mini|hochkant=1.2|Aus der Schedelschen Weltchronik von 1493: Bericht über Pogrom gegen die Juden in Deggendorf 1338 mini|hochkant|Schmähziegel gegen Juden (Ravensburg, aus dem 15. Jh.). Bis um 1430 befanden sich westlich davon die Synagoge und Wohngebäude der jüdischen Bevölkerung in der Judengasse.

Als Antijudaismus (von anti „gegen“ und Ἰουδαῖοι Iudaioi „Juden“) wird die Judenfeindschaft aus religiösen Motiven bezeichnet. Meist umfasst der Begriff die Gesamtheit antijüdischer Theorien und Verhaltensweisen im Christentum. Bei einer weiteren Definition umfasst er auch vorchristliche, örtlich und zeitlich begrenzte antike Judenfeindschaft und Judenfeindlichkeit im Islam.

Antijudaismus durchzog die Kirchengeschichte seit ihren Anfängen. Nach Trennung des Christentums vom Judentum (70–100) begleitete er den Aufstieg zur Staatsreligion des Römischen Reiches (313–380), die Christianisierung Europas, den universalen Herrschaftsanspruch des Papsttums und die Religionspolitik vieler christlicher Landesherren. Da Juden Jesus von Nazaret nicht als den Messias und Sohn Gottes anerkennen, stellten sie das kirchliche „Wahrheitsmonopol“ schon durch ihr Dasein in Frage. Sie wurden daher seit dem 4. Jahrhundert im christlichen Europa rechtlich, sozial und ökonomisch benachteiligt, ausgegrenzt und (besonders im Hochmittelalter und in der frühen Neuzeit) oft verfolgt, vertrieben und vielfach ermordet. Dies rechtfertigten Christen wiederum als „Strafe“ oder „Fluch Gottes“ für die angebliche „Verstockung“ oder „Gotteslästerung“ der Juden.Johannes Heil: Antijudaismus und Antisemitismus. Begriffe als Bedeutungsträger. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Frankfurt am Main 1997, S. 92–114.

Der Antijudaismus der Alten Kirche untermauerte großenteils überkommene judenfeindliche Stereotype, die in Ägypten verbreitet waren, mit einer Ideologie, die aus der Bibel hergeleitet, in gesamtkirchliche Lehren integriert, offiziell geschürt, europaweit verbreitet und so zu einem kulturellen Dauerzustand in der Geschichte Europas wurde.Nichals R.M. de Lange: Artikel Antisemitismus IV. Alte Kirche. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 3. Walter de Gruyter, Berlin 1978, ISBN 3-11-007462-1, S. 128. Er gilt deshalb als historische Voraussetzung des neuzeitlichen Antisemitismus. Das Verhältnis beider Formen zueinander und damit die Definition von Antisemitismus werden in der Antisemitismusforschung diskutiert.

Antike Neues Testament

Das Neue Testament (NT) repräsentiert die wichtigsten Schriften des sogenannten Urchristentums, die etwa zwischen 40 und 130 entstanden. Die Autoren des ersten Jahrhunderts waren jedoch alle Juden und verstanden sich als Angehörige des Judentums. Die messiasgläubige Jerusalemer Gemeinde war "keine christliche Urgemeinde."Andreas Benk: Christentum und Antisemitismus - zu lange eine unheilige Allianz katholisch.de 7 Juli 2024 (online) Die NT-Texte setzen die bleibende Erwählung des Volkes Israel zum „Volk Gottes“ voraus und sehen den Juden Jesus aus Nazaret als Bestätigung dafür.Ferdinand Hahn: Theologie des Neuen Testaments, Band 2. Mohr/Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148737-0, S. 79. Zugleich behaften sie die damaligen religiösen Führer der Juden und die ausführenden Römer mit der Schuld an seiner Kreuzigung. Jesus Christus habe sein Leben zur Versöhnung Gottes mit seinem Volk und mit allen Menschen gegeben.Ferdinand Hahn: Theologie des Neuen Testaments, Band 2. Tübingen 2005, S. 391.

Paulus von Tarsus, der Begründer der Völkermission, sah Jesu stellvertretende Schuldübernahme als Erfüllung des Bundes Gottes mit dem erwählten Volk Israel. Dieser Bund sei nie gekündigt worden und der unaufgebbare Existenzgrund der Kirche. Er warnte judenfeindliche Christen in Rom, diese Wurzel zu leugnen und so ihr eigenes Heil zu verlieren . Sein Römerbrief (verfasst um 56) gilt daher als ältestes Zeugnis gegen christlichen Antijudaismus.Ekkehard Stegemann: Der Jude Paulus und seine antijüdische Auslegung. In: Christina Tuor, Peter Wick, Ekkehard W. Stegemann (Hrsg.): Paulus und die Welt. Theologischer Verlag, Zürich 2005, ISBN 3-290-17364-X, S. 39.

