Das Gymnasium Kenzingen ist ein Gymnasium im südbadischen Kenzingen im Landkreis Emmendingen. 1878 als höhere Bürgerschule gegründet, war es zeitweise eine Realschule und ist heute eines der größten allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg.

Geschichte

Gründung als Höhere Bürgerschule Im Jahre 1878 wurde in Kenzingen auf Anordnung des großherzoglichen Staatsministeriums Karlsruhe eine höhere Bürgerschule gegründet. Der erste Jahrgang bestand aus 64 Schülern – ausschließlich Jungen, Mädchen waren lange nicht zugelassen – wovon die Hälfte aus Kenzingen selbst kam, der Rest aus den Umlandgemeinden. Der neuen Schule fiel es schwer, genügend Schüler für einen Jahrgang zu finden. Das hatte auch mit dem teilweise beschwerlichen Schulweg zu tun: Die Schüler aus Herbolzheim und Riegel konnten mit dem Zug nach Kenzingen fahren, andere jedoch, v. a. aus den Kaiserstuhlgemeinden, mussten zumindest einen Teil des Schulwegs zu Fuß zurücklegen, schließlich waren Fahrräder noch nicht im allgemeinen Gebrauch angekommen. Zwischen 1878 und 1887 stammten ein Drittel der Kinder aus Handwerkerfamilien 16 % kamen aus Beamten- und Angestelltenfamilien, weitere 16 % waren Kinder von Kaufleuten. Jeweils ca. 10 % waren Kinder von Landwirten und Akademikern, allerdings waren weit mehr Familien als angegeben in der Landwirtschaft tätig. Die restlichen Schüler waren Kinder von Wirten, Bierbrauern, Volksschullehrern und anderen Berufen.

Nachdem im Schuljahr 1880/81 die geplanten vier Klassen eingerichtet waren, konnte nach drei Jahren die Obertertia (Klasse 9) angeschlossen werden. Die fünfklassige höhere Bürgerschule bestand acht Jahre. Unterrichtet wurde nach dem Lehrplan eines Realgymnasiums. Diese besondere Strategie sollte zum einen den Schülern entgegenkommen, die nach dem kurzen Schulbesuch einen gewerblichen oder kaufmännischen Beruf ergreifen wollten, aber andererseits auch denen, die einen weiteren Schulbesuch und ein Studium anstrebten. Dem Lehrplan entsprechend war Latein erste Pflichtfremdsprache, dann folgte Französisch und schließlich Englisch. Das Schulgeld betrug in Sexta und Quinta, sprich in der 5. und 6. Klasse, 16 Mark jährlich, in höheren Klassen 20 Mark. Zum Vergleich: Das Jahresgehalt des Schulleiters lag bei 1800 Mark.

Schon bald mussten am ambitionierten Lehrplan jedoch Änderungen vorgenommen werden. Insbesondere der Erfolg des frühen Lateinunterrichts blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück, wie es in einem Prüfungsbericht heißt: „eine große Anzahl von Knaben [...] zum Erlernen dieser schwierigen Sprache entweder nicht die Kraft oder nicht die Lust haben“. Ab dem Schuljahr 1884/45 wurde deshalb eine Realabteilung gegründet, in der die Lateinstunden durch Deutsch ersetzt wurden. Außerdem wurde dort gewerbliches Zeichnen sowie gewerbliches und kaufmännisches Rechnen gelehrt, damit die Schüler auf einen praktischen Beruf vorbereitet werden konnten. Für wissenschaftlich orientierte Jungen wurde ein Griechischkurs angeboten.

Jahrtausendwende und Weltkrieg als Realschule Ab 1890/91 wurde der Latein-Pflichtunterricht vollständig aufgehoben und Französisch als erste Fremdsprache eingeführt. Damit begann gleichzeitig die Umwandlung in eine Realschule. Mit der Einführung einer Untersekunda (10. Schuljahr) führte man Schüler zur mittleren Reife, die sie für einen zwölfmonatigen Wehrdienst qualifizierte – damals eine wesentliche Verbesserung der Verhältnisse. Die ersten Reifezeugnisse gab es im Sommer 1892 für drei Jungen. Auch die Realschule war für Mädchen zunächst allerdings verschlossen. Schulleiter Otto Martin, der regelmäßig mit der Pferdekutsche durch das Umland fuhr, um für Anmeldungen zu werben, richtete 1890/91 eine „Mädchenschule“ und später erneut eine Mädchenabteilung an, beide Versuche wurden aber nach nur einem Jahr abgebrochen. Erst im Schuljahr 1897/98 erhielten Mädchen die endgültige Zulassung und waren auf dem Papier gleichberechtigt.

