Antonius’ Partherfeldzug war eine 36 v. Chr. von dem römischen Triumvirn Marcus Antonius unternommene erfolglose Militärexpedition gegen das von König Phraates IV. regierte Partherreich. Er war Teil der römischen Partherkriege.
Mit militärischer Unterstützung mehrerer Klientelreiche, darunter Armenien, stellte Antonius eine starke Streitmacht von ungefähr 100.000 Soldaten zusammen und zog mit ihr an den Euphrat. Relativ spät, etwa im Sommer 36 v. Chr., eröffnete er den Feldzug. Er fiel nicht direkt ins Partherreich ein, sondern zog auf einem für seinen Kriegsgegner überraschenden Umweg gegen das mit Phraates IV. verbündete und von Truppen entblößte Media Atropatene. Nach dessen Eroberung hätte er das Partherreich von Norden her bedrohen können. In Media Atropatene stieß er rasch mit dem Großteil der Truppen gegen die Königsresidenz Phraaspa vor und belagerte sie; die Belagerungsmaschinen ließ er nachführen. Phraates IV. und sein Verbündeter, König Artavasdes von Media Atropatene, standen unterdessen mit ihren Truppen in Nord-Mesopotamien, wo sie den Vorstoß des Antonius erwartet hatten. Doch gelang ihnen ein schneller Vormarsch nach Phraaspa und die Vernichtung des römischen Trosses mit dem Belagerungsgerät, bevor dieser Antonius erreichte. Der Triumvir konnte ohne dieses Gerät Phraaspa nicht erobern und musste, ohne ins Partherreich selbst vorgedrungen zu sein, nach Armenien zurückkehren. Auf dem beschwerlichen Rückweg verlor er durch parthische Angriffe und Seuchen zahlreiche Männer.
Quellen und ihre Tendenzen Mehrere bald nach Antonius’ Partherfeldzug entstandene historische Werke, in denen er behandelt war, sind verloren. So stellte Quintus Dellius dieses militärische Unternehmen, an dem er als Legat des Antonius selbst teilgenommen hatte, in einem Geschichtswerk dar.Strabon, Geographika 11, p. 523. Vom Bericht des Titus Livius im 130. Buch seiner römischen Geschichte ist nur eine sehr kurze Zusammenfassung überliefert.Livius, Ab urbe condita, Periocha 130. Die ausführlichsten erhaltenen Darstellungen finden sich in der vom im frühen 2. Jahrhundert n. Chr. schreibenden Gelehrten Plutarch verfassten Biographie des Antonius und im Geschichtswerk des im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. schreibenden Historikers Cassius Dio.Plutarch, Antonius 37–51; Cassius Dio, Römische Geschichte 49, 24–31. Daneben existieren zahlreiche kürzere Berichte, darunter im geographischen Werk des StrabonStrabon, Geographika 11, 13, 4 f.; 11, 14, 9. und in der Sammlung von Kriegslisten des Sextus Iulius Frontinus.Frontinus, Strategemata 2, 3, 15; 2, 13, 7; 4, 1, 37.
