Die Operation Campus war eine nicht von Washington autorisierte, streng geheime Operation des Counter Intelligence Corps (CIC) der US-Amerikaner in Offenbach am Main zum Schutz deutscher und amerikanischer Einrichtungen Anfang der 1950er Jahre. Die Operation diente der Suche nach Lecks in den deutschen Sicherheitsapparaten und reichte bis in die Bundesministerien und das Bundeskanzleramt.
Das für die militärische Spionageabwehr zuständige CIC hatte ursprünglich die Aufsicht über die Organisation Gehlen, die bis 1949 Teil des US-Army-Geheimdienstes war. Das CIC befürchtete nach Gründung der Bundesrepublik Angriffe auf die deutschen Regierungskreise und auf die Organisation Gehlen, die nun zum US-Auslandsgeheimdienst CIA gehörte. Nach den großen Verhaftungswellen von Gehlen-Agenten in der DDR 1953 stand der Sowjetspion Heinz Felfe in der Organisation Gehlen konkret im Fadenkreuz von Campus. Weder die Organisation Gehlen noch die CIA waren von diesem Verdacht unterrichtet worden.
Das von Campus geknüpfte Informanten-Netzwerk hatte selbst Lecks zu östlichen Geheimdiensten. MfS und KGB begannen eine Gegenoperation zum Schutz ihrer Agenten. Diese führte zu falschen Anschuldigungen gegen die Schlüsselfigur Ludwig Albert bei Campus und zu dessen Verhaftung durch das Bundeskriminalamt (BKA). Albert war Mitarbeiter der Organisation Gehlen und hatte mit Wissen von Reinhard Gehlen für Campus gearbeitet. Tragischerweise nahm er sich im Gefängnis das Leben.
Die Operation Campus wurde danach umgehend eingestellt. Die gleichfalls in der Organisation Gehlen und bei der CIA angestellten Untersuchungen blieben ergebnislos, weil die CIC-Berichte unter Verschluss gehalten wurden. Aus der Organisation Gehlen entstand 1956 der Bundesnachrichtendienst (BND). Erst die Enttarnung und Verhaftung von Heinz Felfe 1961 aufgrund von Überläuferaussagen und die mutmaßlich vom KGB beeinflusste Spiegel-Affäre 1962 zerrütteten danach das Verhältnis von Bundeskanzler Konrad Adenauer zu Reinhard Gehlen.
Der Beginn von Campus Nachdem die US Army die Organisation Gehlen 1949 an die CIA abgegeben hatte, begann das Counter Intelligence Corps der US Army, das eng mit den Spionageabwehrstellen von Gehlen zusammengearbeitet hatte, eine Geheimoperation zur Überwachung der deutschen Sicherheitsstrukturen unter dem Namen „Campus“. Die Namensgebung war eine Anspielung auf Camp Nicolaus, den Sitz der Organisation Gehlen in Pullach. Ziel dieser Operation war es, eventuelle kommunistische Einbrüche in die Sicherheitsorgane der ebenfalls 1949 gegründeten Bundesrepublik aufzudecken.James H. Critchfield Papers, KGB-Felfe documents, Mss.2004.09_20140527_010.pdf, Blatt 3. Um in der neuen Bundesrepublik präsent zu sein, hatte Gehlen eine Gruppe einflussreicher Personen installiert, die seiner Organisation verbunden waren. Diese „Sonderverbindungen“ waren keine Agenten. Man würde sie im heutigen Sprachgebrauch eher als Lobbyisten bezeichnen. Außerdem war die Spionageabwehr Gehlens auf Wunsch von Adenauer beim Aufbau des Verfassungsschutzes beteiligt. Tatsächlich entwickelte sich aus Spionageabwehr/Gegenspionage und Sonderverbindungen alsbald die Inlandsaufklärung von Gehlen in Konkurrenz zum Verfassungsschutz. Weder das CIC noch die CIA hatten genaue Einblicke in diese Operationen, die Gehlen über seine Kontakte im politischen Raum der Bundesrepublik nutzte. Schließlich fanden sich in nahezu allen Bereichen von Ministerien, Ämtern und Sicherheitsbehörden „Sonderverbindungen“ der Organisation Gehlen, die Inlandsaufklärung betrieben.Klaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste, Teil 1, S. 25ff.
