mini|Münster St. Nikolaus, 2022 Das Münster St. Nikolaus ist die Stadtpfarrkirche von Überlingen am Bodensee. Die fünfschiffige Basilika wurde zwischen 1350 und 1576 im Stil der Spätgotik errichtet. Zur Ausstattung des größten spätgotischen Kirchenbaus am Bodensee gehört ein Schnitzaltar von Jörg Zürn, ein Meisterwerk des deutschen Manierismus (1613–1616). Das Münster überragt die historische Altstadt von Überlingen vor allem durch den hohen Nordturm. Der halbkreisförmige Platz nördlich der Kirche war vor 1530 ein Friedhof. Südlich der Kirche steht das 1494 erbaute spätgotische Rathaus der Stadt, das bereits Einflüsse der italienischen Renaissance aufweist.

Baugeschichte links|mini|hochkant|Grundriss des Münsters mini|Innenraum, 2020 Der Ort Überlingen besaß wahrscheinlich schon um das Jahr 1000 eine Saalkirche. Im 12. Jahrhundert wurde sie durch eine längere und dreischiffige Säulenbasilika ersetzt. Beide Bauten waren wahrscheinlich im Stil der Romanik gehalten.

Die ursprüngliche Pfarrkirche Überlingens war die Michaelskirche in Aufkirch außerhalb von Überlingen. Die Michaelskirche wechselte im frühen 14. Jahrhundert mehrfach den Besitzer und büßte ihre Bedeutung ein. Anlässlich des Übergangs der Michaelskirche an den Deutschen Orden 1348 wird die Kirche in Überlingen bereits als Pfarrkirche bezeichnet. 1350 regelte Papst Klemens VI. die kirchlichen Verhältnisse in Überlingen neu und inkorporierte der Überlinger Pfarrkirche die Michaelskirche zu Aufkirch als Filialkirche. Um jene Zeit begann Baumeister Eberhard Rab in der Nikolauskirche mit der Errichtung eines neuen Chorraums in gotischem Stil. Für den Neubau wurde Abbruchmaterial verwendet, das aus im Jahr 1349 eingezogenen Besitzungen von Überlinger Juden stammte. Das Langhaus wurde ebenfalls neu errichtet und am 16. April 1408 durch Weihbischof Hermann von Konstanz geweiht.

Da der Reichtum der Stadt im 14. Jahrhundert wuchs, begann man 1424 mit einem erneuten Neubau des Langhauses. Die benachbarte Reichsabtei Salem hatte soeben das Salemer Münster vollendet; nun begann Überlingen – teilweise unter den gleichen Baumeistern – mit dem Umbau der Stadtkirche zur dreischiffigen Hallenkirche, die kurz darauf sogar zu einer fünfschiffigen Hallenkirche umgebaut werden sollte. Um 1470 wurde die Kirche noch einmal größer, als die Räume zwischen den Strebepfeilern zu Seitenkapellen ausgebaut wurden.

Die letzte Erweiterung zur heutigen Form war der Umbau zur Basilika nach 1512, wobei das Ulmer Münster als Vorbild diente. Dabei wurde das Mittelschiff nach oben erweitert und durch Obergaden ergänzt sowie mit Netzrippengewölben überwölbt. 1563 war die heutige Gestalt des Kirchenbaus vollendet.

Türme mini|hochkant|Nordturm, 2013 Ab dem beginnenden 15. Jahrhundert entstanden die beiden Chorflankentürme. Der Bau des Südturms wurde jedoch 1420 unterbrochen und nie vollendet. Gedeckt von einem Krüppelwalmdach, hängt in ihm die 1444 gegossene Osanna-Glocke.

Anders als beim Südturm gingen die Arbeiten am Nordturm (aus Rorschacher Sandstein) weiter. Ihn stellte man zur selben Zeit wie die Chorverlängerung und den Bau des Überlinger Rathauses 1494 vorläufig fertig. Knapp hundert Jahre später, 1574–1576, gestaltete man die oberen Geschosse des Nordturms zu seiner heutigen spätgotischen Gestalt um. Das bisherige Pyramidendach brach man bis auf das Glockengeschoss ab und ersetzte es durch neue Etagen in Fachwerkbauweise. Das siebte Geschoss trägt nun eine Plattform über der sich ein achteckiger Dachaufsatz mit abschließender welscher Haube erhebt.

Zur Zeit der Vollendung und Umgestaltung zahlreicher Kirchen im Stil des Historismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde auch erwogen, nach Plänen des erzbischöflichen Baudirektors Max Meckel aus Freiburg im Breisgau die beiden Münstertürme neugotisch zu vereinheitlichen. Zu einer Verwirklichung der Pläne kam es jedoch nicht.