Die erhaltenen Quellen stimmen zwar in den wichtigsten Kernpunkten über den Ablauf des Feldzugs überein, weichen aber in zahlreichen Details voneinander ab und gehen daher höchstwahrscheinlich nicht auf eine einzige Primärquelle, etwa die Darstellung des Dellius, sondern mehrere frühere Gewährsmänner zurück. Im Einzelnen ist nicht feststellbar, welche konkreten Gewährsmänner in den erhaltenen Berichten herangezogen wurden. Abweichungen der Quellen gibt es bereits bezüglich der Zahl der Legionen, die Antonius am Beginn des Feldzugs zur Verfügung standen, sowie bezüglich der Höhe von deren Verlusten während des Kriegsverlaufs.Benjamin Kelly: Dellius, the Parthian Campaign, and the Image of Mark Antony. In: Studies in Latin Literature and Roman History, Bd. 14, Toronto 2008, S. 213–234, hier: S. 214 ff. und 233. Ferner differieren Plutarch und Cassius Dio darin, ob die Römer auf dem Rückzug die Taktik der Schildkrötenformation zur Abwehr parthischer Angriff nur einmal oder mehrfach anwandten.Plutarch, Antonius 45, 2 ff.; Cassius Dio, Römische Geschichte 49, 29, 2 – 31, 1. Während Plutarch hervorhebt, dass die römischen Truppen während des Rückzugs loyal zu Antonius gestanden hätten, behaupten Cassius Dio und insbesondere Orosius, dass viele Soldaten desertiert seien.Plutarch, Antonius 43, 2; Cassius Dio, Römische Geschichte 49, 29, 1; Orosius, Historiae adversus paganos 6, 19, 1. In Plutarchs Bericht finden sich Hinweise, dass er mehrere, einander in manchen Aspekten widersprechende Quellen benutzte. So gibt er etwa bezüglich der Ursache von Antonius’ Niederlage an einer Stelle an, dass Antonius seine Siegeschancen deshalb verspielt habe, weil er nicht in Armenien überwinterte und die Parther am Beginn des Folgejahrs – einem geeigneteren Zeitpunkt – angriff, sondern aus Sehnsucht nach Kleopatra mit seinen erschöpften Truppen noch zu später Jahreszeit in den Krieg zog.Plutarch, Antonius 37, 4 – 38, 1. An anderer Stelle sagt er hingegen, dass der ebenfalls den Namen Artavasdes führende, mit Antonius verbündete ArmenierKönig durch den Abzug mit seiner Reiterei in einem kritischen Moment dem Triumvirn die Möglichkeit zu einem entscheidenden Sieg genommen habe.Plutarch, Antonius 50.
In den Berichten über den Partherfeldzug scheinen viele Elemente der von Anhängern Octavians (des späteren Kaisers Augustus) gegen seinen innenpolitischen Hauptkonkurrenten Antonius verbreiteten Propaganda Eingang gefunden zu haben, in geringerem Umfang auch Fragmente von Antonius’ Gegenpropaganda. Beide Triumvirn erkannten die Bedeutung des Misserfolgs des Partherzugs hinsichtlich des Schadens, der Antonius’ Ruf als General dadurch drohte. Im überlieferten Charakterbild des Antonius finden sich etwa stereotype Züge tyrannischen Verhaltens, das dem Triumvirn schon von seinem erbitterten Gegner Cicero vorgeworfen worden war. So sei er bisweilen grausam verfahren und habe sich wegen seines Hanges zu Luxus – ein typischer Charakterzug eines Tyrannen – mit teuren Waren, z. B. goldenen Trinkbechern, auf den Feldzug begeben, was die Disziplin seiner Männer unterminierte. Ferner wird er bisweilen als prahlerischer und ruhmsüchtiger Feldherr dargestellt, der leicht von seinen Vertrauensleuten und Opponenten beeinflussbar und täuschbar gewesen sei. So wird etwa ausgeführt, dass Antonius stark unter dem Einfluss seiner Geliebten Kleopatra gestanden, ihr gegenüber sogar sehr unterwürfig gewesen sei. Laut PlutarchPlutarch, Antonius 42, 2 – 43, 1. sei er auf dem Rückzug nach Armenien dem Rat des Kriegstribunen Flavius Gallus gefolgt, diesem Kontingente für einen Angriff auf die den Römern folgenden Parther zu überlassen; und diese Attacke habe für die Römer in einem Fiasko geendet. Antonius habe sich auch durch seinen Kriegsgegner Phraates IV. täuschen lassen, indem er dessen Versicherung glaubte, dass er bei einem raschen Abzug von Phraaspa den Rückmarsch unbehelligt von parthischen Angriffen durchführen könne. Zum Konter negativer Propaganda ließ Antonius offenbar seine Sicht des Feldzugs verbreiten. Er gab dem Armenienkönig Artavasdes wegen dessen vorzeitigen Abzug mit den Hilfstruppen eine wesentliche Mitschuld am Misserfolg, wie in mehreren Quellen berichtet wird. In seinem nach Rom übermittelten Kriegsbericht verschleierte er laut Cassius DioCassius Dio, Römische Geschichte 49, 31, 1. seinen militärischen Fehlschlag, was sich in Plutarchs SchilderungPlutarch, Antonius 50, 2. von 18 angeblichen Siegen in kleineren Gefechten gegen die Parther spiegelt. Vor allem in Plutarchs Darstellung findet sich an manchen Stellen das Porträt des Antonius als einen für seine Soldaten sorgenden und ihre Strapazen teilenden Heerführers. Ein solches Bild eines guten Feldherrn dürfte von Antonius’ Freunden entworfen worden sein.Benjamin Kelly: Dellius, the Parthian Campaign, and the Image of Mark Antony, In: Studies in Latin Literature and Roman History, Bd. 14, Toronto 2008, S. 213–234, hier: S. 221–233.
Vorbereitungen mini|Büste des Triumvirn Marcus Antonius Antonius legte seinen Feldzug gegen die Parther als Rachekrieg für die Niederlage des römischen Generals Marcus Licinius Crassus gegen sie in der Schlacht bei Carrhae (53 v. Chr.) an. Auch waren die Parther 40 v. Chr. in den Ostteil des Römischen Reichs eingefallen. Ein Sieg über die gefährlichen Romfeinde hätte seinen Ruf als großer Feldherr in der Nachfolge Caesars bestätigt und seine Position gegenüber seinem Rivalen Octavian gestärkt. Nach der erfolgreichen Abwehr des parthischen Einfalls ordnete er im Winter 37/36 v. Chr. zur Vorbereitung des geplanten Feldzugs gegen die Romfeinde eine politische Neuordnung des von ihm verwalteten Ostreichs an. Neben den unter direkter römischer Kontrolle stehenden Provinzialgebieten im westlichen Kleinasien und Nordsyrien setzte er fähige und loyale Klientelherrscher wie Herodes und Polemon ein, deren Gebiete er erweiterte, insbesondere jenes seiner Geliebten, der Ptolemäer-Königin Kleopatra. Diese Klientelherrscher sollten durch effiziente Verwaltung ihrer Territorien Antonius’ erhebliche Geld-, Material- und Truppenforderungen für die Militärexpedition erfüllen können. Gute Voraussetzungen für den Partherfeldzug schienen sich zu ergeben, als damals parthische Adlige vor dem neuen König Phraates IV. zu Antonius flohen, von dem sie die Rückführung in ihre Heimat unter einem neuen Herrscher erhofften. Zu ihnen gehörte vor allem Monaises, den Antonius gut aufnahm, ein Grenzgebiet zum Partherreich unterstellte und angeblich sogar nach einem erfolgreichen Feldzug den parthischen Thron versprach.Helmut Halfmann, Marcus Antonius, 2011, S. 147–152; Michael Grant, Kleopatra, 1977, S. 204 f.
In Antonius’ Winterlager fanden sich wohl mehrere Klientelherrscher, jedenfalls Kleopatra und Polemon, ein. Letzterer nahm dann ebenso wie der Armenierkönig Artavasdes persönlich am Feldzug des Triumvirn teil. Nach der Ansicht des Althistorikers Helmut Halfmann habe Antonius nicht das Ziel verfolgt, das Partherreich zu vernichten, sondern Genugtuung für Crassus’ Niederlage etwa durch Rückgabe erbeuteter Legionsadler erreichen und Phraates IV. zum Friedensschluss zwingen wollen, daneben auch einen von ihm abhängigen Klientelkönig in Media Atropatene, einem von Phraates abhängigen parthischen Grenzstaat, zu installieren beabsichtigt.Helmut Halfmann, Marcus Antonius, 2011, S. 153. Phraates IV. schien beunruhigt und ließ Monaises ein Rückkehrangebot überbringen, das dieser annahm. Antonius gab Monaises römische Gesandte mit, die mit Phraates IV. Friedensverhandlungen einleiten sollten, worauf der Partherkönig nicht einging. Laut dem antiken Geschichtsschreiber Cassius Dio habe Antonius den Partherkönig durch sein Angebot täuschen und in falscher Sicherheit wiegen wollen.Cassius Dio, Römische Geschichte 49, 24, 3 ff.; vgl. Plutarch, Antonius 37, 2. Christoph Schäfer hält hingegen Antonius’ Verhandlungsangebot als eventuell durchaus ernst gemeint.Christoph Schäfer, Kleopatra, 2006, S. 162 f.