Die NT-Schriften widersprechen also einer pauschalen Ablehnung des Judentums, enthalten gleichwohl aber innerjüdische Polemik der sogenannten Urchristenvgl. Benk 2022 und Zusammenfassung im Online-Artikel von Andreas Benk (Weblinks). Benk stellt die Existenz einer angeblichen "christlichen Urgemeinde" differenziert dar und spricht nicht pauschal von "Urchristen". gegen andere damalige Juden.Günter Wasserberg: Aus Israels Mitte, Heil für die Welt. Walter de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-015864-7, S. 26. Später verwendeten Heidenchristen immer wieder einige dieser antijüdischen Aussagen ohne ihren Eigenkontext, um damit die Entrechtung, Unterdrückung und Verfolgung aller Juden zu rechtfertigen: etwa mit (dem „Blutfluch“ der Jerusalemer Juden), (Jesus sagt über aktuelle Gegner, sie hätten den „Teufel als Vater“) oder (Paulus bezeichnet jüdische Gegner seiner Völkermission als „Mörder Jesu“ und „Feinde aller Menschen“). Ob der spätere gesamtkirchliche Antijudaismus im NT selbst angelegt war und zwangsläufig daraus hervorging, ist in der Forschung stark umstritten.Matthias Blum: Neues Testament. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus Band 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. Walter de Gruyter, Berlin 2010, ISBN 3-11-023379-7, S. 237.

Alte Kirche (2.–3. Jahrhundert)

Die Christen missionierten anfangs vor allem unter Juden und „gottesfürchtigen“ Nichtjuden, die die Tora wie sie selbst als gültigen Willen Gottes achteten. Die Theologen der Alten Kirche entwickelten ihre Lehren unter ständiger Berufung auf die Bibel und versuchten, Jesu Messianität daraus zu beweisen. Dazu deuteten sie deren Texte oft gegen den Wortlaut als Hinweise auf Jesus Christus. Folglich grenzten Juden und Christen ihre Bibelauslegung gegeneinander ab; beide Seiten polemisierten heftig gegeneinander. Entgegen manchen NT-Versen, die das nahelegen, beteiligten sich Juden jedoch nicht an den Christenverfolgungen im Römischen Reich.Hans Hermann Henrix: Judentum und Christentum: Gemeinschaft wider Willen. 2. Auflage, Verlagsgemeinschaft topos plus / Friedrich Pustet, Regensburg 2008, ISBN 978-3-8367-0525-7, S. 32.

Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer (70) beschleunigte den Trennungsprozess: Um 100 schlossen die Pharisäer als nunmehr führende jüdische Gruppe unter anderen die Christen als häretische Sekte aus dem Judentum aus und kanonisierten den Tanach. Ihre griechische Bibelübersetzung (Septuaginta) überließen sie den Christen, die sie später ihrerseits als Altes Testament kanonisierten. Mit dem Verlust der religiösen Teilautonomie und des Siedlungsrechts der Juden in Israel (130) war die Trennung vom Christentum vollendet. Dieses bestand nun mehrheitlich aus Nichtjuden. Für die Mission unter Nichtjuden übernahmen die Kirchentheologen nun auch die überlieferten ägyptisch-römischen Klischees über Juden und untermauerten sie mit ihrer Bibelauslegung.Nicholas R.M. de Lange: Antisemitismus IV: Alte Kirche. In: Theologische Realenzyklopädie Band 3, S. 128–137, hier s. 128f.

Als frühe Dokumente des kirchlichen Antijudaismus gelten der Barnabasbrief (um 130), der Brief an Diognet (nach 120) und der Dialog mit dem Juden Tryphon (155–160). Sie enthalten erstmals jene Thesen, die später offizielle Kirchenlehren wurden: Gott habe sein zuerst erwähltes Volk verworfen und seine biblischen Verheißungen auf die Kirche übertragen; diese sei nun das „wahre Israel“ (Ersatztheologie). Die Bibel gehöre der Kirche und beweise die Wahrheit ihrer Botschaft wie auch den Irrtum des Judentums. Die jüdische Tora sei durch Gottes „neuen Bund“ überholt und nur noch in allegorischer Deutung gültig. Die Juden seien Gott immer ungehorsam gewesen, so dass alle Schelt- und Fluchreden der Bibel für sie gälten, während alle Verheißungen und Segenszusagen den Christen gälten.Nicholas R.M. de Lange: Antisemitismus IV: Alte Kirche. In: Theologische Realenzyklopädie Band 3, S. 129f.

