolonialkriege zu vermeiden. Im Vergleich zur Entkolonialisierung von Französisch-Indochina und Algerien verlief die Machtübergabe in Afrika südlich der Sahara größtenteils friedlich. Die Vereinigten Staaten waren für die Dekolonisation, unterstützten jedoch auch eine anhaltende französische Präsenz in der Region, um den Einfluss der Sowjetunion im Sinne der Containment-Politik einzudämmen. mini|Französische Gemeinschaft 1959 Zur Bindung der französischen Kolonien an Frankreich wurde 1958 die Französische Gemeinschaft als Staatenunion und Nachfolger der Union française geschaffen. Am 28. September 1958 wurde ein Referendum organisiert, um über das Schicksal der betroffenen afrikanischen Staaten zu entscheiden. Ein „Ja“ bedeutete den Beitritt zur Französischen Gemeinschaft und einen Weg in die Unabhängigkeit, ein „Nein“ die sofortige Unabhängigkeit. De Gaulle hatte gewarnt, dass die Staaten, die mit „Nein“ stimmten, „Sezession“ betreiben würden und dass Frankreich seine finanzielle und materielle Hilfe zurückziehen würde. Alle stimmten mit „Ja“, außer Guinea, angeführt von Ahmed Sékou Touré, dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei Guineas. Am 2. Oktober 1958 erklärte Guinea seine Unabhängigkeit, und Sékou Touré wurde der erste Präsident des Landes. Er verkündete „Wir ziehen Armut in Freiheit einem Reichtum in der Sklaverei vor“. Paris befürchtete, dass Guinea ähnliche Bewegungen in der Region anstacheln könnte, und beschloss daher, politische und wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen. Obwohl Sékou Touré am 15. Oktober 1958 in einem Brief an de Gaulle darum bat, Guinea in der CFA-Franc-Zone zu belassen, schloss Frankreich das Land nach der Unabhängigkeit aus der Währungsunion aus. Das isolierte Guinea näherte sich im Rahmen des Kalten Krieges den Ländern des Ostblocks an. Das Land begann mit Hilfe ausländischer Experten an einer neuen Währung zu arbeiten, doch Frankreich sah darin eine Gefahr für seinen Einfluss. Daher leitete Frankreich 1959 Operationen ein, um die Regierung Guineas zu untergraben. Zu den angewandten Destabilisierungsmethoden gehörte die „Operation Persil“, bei der eine große Menge gefälschter Banknoten der neuen Währung ins Land gebracht wurde, um eine Inflation auszulösen und die Wirtschaft zu stören. Dennoch hielt sich das Regime von Sékou Touré mit Hilfe der UdSSR und Chinas bis zu seinem Tod im Jahr 1984 an der Macht.
Unter de Gaulles Berater Jacques Foccart wurde die Grundlage für Frankafrique gelegt. Foccart spielte eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der französischen Einflusssphäre in Subsahara-Afrika, indem er eine Reihe von Kooperationsabkommen in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Militär und Kultur mit einer Reihe afrikanischer Länder schloss, darunter den ehemaligen französischen Kolonien in Subsahara-Afrika (Benin, Burkina Faso, Dschibuti, Elfenbeinküste, Gabun, Guinea, Komoren, Madagaskar, Mali, Mauretanien, Mauritius, Niger, Republik Kongo, Senegal, Seychellen, Tschad und Zentralafrikanische Republik), ehemaligen Treuhandgebieten der Vereinten Nationen (Kamerun und Togo), ehemaligen belgischen Kolonien (Burundi, Ruanda und Zaire/Demokratische Republik Kongo) sowie ehemaligen portugiesischen (Guinea-Bissau) und spanischen (Äquatorialguinea) Gebieten. Foccart etablierte auch ein enges Netzwerk an persönlichen Beziehungen in Afrika. Frankreich förderte den Aufbau zentralistischer politischer Systeme in seinen ehemaligen Kolonien und stellte deren Herrscher dann unter seinen militärischen Schutz. Über sein Netzwerk in Afrika sicherte sich Frankreich die Kontrolle über die Rohstoffvorkommen der afrikanischen Länder, auf die französische Unternehmen einen bevorzugten Zugriff bekamen.