Das misstrauische CIC richtete deshalb das Augenmerk auf die Wechselbeziehungen von Regierungsbehörden mit der Organisation Gehlen. Ein Campus-Angehöriger nannte die Problematik ungeschönt beim Namen:„Einer der größten Fehler, den die Vereinigten Staaten jemals auf dem Gebiet der Geheimdienstarbeit begangen haben, war es, Gehlen zu nehmen. Schon im Krieg war sein Laden nicht gerade effektiv, und er hat im Lauf der Zeit auch nichts dazugelernt. Seine Methodik war antiquiert, sein Kommunikationswesen primitiv und seine Sicherheit gleich null. Er war vom ersten Tag an der Infiltration ausgesetzt.“Mary Ellen Reese, Der deutsche Geheimdienst – Organisation Gehlen, S. 200. Beim CIC argwöhnte man nicht zu Unrecht eine Unterwanderung der Organisation Gehlen bis hinauf in deutsche Regierungskreise. Der Kern des Verdachts lag in der Denkweise, dass unter den vielen ehemaligen Kommunisten in Deutschland, die nun wieder in Freiheit waren, der Versuch unternommen würde, in den deutschen Verwaltungsapparat einzudringen.Mary Ellen Reese, Der deutsche Geheimdienst – Organisation Gehlen, S. 199. Das entsprach dem Denken der Spionageabwehr der Organisation Gehlen, die mit der Operation „Fadenkreuz“ längst veraltete Spuren zur ehemaligen kommunistische Spionageorganisation „Rote Kapelle“ verfolgte.Gerhard Sälter, Phantome des Kalten Krieges, S. 94ff. Die CIC-Operation Campus war im Gegensatz zu „Fadenkreuz“ weit näher am realen Geschehen.
Die Leitung von Campus übernahm die Region III des CIC in Offenbach bei Frankfurt unter Oberst Thomas W. Dale, der 1950 nach Offenbach gekommen war. Dale informierte weder die CIA noch die Organisation Gehlen von seiner geheimen Mission. Er nutzte mit dem Ex-Gestapo-Hauptsturmführer Heinrich SchmitzKlaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste, Teil 1, S. 88. und dem SD-Untersturmführer Richard SchweizerKlaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste, Teil 1, S. 98–99. zwei NS-belastete Hauptinformanten mit Bezügen zur Organisation Gehlen, die wiederum andere Personen in Bundesbehörden und bei Gehlen als Unterquellen in das Netzwerk einbanden. Schmitz und Schweizer gelangten erst nach Abschluss von Campus selbst zur Organisation Gehlen bzw. zum BND.
Als die CIA und die Bundesregierung planten, die Organisation Gehlen offiziell zum 1. April 1953 in die deutschen Bundesdienste zu überführen, verhinderte eine massive Kampagne ostdeutscher und sowjetischer Dienste gegen die Organisation Gehlen das zunächst. Die unter dem Namen „Feuerwerk“ bekannten konzentrierten Schläge gegen die Gehlen-Spione in der DDR 1953 verursachten große Verluste. Dieser Angriff auf die Organisation Gehlen führte zu einer Intensivierung der Operation Campus. Die Region III des CIC in Offenbach bei Frankfurt unter Thomas Dale hatte die Pannenfälle analysieren lassen und kam zu dem Ergebnis, dass etwa 70 Prozent der Informationen aus dem Umfeld der Gegenspionage-Stelle GV L der Organisation Gehlen gekommen sein musste, behielt diese Informationen aber für sich.James H. Critchfield Papers, KGB-Felfe documents, Mss.2004.09_20140527_008.pdf. Wörtlich notierte die Region III der 66th CIC Group am 24. Juni 1954 in einem Bericht über Heinz Felfe, der in der Gegenspionage der Organisation Gehlen tätig war:"Continued investigation concerning the information furnished by the Communists regarding the Gehlen Organization last winter has revealed that at least seventy (70) percent of the information could have come only from the former Sicherheitsdienst (SD) group within the Gehlen Organization, to which group subject [meint Felfe] belongs.“Ins Deutsche übersetzt kamen die Auswerter beim CIC also bereits im Sommer 1954 zu dem Ergebnis, dass von den Informationen, die die sowjetische Seite zuvor gestreut hatte, mindestens 70 % nur von einer Gruppe ehemaliger SD-Leute innerhalb der Organisation Gehlen, darunter Heinz Felfe, stammen konnten. Zu den weiter vom CIC in Offenbach neben Felfe verdächtigten Personen der GV L gehörten auch Wilhelm Krichbaum, Emil Augsburg, Carl Schütz und Oskar Reile, wie die etwa 100 umfänglichen Dossiers von Campus belegen.Klaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste, Teil 1, S. 151
Neben dem CIC hatten die Spionageabwehrspezialisten im CIA-Stab von James Critchfield bei der Organisation Gehlen ebenfalls schon 1951 begonnen, speziell die Gegenspionageoperationen unter die Lupe zu nehmen. Diese CIA-Operation lief unter dem Decknamen UJDROLLERY und kam in etwa zum selben Ergebnis wie die Leute beim CIC, wurde jedoch nicht so konkret und nannte keine Namen von Verdächtigen. Im Unterschied zum CIC lag der Argwohn der CIA weniger in den mutmaßlichen KPD-Aktivitäten, sondern in der hohen Dichte ehemaliger SS-Geheimdienstler in der Gegenspionage der Organisation Gehlen. Die Erkenntnisse der CIC-Operation Campus wurden jedoch nie mit denen der CIA-Operation UJDROLLERY zusammengeführt, wie sich der Pullacher CIA-Aufseher Critchfield später in seinen Memoiren bitter beklagte.James H. Critchfield, Partners at the Creation, S. 169–171.
