mini|300px|Stiftskirche Faurndau Die Stiftskirche in Faurndau, einem Stadtbezirk im Westen von Göppingen im Landkreis Göppingen in Baden-Württemberg. Ihre Evangelische Kirchengemeinde Faurndau-Wangen-Oberwälden gehört zum Kirchenbezirk Geislingen-Göppingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Stiftskirche ist ein herausragender Bau der Romanik in Südwestdeutschland. Die Kirche ist seit 1977 eine bedeutende Sehenswürdigkeit an der Straße der Staufer.Straße der Staufer auf stauferstelen.de. Abgerufen am 10. Juli 2016.
Geschichte Im 9. Jahrhundert entstand nahe einer Furt über die Fils das kleine Kloster Faurndau. Am 11. August 875 wird Faurndau in einer Urkunde (WUB I,149), die heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen aufbewahrt wird, erstmals als Furentowa erwähnt. Damals übertrug König Ludwig der Deutsche seinem Hofdiakon Liutbrand das Kloster zusammen mit der Kirche in Brenz an der Brenz. 895 befanden sich beide Güter im Besitz des Reichsklosters St. Gallen, in dem Liutbrand Aufnahme gefunden hatte. Bis zur Stauferzeit gibt es keine schriftlichen Quellen über Faurndau.
1228 setzt die schriftliche Überlieferung wieder ein, als durch St. Gallen die Regeln des Faurndauer Chorherrenstiftes, in dem zu diesem Zeitpunkt acht Kanoniker das Kapitel bildeten und in benachbarten Pfarreien Dienst taten, neu gefasst wurden. Da die Staufer zum Zeitpunkt des Baus der Stiftskirche im Besitz der Vogteirechte über das Kloster St. Gallen waren und dieses auf Grund seiner nachgewiesenen schlechten wirtschaftlichen Lage kaum zu einem derartigen Neubau fähig gewesen war, muss an eine unmittelbare Beteiligung durch die Staufer gedacht werden. Eine mittelbare Beteiligung lässt sich anhand der staufischen Ministerialen von Rechberg und von Staufeneck nachweisen, die 1322 im Besitz der Vogtei über Faurndau waren. Ihr Erbe fällt später an die Herren von Ahelfingen und von Zillenhardt.
Im 15./16. Jahrhundert wurden die Grafen bzw. Herzöge von Württemberg Ortsherren von Faurndau. 1536 wurde mit Einführung der Reformation das Stift geschlossen, die zuletzt noch vier Chorherren und ihr Probst materiell und finanziell abgefunden und ein evangelischer Pfarrer eingesetzt.Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg .
Große Renovierung und archäologische Ausgrabungen In den Jahren 1956 und 1957 wurde die Stiftskirche mutig renoviert - mutig, weil die nachreformatorisch aus Holz eingebaute Chorempore und die Orgel-Westempore im Schiff entfernt wurden, um den romanischen Raumeindruck wiederherzustellen. Auch wurde die ursprüngliche steinerne Westempore über dem Vorraum, seit Aufmauerung des Turms 1341 geschlossen, durch Öffnung der Turm-Ostmauer im Inneren und deren Ersatz durch Betonpfeiler zum neuen und angemessenen Platz für die Orgel. Außerdem wurden die Fresken freigelegt und die Kirche erhielt einen neuen Altar, eine neue Kanzel und eine Fußbodenheizung. Der Architekt Konrad Hecht ließ aus letzterem Anlass Grabungen durchführen. Sie sind als Notgrabungen von beschränkter Aussagekraft, da sie nur einzelne Profile aufweisen, die zudem unzureichend dokumentiert sind. Von Hecht liegen lediglich ein knapper Bericht und ein Plan vor.
Hecht erarbeitete eine Phasengliederung, die weitgehend hypothetisch bleiben muss. Klare Grundrisse von Vorgängerbauten ergeben sich daraus nicht. Unsicher ist beispielsweise, ob die Reste einer Apsis, die nördlich des romanischen Chors angetroffen wurden, tatsächlich zum Kloster des 9. Jahrhunderts gehören. Sie überlagern eine ältere gerade Mauer.
Der örtliche Zeitungsredakteur und Kunsthistoriker Theo Dames rekonstruierte auf der Grundlage des Planes von Hecht 1957 eine andere Abfolge, die unter anderem eine ottonische, weiter nach Osten gelegene Kirche sah, die den karolingischen Apsidenbau abgelöst haben soll. Allerdings beruht diese Rekonstruktion auf einer Fehlinterpretation des Grabungsplanes, der eine Nord-Süd-verlaufende Mauer zeigt (Phase II), die hinter dem Altar kurz unterbrochen ist. Dames hat dies als Türdurchbruch verstanden und daraus geschlossen, dass es sich allenfalls um den Westabschluss einer Kirche, nicht aber um deren östlichen Abschluss handeln könne. Tatsächlich zeigt der Grabungsplan, dass hier ein kurzes Stück der Mauer hinter dem Altar nicht ergraben, sondern nur ergänzt wurde. Auch die Periodisierung der zahlreichen Mauerzüge im Westteil der Stiftskirche ist kaum möglich, da die verfügbaren Profilzeichnungen den Aufbau der Erdschichten viel zu idealisiert wiedergeben.