Nachdem man 1937 den hölzernen Dachaufsatz des Nordturms restauriert hatte, beschädigte ein Brand zwei Jahre später, am 13. August 1939, die oberen Fachwerkgeschosse schwer, die daraufhin nur notdürftig renoviert wurden. Als im Jahr 1950 der Kirchturm der St. Michaelskirche in Aufkirch einstürzte, sorgte man sich, dass es der Nordturm des Münsters wegen seines sehr schlechten und gefährlichen Zustands dem Turm der Michaelskirche gleichtun und ebenfalls zusammenbrechen könne. Deshalb begann man kurz darauf mit dem Abriss des Dachaufsatzes sowie des darunterliegenden Uhrengeschosses. Die hölzernen, beschädigten Geschosse wurden daraufhin in Beton neu aufgebaut. Bis zum Patrozinium der Kirche, dem Nikolaustag 1951, waren die Arbeiten abgeschlossen.

Kollegiatstift mini|hochkant|links|Das ehemalige Pfründhaus des Kollegiatstiftes, 2015 Im Jahr 1609 wurde durch die Zusammenlegung der städtischen Pfarrei und der örtlichen Pfründen das Kollegiatstift St. Nikolaus (Ad Sanctum Nicolaum) gegründet. Diese späte Stiftsgründung in der Frühen Neuzeit galt als relativ selten, da Überlingen eine der wenigen Reichsstädte (neben Buchhorn, Pfullendorf und Rottweil) im südwestdeutschen Raum des Heiligen Römischen Reiches war, die während der Reformationszeit beim katholischen Glauben blieb (anders als z. B. Konstanz, Lindau oder Ravensburg). Als Vorbild für die Überlinger Kollegiatstiftung galten die katholisch reformierten Statuten von St. Stephan in Konstanz. Mit der Mediatisierung 1803 löste man das Stift zunächst auf, wobei die endgültige Auflösung erst 1810 durchgeführt wurde, als das Großherzogtum Baden das verbliebene Stiftsvermögen einzog.

Teile der stiftseigenen Bibliothek wurden um 1832, gemeinsam mit den alten Überlinger Klosterbibliotheken (Franziskaner und Kapuziner) und der reichsstädtischen Ratsbibliothek, zur Leopold-Sophien-Bibliothek zusammengelegt. Das (stark umgebaute) ehemalige Pfründhaus des Stiftes befindet sich noch heute am Münsterplatz gegenüber dem Münster. Nach einer umfangreichen Sanierung des, im Kern mittelalterlichen, Gebäudes wurde es im Jahr 2012 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Ausstattung mini|Hochaltar

Altäre Das überregional bedeutsamste Kunstwerk des Münsters ist der geschnitzte Hochaltar, den der Überlinger Holzschnitzer Jörg Zürn und seine Mitarbeiter von 1613 bis 1616 schufen. Er besteht aus unbemaltem Lindenholz und ist mit 23 lebensgroßen sowie über 50 kleinen Figuren, teilweise in szenischen Darstellungen, dekoriert. Zentral ist die Geburt Christi dargestellt, daneben Heilige und Apostel, darunter Jakobus der Ältere für die Pilger auf dem Jakobsweg sowie Rochus und Sebastian, die die Stadt vor der Pest beschützen sollten. Unterhalb dieser Szene ist die Verkündigung dargestellt, oberhalb die Krönung der Jungfrau Maria. Auf der vierten Ebene, unterhalb des abschließenden Kruzifixes, thront eine Figur des Bischofs Nikolaus von Myra, des Patrons der Kirche.

In den Seitenkapellen des Langhauses stehen 13 weitere Altäre, die aus der Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert stammen. Die Altaraufbauten sind zum Teil mit prächtigen Schnitzereien dekoriert. Darunter fällt besonders der Rosenkranzaltar im südlichen Seitenschiff ins Auge, den David Zürn 1631 schnitzte. Eine Holzfigur der Muttergottes ist hier umgeben von 15 szenischen Rundreliefs, die Motive aus dem Rosenkranz-Gebet darstellen. Der Marienaltar, von Westen her der vierte im südlichen Seitenschiff, ist nach dem Hochaltar das bedeutendste Kunstwerk im Münster; es handelt sich um das erste Werk des Holzschnitzers Jörg Zürn in Überlingen (1607–1610).

Vom Überlinger Künstler Josef Eberle stammen zudem der Kinderfreund-Altar und der Herz-Jesu-Altar. Einer der beiden steht rechts neben dem Hochaltar, der andere in einer der Seitenkapellen.

mini|Restauriertes Fresko an der Wand über dem Chorbogen

Malereien und Skulpturen An den Pfeilern des Mittelschiffs sind auf kleinen Konsolen überlebensgroße Holzfiguren der zwölf Apostel und des Erlösers postiert, die aus dem Jahr 1552 stammen.

Die Wand über dem Chorbogen ist mit einem riesigen Fresko bemalt, das das Jüngste Gericht darstellt. Jacob Carl Stauder malte es im Jahr 1722. Es ist vom Laienraum aus gut sichtbar und sollte für die Gläubigen eine ständige Mahnung sein. 2023 bis 2025 wurde das Fresko umfassend restauriert.