1897 hatte die Schule 130 Schüler, sechs Lehrkräfte und zusätzlich drei Religionslehrer – für evangelische, katholische und jüdische Schüler. Der Unterricht fand mangels eines eigenen Schulgebäudes im Franziskanerkloster in der Eisenbahnstraße statt. Dort befand sich allerdings bereits ein klostereigenes Spital. Diese Doppelnutzung des Gebäudes sorgte für Probleme, weshalb der Kenzinger Stadtrat im Januar 1897 die Errichtung eines neuen Schulgebäudes an der kleinen Elz beschloss – für den Preis von 135.000 Mark. Das neue Gebäude, in dem heute die Grundschule untergebracht ist, wurde bereits am 3. November 1989 eröffnet, ab sofort wurden hier Volksschüler und Realschüler unterrichtet.

Der neue Schulleiter Christian Franz brachte im neuen Jahrtausend eine pädagogische Debatte mit an die Schule. Er bat das Lehrerkollegium, möglichst langsam, laut und deutlich zu sprechen, und den Stoff ausführlicher zu erklären. Außerdem kritisierte er das Erteilen mündlicher Noten, denn „bei gleichgültigen und faulen Schülern nützt auch eine noch so große Masse schlechter Noten doch nichts“ und die fleißigen würden nervös und dachten nur noch an die Noten. Franz setzte auf „normale“ Notengebung. Eine teils heftige Auseinandersetzung mit dem Kollegium war die Folge. 1905 stellt er fest, dass die Anzahl der Schüler seit seinem Dienstantritt um 44 Schüler zurückgegangen ist und führt dies auf die strenge Notengebung der Lehrerschaft zurück. Die angesprochenen Lehrer dagegen beharrten auf ihrem Standpunkt, denn in der Schule gebe es eine große „Anzahl minderbefähigter Schüler“, die Notengebung sei sogar zu milde gewesen. Nach einer Weihnachtskonferenz 1906, auf der auch der Oberschulrat aus Karlsruhe anwesend war, der Partei für Schulleiter Franz ergriff, waren zwei der Kollegen zwar bereit, in wenigen Fällen die Noten zu ändern, eine Annäherung der gegensätzlichen Standpunkte war jedoch nicht erkennbar.mini|links|229x229px|alternativtext=Ehemaliges Franziskanerkloster und Unterrichtsstätte|Ehemaliges Franziskanerkloster und UnterrichtsstätteIn den Jahren 1907–1910 und 1928 beantragte der Stadtrat die Einrichtung einer Obersekunda, also einer 11. Jahrgangsstufe. Beide Male wurde der Antrag vom Oberschulamt aber aufgrund der geringen Schülerzahl abgelehnt. Das Schulgeld sank indes, 1912 betrug es 8 Mark für die unteren Klassen und 12 Mark für die höheren. Während des Ersten Weltkriegs zeichneten die Schüler Kriegsanleihen, sammelten Obstkerne und Altmaterial. An geregelten Unterricht war nicht zu denken. Oft fiel dieser aufgrund von Einberufungen, Schulhausbelegungen und Evakuierungen aus.

Dennoch überstand die Schule den Ersten Weltkrieg. In Erinnerung an die im Krieg gefallenen Schüler und Lehrer wurde 1928 ein Denkmal errichtet, im gleichen Jahr gründete sich der Verein der Ehemaligen. Im Krisenjahr 1923, dem Jahr der Hyperinflation, stieg das Schulgeld wieder an: Es betrug nun zwischen 9 und 18 Milliarden Mark. 1931 sollte die Schule auf Vorschlag der badischen Sparkommission geschlossen werden, doch der kräftige Widerstand von Schulleitung, Eltern, Stadt und Umlandgemeinden, die die wichtige Stellung der Schule im Schulbezirk hervorhoben, verhinderte die Schließung. Der Unterricht konnte aufrechterhalten werden.

Schule im Nationalsozialismus Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erfasste die NS-Ideologie auch die Realschule Kenzingen. Die nationalsozialistische Propaganda zeigte sich in Unterricht und Schulbüchern, insbesondere der Fächer Geschichte und Biologie, aber auch im alltäglichen Leben in der Schule, wie eine Mitteilung der Schulleitung aus dem Juli 1933 zeigt: „[...] hat angeordnet, daß Schüler und Schülerinnen zu Beginn und Ende des Unterrichts den Lehrern und Lehrerinnen durch Aufstehen, Einnehmen von strammer Haltung und Erheben des rechten Armes den zum Deutschen Gruß gewordenen Hitlergruß erweisen. Die Lehrer werden darauf achten, daß dabei gebührende Würde gewahrt wird“. An der Schule wurde eigens ein Fahnenmast für eine Hakenkreuzflagge errichtet, die jeden Montagmorgen feierlich gehisst wurde. Regelmäßig mussten Schüler an Gedenktagen und Schulungslagern teilnehmen, Hitlerreden wurden in der Schule übertragen. Während der NS-Diktatur hieß die Schule acht Jahre lang Richthofen-Schule, benannt nach dem Offizier Manfred von Richthofen. Gemessen an der Propaganda in Zeitungen und Rundfunk hielt sich die Schule jedoch zurück. Einzelnen Lehrkräften war es möglich, sich im Unterricht von der Parteilinie zu distanzieren oder NS-Methoden kritisch zu diskutieren. Als der schulische Religionsunterricht verboten wurde, gingen Schüler dafür ins Pfarrhaus. Im Zweiten Weltkrieg sammelten Schüler der Schule Knochen, Altmaterial, Maiskolben und Heilkräuter. Teilweise wurden sie außerdem für Schanzarbeit und als Flakhelfer eingesetzt.

Gymnasium nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Schule am 7. Januar 1946 für 78 Jungen und 54 Mädchen. Doch an den gewohnten Unterricht war nicht zu denken: Es mangelte an Büchern und Material, außerdem an Wohnraum, Kleidung und Nahrung. Es gab außerdem keine Fahr- und Beförderungsmöglichkeiten. Fatal für eine Schule wie die in Kenzingen, deren Schüler aus der ganzen Region kommen. 1948 wurden dann neue Lehrpläne eingeführt und die Stundentafel neu geordnet, und ab dem 6. November 1948 war die Schule offiziell ein Progymnasium. Nur wenig später musste sich die gesamte Schulgemeinschaft allerdings erneut gegen eine Schließung wehren: Das Ministerium in Freiburg beschloss die Aufhebung der Schule mit Ablauf des Schuljahrs 1951/52, weil Lehrkräften keine Wohnungen zur Verfügung gestellt worden sind. Die Schulleitung sowie Eltern, Lehrer und Stadt sprachen sich jedoch eindeutig für den Erhalt der Schule aus. Schließlich schuf die Stadt den benötigten Wohnraum für Lehrkräfte und die Schule hatte weiterhin Bestand. Die Benotung in Punkten, die unter der französischen Besatzungszeit eingeführt wurde, wurde wieder abgeschafft und die gewohnte Notenskala wieder eingeführt. Auch die Schulgeld- und Lernmittelfreiheit trat stufenweise in Kraft.

Nach wie vor wurden aber Progymnasium und Volksschule in einem Gebäude unterrichtet, was zunehmend für Platzmangel sorgte. Deshalb beschloss der Stadtrat bereits im April 1956, einen Neubau für das Progymnasium planen zu lassen. Es wurde ein Wettbewerb veranstaltet, dessen Sieger, dem Kenzinger Architekten Adolf Baumgartner, wurde die Planung übertragen. Nach der Grundsteinlegung 1959 konnte das neue Gebäude schon zum Schuljahr 1961/62 bezogen werden. Im gleichen Schuljahr beantragte der Elternbeirat den Ausbau zum vollwertigen Gymnasium.mini|268x268px|alternativtext=Blick auf die Schule. Links ein graues, rechts ein rotes Gebäude|Südseite mit Altbau (rechts) und Neubau (links)Der erste Abiturjahrgang verließ die Schule 1967. 16 Jungen und 5 Mädchen bestanden das Abitur ausnahmslos. Aufgrund der weiter steigenden Schülerzahlen erwies sich das neue Gebäude jedoch als zu klein. Die Klassen waren teilweise über die ganze Stadt verstreut: Am Kirchplatz, im ehemaligen Vermessungsamt und im Feuerwehrhaus wurde unterrichtet, außerdem Pavillons aufgebaut. Schnell war klar, dass ein Neubau hermusste. Erneut wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den eine Freiburger Architektengruppe gewann. Die Baukosten beliefen sich auf 7,4 Millionen Mark. Nach eineinhalb Jahren der Bauarbeiten wurde der Neubau 1973 eingeweiht.

Neuere Zeit 2005 kam erneut ein Erweiterungsbau mit dem Atrium hinzu. 2018 feierte die Schulgemeinschaft ihr 140-jähriges Jubiläum. Zum Schuljahr 2018/19 wurde mit IMP (Informatik, Mathematik, Physik) ein drittes Profilfach eingeführt.

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