miniatur|Ausschnitt des fol. 156 v des Codex Parisinus Latinus 8084, enthält einen Teil des einzigen Manuskriptes des Carmen contra paganos (Zeilen 22–30)
Das Carmen contra paganos (deutsch „Lied gegen die Heiden“, auch Carmen adversus paganos), früher auch bekannt als Carmen adversus Flavianum (deutsch „Lied gegen Flavianus“), ist ein anonymes, spätantikes lateinisches Gedicht, wahrscheinlich vom Ende des 4. Jahrhunderts. Es wurde in 122 Hexametern aus christlicher Perspektive als Invektive (Schmähschrift) gegen das Heidentum – das heißt die Vielzahl der Götter und Kultpraktiken der polytheistischen, synkretistischen römischen Religion der Spätantike – aus Anlass des Todes eines heidnischen Präfekten in der Stadt Rom verfasst.
Das Carmen, das als stilistisch schwach gilt und offenbar der zeitgenössischen polemischen Gelegenheitsliteratur zuzurechnen ist, ist vor dem Hintergrund der Christianisierung des Römischen Reiches Ende des 4. Jahrhunderts entstanden, als die Kaiser bereits christlich und nur noch ein Teil der stadtrömischen Senatsaristokratie „Heiden“ waren. Es beschreibt, wie ein ungenannter Präfekt (entweder ein praefectus urbi oder ein praefectus praetorio) heidnische Kultpraktiken in Rom ausübt, womit er seinen Tod durch Krankheit jedoch nicht verhindern kann. Dabei verhöhnt das Gedicht wortreich eine Vielzahl polytheistischer Götter und Kultpraktiken.
Als historische Quelle der althistorischen Forschung sind das Gedicht und vor allem die Frage nach der Identität des gemeinten Präfekten für die Chronologie und Bedeutung des sogenannten pagan revival („heidnische Restauration“) Ende des 4. Jahrhunderts relevant. Er wird nach ausführlichen Forschungskontroversen heute zumeist mit Vettius Agorius Praetextatus († 384) oder Virius Nicomachus Flavianus († 394) identifiziert; als Autor wird insbesondere Damasus I., Bischof von Rom, diskutiert.
Überlieferung
mini|alternativtext=Zu sehen sind zwei Seiten eines Manuskripts.|Erstes Folio des Carmen (rechts) neben dem Schluss der Werke des Prudentius (links). Links sind in dunklererer Farbe Verse kolometrisch geschrieben, rechts füllt der Text mit hellerer Tinte die Zeilen.
Das Carmen (CPL 1431Eligius Dekkers: Clavis patrum latinorum (= Corpus Christianorum, Series Latina). 3., ergänzte und überarbeitete Auflage, Brepols, Steenbrugge 1995, Nr. 1431.) ist nur in einem einzigen Manuskript erhalten, dem Codex Parisinus Latinus 8084, einer in Italien entstandenen Abschrift der Werke des römischen christlichen Dichters Prudentius aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert, heute in der Bibliothèque nationale de France in Paris.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 273. In dieser Ausgabe findet sich das Carmen, mit einer anderen Tinte und in anderer Schrift (einer unzialen Majuskelschrift) geschrieben, auf den letzten drei Pergamentblättern der Handschrift (fol. 156r–158), bildet also eine Art Anhang zu den Werken des Prudentius. Der Erhaltungszustand der Tinte ist schlecht, einige Zeilen sind nicht mehr vollständig entzifferbar.Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 329–331. Diese Abschrift befand sich im Besitz des römischen Senators und Konsuls von 527, Vettius Agorius Basilius Mavortius. Ihr weiterer Verbleib (Provenienz) ist kaum bekannt; 1675 ging sie aus der Sammlung des französischen Rechtsgelehrten Claude Dupuy (1545–1594; daher nach Dupuys Pseudonym auch Codex Puteanus genannt) in die Bibliothèque nationale de France in Paris über. Vermutet wurde, dass Dupuy das Manuskript aus der Bibliothek der Abtei Corbie übernommen hatte.Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 326 mit Anm. 5.
Eine erste vollständige Ausgabe, die das Werk der Forschung zugänglich machte, lieferte Léopold Delisle 1867.Léopold Delisle: Note sur le manuscrit de Prudence, n° 8084 du fonds latin de la Bibliothèque impériale. In: Bibliothèque de l’École des Chartes. Band 28, 1867, S. 297–303. Da die Abschrift, die von einer anderen Hand stammt als die Werke des Prudentius, stark fehlerhaft ist – der Schreiber kannte sich offenbar mit klassischer Literatur und paganen Kulten kaum aus –, ergeben sich Schwierigkeiten der Edition, Übersetzung und Interpretation.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 273: „In many cases [the scribe’s] errors have reduced the text to gibberish“. Eine weitere Edition legte kurz nach Delisle bereits Moriz Haupt vor.Veröffentlicht in Theodor Mommsen: Carmen codicis Parisini 8084. In: Hermes. Band 4, 1870, S. 350–363 (Latein; Digitalisat); abgedruckt u. a. in Adalbert-Gautier Hammans Supplementen zu Patrologia Latina, Band 1, Paris 1958, S. 780–784. Eine erste Übersetzung ins Deutsche lieferte erst Christoph Markschies 1994.Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 336–341.
Inhalt
Der Inhalt ist nicht immer klar und hängt auch von verschiedenen möglichen Emendationen (editorischen Korrekturen) ab; die folgende Darstellung folgt Alan Cameron und der Übersetzung und dem Kommentar von Christoph Markschies.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 275 ff.; Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 336 ff.
In den einführenden Versen 1–22 wendet sich der Autor direkt an die Heiden, deren Götter, Mythen und Kultpraktiken sogleich umfänglich kritisiert werden. Jupiter etwa wird für seinen Inzest mit Juno gescholten; die Götter generell für ihren Streit untereinander. Gegen die heidnischen Kulte gerichtet ist die Frage, wofür es sich denn zu beten lohne, wenn sogar die Götter selbst nur vom Schicksal regiert sind (Verse 17–18). Das Gedicht stellt den römischen Senatoren sodann die Frage, ob es wirklich angemessen sei, gerade von solchen Göttern salus (Wohlergehen, Gesundheit) zu erwarten (Verse 24–25).
Der nächste Teil des Gedichts (Verse 25 ff.) wendet sich dem Präfekten und seinem Tod zu. Laut Cameron bezieht sich das salus in der Anfangsfrage deshalb auf die Gesundheit des Präfekten, nicht auf das Wohlergehen des römischen Staates (salus rei publicae): Von solchen Göttern könne man keine Heilung erwarten.Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 278 f. mit Argumenten. Dies ist folgenreich für die Gesamtinterpretation des Gedichts, vgl. die alternative Deutung bei Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 364. Der Präfekt sei denn auch nach nur drei Monaten, in denen er „aufgehetzt“ in der ganzen Stadt nach Heilung gesucht habe, gestorben (Verse 28 f.). Der Autor zeigt sich entsetzt darüber, dass beim Tod des Präfekten unverdienterweise ein iustitium ausgerufen worden sei, eine Staatstrauer, bei der sich das Volk Roms als Zeichen der Trauer im sagum kleidete (Verse 32–33).Zu diesem neuen Verständnis der Passage ausführlich Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 287–296. Früher wurde iustitium als Wort für einen von dem Präfekten ausgerufenen Ausnahmezustand verstanden, sagum als Zeichen des Krieges. Sodann werden die (teilweise kaum mehr verständlichen) angeblichen Untaten des Präfekten geschildert, in Vermischung mit einer Kritik seiner Kultpraktiken. Unter anderem habe er, vom Teufel besessen (Verse 51–56),Eine Interpretation von Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 298–300. versucht, durch Bestechung Christen zu bekehren (Verse 78–86).
Im weiteren Verlauf findet sich eine Attacke auf den Kult eines taurobolium (Verse 57–77), das der Präfekt veranstaltet hatte, und weitere Angriffe auf die heidnischen Götter, darunter nicht nur solche aus dem griechisch-römischen Raum, sondern auch „östliche“ Götter wie Attis, Anubis, Kybele (mit Beschreibung der Feste der Magna Mater in den Versen 103–109Dazu Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätchen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 361 f.) und Isis, deren Mysterienkulte zeitgenössisch beliebt waren. Der Präfekt wird bei der Ausübung der Kulte in verschiedenen Tempeln beschrieben. Die Verse 87–99 fragen höhnisch, was die Anbetung dieser Götter dem Präfekten gebracht habe. Wie hätten die minderwertigen Götter – etwa „der lahme Vulcanus, mit seinem schwachen Fuß“ (quid tibi Vulcanus claudus, pede debilis uno?, Vers 97) – ihm helfen können, seinen Tod zu verhindern? Kein Wunder also, dass er nun „im kleinen Grab“ liegt (Verse 110 f.).
Der Schluss (Verse 115–122) wendet sich der Frau des Präfekten zu, die offenbar versucht hatte, ihren Mann mit Geschenken an die Götter zu retten, ihn damit aber stattdessen, so der Autor, geradewegs in den Tartaros schickte.
Form und Stil