Georges Pompidou (1969–1974) Während seiner fünfjährigen Amtszeit brach Georges Pompidou nicht mit der gaullistischen Tradition. Françafrique war weiter unter der Führung von Foccart sehr stark, und in diesen Jahren wurde das System von Netzwerken zwischen Frankreich, französischen Unternehmen und afrikanischen Eliten ausgebaut.
Valéry Giscard d’Estaing (1974–1981) Als Valéry Giscard d’Estaing 1974 an die Macht kam, wollte er mit den Praktiken von de Gaulle brechen und die Beziehungen zwischen Frankreich und Afrika modernisieren. Dabei stieß er auf mehrere Hindernisse. Die Netzwerke von Françafrique blieben dank René Journiac, dem Nachfolger von Foccart, bestehen, der trotz der Apartheid enge Beziehungen zu Südafrika, aber auch zu Kongo, Gabun und Niger unterhielt, deren Rohstoffe für Frankreich wichtig waren. Die politische Instabilität der afrikanischen Staaten veranlasste ihn dazu, die Rolle des „Polizisten Afrikas“ zu spielen, d. h. militärisch zu intervenieren, insbesondere im Tschad und in Zaire, um den lokalen Machthabern unter die Arme zu greifen. Ein weiteres Hindernis war schließlich, dass der französische Präsident in Korruptionsfälle verwickelt war, die der Canard Enchainé im Oktober 1979 aufdeckte. Jean-Bedel Bokassa, Kaiser der Zentralafrikanischen Republik, soll ihm mehrfach Koffer mit Diamanten geschickt haben. Zunächst schwieg er über die Affäre, doch als neue Beweise auftauchten, meldete er sich schließlich zu Wort und erklärte, die erhaltenen Geschenke seien alle verkauft und das eingenommene Geld an Nichtregierungsorganisationen gespendet worden. Mehr als die Fakten war es vor allem die Symbolik der Affäre, die das Image Valéry Giscard d’Estaing erschütterte.
François Mitterrand (1981–1995) In den 14 Jahren, in denen François Mitterrand im Élysée-Palast regierte, standen sich zwei Dynamiken gegenüber. Die Notwendigkeit, die französischen Interessen in Afrika zu verteidigen, entsprachen den politischen Entscheidungen von Mitterrands Vorgängern, auch wenn er im Gegensatz zu de Gaulle und Pompidou ein Sozialist war. Dennoch gab es einen außenpolitischen Kurswechsel in Bezug auf Françafrique. Mitterrand machte die öffentliche finanzielle und materielle Hilfe des französischen Staates stärker von der Demokratisierung der afrikanischen Länder abhängig. Er distanzierte sich auch vom Apartheidregime in Südafrika.
Jacques Chirac (1995–2007) 1995 wurde Jacques Chirac nach mehreren Anläufen zum französischen Staatspräsidenten gewählt. Er brachte Foccart mit, der während Chiracs Zeit als Bürgermeister von Paris und Premierminister sein Berater in Afrikafragen gewesen war. Chirac setzte die diplomatischen Bemühungen Frankreichs fort, die besonderen Beziehungen zu Afrika aufrechtzuerhalten. So lehnte er die Abwertung des CFA-Franc ebenso ab wie eine Reform der Zusammenarbeit, die für ihn eine Aufkündigung der französischen Solidarität mit dem afrikanischen Kontinent bedeuten würde. Er wurde von den afrikanischen politischen Führern vor Ort geschätzt und machte die Frage der Menschenrechte nicht zu einer Priorität seiner Afrikapolitik, wie seine Nähe zum autoritären Regime von Mobutu Sese Seko in Zaire zeigte.
Nicolas Sarkozy (2007–2012)