Beide amerikanische Geheimdienste hatten aus unterschiedlichen Gründen hohe Risiken in den deutschen Gegenspionage-Operationen erkannt.
Die Informanten von Campus Es gab also genügend Gründe für die Amerikaner, sich intensiv mit der Spionageabwehr und Gegenspionage der Organisation Gehlen auseinanderzusetzen. Ein Problem war jedoch, dass auch die Informanten beim CIC zumeist aus den Kreisen der ehemaligen SS-Angehörigen kamen. Die CIC-Hauptagenten von CAMPUS waren Heinrich Schmitz, der beim CIC unter dem Code X-899 lief und Richard Schweizer als X-933.Klaus-Dietmar Henke, Geheime Dienste, Teil 1, S. 138. SS-Hauptsturmführer Schmitz hatte während des Krieges in Litauen als stellvertretender Leiter des Einsatzkommandos 3 gewirkt und war außerdem Chef der Gestapo in Kaunas (Kowno) gewesen.Gegen Schmitz ermittelte die Staatsanwaltschaft Frankfurt ab 1959. Vor Abschluss der Ermittlungen verstarb Schmitz 1963. Siehe dazu Jan-Erik Schulte, Michael Wildt: Die SS nach 1945, V&R, Göttingen, 2018, S. 137–141. ISBN 978-3-8471-0820-7 Er war somit an schwerwiegenden Kriegsverbrechen beteiligt. Das wusste man beim CIC damals aber nicht, oder man wollte es nicht wissen.
Der in Litauen geborene Deutschbalte Richard Schweizer hatte schon vor dem Krieg für die Stapo-Stelle in Tilsit unter Sturmbannführer Heinz Gräfe ein Agentennetz in Litauen aufgebaut, dem auch der Jesuitenpater Karl Fulst angehörte. Schweizer war dann beim Einmarsch in Litauen Angehöriger des Einsatzkommandos 3 (EK 3) der Einsatzgruppe A. Stellvertretender Leiter des EK 3 war Heinrich Schmitz.Christoph Dieckmann, Überlegungen zur deutschen Besatzungsherrschaft in Osteuropa 1941–1944: Das Beispiel Litauen, in Annaberger Annalen, Ausgabe 5, 1997, S. 45–46. Aus dem EK 3 entwickelte sich die Dienststelle von Sicherheitspolizei und SD in Kaunas. Hier war dann der SS-Untersturmführer Schweizer Angehöriger des Inlands-SD in Kaunas.Gerhard Sälter, NS-Kontinuitäten im BND, S. 240–242. Auch das war dem CIC nicht bekannt, vielleicht deshalb, weil im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess ausgerechnet das Einsatzkommando 3 nicht behandelt wurde. Bei Kriegsende gehörte Richard Schweizer dem Hauptkommando Mitte des Unternehmen Zeppelin des Auslandsgeheimdienstes der SS als Leiter eines Ausbildungslagers an. Schweizer war in den 50er Jahren in Wiesbaden beschäftigt und vermittelte baltische Flüchtlinge zwischen der Heimatauskunftstelle Baltikum und dem Lastenausgleichsamt.Gerhard Neubacher, Chronik einer litauendeutschen Familie, Annaberger Annalen Nr. 23/2015, S. 144.