In der südwestlichen Vorhalle des Münsters findet sich ein Fresko von Marx Weiß (1563), das eine Schutzmantelmadonna darstellt. Von einem weiteren Fresko von 1493 sind an der Nordseite des Münsters noch Spuren erhalten; es stellte den Tod der Maria und das Jüngste Gericht dar und diente als Schmuck eines Familiengrabes.

Orgeln Hauptorgel mini|hochkant=0.7|Hauptorgel Die Hauptorgel (Nikolausorgel) wurde 1968 von Mönch und Pfaff (Überlingen) mit 53 Registern auf drei Manualen und Pedal (mechanische Spiel- und elektrische Registertraktur) gebaut. 1995/1996 führte die Erbauerfirma Mönch eine Revision durch, bei der Dispositionsänderungen vorgenommen wurden und eine elektronische Setzeranlage installiert wurde. 2013 erfolgte eine Revision mit Dispositionsänderungen durch Hermann Weber (Leutkirch im Allgäu). Die Disposition:

I Rückpositiv C–g3 Principal 8′Weber 2013. Dieses Register wurde aus dem bisherigen Praestant 4′ (im Prospekt) gewonnen, der in der großen Oktave mit 12 neuen Zinnpfeifen (aus Platzgründen nach innen gekröpfte Bauweise) ergänzt wurde. Holzgedackt 8′ Quintade 8′ Octav 4′Weber 2013, anstelle von Terzcymbel II–III ′ Rohrflöte 4′ Waldflöte 2′ Sesquialter II ′ Larigot ′ Scharff IV 1′ Dulcian 16′ Vox humana 8′ Tremulant II Hauptwerk C–g3 Praestant 16′ Bourdon 16′Mönch (vor 1995), anstelle von Quintade 16′. Die Registerwippe ist unverändert mit „Quintade 16′“ beschriftet. Principal 8′ Flöte 8′Weber 2013, anstelle von Gedackt 8′. Die Registerwippe ist unverändert mit „Gedackt 8′“ beschriftet. Gemshorn 8′ Octav 4′ Spillflöte 4′ Quinte ′ Superoctav 2′ Großmixtur IV–VI 2′ Kleinmixtur III ′ Cornet V 8′ Trompete 8′ Clairon 4′ III Schwellwerk C–g3 Principal 8′ Rohrgedackt 8′ Salicional 8′ Schwebung 8′Ab c0. Octav 4′ Blockflöte 4′ Nasat ′ Flachflöte 2′ Terz ′ Octävlein 1′ Acuta IV–VI ′ Fagott 16′ Trompette harmonique 8′ Hautbois 8′Mönch 1995, anstelle von Septime ′ (1968). Schalmey 4′ Tremulant Pedal C–f1 Untersatz 32′Mönch 1995, neu hinzugefügt. Principal 16′ Subbaß 16′ Kupferoctav 8′ Spitzgambe 8′ Choralbaß 4′ Nachthorn 2′ Hintersatz IV ′ Contrafagott 32′ Posaune 16′ Trompete 8′ Zink 4′ Cornett 2′ Koppeln (elektrisch (nur I/II ist mechanisch); als Registerwippen und Pistons): III/I, I/II, III/II, III/I, I/P, II/P, III/P. Setzeranlage. Sequenzer vor und zurück. Einzelabsteller für die Zungenregister. Crescendowalze, Schwelltritt für III. Manual.

Chororgel mini|hochkant|Seuffert-Orgel Die Chororgel (Marienorgel) wurde 1761 vom Würzburger Hof-Orgelmacher Johann Philipp Seuffert für die Pfarrkirche St. Andreas im unterfränkischen Erlabrunn gebaut. 1966/1967 wurde die Erlabrunner Pfarrkirche umgebaut und im Sinne des damaligen Zeitgeistes purifiziert. Dieser Maßnahme fiel letztlich auch die Seuffert-Orgel zum Opfer. Sie wurde abgebaut und vom Orgelbaumeister Norbert Krieger für den Bau einer neuen Orgel in Zahlung genommen. Zufällig entdeckte Erich Hildenbrand von der Überlinger Pfeifenwerkstatt Hildenbrand und Brede die Orgel in Kriegers Orgelbauwerkstatt und informierte den damaligen Überlinger Münsterorganisten und Chordirektor Anton Johannes Schmid. Am 10. März 1975 wurde die Seuffert-Orgel im Münster aufgestellt. 1996 erfolgte eine Renovierung durch Egbert Pfaff (Überlingen). 2023/2024 wurde die Marienorgel durch Hermann Weber (Leutkirch im Allgäu) umfassend restauriert. Dabei erfolgte der Einbau einer Windanlage mit Keilbalg, die Rekonstruktion der Trakturen sowie des Manuals und Pedals nach historischem Vorbild, und der Ersatz aller nicht historischen Materialien durch Massiv-Bauweise. Seitdem verfügt die Orgel über 13 Register auf einem Manual und Pedal (mechanische Schleifladen). Die Disposition: