Die Lutherstrophe ist in der deutschen Literatur die am weitesten verbreitete Strophenform mit sieben Zeilen. Ihr Ursprung lässt sich bis in den mittelalterlichen Minnesang zurückverfolgen. Besonders populär wurde sie durch das reformatorische Kirchenlied im 16. Jahrhundert.

Aufbau Die Lutherstrophe weist üblicherweise das Reimschema auf. Die letzte Zeile kann als Waise auch reimlos ausfallen , so fast immer im Kirchenlied. Die sieben Zeilen lassen sich in einen Aufgesang (V. 1–4) und einen Abgesang (V. 5–7) unterteilen. Der Aufgesang besteht aus zwei metrisch und musikalisch identischen Verspaaren, den Stollen. Sie sind im Wechsel von jambischen Vierhebern mit stumpfer Kadenz und jambischen Dreihebern mit klingender Kadenz gestaltet. Von ihnen setzt sich der Abgesang durch das stumpf endende Reimpaar in V. 5 und V. 6 spürbar ab. Diese Dreiteilung erinnert an die Kanzonenstrophe, aus der sich die Lutherstrophe entwickelt hat.

Das Schema nach dem taktierenden Versprinzip: Aufgesang a b a bAbgesang c c b Geschichte Die Strophe ist schon im mittelalterlichen Minnesang zu finden, wurde aber erst mit dem evangelischen Kirchenlied des 16. Jahrhunderts populär. Martin Luther verwendete ab 1523 diese Strophenform für seine frühen Gemeindelieder, daher der Name. Einige dieser Texte sind weiterhin in Gesangbüchern enthalten, etwa Nun freut euch, lieben Christen g’mein oder Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Im 17. und 18. Jahrhundert blieb die Lutherstrophe für geistliche Dichtung beliebt und fand auch Eingang in katholische Gesangbücher, zum Beispiel mit dem Lied Fest soll mein Taufbund immer stehn. Die Lutherstrophe wurde allgemein mit Kirchengesang verbunden. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ist die Strophenform vermehrt in der weltlichen Lyrik nachweisbar. Sie wurde in satirischer und komischer Dichtung zur Parodie von Ernst und Frömmigkeit genutzt. Ihr Einsatz in Bänkelliedern führte dazu, dass man sich ihrer vermehrt in Romanzen und Balladen bediente. Schriftsteller der Romantik griffen auch wegen ihres ‚altdeutschen Klangs‘ auf die Lutherstrophe zurück, so dass sie noch im 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Hochzeits-, Trink- und Frühlingslieder sind Beispiele für die Verwendung bei geselligen Anlässen. Im 20. Jahrhundert ist sie nur noch selten belegt. In elegischer Dichtung kommt sie kaum vor.

Beispiele mini|Reinmar der Alte: Ich tuon mit disen dingen niht (12. Jahrhundert, aus dem Codex Manesse; rechte Kolumne mit roten Initialen) mini|Martin Luther: Ach Gott, vom Himmel sieh darein (1524) mini|Joachim Ringelnatz: Das Mädchen mit dem Muttermal (1928) Reinmar der Alte: Ich tuon mit disen dingen niht (12. Jahrhundert) Originalfassung Ich tuon mit disen dingen niht; ich trure ein teil ze sere. der mich so vil gesorgen siht, ich fuerhte, er mirs verkere uebel unde anders danne wol. nun weis ich, was ich sprechen sol, wan ich enkan niht mêre. Übersetzung Ich mache nicht mit bei diesen Dingen: Meine Traurigkeit ist doch zu groß. Wer mich so sehr in Sorgen sieht, fürchte ich, rechnet’s mir übel und nicht gut an. Nun weiß ich nicht, was ich sagen soll, denn ich kann nicht mehr.

Martin Luther: Ach Gott, vom Himmel sieh darein (1524) Originalfassung Ach got vom hymel syhe dareyn / vnd lass dich das erbarmen. Wie wenig sind der heyligen dein / verlassen synd wir armen / Dein wort man lest nit haben war / der glaub ist auch verloschen gar. Bey allen menschen kyndern Übersetzung Ach Gott, vom Himmel sieh darein und lass dich des erbarmen, wie wenig sind der Heilgen dein, verlassen sind wir Armen. Dein Wort man lässt nicht haben wahr, der Glaub ist auch verloschen gar bei allen Menschenkindern.

Paul Gerhardt: Ich steh an deiner Krippen hier (1653) JCh steh an deiner krippen hier / O Jesulein mein leben / Jch komme / bring und schencke dir / Was du mir hast gegeben. Nim hin es ist mein geist und sinn / Hertz / seel und muth / nimm alles hin Vnd laß dirs wol gefallen.

Aloys Blumauer: Abentheuer des frommen Helden Aeneas, oder Virgils Aeneis (1783) Es war einmal ein großer Held, Der sich Aeneas nannte: Aus Troja nahm er’s Fersengeld, Als man die Stadt verbrannte, Und reiste fort mit Sack und Pack, Doch litt er manchen Schabernack Von Jupiters Xantippe.

Wilhelm Wackernagel: Noch eins vom grünen Kranze (1845) Der schönste Ort davon ich weiß, Das ist ein kühler Keller; Das schnellste Geld davon ich weiß, Das ist der letzte Heller: Der rennt so hurtig, so geschwind, Und ruht nicht ehr als bis er findt Rheinwein und Muscateller.

Joachim Ringelnatz: Das Mädchen mit dem Muttermal – Chanson (1928) Woher sie kam, wohin sie ging, Das hab’ ich nie erfahren. Sie war ein namenloses Ding Von etwa achtzehn Jahren. Sie küßte selten ungestüm. Dann duftete es wie Parfüm Aus ihren keuschen Haaren.

Literatur

Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. Carl Hanser Verlag, München / Wien 1980, ISBN 3-446-12614-7, S. 543–547. Otto Knörrich: Lexikon lyrischer Formen (= Kröners Taschenausgabe. Band 479). 2., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-47902-8, S. 139 f.

Einzelnachweise

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