Im Südwesten wurden außerhalb des bestehenden Baus Fundamente des einst begonnenen Südwestturmes einer geplanten, aber im Bau nur begonnenen Doppelturmfassade ausgegraben.
Aus den Grabungen liegen nur wenige Funde vor, nämlich Fußbodenfliesen sowie ein Aquamanile der rotbemalten Schwäbischen Feinware, die im Hoch- und Spätmittelalter in Buoch hergestellt wurde.
Bestehender Kirchenbau - Äußeres Die Stiftskirche[Kirchenführer:] Rainer Hussendörfer und Walter Ziegler: Stiftskirche Faurndau; Heribert Hummel und Sigisbert Schwind: Zur Heiligen Familie, Faurndau. Schwäbische Kunstdenkmale Heft 58, Weißenhorn 2002. in ihrer heutigen, spätromanischen Form wurde von etwa 1200 bis 1220 auf den Fundamenten von vier Vorgängerbauten als dreischiffige, flachgedeckte Pfeilerbasilika errichtet. Zwei niedere Seitenschiffe, bis 1957 auch flachgedeckt, aber dadurch innen die Arkadenscheitel ein wenig überschneidend, begleiten das höhere Mittelschiff. Es erhält Licht aus den Rundbogenfenstern der nördlichen und südlichen Obergaden. Das heutige Dachwerk über dem Mittelschiff ist steiler und mit einem höheren Dachfirst ausgeführt als das romanische Dachwerk. An dem von einer „Totenleuchte“ bekrönten Mittelschiff-Ostgiebel wird dies deutlich.
Der Altarraum mit seinem Chorquadrat und dem dort nach der Mitte des 14. Jahrhunderts in die Südmauer eingebrochenen dreibahnigen Maßwerkfenster ist niedriger als das Mittelschiff und wird von einer halbzylindrischen Apsis geschlossen. Sowohl die gestuften Ortgänge außen an den Ostgiebeln von Apsisdach und hohem Mittelschiff, am Mittelschiff-Längsfries, unter der Kegeldach-Traufe der Hauptapsis und die Kapitelle im Inneren sind mit abwechslungsreichen Friesen, Ornament- und Skulpturenschmuck ausgestattet. Es ist allein schon an der Steinfärbung sichtbar, dass zahlreiche Bauteile, Ornamente oder Skulpturen im Rahmen der Restaurierung nicht nur gereinigt, sondern von Bildhauer Fauser in witterungsbeständigerem Muschelkalk kopiert und ausgetauscht wurden; das Stubensandstein-Original wurde dann im Städtschen Museum Göppingen archiviert. Ältester Bauteil ist im Osten der rippengewölbte Chor mit einer Hauptapsis und zwei Nebenapsiden, von denen die südliche später dem spätgotischen Sakristei-Anbau weichen musste.
Das ursprünglich zweitürmig geplante Westwerk wurde zwar ansatzweise begonnen, aber nie verwirklicht, und die Stiftskirche daher zunächst ohne Turm fertiggestellt. Ein mächtiger Einzelturm wurde erst 1341 auf dem Westgiebel in der ganzen Breite des Mittelschiffs errichtet und erhielt Mitte des 15. Jahrhunderts im oberen Bereich mit einem inzwischen verputzten Sichtfachwerk und darüber der achtseitigen Haube seine heutige Gestalt. Etwa gleichzeitig erfolgte auf der Südseite des Chorquadrats der Einbruch des gotischen Fensters, und anstelle der spätromanischen Südapsis entstand die spätgotische Sakristei mit ihrem reizvollen Sterngewölbe. Der Hauptzugang im Westen ist ein dreifach gestuftes Säulenportal, das von zwei Strebepfeilern flankiert wird. Es gehört zu den modernsten, um 1200 aus Frankreich in die deutsche Romanik importierten Bauformen. Das Rundbogenportal am nördlichen Seitenschiff ist stilistisch älter. Das Südportal gegenüber wurde nachträglich in die Mauer gebrochen und 1957 über seinem Rundbogen von Ulrich Henn das steinerne Christussymbol eines Lammes mit Siegesfahne gestaltet.
Bauplastik außen Die Außenmauern aller Bauteile schließen unter ihren Dächern an den Trauf- und Ortganggesimsen mit Rund- bzw. Blendbogenfriesen ab, teilweise auf Kopfkonsolen oder mit hängenden Blättern, am nördlichen Seitenschiff mit Masken und Reliefs von Fabeltieren, wohl in Unheil abwehrender apotropäischer Absicht. Um heutzutage die am und im Kirchengebäude vorfindliche christliche Bildersprache in skulptierten Tier- und Personendarstellungen sowie vordergründig „ornamentalen“ Elementen mit ihren meist vorromanischen Wurzeln zu verstehen, ist man in der Regel auf Fachliteratur angewiesen.Beispielsweise das bewährte Standardwerk: Heinrich Schmidt und Margarethe Schmidt: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel und Mariensymbolik. 1. Auflage, München 1981, 3. Paperback-Auflage, München 2026.
Hauptapsis und Chorquadrat Die Hauptapsis und das Chorquadrat sind entsprechend ihrer im Inneren sakramentalen Bedeutung außen architektonisch besonders reich gegliedert und skulptural ausgestaltet. Nach der Sockelzone ist die Fensterzone mit Lisenen in drei Felder geteilt, in denen die beiden seitlichen Fenster einen Rand mit Kerbschnittmuster zeigen und das größere Achsenfenster durch einen profilierten Rahmen hervorgehoben ist, über dem auf einer Konsolplatte eine Raubkatze ruht - nach der weit verbreiteten frühchristlichen, mit Mythen durchsetzten und dabei christologisch ausgerichteten Naturlehre des Physiologus ein Panther als friedliches Symbol für den auferstandenen Christus. Über ihm umzieht mit der ungewöhnlichen Höhe von zwei Werksteinlagen der meisterliche Apsisfries aus Rundbögen und gegenläufigen Girlanden das Apsis-Halbrund. Die aufwärts schwingenden Girlanden gehen in Baum-, Blatt- und Blütenwerk über: Palme, Akanthusblätter und Lilie als Symbole für ewiges Leben und als Paradies- und Lebensbaum. Mit ihrer straffen und kraftvollen Gliederung gehört die Faurndauer Apsis zu den Meisterleistungen schwäbischer Spätromanik.
Oberhalb des Kegeldaches der Apsis ziert den auf- und absteigenden Giebel-Rundbogenfries des Chorquadrats mit seinem Zackenschnitt und Zickzackmuster eine Steinfigur (Kopie, Original im Kirchenraum), die in Gestaltung (Gürtel) und Position ihre Zwillings-Entsprechung weiter oben in der Mittelachse des Hochschiffgiebels hat - nach dem Theologen Wolfgang Metzger (1899–1992)Wolfgang Metzger: Die romanische Stiftskirche in Faurndau und die Plastik ihres Ostgiebels. 1971. oben der Regent des Tages (über ihm die Sonne), unten der Führer durch die Nacht mit einem wertvollen und zu bewahrenden Gegenstand (Reliquiar?; über ihm die Eule). Metzgers ganzheitliche Deutung der bildhauerischen Ostgiebel-Gestaltung sieht zwei wichtige Sachverhalte: Zum einen das romanische Bedürfnis, das Gebäude und die Menschen in ihm vor bösen Mächten zu schützen (Architekturmagie), zum anderen der in acht Horen (Tagzeitgebete) gegliederte Tagesablauf der Faurndauer Chorherren. Danach lassen sich die Ostgiebel-Skulpturen mit ihren individuellen Charakterzügen entlang des auf- und absteigenden Ortgangfrieses zwischen Tagesregent und Nachtführer in sechs Dreiergruppen (im Folgenden mit Beispielen) den Horenzeiten zuordnen: Morgen (Tagesregent), Vormittag („Lecksfüdle“), Mittag (Löwe/Sonnentier), Nachmittag (Getrösteter), Abend (Führer durch die Nacht), Vormitternacht (Kopffüßler), Mitternacht (Dreigesicht), Nachmitternacht (Morgenmond).
Fries am hohen Mittelschiff Die umlaufende Friesgestaltung mit ihren Flechtbändern, Schachbrett- und Zickzack-Mustern ist nicht als „Schmuck“ gedacht, sondern die Formen stellten wirkungsmächtige Zauberzeichen dar - auch hier also Architekturmagie „am geweihten und gefeiten Bau“. Man war überzeugt, dass sie einen Schutzkreis um die Kirche und um die darin betenden Menschen bilden: magische Schachbrettgitter, Verzäunungen, Rauten-Flechtwerk und sich verschlingende Ranken, dazu Masken, aus deren Mündern die Stängel der Lilien quellen.
Steinmetzzeichen und Seitenschifffenster