Infolge der Ersatz- oder Substitutionstheologie wurde den „von Gott verworfenen“ Juden auch ein Wohlergehen auf der Erde und ein Platz in der vom Christentum dominierten Gesellschaft abgesprochen und verwehrt. Ihre vermeintliche himmlische Ausgrenzung sollte auch eine irdische Entsprechung haben.

Ausgangspunkt der antijudaistischen Lehren war der in einigen NT-Stellen angelegte Pauschalvorwurf, „die Juden“ hätten Jesus als ihren Messias abgelehnt und seinen Tod böswillig herbeigeführt. Diese Schuld sei unaufhebbar und wirke als „Fluch“ in allen Generationen der Juden fort. Dieser Vorwurf einer angeblichen jüdischen Kollektivschuld wurde bis 160 zur Gottesmord-Theorie gesteigert (Osterpredigt Melito von Sardes). Daraus wurde ein angeblich krimineller Charakter der Juden und ihre angebliche Mordlust an Christen gefolgert. Bis 300 übernahmen die meisten Kirchenväter diese Theorie und verbreiteten sie, etwa in Lasterkatalogen und Predigten zu hohen kirchlichen Feiertagen. Johannes Chrysostomos etwa predigte wenige Jahre nach dem nizänischen Konzil (325):

Solche „harten Worte“ richtete Johannes Chrysostomus jedoch auch an Nichtjuden oder Christen; sie waren eine damals übliche Rhetorik.Rudolf Brändle (Hrsg.): Acht Reden gegen Juden. Stuttgart 1995, S. 54

Die jüdische Geschichte, besonders Tempel- und Landverlust, Zerstreuung, Verfolgung und Diaspora, wurde als Strafe Gottes für die Kreuzigung Jesu gedeutet. Aus diesem „Geschichtsbeweis“ wurde gefolgert, das Judentum sei zum Untergang verdammt und die übrigen Juden könnten nur durch die christliche Taufe gerettet werden.Nicholas R.M. de Lange: Antisemitismus IV: Alte Kirche. In: Theologische Realenzyklopädie Band 3, S. 131

Viele frühchristliche Schriften zu verschiedenen Themen enthielten auch judenfeindliche Inhalte. Ab etwa 175 verfassten christliche Autoritäten gesonderte Schriften mit dem Titel Adversus Judaeos („Gegen die Juden“). Erhalten sind Texte dieser Art von Tertullian, Hippolyt von Rom, Cyprian von Karthago (Testimonia) und anderen. Sie spiegeln nur zum Teil reale Konflikte mit Juden und dienten nicht der Judenmission, die damals weithin als zwecklos aufgegeben worden war, sondern der innerchristlichen Identitätsfindung. Sie sollten Christen angreifen, die jüdische Traditionen wahrten, Christen für kommende Dispute mit Juden wappnen oder Nichtchristen vor befürchteten jüdischen Einflüssen warnen. Sie wurden zu einer von Zeitumständen weitgehend unabhängigen Literaturgattung, die die antijudaistische Lesart des Alten Testaments für Jahrhunderte festlegte.Heinz Schreckenberg: Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte und ihr literarisches und historisches Umfeld. Band I: 1.–11. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1999, S. 564

Eusebius von Caesarea, der erste Kirchenhistoriker, führte die Fluchtheorie zu einer Geschichtstheologie aus, indem er behauptete, alle negativen Figuren der Bibel seien Juden, alle positiven dagegen „Hebräer“ gewesen. Letztere hätten den wahren Glauben gegen die Juden bewahrt und den Christen überliefert, die ihre von Beginn an erwählten Nachfahren seien. So sprach er den Juden alle biblischen Zusagen und Bundesschlüsse Gottes ab, kennzeichnete sie durchgehend als Feinde Gottes und stellte sie den Christen als eigene ethnische Gruppe gegenüber.Jörg Ulrich: Euseb von Caesarea und die Juden. De Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-016233-4, S. 66; Lutz Doering, Hans-Günther Waubke, Florian Wilk: Judaistik und neutestamentliche Wissenschaft: Standorte – Grenzen – Beziehungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 3-525-53090-0, S. 367

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